Erster Besuch am Sandwich-Regal: Hält der neue Rewe to go sein Versprechen?

Wenn Sie in der Kölner Fußgängerzone bald Leute sehen, die ein dampfendes Hacksteak mit Zwiebelsoße vor sich hertragen und es dabei ein kleines bisschen eilig haben, wundern Sie sich nicht! Lesen Sie lieber diesen Text. Danach wissen Sie, wieso.

Am Dienstag jedenfalls hat Rewe in der Kölner Innenstadt seinen ersten so genannten “Convenience-Shop” eröffnet – einen Laden für alle, die es bei der Nahrungsaufnahme etwas eiliger haben. Das Supermarktblog erklärt, wie der neue Laden funktioniert und ob sich der Einkauf lohnt.

Die Idee
Der deutsche Lebensmittelhandel ist (anders als zum Beispiel ein Ponyhof) kein Ponyhof, weil die etablierten Handelsketten den Markt längst unter sich aufgeteilt haben und Discounter wie Aldi die Kunden dazu erzogen, dass sie auch für wenig Geld mit einem vollen Einkaufswagen aus dem Laden gehen können. Also müssen sich die Unternehmen neue Konzepte ausdenken, um den Umsatz zu steigern – zum Beispiel mit Minimärkten, in denen es vor allem Lebensmittel gibt, die aus der Verpackung unmittelbar in den Magen ihrer Käufer landen sollen.

Der Laden
Sieht auf den ersten Blick ein bisschen nach Tankstelle aus, außer dass es auf den 130 Quadratmetern natürlich weder Frostschutzmittel noch Motorenöl zu kaufen gibt, dafür aber belegte Brote, Salate, Obst, Süßigkeiten, Chips und Getränke.

Den meisten Platz belegen Kühlregalen, deren Angebot tatsächlich sehr an das britischer Ketten erinnert. Dazu gibt es eine Theke mit Brötchen und Kuchen wie in den Bäckerei-Discountern. Vor die Kassen ist eine weitere Theke mit Kaffeeautomaten zur Selbstbedienung gebaut, an denen man die zuvor gekauften Pappbecher selbst betankt befüllt.

Im Grunde genommen hat Rewe für sein Konzept also einfach unterschiedliche Elemente der Läden kombiniert, in denen sich die Deutschen auch jetzt schon zwischenverpflegen.

Der einzige Unterschied ist: Im Rewe to go können sich die Kunden ihre Mahlzeit gleich aufwärmen – in der ladeneigenen Microwelle, die etwa “Hacksteak in Zwiebelsauce”, “Schweinegulasch” und “Hähnchenbrust mit Jägersauce” der Rewe-Handelsmarke zubereitet (wenn man das so nennen kann). Machen Sie das mal! Und dann geht’s husch-husch zurück ins Büro, denn das Fertigmittagessen kann und soll aufgrund fehlender Sitz- bzw. Stehmöglichkeiten nicht im Laden selbst gegessen werden. Rewe-Sprecher Raimund Esser sagt, das Konzept sei “in seiner ganzen Konsequenz” auf “Food to go” ausgerichtet, weil die Läden in der Innenstadt so teuer zu mieten sind und deshalb wenig Platz für einen “Gastrobereich” ist: “Mit der Microwelle wollen wir beispielsweise die ‘arbeitende Mittagspausenkundschaft’ ansprechen, die in den umliegenden Unternehmen arbeitet und sich in der Mittagspause schnell das Mittagessen beim Rewe to go kauft, warm macht und dann im Büro verzehrt.”

Bestimmt freut es auch die Arbeitskollegen, wenn es im Aufzug prima nach Jägersoße riecht, sobald Sie darin an Ihren Platz zurück fahren. (Interessanterweise ist für dieses Prinzip noch kein fancy Fachausdruck erfunden worden, wie wär’s mit “heat ‘n run”?)

Die Eröffnung
Morgens um sieben sind die Türen des Rewe to go in der Schildergasse zwar schon offen, aber nur, damit der Fotograf die zwölf bis sechzehn Mitarbeiter vor den Laden stellen kann, um sie von allen Seiten abzulichten. Zwei Aushilfskräfte schlüpfen in die riesigen Coffee-to-Go-Becher-Kostüme, in denen sie den Rest des Tages verbringen werden, um Passanten zu bespaßen (Fotos bei Facebook). Die kommen aber erst später.

Am Mittag ist endlich richtig was los – obwohl sich die Szenerie von weitem gut als Ort in einem Stephen-King-Roman eignen würde: Coffee-to-Go-Becher aus denen grün behandschuhte Ärme ragen, springen die Straße auf und ab, zwei Clowns mit aufgemalten Sommersprossen (!) und zu weiten Hosen blasen Luftballons für Kinder auf (als einer platzt, muss der Coffee-to-Go-Becher den Feger holen). Im und um den Laden herum stehen zahlreiche Anzugträger aus der Konzernzentrale und bescheinigen sich gegenseitig, wie toll das neue Konzept ist. Zumindest wenn sie nicht gerade damit beschäftigt sind, vor den Ohren der Kundschaft die Mitarbeiter zurechtzuweisen. Als sich ein junger Mann, der als Kaffeeautomatenerklärer engagiert wurde, zu weit von seiner Position entfernt, ruft ihn ein schwarzer Anzug: “Herr F., Ihr Platz ist hier!”

Ein Smoothie-Hersteller macht währenddessen stolz Handyfotos von seinen Smoothies im Kühlregal. Jedem sein Sensatiönchen.

Das Angebot
Rewe wirbt mit “vielen frischen, gesunden und leckeren Produkten”, aber die stehen natürlich in unmittelbarer Nähe zu den weniger frischen, ziemlich ungesunden und leckeren Produkten, die praktischerweise direkt in der Ladenmitte platziert sind: einer ganzen Batterie Schokolade, Chipsdosen und süßem Gebäck.

Die Auswahl an frisch zubereiteten Snacks ist für deutsche Verhältnisse allerdings erfreulich groß. Ganze vier Regalmeter sind für dreieckig verpackte Sandwiches mit unterschiedlichen Belägen, Baguettes und Wraps sowie diverse Obstkombinationen reserviert. Anders als bei Tesco und Sainsbury’s in Großbritannien hat sich Rewe aber dagegen entschieden, das eigene Logo darauf zu drucken, sondern bezieht die Ware von Zulieferern. (Die Sandwiches kommen zum Beispiel von Fresh Company.) “Momentan haben wir noch nicht die kritische Größe, um mit einem eigenen Rewe to go-Label in den Markt zu gehen. Das macht jetzt noch keinen Sinn. Aber für die Zukunft wäre das nicht ausgeschlossen”, sagt Esser.

Dabei wäre das naheliegend: Ein eigenes Logo hat das Unternehmen für seinen Markt ja auch designen lassen – ganz konzernuntypisch in Grün-weiß (was offensichtlich Frische signalisieren soll), nur mit kleinem rot-weißen Rewe-Hinweis und einem Smiley unterm Go, das als Emoticon gesehen werden kann.

Ziel sei es, das Sortiment des Ladens einmal am Tag auszuverkaufen, heißt es bei Rewe. Obst und Gemüse sowie Sandwiches sollen jeden Tag frisch angeliefert werden. Was nicht verkauft wird, bleibt bis einen Tag vor Ablauf des Mindesthaltbarkeitsdatums im Regal liegen.

Das Fazit
Mit seinem neuen Konzept wolle Rewe den “Wettbewerb mit McDonald’s, Starbucks & Co” aufnehmen, heißt es in der Pressemitteilung zur Eröffnung, und dass die zentrale Lage “nicht zwangsläufig mit überteuerten Preisen einhergehen” müsse. Cappucchino und Latte macchiato aus der Maschine kosten etwa 1 Euro.

Aber das ist ziemlich eindeutig ein Lockangebot. Denn vor allem für die frischen Snacks verlangt Rewe happige Preise: Sandwiches kosten gerade noch übersichtliche 2,90 Euro, Wraps und Salate im Durchschnitt 3,50 Euro. Beim Obst wird’s kurios: Äpfel und Bananen kosten je 80 Cent pro Stück (und sind als einziges nicht separat in Plastik verpackt), die zehn Trauben für 1,60 Euro wurden anders als der Preis suggeriert keineswegs mit Blattgold überzogen, und wer regelmäßig das Geld zurücklegt, das eine große Box mit geschnittener Ananas kosten würde (4,40 Euro), der könnte bald seine eigene Plantage eröffnen.

(Wie praktisch, dass direkt vor dem neuen Rewe to go “Tante Ännis Wagen” steht, wo eine Frau, die aussieht als könne sie Tante Änni heißen, ebenfalls Obst verkauft, die Eröffnung etwas misstrauisch begutachtet und dann das Schild zurechtrückt, auf dem der große Becher mit Obstsalat für 2,50 Euro angeboten wird.)

Kurz gesagt: Die Auswahl im Rewe to go reicht von frisch und lecker bis kurios und pappig (bitte wenden Sie Ihren Blick von den traurigen Kartoffelpuffern im Apfelmusschlammbad ab), ist zwar eine Alternative zur Fastfood-Konkurrenz, aber natürlich lässt sich Rewe die teure Miete in der Innenstadt auch über höhere Preise bezahlen.

Bleibt nur noch eine Frage offen: Haben eigentlich die Mitarbeiter in den Coffee-to-Go-Kostümen den heißen Tag in der Fußgängerzone überlebt? Wenn ja: bitte in den Kommentaren melden!

Fotos: Supermarktblog

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