Archive for Juni, 2011

Lidl backt jetzt selbst: Besuchstag im Brötchenknast

So sieht sie also aus, die erste Backwarenvollzugsanstalt Deutschlands: Auf drei Stockwerken quetschen sich Brezeln, Kürbiskernbrötchen, Rosinenzöpfe und Krustenbrote in vergitterten Zellen nebeneinander – bis ein Kunde sie begnadigt, mit einem langen Eisenstab aus ihrer Gefangenschaft drischt und in die vorbereiteten Tüten packt. Was die Teiglinge in ihrem kurzen Tiefkühlleben verbrochen haben bevor sie aufgebacken wurden, entzieht sich der Kenntnis des Betrachters. Aber jetzt sie sind hier gelandet: im Lidl-Brötchenknast.

Zumindest ist das die erste Assoziation, die mir in den Sinn kam, als ich das erste Mal vor der neuen Backtheke stand, die Lidl gerade in einer seiner Berliner Filialen eingeweiht hat.


SB-Theke in einem Berliner Lidl – samt Brotschneidemaschine und “Restebox” für heruntergefallene Ware

Die Kunden stehen noch etwas ratlos vor der monströsen Selbstbedienstation. Manche haben Mühe, an die gewünschten Backwaren heranzukommen: Brote und Zöpfe lassen sich zwar einfach so entnehmen, aber man muss wissen, wo die Plexiglasklappe der jeweiligen Box aufgeht (am Griff, natürlich!). Für Brötchen braucht man schon etwas mehr Geschick, weil die aus dem hinteren Teil der Box tatsächlich erst mit besagtem Stab nach vorne gerüttelt werden müssen, wo sie durch ein separates Auffanggitter fallen. Und zwar, damit nicht jeder Kunde erstmal alle Brötchen anfasst, bevor er sich für das schönste entscheidet. Wer auf der Kirmes schon immer gut darin war, Plüschtiere aus Greifarm-Maschinen zu ziehen, der ist an der Lidl-Backtheke automatisch Vollprofi.

Alle anderen üben besser noch ein bisschen. Vor allem, wenn sie es auf die seniorenfeindlichen Brötchen aus der unteren Reihe abgesehen haben, für die man in die Hocke gehen muss, um überhaupt dranzukommen.

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Rewe meint: “Erstmal zu Penny” – und verrät nicht, warum

Ein Pärchen sitzt knutschend im Auto. Draußen ist’s dunkel und es regnet als sei im Himmel gerade die Wasserleitung geplatzt. Sie fragt: “Zu mir oder zu dir?” Er dreht sich weg, lässt den Wagen an und sagt: “Erstmal zu Penny.”

Häh?

Es muss schlimmer um den Rewe-Discounter stehen als an dieser Stelle in der vorigen Woche angenommen. Zumindest suggeriert das die gerade gestartete Werbekampagne, mit der der Penny für seine Aktion “Frühshopping” wirbt, bei der es diese Woche bis 10 Uhr auf den gesamten Einkauf 10 Prozent gibt (außer Bücher, Zeitschriften, Zeitungen, Tabak, Geschenkkarten, Pfand und iTunes-Karten – nein, da kommt kein Tiernahrungs-Gag mehr). Und mit der Penny offensichtlich beweisen will, dass Discounter auch Humor haben. Einen sehr speziellen.

In einem zweiten TV-Spot (bei penny.de ansehen) überrascht ein spießig angezogener Ehemann seine Frau an der Haustür mit dem Satz: “Hallo Schatz, ich hab die neuen Nachbarn zum Essen mitgebracht.” Draußen steht eine 15-köpfige Großfamilie, die Gattin verlässt wortlos das Heim, und der Mann fragt: “Wo gehst du denn hin?” – “Erstmal zu Penny.”

Jetzt mal Hand auf’s Herz: Wie wichtig ist es Ihnen, dass der Laden, in dem sie Ihre Lebensmittel einkaufen, besonders witzig ist? Überhaupt nicht? Eben.

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Knietief in der Konzeptkrise: Penny tapeziert die Sackgasse neu

Vor dem täglichen Einkauf gibt es viele wichtige Fragen, die sich der mündige Verbraucher stellen sollte, und diese gehört definitiv dazu:

“Wenn Sie einen sehr guten Discounter wie Aldi oder Lidl in der Nähe haben, warum sollten Sie sich einen anderen Discounter suchen, der weniger Profil hat, die gleichen Preise, die gleichen Produkte und vielleicht weniger vertrauenswürdig ist?”

Gesagt hat das Alain Caparros, der – und hier kommt die Überraschung – Chef bei Deutschlands zweitgrößtem Lebensmittelhändler Rewe ist, zu dem auch der Discounter Penny gehört. Genau über den urteilte Caparros in einem Interview mit der “Lebensmittelzeitung” so schonungslos ehrlich, wie man es sonst aus Unternehmen eigentlich nicht gewohnt ist. Kurz zuvor war der damalige Penny-Chef Armin Rehberg gefeuert worden, weil er es nicht geschafft hatte, sich gegen die Konkurrenz durchzusetzen. Sichtlich angesäuert lästerte Caparros über den ausbleibenden Erfolg:

“Es ist keine Strategie, immer nachzumachen, was die anderen machen.”

Und genau aus diesem Grund macht Penny jetzt das nach, was alle anderen machen – nicht die Discounter zwar, aber deren größte Konkurrenten: die klassischen Supermärkte.

Und das geht so: In Düsseldorf wurden im vergangenen Jahr zwei Penny-Märkte umgebaut und aufgehübscht, um zu testen, ob das Geschäft besser läuft, wenn man keine hässlichen Fototapeten und Fliesen mehr an die Wände klebt, sondern alles schön bunt streicht, Schaumstoffbuchstaben über den Regalen anbringt, die Produkte im Kühlregal mit Fähnchen kennzeichnet und das Obst und Gemüse hübscher anrichtet, ähnlich wie es in den italienischen Filialen des Discounters aussieht. So nämlich:

Eine ganz ähnliche Strategie hat in den vergangenen Jahren den Supermärkten in Deutschland geholfen, sich gegenüber Aldi, Lidl und deren Billig-Mitbewerbern wieder Luft zu verschaffen, sodass die Umsätze der Discounter seit einiger Zeit stagnieren – trotz Wirtschaftskrise.

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5 neue Supermarkt-Mythen: Stimmt’s, dass sich Supermarkt und Discounter nicht vertragen?

Warum Obst und Gemüse immer am Anfang im Einkaufswagen landet, wieso es häufig gegen den Uhrzeigersinn im Markt entlang geht und was eine “Bückzone” ist, wissen wir schon. Aber damit sind längst noch nicht alle Supermarkt-Mythen aufgeklärt. Höchste Zeit, noch einmal bei Claudia Horbert, Expertin für Ladenplanung beim Handelsinstitut EHI, nachzufragen, was hinter den viel verbreiteten Annahmen steckt.

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Mythos 6: Supermärkte werden immer größer, damit die Kunden mehr einkaufen.
Das sagt die Expertin: “Richtig ist, dass der Durchschnittsmarkt größer geworden ist und auch noch weiter wächst – das heißt aber nicht, dass das, was an Fläche hinzukommt, zwangsläufig mit Ware zugestellt wird. Das war in früheren Jahren so, weil man jeden Zentimeter nutzen wollte. Heute soll sich der Kunde frei bewegen können, auf keinen Fall bedrängt fühlen und Zeit für seinen Einkauf nehmen.”

Mythos 7: Im Discounter gibt es keine Einkaufskörbe, damit sich die Kunden einen Wagen nehmen.
Das sagt die Expertin: “Große Einkaufskörbe verführen den Kunden, eher mehr einzukaufen – und der Discounter funktioniert ja vor allem über die Menge, die er an Waren verkauft. Man versucht daher, den Kunden dazu zu veranlassen, auch schon Artikel zu kaufen, die er in diesem Moment vielleicht gar nicht braucht.”

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“For You. Vorbei”? Wie sich Schlecker in seinem Neuanfang verheddert

Die Revolution bei Schlecker ist bonbonfarben, läuft seit Mitte Mai und verspricht der Kundschaft, dass jetzt alles besser wird. Der neue Schlecker ist fair zu seinen Mitarbeitern, kommuniziert offen mit der Presse und baut die engen Filialen modern und großzügig um. Damit vielleicht auch mal die Leute wiederkommen, die sich daran gewöhnt haben, bei der Konkurrenz einkaufen zu können, ohne in den Gängen einen meterlangen Rückstau zu produzieren, wenn sie im Regal nach einem neuen Shampoo suchen.

Als Zeichen für den Neuanfang hat sich das Drogerieunternehmen ein aufgepepptes Logo zugelegt, einen denglischen Werbespruch texten lassen und beides auf tausende von Aufklebern gedruckt, die in den Schaufenstern der Filialen angebracht wurden.

“Schlecker. For You. Vor Ort” steht darauf. (Und nicht nur bei Twitter hat der Spott darüber nicht lange auf sich warten lassen.)

Im Schlecker um die Ecke von meinem Büro ist außerdem ein Plakat ins Fenster geklebt worden, auf dem unter dem neuen Logo zu lesen war: “Auf Wiedersehen!”. Zwei Wochen später hatte die Filiale geschlossen.

Das ist also der Neuanfang, den Schlecker gerade wagt? Erst Besserung versprechen und dann zumachen?

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