Archive for Juli, 2011

Iss erstmal was! Wie britische Bio-Märkte wieder Lust aufs Einkaufen machen

Das Nervige am Einkaufen ist ja die fürchterliche Zweckgebundenheit. Anders formuliert: Es macht einfach keinen Spaß, seinen Einkaufswagen durch lange hässliche Regalreihen zu schieben, um dort das herauszusuchen, was zuhause im Kühlschrank fehlt. Am Ende muss auch noch dafür bezahlt werden und in langen Schlangen darauf gewartet, dass es soweit ist. Anschließend wird man augenblicklich aus dem Laden bugsiert.

Der Kunde hat seine Schuldigkeit getan, der Kunde kann gehen.

Das ist in Großbritannien auch nicht anders – aller Innovationslust zum Trotz. Wer in London durch einen durchschnittlich überdimensionierten Tesco oder Sainsbury’s läuft, staunt zwar über die Vielfalt der Produkte, ein besonders ästhetisches Erlebnis ist so ein Einkauf allerdings nicht.

Braucht ja auch kein Mensch, sagen Sie jetzt. Jedenfalls bis Sie zum ersten Mal in einem Laden gestanden haben, bei dem es selbstverständlich ist, sich auch – wohlzufühlen. Mir ist das neulich im Whole Foods Market in Kensington so gegangen, weil dort alles genau andersherum funktioniert wie im normalen Supermarkt. Statt möglichst schnell wieder rausgeschmissen zu werden, suggeriert einem alles: Bleib doch noch ein bisschen – und nimm dir Zeit!

Das beginnt bei der hellen, freundlichen Ladengestaltung: Regalreihen und Wände sind unaufdringlich erdfarben, selbst im Kellergeschoss gibt es absolutes Neonlichtverbot, trotzdem leuchtet der komplette Laden taghell und ermöglicht sofort einen Überblick, weil die Regale nicht bis unter die Decke hochgezogen sind. Die integrierte Bäckerei ist das Gegenteil des Brötchenknasts der großen Ketten: alles ist luftig-offen, unter den frisch gebackenen Broten stapeln sich die Mehlsäcke.

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Proteste gegen Tesco: Vom Lebensmittelhändler zum Feindbild

Der Abend des 21. April 2011 war kein besonders schöner, jedenfalls nicht im Künstler- und Szeneviertel Stokes Croft der britischen Stadt Bristol, und das lag vor allem daran, dass sich zu später Stunde mitten auf der Straße 160 Polizisten in Kampfmontur und ungefähr 300 ziemlich aufgebrachte Demonstranten gegenüberstanden. Als es mit dem Gegenüberstehen vorbei war, brannten Barrikaden aus Mülltonnen, Steine flogen, Polizisten knüppelten, und am Ende kam ein Haufen Leute entweder ins Krankenhaus oder in eine Zelle.

Grund für den Straßenkampf war nicht die Sparpolitik der Regierung, auch nicht der Protest gegen eine Kriegsbeteiligung der Briten – sondern die Eröffnung einer neuen Supermarktfiliale des britischen Konzerns Tesco auf ebendieser Straße.

Der Laden wurde in dieser Nacht so schwer beschädigt, dass er zunächst wieder schließen musste (Video bei Youtube).

Dabei verliefen die Proteste vorher – weitgehend – friedlich: Nach der Eröffnung versuchten Gegner, im Laden mit Spielgeld zu bezahlen (was ganz lustig ist), andere entschieden sich dafür, ihrem Unmut durch öffentliches Urinieren an die Fensterfront des Ladens Ausdruck zu verleihen (was ein bisschen dämlich ist). Zur Eskalation kam es erst, als die Polizei ein besetztes Haus auf der gegenüberliegenden Straßenseite räumte, weil der Verdacht bestand, dass dort eine Benzinbombe gebastelt wurde, die Tesco treffen sollte. (Ein ausführlicher Bericht dazu steht im “Independent”.)

Im Nachhinein stehen irgendwie alle dumm da: die Demonstranten, die behaupteten, die gewaltbereiten Spinner seien alle von außerhalb gekommen; und auch die Polizei, der vorgeworfen wird, durch ihre massive Präsenz überhaupt erst so viele Leute auf die Straße gelockt zu haben.

Nur einer ist ganz unschuldig aus der Nummer rausgekommen: Tesco. Das ist ein bisschen gruselig.

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Obst und Gemüse im Supermarkt: Kommt gar nicht aus der Tüte!

Haben Sie schon gesehen, was sich deutsche Supermärkte in Großbritannien abschauen können? Prima. Dann lesen Sie doch gleich mal weiter, was besser nicht.

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Hätte der Mensch das Messer nicht erfunden, er wäre ganz bestimmt verhungert. Auf Dauer hätte es sich höchstwahrscheinlich als unpraktikabel erwiesen, das erlegte Mammut immer am Stück zu verspeisen. Ganz zu schweigen davon, dass es in Originalgröße eher schlecht auf den Grill passt.

Messer waren einfach überlebensnotwendig. Jahrmillionen hat sich daran nichts geändert. (Außer natürlich für die Mammuts.) Das ging so lange gut, bis die Menschen anfingen, Supermärkte zu bauen und Manager einzustellen, die überall so genannte Optimierungspotenziale erkennen müssen, damit sie ihren Job behalten dürfen. Auf so eine piefige Werkzeugevolution kann da natürlich keiner mehr Rücksicht nehmen.

Kurz gesagt: Großbritannien könnte heute ein messerfreies Land sein – wenn die Klingen nicht weiter gebraucht würden, um die Plastiktüten aufzuschneiden, in denen die Briten ihr Obst und Gemüse mundgerecht vorportioniert geliefert bekommen. Nicht ganz unschuldig an dieser Entwicklung ist der Laden, der an dieser Stelle gerade erst für seine fantastische Auswahl an frischem Sofortessen gelobt wurde: Marks & Spencer Simply Food. Denn der Erfolg des Sofortessens scheint auf den kompletten Lebensmittelverkauf abgefärbt zu haben.

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Kalt, ganz kalt: Was sich deutsche Supermärkte in Großbritannien abschauen können

Manchmal braucht es keine technischen Wunder, keine Zeitsprünge, nicht mal eine Glaskugel, um in die Zukunft zu blicken. Wer wissen will, wie wir morgen Lebensmittel einkaufen, muss nur nach Großbritannien fahren, wo sich deutsche Supermärkte gerne neue Trends abgucken. Das Supermarktblog hat sich in London in ganz verschiedenen Märkten umgesehen und berichtet in mehreren Teilen.

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Gehen Sie da nicht rein!

Also: Gehen Sie da nicht mit kurzen Hosen oder Ärmeln rein! Die unbedingt notwendige Bekleidung für den ersten Besch eines M&S Simply Food ist: Polarmütze, doppelt gefütterter Mantel mit aufgestelltem Kragen, drei Paar übereinandergezogene Socken, lange Unterhose und dicksohlige Stiefel.

Wer entsprechende Vorbereitungen verweigert, setzt sich unweigerlich dem Gefrierschock aus. Denn der Lebensmittel-Ableger der britischen Kaufhauskette Marks & Spencer besteht quasi ausschließlich aus mannshohen Kühltheken, in denen alles aufbewahrt wird, was sich bei drei nicht als Rotwein verkleidet hat. Das gilt auch für Waren, von denen deutsche Verbraucher wüssten, dass sie nicht sofort wegschimmeln, wenn man sie nicht in den Kühlschlaf versetzt. (Äpfel zum Beispiel.) Wahrscheinlich ließe sich mit der Energie, die für den Betrieb der Kälteanlagen benötigt wird, sonst eine komplette englische Kleinstadt versorgen. Und wenn die Pole tatsächlich eines Tages schmelzen sollten: in einer M&S-Simply-Food-Filiale fände die flüchtende Tierwelt ein ideales neues Lebensumfeld.

Aber all das stört beim Einkaufen in den über 350 britischen Filialen niemanden. Denn schon allein die Aufbewahrung fast des kompletten Sortiments in Kühlanlagen suggeriert den Kunden vor allem: Hier ist alles frisch!

Das ist sehr, sehr schlau.

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Netto vs. Netto: Wer ist der Ramschigste im ganzen Land?

Seit dem Eroberungsfeldzug der Sudokus sind traditionelle Fehlersuchspiele zunehmend aus ihrem natürlichen Lebensraum, dem Rätselheft, verdrängt worden. Um einen Teil zur Rettung dieser selten gewordenen Spezies beizutragen, veröffentlicht das Supermarktblog folgendes Suchbild.

Finden Sie die Fehler?

Okay, okay, das war gemogelt: Es gibt gar keine Fehler. Ein Rätsel ist es trotzdem: Warum leistet sich ein und derselbe Discounter zwei unterschiedliche (aber ähnlich hässliche) Logos?

Die Antwort: Macht er gar nicht.

Es handelt sich nämlich um zwei voneinander unabhängige Nettos, die zu unterschiedlichen Firmen gehören. Der linke, der sich offiziell “Netto Marken-Discount” nennt, ist Teil des größten deutschen Lebensmittelhändlers Edeka; der rechte gehört zum dänischen Konzern Dansk Supermarked Group, der vom mecklenburgischen Stavenhagen aus auch Filialen in Deutschland betreibt. Einfach zu unterscheiden ist das trotzdem nicht. Aus diesem Grund sei an dieser Stelle eine Differenzierung anhand des Maskottchens empfohlen: Der Edeka-Discounter hat keins (mehr), der dänische Netto trägt einen sehr aktiven schwarzen Schnauzer im Logo (was läge näher?). Im Folgenden unterscheiden wir also: “Netto (mit Hund)” und “Netto (ohne Hund)”.

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