Archive for September, 2011

Kompott statt Kompost: So lassen sich Lebensmittel vor der Tonne retten

Um sein neues Projekt zu finanzieren, lud der britische Koch Arthur Potts Dawson im vergangenen Jahr Freunde und Unterstützer in London zu einem Fundraising-Dinner ein, für das jeder Gast 150 Pfund zahlen sollte. Zusammengenommen reichte das prima als Startkapital. Am Abend waren die Tische hübsch gedeckt, die Leute ebenso hungrig wie gut gelaunt – bis Dawson ankündigte, es gebe noch ein winziges Detail, das er ihnen beichten müsse. Sämtliche Zutaten für das Menü habe er den Tag über aus den Mülltonnen der großen Supermärkte gefischt. Keine verdorbene Ware, sondern ausschließlich frische Sachen.

Ein paar Gäste haben ziemlich verdutzt geguckt. Aber keiner ist aufgestanden und wollte sein Geld zurückhaben, wie es Dawson angeboten hatte. Den meisten hat es geschmeckt.

Dabei ging es dem Koch gar nicht darum, Geld beim Einkaufen zu sparen (das war eher ein Nebeneffekt). Sondern darum, zu zeigen, dass irgendwas mit unseren Supermärkten nicht stimmen kann, wenn so viel Essbares in der Tonne landet, um daraus noch ein Fünf-Gänge-Menü für 60 Leute zubereiten zu können. Nach dem erfolgreichen Dinner hatte Dawson sein Startkapital tatsächlich zusammen und eröffnete “The People’s Supermarket” in London, einen Laden, der von seinen eigenen Kunden verwaltet und organisiert wird, um unabhängig von den großen Ketten zu sein. Im angeschlossenen Bistro wird auch Gemüse, das sonst liegen geblieben wäre, verwertet. (Wenn Sie mehr wissen wollen: hier entlang.)

Weiterlesen

Ein Missverständnis namens Mindesthaltbarkeitsdatum

Nach den fantastischen Erklärerfolgen der Unterschiede zwischen “Hier” und “Da” sowie dem Klassiker “Langsam” und “Schnell” wird es allerhöchste Zeit für eine Sesamstraßen-Kampagne, die den heranwachsenden Supermarktkunden von morgen erklärt, was eigentlich “mindestens” von “höchstens” unterscheidet. Damit die das anschließend gleich ihren Eltern erklären können. Denn die wissen’s ja meistens auch nicht.

Die Konsequenzen dieser Unkenntnis wiegen allein in Deutschland ungefähr 20 Millionen Tonnen pro Jahr und landen in großen Eimern oder Containern, um entsorgt zu werden.

Es geht, Sie ahnen es, um Lebensmittel. Über deren ungeheure Verschwendung hat der Filmautor Valentin Thurn eine äußerst sehenswerte Dokumentation gedreht, die gerade in den Kinos läuft (und in einer kürzeren Ursprungsversion bereits im vergangenen Jahr während der Themenwoche “Essen ist leben” im Ersten gezeigt wurde).

Die Bilder, die Thurn in “Taste the Waste” zeigt, sind ein Schock: haufenweise Gemüse, Brot, Fisch und tadellos verpackte andere Lebensmittel, die keiner mehr haben will. Und die Gründe dafür sind vielfältig. Manches entspricht von Anfang an nicht den Normen, die sich der Handel ausgedacht hat. Gurken werden sofort nach der Produktion entsorgt, weil sie zu krumm sind, um ordentlich in die Transportkisten zu passen. Tomaten müssen ein spezielles Rot haben, sonst werden sie erst gar nicht verladen. Weil viele Kunden im Markt absolute Makellosigkeit erwarten. (Im NDR lief neulich dazu ein ebenfalls sehenswerter Beitrag über Standards bei Äpfeln.)

Andere Lebensmittel werden erst noch tausende Kilometer weit transportiert, bevor sie weggeworfen werden. Weil wir sie nicht rechtzeitig gekauft haben.

Weiterlesen

Vorhang auf im Snack-Theater! Kamps probiert sich als Showbäcker

Vielleicht muss man schon froh sein, dass die Schauspieler in den karierten Bäckerhosen mit den weißen Schürzen und Mützen in ihrer glaswandeingefassten Performance-Ecke bei der Teigbestäubung nicht auch noch zu singen anfangen. Weit vom Musical ist das jedenfalls nicht mehr entfernt, was der Ketten-Bäcker Kamps derzeit mit seinen Filialen anstellt. Jedenfalls mit denen, die noch übrig sind.

Neun Jahre ist es her, dass der italienische Nudelkonzern Barilla sich den deutschen Franchise-Bäcker Kamps einverleibte, leicht daran verschluckte – und beschloss, sich wieder zu verkrümeln. (Bitte applaudieren Sie den tollen Back-Analogien!) Im August des vergangenen Jahres übernahm der Frankfurter Finanzinvestor ECM Equity Capital Management gemeinsam mit dem Kamps-Management die rund 900 Filialen. Und fing an, sie päckchenweise zu verkaufen.

Erst im Süden und Norden, wo rund 230 Filialen samt Produktionswerken an die regionalen Mitbewerber “Bäckerei Lang” (Stuttgart) und “Nur hier” (Hamburg) abgegeben wurden. Im März folgten noch einmal 85 Filialen in Berlin, die jetzt zu “Der Havelbäcker” gehören.

Und schon sind wir bei der zweiten Mutation unserer kleinen Evolution deutscher Bäcker-Ketten.

2. Der Showbäcker

Weiterlesen

Tüten vor Gericht – Kommt das Plastikverbot an der Supermarktkasse?

Guten Morgen, wir verhandeln gerade die Rechtssache EU-Kommission gegen Plastiktüte. Setzen Sie sich bitte leise hin und stören nicht.

Die Klage:

Meiner Mandantin, der Plastiktüte, wird vorgeworfen, in nicht mehr hinzunehmendem Maße die Umwelt zu verunreinigen und durch eine unkontrollierte Verbreitung unter anderem für den Tod unzähliger Meeressäuger verantwortlich zu sein. Die Klägerin führt folgende Punkte an:

Jeder EU-Durchschnittsbürger benutze im Jahr 500 Exemplare meiner Mandantin, und zwar meistens nur einmal. 2008 seien von ihr deshalb europaweit 3,4 Millionen Tonnen produziert worden.

Als Problem wird vor allem gesehen, dass meine Mandantin sich oft nicht korrekt entsorgen lasse, sich stattdessen selbstständig mache und in der Landschaft herumhänge, obwohl es hunderte von Jahren dauern könne bis sie dort verrottet sei.

Dazu wird angeführt, meine Mandantin treibe sich zu häufig im Mittelmeer herum, und zwar in Gestalt von 250 Milliarden Plastikpartikeln, rund 500 Tonnen, die Tiere zugrunde gehen ließen, wenn sie sie verschluckten.

Meine Mandantin räumt ein, dass es zu einem gewissen Fehlverhalten gekommen ist, sie gibt jedoch zu bedenken, dass sie sich ihren Umgang oft nicht aussuchen kann.

Weiterlesen

Evolution der Ketten-Bäcker: Riecht nicht nach Fritten, sieht aber so aus

Die Evolution hiesiger Bäckereien ist eine Geschichte voller Missverständnisse. Das erste war das der kleinen Familienbetriebe, die dachten, die Leute würden bloß leckeres Brot essen wollen. Die Franchise-Bäcker bewiesen später, dass die Leute am liebsten überall dasselbe Brot essen wollen – und vererbten dieses Merkmal in der nächsten Generation an die Discountbäcker, die sich mit ihren Niedrigpreisen rasend schnell ausgebreitet haben.

Seit einige Zeit gibt es aber ein großes Problem, vor allem für Franchise- und Discountbäcker: die Backtheken, die in Supermärkten und Discountern aufgestellt werden.

Weil die Leute keinen Grund mehr haben, für aufgebackene Teiglinge extra zum Bäcker zu gehen, wenn sie ganz ähnliche aufgebackene Teiglinge auch gleich beim Einkaufen mitnehmen können. Das führt wiederum dazu, dass sich die Ketten auf die neue Situation einstellen und – mutieren. Das Supermarktblog stellt zwei der neuen Typen vor, die sich derzeit in den Städten breit machen.

1. Der Fast-Food-Bäcker

Was ist rot, riecht nicht nach Fritten, sieht aber so aus? Das neue Back-Factory-Café am Berliner Checkpoint Charlie! Das hat praktischerweise genau neben einer McDonald’s-Filiale eröffnet und funktioniert auch so ähnlich: als Schnellrestaurant.

Weiterlesen