Billig reicht nicht mehr: Wie Aldi sein Discount-Konzept aufweicht

Es ist Herbst, die Schnupfen schlagen aus. Und Aldi Nord, das sonst für seine Immunität gegen jegliche Einflüsse von außen bekannt ist, hat sich auch was eingefangen. Erkennen Sie die Krankheit an den Symptomen?

  • hektische Markenartikelaufnahme
  • groß angelegte Filialaufhübschung
  • Sortimentsanreicherung mit Bio- und “Premium”-Produkten

Bei solch eindeutigen Anzeichen fällt die Diagnose natürlich nicht schwer: Aldi Nord leidet unter akutem Konkurrenzdruck.

Dabei beteuert das Unternehmen, bei bester Gesundheit zu sein. Es wächst nur nicht mehr so schnell wie früher und muss zusehen, wie die Konkurrenten, anstatt sämtliche Aldi-Taktiken zu kopieren, plötzlich nicht nur eigene Ideen entwickeln, sondern damit auch noch erfolgreich sind.

Für den Nummer-1-Discounter ist das eine völlig neue Erfahrung.

Dementsprechend drastisch fällt die Reaktion aus: Aldi Nord will alle seine Filialen renovieren und moderner gestalten. Die “Lebensmittelzeitung” schreibt vom “größten Investitionsvorhaben in der Firmengeschichte” mit jährlichen Kosten von rund 280 Millionen Euro. Dazu hat Aldi Nord eine Reihe von Bio-Artikeln ins Sortiment aufgenommen, die bei Aldi Süd schon länger zu den Standards gehören, obwohl die Sojaschnitzel im Kühlregal immer noch wie ein Fremdkörper wirken.

Außerdem gibt’s in den Filialen jetzt “Premium”-Produkte, so wie Lidl und Penny es vorgemacht haben. (Wenn auch wenig konsequent.)

Die gravierendste Neuerung betrifft jedoch die Produktauswahl. Schon seit Wochen ist die Branche ganz aus dem Häuschen: Aldi verkauft ab sofort Coca-Cola! Und nicht nur das: Seit einer Weile steht Nutella in den Regalen der Nord-Märkte; dazu gekommen sind einige andere Ferrero-Produkte, von Milchschnitte bis Kinder Pingui. Berichten zufolge gibt es bald auch Nivea zu kaufen.

Vielleicht könnte jemand von Ihnen mal kurz nachsehen, ob zwischenzeitlich die Hölle zugefroren ist. Vor ein paar Jahren hätten Supermarkt-Experten nämlich behauptet, dass genau das der Fall sein müsste, bevor Aldi sich auf solch gravierende Änderungen an seinem Verkaufsmodell einlässt. Zumindest Aldi Nord galt bisher nämlich als klassischer “Harddiscounter”, der fast völlig auf Markenprodukte verzichtet und auf überschaubarem Raum lediglich ein stark eingeschränktes Warenangebot verkauft.

Dieses Konzept ist offensichtlich überholt.

Unter dem Namen “Freihofer Gourmet” liegen inzwischen “feinste Delikatessen für besondere Anlässe” im Regal: Trüffel-Butter, Karamell-Meersalz-Nachtisch im Glastöpfchen, tiefgefrorener Tiefsee-Callops und “Hirsch-Medaillons vom neuseeländischen Farmwild” für 6,99 Euro. Mit der ursprünglichen Aldi-Idee hat das nicht mehr viel zu tun.

Die Panik – vor allem in der Essener Firmenzentrale von Aldi Nord – muss riesig sein. Seit dem Start des Discount-Konzepts Anfang der 60er Jahre widersetzte sich der Konzern stur jeglicher Abweichung. Die Albrecht-Brüder gewöhnten sich im Laufe der Zeit daran, dass sich der Markt ihren Strategien anpasst und nicht umgekehrt. Das funktioniert nicht mehr. Nun muss Aldi auf Entwicklungen reagieren, die andere angestoßen haben. Auf der einen Seite konnten Supermärkte wie Edeka und Rewe viele Kunden davon überzeugen, dass es sich lohnt, etwas mehr Geld auszugeben, wenn Sortiment, Atmosphäre und Ansprache stimmen. Auf der anderen Seite sorgt Lidl mit Aktionen wie dem “Super-Samstag” dafür, sich als Discounter-Alternative zu etablieren, die genauso günstig ist wie Aldi – aber noch mehr bietet. Markenprodukte sind bei Lidl schon seit langem eine Selbstverständlichkeit.

Im Ausland ist Aldi – notgedrungenermaßen – dazu übergegangen, sein Konzept den regionalen Gegebenheiten anzupassen, um zu wachsen. In britischen Filialen wurden auf Kundenwunsch Einkaufskörbe eingeführt, Eigenmarken werden künftig mit einer Ampelkennzeichnung versehen, es gibt Fernsehwerbung und vor kurzem ist der Discounter sogar Sponsor einer Daily Soap geworden.

In Deutschland hat der Anpassungsprozess gerade erst begonnen. Mit einem Jahresumsatz von 13,7 (Süd) und 11 (Nord) Milliarden Euro lag Aldi im vergangenen Jahr immer noch deutlich vor Lidl mit 15,8 Milliarden (Quelle: LZ). Aber vor allem den Nord-Filialen gehen die jungen Kunden verloren. Um das zu ändern, gibt’s nun mehr Marken, neue Produkte und hübschere Läden.

Bis die Änderungen überall angekommen sind, wird es wahrscheinlich eine Weile dauern. Das kann aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass Aldi gerade beschlossen hat, den Harddiscount in Deutschland ein für allemal aufzuweichen.

Fotos: Supermarktblog

16 Kommentare zu Billig reicht nicht mehr: Wie Aldi sein Discount-Konzept aufweicht

  1. Fabian sagt:

    Wobei Wasser,Bier und Schnaps gewohnt “anti-premium” bleiben. Ansonsten schöne Analyse , des “Aldi-Konzeptes im Wandel” und Einordnung in den aktuellen Erfolg der Konkurenz.
    Trotz Wiki-Verweis ist der Begriff “Harddiscounter” bei mir allerdings mit dem Bild von Restposten-Läden verbunden. Dass Aldi Nord sowohl von diesem, als auch vom allgemeinen Discounter-Bild, in Zeiten des Bio-Öko-Booms flüchten möchte, ist verständlich.

  2. Gaspar sagt:

    Das äußere hat mich bei Aldi nie gestört. Gestört hat mich die geringe Auswahl. Keine Himbeerkonfitüre, kein Eierspaghetti (mehr) usw. Mit den Markenartikeln sinkt die Auswahl nun wohl noch mehr. Aldi braucht eine neue Zielgruppe. Das, was Aldi jetzt macht, kann Lidl besser. Dort werde ich mit Angeboten umgarnt, alte/abgelaufene Ware wird reduziert.

  3. DirkNB sagt:

    Also, ich habe diese “Gourmet”-Nachtische mal getestet (http://herdnerd.de/1654/augen-zu-und-durch/). Ich darf sagen: Es ist Aldi, kein Gourmet – spätestens, wenn man das Etikett abzieht.

  4. Nicolas Jost sagt:

    Herr Schrader!

    Wenn wieder einmal solche bislang undenkbaren Dinge geschehen, möchte ich hier aber bitte ein rotes oder gelbes Schriftband “BREAKING NEWS” oder wenigstens ein animiertes “DEVELOPING STORY” sehen, ja? Sie müssen doch ein wenig an Ihre Reputation denken.

    Nun ja, diese hektischen Maßnahmen des vermeintlichen Imperiums mit dem blauen A (neuerdings auch echt stylish neben dem Eingang schwebend (nahezu)) ein bisschen an die verzweifelten Zugeständnissen der “DDR”-Regierung kurz vor dem Untergang.

    Wir lernen daraus wohl zweierlei:
    1) Man kann dauerhaft keinen Staat führen, in dem es nie etwas zu kaufen gibt.
    2) Wenn man etwas zu verkaufen hat, noch dazu eigentlich immer und für wenig Geld, kann man auf Dauer nicht aussehen wie das Bahnhofs-WC vom Braunschweiger Hauptbahnhof anno 1988.

    Hätte Aldi doch nur aus der Geschichte gelernt.

  5. Chris sagt:

    In meinem Aldi Nord gibt es seit einigen Wochen auch Körbe…

    • Peer Schader sagt:

      Wo ist das denn?

    • Chris sagt:

      Berlin, Greifswalder Str. 168 – blaue Plastiktragekörbe

    • Chris sagt:

      Noch eine Ergänzung: Der Markt wurde in den letzten Monaten ziemlich umgebaut und weil ich grade den Artikel “5 Supermarkt-Mythen” lese: Hier wurde tatsächlich mal das Obst/Gemüse-Prinzip umgekehrt und die Abteilung ans Ende direkt vor die Kassen gestellt – ungewohnt, aber praktisch, da man das Obst nicht durch schwere Einkäufe zerdrückt.

    • Peer Schader sagt:

      Danke. Bei Aldi ist es allerdings üblich, Obst und Gemüse hinten im Markt zu haben.

    • Markus sagt:

      Nö, zumindest hier in NRW ist es so, dass in den aufgehübschten Aldi-Filialen nichts mehr an der alten Stelle steht. Auf den Brötchenknast läuft man z.B. direkt zu (steht am Ende des 1. Gangs) und die Obst/Gemüse-Abtl. steht direkt vor der Kasse.

    • Peer Schader sagt:

      Bei Aldi Süd ist Obst und Gemüse traditionell kassenaffin. Ist’s ein Aldi-Nord-Markt bei Ihnen?
      (Und ich bezog mich zuvor auf die alten Aldi Nords.)

    • Markus sagt:

      Ja! Hagen in NRW, klassisches Nord-Gebiet.
      Umgebaut wie im Beitrag vom 29.10.12 beschrieben, mit Obst/Gemüse vor der Kasse, ausgeleuchtetem Drogerie-Regal, keine Regale mehr über den Tiefkühlboxen etc.

    • Peer Schader sagt:

      Dann passt’s doch! Die Nordler haben sich da offensichtlich am Süd-Konzept orientiert.

    • Markus sagt:

      Nö, zumindest hier in NRW ist es so, dass in den aufgehübschten Aldi-Filialen nichts mehr an der alten Stelle steht. Auf den Brötchenknast läuft man z.B. direkt zu (steht am Ende des 1. Gangs) und die Obst/Gemüse-Abtl. steht direkt vor der Kasse (ist auf den Bildern im Beitrag vom 29.10.12 sogar zu sehen).

    • Jill sagt:

      Bei Aldi Onkel-Toms-Hütte gibt es wohl seit der Renovierung auch Körbe. Am Breitenbachplatz habe ich nach der Renovierung aber keine gesehen.

  6. Philipp sagt:

    Ich hab geguckt wie ein Auto als ich das in meinem Aldi gesehen habe. Ich brauchte nämlich Sprite und wollte dafür noch woanders hingehen weil sich der “Keine Sprite bei Aldi” Gedanke eingebrannt hatte. Plötzlich stand sie da.

    Ich gehe jetzt die Schlittschuhe schleifen!

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