Was die Wurst im Becher sucht (und andere Verpackungs-Kniffe)

Typisch Weihnachten: Alles dreht sich ums Auspacken. Nur das Supermarktblog stemmt sich gegen den Trend, unterstützt von Thomas Reiner, Geschäftsführer der Berliner Beratungsfirma Berndt + Partner und Vorstandsvorsitzender des Deutschen Verpackungsinstituts. Der ist nämlich Experte fürs – Einpacken. Genau darum geht’s im Folgenden: um das, was die Lebensmittelhersteller sich alles einfallen lassen, damit wir ihre Produkte im Supermarktregal nicht übersehen.

Der Da-bin-ich!-Effekt

Die meisten Artikel leiden von Natur aus am Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom, und das ist ja auch kein Wunder: Weil so ein Knackwürstchen im Kühlregal eben doch nur eines unter vielen ist. Um trotzdem die Aufmerksamkeit der Kunden zu ergattern, kann der Hersteller dafür sorgen, dass es seine Form verändert, gefüllt wird oder eine völlig neue Geschmacksrichtung bekommt. Für Abenteuerlustige, die gerne eckig gepresstes Fleisch im Darm mit Schnittlauchfüllung und Honig-Senf-Note kosten, wäre das eine gute Nachricht. Für alle Konsumenten, denen das Würstchen eigentlich schon so schmeckt, wie es ist, eher nicht.

Deshalb hat sich der niedersächsische Hersteller Rügenwalder Mühle für seine “Mühlen Würstchen” etwas anderes ausgedacht und sie vor zwei Jahren raus aus der Wurstbrühe geholt, um sie dann in einen Becher zu stecken.

Die Werbung dafür war eher wurstuntypisch. Thomas Reiner erklärt, welche Idee dahinter steckt:

“Die Kunden bleiben am Regal stehen, weil ihnen auffällt: Das sieht anders aus als bisher. Dazu gibt es einen Nutzen, der kommuniziert wird, denn die Becher lassen sich leicht wiederverschließen.”

Die Mühlenwurstleute machen das sehr konsequent: Teewurst gab’s früher konsequent im Darm – bis der Hersteller sie stattdessen im flachen Becher in den Laden brachte. Das “Mühlenmett” ist auf zwei kleine Packungen aufgeteilt, die in einem Kartonschuber stecken. Die Kunden erkennen es im Regal schnell wieder – und der Hersteller praktiziert damit gleichzeitig …

Konkurrenzabwehr

“Wer Persil kauft, ist sich sicher, dass damit die Wäsche so weiß wie möglich gewaschen wird”, erklärt Verpackungsspezialist Reiner. Zumindest hat es uns die Werbung so eingetrichtert. Das Problem ist: Inzwischen versprechen die Eigenmarken der Supermärkte ebenso hohe Qualität. “Das Waschmittel von Aldi kann genauso gut getestet sein. Deshalb setzt Persil auf Innovation und verspricht: Das neue wäscht weißer als das alte.” Damit ist das Spielchen aber noch längst nicht erledigt. Reiner sagt: “72 Prozent aller Produktneueinführungen sind in den ersten drei Monaten von Private Labels [also Eigenmarken] kopiert – und der Discounter kann ein neues Produkt sehr schnell in den Laden bringen, weil es dort viel schneller verkauft wird. Also muss sich der Markenhersteller wieder etwas Neues einfallen lassen: zum Beispiel mit der Verpackung.”

Das ist nicht nur beim Waschmittel (oder der Wurst) so, sondern in fast allen Kategorien. Zum Beispiel beim probiotischen Joghurtdrink: Rezepturänderungen lassen sich von Kopisten leicht übernehmen. Eine besondere neue Verpackung im Zweifel aber nicht – weil dafür immer entsprechende Produktionsanlagen gebraucht werden. Und die sind meistens nicht mit einem Fingerschnipp umstellbar.

Dadurch lässt sich zumindest die Zeit verzögern, bis die Produktkopie einer Marke nicht nur so ähnlich schmeckt wie das Original, sondern von außen auch so aussieht.

Das größte Problem neuer Verpackungen ist aber natürlich …

Der (manchmal) unberechenbare Kunde

Wer beim Aufreißen einfacher Müslitüten mit einem plötzlichen Ruck die Hälfte des Trockenfutters auf dem Küchenboden verteilt oder sich beim Milchausgießen aus dem Getränkekarton mit einem Schwapp das komplette Frühstück einweicht, der fragt sich (wenn er fertig mit dem Fluchen ist): Wieso kriegen die Hersteller es nicht hin, Verpackungen zu designen, bei denen sowas nicht passiert? Reiners sagt: kriegen sie doch. Es kommt oft nur drauf an, ob es nachher auch jemand bezahlen will.

“Wenn gewisse Punkte an einer Verpackung dauerhaft kritisiert werden, sind die meisten Produzenten bereit zu handeln. Am Ende stimmt der Verbraucher aber zweimal ab: wenn er sich beschwert – und wenn er sich entscheiden muss, ob der Zippverschluss an der Verpackung ihm auch zwei Cent mehr wert ist.”

Manchmal klappt’s: Fast jede Schnittkäsepackung ist heute wiederverschließbar. Und die Perforation an Toilettenpapierpackungen ist inzwischen schon fast Standard. Dass manche Innovationen, die eigentlich sinnvoll sind, trotzdem wieder vom Markt verschwinden, erklärt Reiner mit einer einfachen Regel:

“Neuerungen, die wirtschaftlich nicht funktionieren, sind auch nicht relevant genug.”

Eins müssen wir noch klären:

Das Müll-Missverständnis

Gehören Sie zu den Packungen-im-Supermarkt-Entsorgern? Zu den Leuten, die nach dem Bezahlen hinter der Kasse anfangen, die Cornflakes und die Fertigpizza aus ihrem Karton zu befreien, weil sie überhaupt nicht einsehen, die unnützen Hüllen mit nachhause zu schleppen?

In diesem Fall hat die Verpackung des betreffenden Produkts ja wohl knallhart versagt.

Nee, sagt Reiner: im Gegenteil. Dann hat sie schon gewirkt. Immerhin haben Sie das Produkt ja gekauft. Und müssen jetzt selbst zusehen, wie sie es nachhause kriegen ohne in der Tasche aus Versehen den dünnen Plastikbeutel aufzureißen.

Der Lieferant hat dieses Problem auch. Deshalb lohne es sich bei vielen Produkten eher nicht, die Verpackung weiter einzuschränken, meint Reiner. Weil der Müll sich damit im Zweifel nicht vermeiden ließe, sondern lediglich an anderer Stelle im Transportprozess anfiele, zum Beispiel für Umverpackungen, damit die Ware überhaupt heil in den Laden kommt. Eingedellte, beschädigte Sachen kaufen wir nämlich nicht so gerne. Und die werden, wenn sie zu lange im Markt lagen, schlimmstenfalls weggeschmissen. Deshalb glaubt Reiner, dass die Packungen nicht noch nachhaltiger werden müssen: “Wichtiger wäre, den Lebensmittelausschuss zu reduzieren, indem kleinere und bedarfsgerechte Größen angeboten werden, damit die Verbraucher nicht mehr so viel wegschmeißen.”

(Ausnahmen mit maximalem Packungsschnickschnack für minimalen Inhalt bestätigen natürlich die Regel. Kennen Sie Beispiele? Dann ab damit in die Kommentare!)

Und nicht alles was ökologisch sinnvoll ist, funktioniert auch – wie die Stiftung Warentest kürzlich mit ihrer Adventskalender-Warnung bestätigt hat: Die Druckfarben sind durch das Recyclingmaterial auf den Schoko-Inhalt übergegangen, in dem sich schließlich Mineralölrückstände nachweisen ließen.

Am besten sind oft Verpackungsverbesserungen, die uns gar nicht auffallen, zum, Beispiel Folien, die aus zwölf verschiedenen Schichten bestehen, genauso belastbar sind wie alle anderen, aber mit 30 Prozent weniger Material auskommen. Das kann natürlich auch wieder Nachteile haben. “Wenn Sie heute beim Discounter eine Limonadenflasche mitnehmen, müssen Sie zum Teil aufpassen, dass Sie’s überhaupt noch ins Glas ausgegossen bekommen, weil das Material so dünn ist”, sagt Reiner. Das liegt aber weniger daran, dass Aldi und Lidl so öko sind. Sondern am Kostendruck, der dafür gesorgt hat, dass viele Verpackungen in Deutschland schon stark reduziert sind.

Ausgussprobleme hin oder her: Trotzdem kaufen haufenweise Leute die unpraktischen Einwegplastikflaschen anstatt die (auch beim Pfand günstigere) Mehrwertalternative.

Mehr über unser unlogisches Einkaufsverhalten und die Problematik mit “guten” und “schlechten” Verpackungsmaterialien steht im nächsten Blogeintrag. Dazu gibt’s ein paar lustige Verpackungs-Desaster. Und wenn Sie so lange nicht warten wollen: Hier entlang geht’s zur Supermarktblog-Verpackungskritik mit Jürgen Siebert (vom Januar 2012).

Jetzt erstmal: Frohe Feiertage! Und überlegen Sie ruhig, ob das Weihnachtsgeschenk an die Liebsten nächstes Jahr noch besser ankäme, wenn Sie es in einen Becher stecken.

Foto: Rügenwalder Mühle

15 Kommentare zu Was die Wurst im Becher sucht (und andere Verpackungs-Kniffe)

  1. nodh sagt:

    Ich finde es ja eine Unart, Kappen von Getränkeflaschen und Milchpackungen immer kleiner zu machen. Wenn ich mir schon dabei schwer tue, es aufzumachen, wie muss es erst Senioren dabei gehen?

  2. Bent0r sagt:

    Wollt ihr das total Weiß?!

    “Deshalb setzt Persil auf Innovation und verspricht: Das neue wäscht weißer als das alte.”

    Machen die das nicht schon seit 40 Jahren und müsste nicht irgendwann mal das Weißeste Weiß aller Weiß…es erreicht sein?

  3. Gerald Fix sagt:

    Ich verstehe nicht ganz, wo der Unterschied zwischen Würstchen im Glas und Würstchen im Becher liegt – das Letztere gibt es schon ziemlich lange.

  4. Gerald Fix sagt:

    Sorry, das ERSTE, nicht das Zweite gibt es schon lange.

    • Peer Schader sagt:

      Der Becher steht im Kühlregal – und die zweite Neuerung erklärt der “wurstuntypisch”-Link im Text ganz gut.

  5. Gaspar sagt:

    Ich hatte keine Probleme mit dem klassischen Tetrapak und Schere. Jetzt gibt es, meist bei Milch, kleine Kunststofflaschen, die gelegentlich abreißen , ohne dass die Packung auf ist. Dann muss man mit Messer oder Schere ein Loch bohren. Anschließend kleckert´s. Sowas ist unbewusst Kauf beeinflussend. Aber wohl nur bei mir, sonst gäbe es diese Verpackungen nicht.

  6. sowo sagt:

    “Wer Persil kauft, ist sich sicher, dass damit die Wäsche so weiß wie möglich gewaschen wird”
    Hat zwar jetzt absolut nichts mit Verpackung zu tun, aber ich muss an dieser Stelle mal anmerken, dass Persil/ Ariel tatsächlich eine gute Ecke besser sind als alle Discountermarken die ich kenne (also ALDI (Süd), Netto, Lidl, rossmann, dm). Bei fast allen anderen Sachen gibt es wenig bis keinerlei Unterschied (außer beim Preis..), bei Waschmittel aber schon. Für den Normalverbraucher ist’s vermutlich wurscht aber in einem 5 Personen Haushalt mit drei KLeinkindern ist erstaunlich dass Markenwaschmittel Karottenbrei, Matsch, verweste Schneckenreste, Schokolade etc. wirklich meistens beim ersten Mal erledigen, während ich bei den Discounteigenmarken meistens zwei, drei Mal waschen muss.

  7. Patrick sagt:

    Und oft bleibt dann noch ein Rest in der Packung, der sich nicht entleeren lässt. Darüber freut sich dann das Recycling-Unternehmen.

  8. Silke sagt:

    Herta hatte auch schon mal Wurst im Becher. Gab’s aber nicht lange, weil’s niemand gekauft hat. Vielleicht lag’s aber auch am Namen: „Geflügel-Leber-Mousse“, „Schinken-Mousse“ und „Truthahn-Mousse“. Man wollte wohl die gute alte Leberwurst etwas modernisieren.
    http://www.produkt.at/produkte/detail/id/5039/cat/5/page/33/

    • Fido sagt:

      Klar am Namen. Bei Mousse denke ich an Mousse au Chocolat. Danach vielleicht noch an Apfel- oder Pflaumenmus. Jedenfalls bestimmt nicht an etwas fleischhaltiges.

  9. Claudia sagt:

    Von mir aus könnte man die ganzen Kunststoffverschlüsse von Tetrapacks wieder entfernen. Ich finde die meist absolut untauglich und schneide mittlerweile jede Packung wie gewohnt mit der Schere auf. Gibt weniger Sauerei.

  10. Chris sagt:

    Die Adventskalenderwarnung der Stiftung Wartentest war übrigens eine ziemlich zwiespältige Sache. Da wurde unsauber gearbeitet. Wie üblich dringt das aber kaum mehr zur Öffentlichkeit durch. Die Schlagzeile bleibt.
    http://www.recyclingmagazin.de/rm/news_detail.asp?ID=17941&NS=1

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