Archive for Januar, 2013

Wie durchsichtig ist Ilse Aigners “Regionalfenster”?

Supermarktkunden kaufen gerne regionale Lebensmittel. Damit sie dabei nicht von cleveren Marketingexperten übers Ohr gehauen werden (wie an dieser Stelle bereits berichtet), hat die baldige Ex-Landwirtschaftsministerin Ilse Aigner das “Regionalfenster” entwickeln lassen: ein viereckiges Schild, das Produkte kennzeichnen soll, die tatsächlich aus der Region stammen und diese Region klar benennen.

Auf der Mettwurst im Glastopf, die es im Berliner Testmarkt zu kaufen gibt, steht zum Beispiel:

“Schweine zu 100 % aus Brandenburg;
verarbeitet in 14827 Wiesenburg”

Und beim Apfelgelee:

“Äpfel zu 100 % aus Brandenburg;
Verarbeitet in 14806 Hagelberg”

(Für die erste Angabe ist immer entscheidend, woher die Hauptzutat stammt.)

Blauer Aufklaber mit Zusatzinfo: Das "Regionalfenster"

“Uns geht es vor allem um Information und Transparenz”, sagt Axel Wirz vom Forschungsinstitut für biologischen Landbau in Frankfurt, wo das Gutachten für das “Regionalfenster” erarbeitet wurde. Der jetzige Test läuft bis April in 20 Märkten, von Kiel bis Stockach am Bodensee. Im Februar startet in diesen Läden eine Befragung der Kunden, die sagen sollen, ob sie das Schild und seine Angaben nützlich finden. Dann entscheidet das Landwirtschaftsministerium über eine landesweite Einführung.

Kritiker wie die Verbraucherschutzorganisation Foodwatch bemängeln, dass es sich beim “Regionalfenster” um eine freiwillige Zusatzerklärung handelt, und nicht um eine gesetzlich vorgeschriebene. Das Ministerium und die Gutachter halten dagegen, dass solche Vorschriften nur auf EU-Ebene machbar seien, und dass das “Regionalfenster” als Alternativlösung funktionieren solle. Wirz meint:

“Wenn sich das ‘Regionalfenster’ durchsetzt, entsteht dadurch ein Standard, bei dem sich die Hersteller fragen lassen müssen: Warum habt ihr das noch nicht für eure Produkte? Das erzeugt auf dem Markt mehr Druck als gesetzliche Regelungen.”

In der Praxis hat die “Zusatzdeklaration” (die explizit kein Siegel sein soll, also keine Qualitätsangabe liefern) aber doch ein paar Tücken, und die allergrößte ist, dass auch das “Regionalfenster” das wichtigste Problem beim Verkauf regionaler Lebensmittel nicht lösen kann: dass es nämlich keine genaue Definition dafür gibt, was “regional” ist – und was nicht.

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Dayli! Migros! Walmart? Die Neuen kommen

Da hätte der alte Schlecker natürlich auch selbst drauf kommen können, dass sein Drogerieimperium im letzten Moment doch noch vor dem Komplettzusammenbruch zu retten gewesen wäre! Ist er aber nicht. Und deshalb macht’s jetzt Rudolf Haberleitner. Der ist von Beruf Öster-Reicher und versucht sich als Einzelhandelsvisionär, seit er im vergangenen Jahr mit seiner Investmentfirma über 1300 Schlecker-Läden in Österreich, Italien, Polen, Belgien und Luxemburg gekauft hat. Und zwar, um daraus Drogerien zu machen, die gleichzeitig Supermarkt, Reinigung, Stehcafé, Autoverleih und Reisebüro sein sollen. “Nahversorger” nennt Haberleitner sein Konzept, und dass da bisher sonst keiner drauf gekommen ist, liegt entweder an der Genialität Haberleitners – oder daran, dass die Idee, Shoppingcenter auf der Fläche einer Schlecker-Butze zu etablieren, nicht ganz ausgereift ist.

Dayli – so hat der österreichische Investor seine Kette getauft – soll trotzdem schon in diesem Jahr bis nach Deutschland wachsen, wo bereits über 500 ehemalige Schlecker-Läden angemietet wurden, vor allem in Bayern und Baden-Württemberg. Auch nach Berlin soll Dayli kommen. 20 Millionen will Haberleitner investieren.

Ganz so revolutionär ist die Idee freilich nicht: Die “Lädchen für alles” von Tegut funktionieren ähnlich, wenn auch mit abgespecktem Leistungsumfang. Und sind, wie Tegut-Chef Thomas Gutberlet an dieser Stelle verraten hat, nicht unbedingt ein schneller Gewinnbringer.

Apropos Tegut: Seit diesem Monat ist das ehemalige Fuldaer Familienunternehmen Teil der Schweizer Handelsgenossenschaft Migros, die bereits angekündigt hat, einen zweistelligen Millionenbetrag in die Renovierung der Läden und den Ausbau des Filialnetzes zu stecken. Die Schweizer sind vermutlich der spannendste Neuzugang im deutschen Lebensmittelhandel – über die fünf Filialchen in Süddeutschland, die Migros bisher unter eigenem Namen betreibt, sehen wir mal höflich hinweg, denn damit ließ sich im deutschen Markt nicht viel reißen. Mit 280 Tegut-Läden sieht das anders aus.

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“Mega-Supermärkte”? Der “Stern” schaut in die falsche Glaskugel

Für den aktuellen “Stern” hat Autor Rolf-Herbert Peters (ausgezeichnet mit dem “Ergo Direkt Journalistenpreis 2010″) zwei selbständige Edeka-Kaufleute über mehrere Wochen beim Aufbau eines neuen Ladens in Hannover begleitet. Das Ergebnis wird den beiden nicht gefallen. In seiner Reportage schildert der Autor vor allem, wie versessen die Besitzer ihren “Einkaufstempel” hochziehen, den eigentlich keiner braucht, und wie sehr sich dem alles unterzuordnen hat.

Leider hat Peters sich ein bisschen arg in seine Einkaufs-Weltuntergangsstimmung (“Konkurrenten killen”! “Horror-Preiskampf”!) hineingesteigert und behauptet im Text:

“Boliden wie Edeka, Rewe, Aldi und Lidl schaffen Regalmeter, als hätten Hunger und Skorbut die Republik heimgesucht. Überall werden neue Einkaufstempel, aber auch Discounter hochgezogen. Kleine Supermärkte bleiben reihenweise auf der Strecke.”

Deshalb schildere “die Geschichte des neuen E-Centers in Hannover Süd viel mehr als nur ein Lokalereignis”. Der Vorspann erklärt: “Überall entstehen neue MEGA-SUPERMÄRKTE”. Die “Mega-Supermärkte” sind, um angemessen bedrohlich zu wirken, in Großbuchstaben gedruckt.

Es stimmt nur nicht.

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Eigentlich ist sogar das Gegenteil der Fall, und der “Stern” hätte das leicht hätte herausfinden können, wenn Peters während seiner Recherche nicht nur damit beschäftigt gewesen wäre, beim Baustellenbesuch schöne Szenenbeschreibungen zu notieren.

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Supermarkterklären für Doofe: Das Erste macht den “Edeka/Rewe-Check”

In seinem “Edeka/Rewe-Check” findet das Erste am Montagabend wieder ein paar ganz erstaunliche Dinge heraus.

Erstens: Orangensafttesttrinker in Fußgängerzonen glauben, sie könnten bei der Blindverköstigung Geschmacksunterschiede feststellen, wenn sie sehen, aus welchem Markt die Säfte angeblich stammen, obwohl in allen Bechern derselbe Saft ist. Was eindrucksvoll beweist, dass – Orangensafttesttrinker in Fußgängerzonen leicht zu beeinflussen sind.

Zweitens: Wenn man angematschten Feldsalat im Supermarkt kauft, den dann für fünf Tage in einen Kühlschrank steckt und ihn wieder herausholt, bleibt bloß grün-brauner Matsch übrig, den man nicht mehr essen sollte.

Gemüse beim Gammeln zusehen: Die ARD macht's möglich

Drittens: WDR-Redakteure sind zu blöd, die Premium-Eigenmarken der Supermärkte von gewöhnlichen Mittelmarken zu unterscheiden und sollten öfter Supermarktblog lesen.

* * *

Ziemlich genau ein Jahr nach dem “Lidl-Check”, den im Januar 2012 ganz erstaunliche 6 Millionen Zuschauer sehen wollten, setzt die ARD ihre “Markenchecks” wieder mit einem Supermarkt-Thema fort. Während das Urteil an dieser Stelle beim letzten Mal noch milde bis freundlich ausfiel, folgt heute die offizielle Bestätigung: Der Horizont der ARD-Supermarktberichterstattung ist ungefähr so begrenzt wie die Diskussionsbereitschaft von Aldi bei der Betriebsratsgründung.

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Rewe und die Ernährungsesoterik von “Besser leben”



Es ist eines der ungeklärten Mysterien des gerade zu Ende gegangenen Jahres 2012: Wer hat bei Rewe die Räucherstäbchen auf Dauerfeuer gestellt? Oder, anders formuliert: Wieso stülpt sich die zweitgrößte Supermarktkette des Landes eine Werbekampagne über, die bloß aus hohlen Esoterik-Phrasen besteht?

“Besser leben” lautet die Behauptung, mit der Rewe seit zweieinhalb Monaten wirbt. Den Spruch hat sich die Berliner Agentur Heimat ausgedacht. Inzwischen hängt er in allen 3300 Läden herum. In vielen Städten klebte er außerdem wochenlang auf riesigen Werbepostern.

Wie konnte das passieren?

Seitdem Minimal und HL Markt eingemottet sind und Rewe nur noch Rewe heißt, wurden in der Unternehmenszentrale viele richtige Entscheidungen getroffen. Die Läden haben ein helles, freundliches und vor allem einheitliches Ladendesign bekommen. Mit neuen Eigenmarken hat Rewe den Nerv seiner Kunden getroffen (wie die GfK gerade bestätigte). Die Läden sind auch zu Zeiten geöffnet, wenn Menschen einkaufen wollen, die tagsüber arbeiten. Und ohne die Initiative von Rewe wäre Verpackungsdesign für die meisten deutschen Einzelhandelsketten vermutlich immer noch ein Fremdwort.

Nichts davon spielt eine Rolle in der neuen Werbekampagne. Im Auftaktspot erzählt eine Frauenstimme stattdessen:

“Frisch, frisch, frisch – das sagt man immer so. Aber was heißt das denn eigentlich?”

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