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Lidls Flirt mit der Supermarkt-Strategie

“Zwei Seelen wohnen, ach! in seiner Brust, die eine will sich von der andern trennen: die eine hält in derber Billiglust sich an die Welt mit klammernden Aktionen; die andre hebt gewaltsam sich zum Neuen und will die Konkurrenz nicht schonen.”

So – oder so ähnlich – hätte Goethe vermutlich die momentane Gemütsverfassung von Lidl zusammengefasst, wenn der Dichter nebenbei Supermarkt-Blogger gewesen wäre.

Lidl-Markt in Berlin

Es ist nämlich so:

Einerseits will der ewige Aldi-Widersacher keinesfalls an seinem Niedrigpreis-Image rütteln, das er über Jahre sorgfältig aufgebaut hat und mit den “Super-Samstagen” kontinuierlich pflegt.

Andererseits haben die Manager in der Neckarsulmer Zentrale – ähnlich wie die Konkurrenz – genau im Blick, wie sich die Ansprüche der Discount-Kundschaft verändern und wissen, dass die Märkte sich mitändern müssen. Vielleicht ist Lidl auch bloß der Erfolg  seiner Brötchenknasts und der Deluxe-Lebensmittel zu Kopf gestiegen. In jedem Fall versucht der Discounter gerade, sich ein Stück weit neu zu erfinden: durch mehr Frische und moderneres Produktdesign. Fast wie ein Supermarkt.

Aldi Nord hat beim Umsatz wieder deutlich zugelegt, nachdem die einstigen Einkaufshöhlen zumindest notdürftig an Designstandards aus diesem Jahrhundert angepasst wurden. Und in Großbritannien hat Lidl mit der neuen Taktik schon ein paar Erfolge erzielen können.

"Like Meat, Love Lidl", meint der Discounter in seinen britischen Filialen

So berichtete Lidl-UK-Geschäftsführer Ronny Gottschlich kürzlich dem britischen Fachmagazin “The Grocer”, der Anteil frischer Produkte mache in den britischen Läden bereits 40 Prozent des Gesamtumsatzes aus. Der im Laden reservierte Platz für Frischeprodukte sei deutlich größer geworden, demnächst solle es in den Filialen auch frischen Fisch geben. Warum Lidl das macht? Gottschlich sagt:

“Je mehr Frische die Kunden sehen, desto mehr kaufen sie insgesamt ein.”

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Der Draußenkühlschrank: EmmasBox will Abholstationen für Lebensmittel bauen

Wie lässt sich die Online-Bestellung von Lebensmitteln (siehe Supermarktblog) so verbessern, dass sie den Kunden tatsächlich das Einkaufen erleichtert?

In München arbeitet ein Team von Hochschulabsolventen an einer neuen Lösung, bei der die Kunden ihren Einkauf aus öffentlich zugänglichen Kühlboxen abholen. (Mit Unterstützung des Zentrums für Innovation und Unternehmertum der TU München, Förderunterstützung der EU sowie mittelständischen Partnern aus der Industrie.) Das Projekt heißt: EmmasBox. Im Supermarkblog erklärt Gründer Michael Reichelt, wie es funktionieren soll.

Entwurf der EmmasBox-Abholstation / Copyright: EmmasBox

* * *

Herr Reichelt, Sie wollen eine Art Packstation für Lebensmittel bauen, ist das richtig?

Michael Reichelt: Ja. Der Prototyp ist in der vergangenen Woche fertig geworden. Dahinter steckt die Idee, dass viele Leute nicht vor 19 oder 20 Uhr aus dem Büro kommen, sich am anderen Morgen ärgern, weil beim Frühstück schon wieder die Milch fehlt – und wir uns gedacht haben: Das muss sich ändern lassen.

Dafür gibt’s doch schon die Lieferservices der Lebensmittelhändler.

Wir glauben aber, dass die Menschen ihre Einkäufe lieber abholen. Die Zustelldienste sind zwar beweglicher geworden, aber auch zweistündige Zeitfenster am Abend finden viele Kunden lästig. Man kann ja zwischendurch nicht mal duschen gehen, weil oft genau dann der Zusteller mit dem Paket klingelt. Außerdem mag niemand haufenweise Trockeneis nachhause geliefert kriegen. EmmasBox läuft mit einer Kühltechnik, die die Waren frisch hält, bis der Kunde sie abholt. Das ist, wie wenn Sie daheim den Kühlschrank aufmachen.

Dadurch entfällt aber der Vorteil, den Einkauf nachhause gebracht zu kriegen. So muss ich ja doch wieder schleppen.

Es wird, wenn der Online-Lebensmittelhandel in Deutschland mal funktioniert, viele verschiedene Modelle geben. EmmasBox richtet sich an diejenigen, die bis zur letzten Sekunde flexibel bleiben wollen – und nicht irgendwann nachhause hetzen, um das vereinbarte Lieferfenster abzusitzen.

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Tüten adé: Darf’s ein bisschen weniger (Plastik) sein?

EU-Umweltkommissar Janez Potocnik hat gerade in Brüssel über Plastiktüten geschimpft:

“Sie bestehen aus Material, das Hunderte Jahre hält – aber wir nutzen sie nur für ein paar Minuten.”

Das ist ein bisschen irreführend, wie Supermarktkunden wissen, die schon einmal den Fehler begangen haben, an der Kasse keine Tüte mit Schlaufen, sondern eine gewöhnliche aus Plastik zu kaufen, die in der Mitte des Heimwegs plötzlich den halben Einkauf auf dem Gehweg präsentiert hat, weil die Henkel gerissen sind. Aber das meinte Potocnik nicht. Er meinte: das Material, das nicht verrottet, aber oftmals dort landet, wo es nicht hingehört. Im Meer zum Beispiel, und wegen ein paar neugieriger Fische irgendwann sogar in unserer Nahrungskette.

Deshalb will der Umweltkommissar EU-Ländern künftig erlauben, besonders dünne Tüten mit einer Stärke von 0,05 Millimetern zu verbieten. (Mehr zum Thema steht z.B. bei tagesschau.de.)

Im Vergleich zu den europäischen Nachbarn verbrauchen die Deutschen schon mal gar nicht so viele Tüten. Damit es aber noch weniger werden, hat sich der Düsseldorfer Edeka-Händler Rüdiger Zurheide eine Alternative einfallen lassen: eine Box aus Wellpappe, die sich besonders für den Heimtransport der Lebensmittel im Auto eignet und – bestenfalls nach mehrfacher Nutzung – im Altpapier entsorgt werden kann. Im Gespräch mit dem – ähm: Fachorgan “Wellpappe Report” erklärt Zurheide:

“Die Resonanz unserer Kunden ist bisher durchweg positiv. Wir wissen ja, dass Verbraucher umweltverträgliche Verpackungen auf Papierbasis bevorzugen.”

(Wobei die scheinbar einfachste Lösung gar nicht immer die richtigste ist, wie Supermarktblog-Leser wissen.)

Auch ein “Komplettverzicht” auf Plastiktüten sei “langfristig” gesehen möglich, meint der Edeka-Händler.

Die Britin Catherine Conway ist in dieser Hinsicht schon ein paar Schritte weiter. Vor sieben Jahren eröffnete sie in London ihren Lebensmittelladen “Unpackaged”, in dem Nudeln, Nüsse, Mehl, Linsen, Reis, Öle, Säfte und Wein verkauft werden – und zwar ohne jegliche Verpackung.

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Die Kunden müssen eigene Transportboxen mitbringen, zum Beispiel Tupperdosen und Flaschen. Wer zum ersten Mal im Laden ist und noch nichts dabei hat, kriegt ausnahmsweise auch mal eine Papiertüte. Die meisten Nahrungsmittel lagern in durchsichtigen Containern, die Tupperdose wird drunter gehalten, um die gewünschte Menge abzufüllen. Und weil die Transportbehältnisse vorher gewogen werden, lässt sich das Gewicht nachher von der Einkaufsmenge abziehen.

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Das Kleingedruckte (1)

Davon, dass Köln in Brandenburg liegt, hat Hans-Christian Ströbele letztes Jahr im Urlaub erfahren. Beim Milchtrinken. “Ich hab am See gesessen und mir zum ersten Mal genauer durchgelesen, was alles auf der Milchtüte stand”, erinnert sich der Grünen-Politiker aus Berlin. “Da hat’s mich fast von der Wiese gehauen.” Auf der Tüte war in weißer Schrift auf signalrotem Hintergrund geschrieben: “Mark Brandenburg”. Und darunter, in winzig kleinen weißen Buchstaben auf hellblauer Fläche:

“Milch von deutschen Bauernhöfen – Abgefüllt in Köln”

Bald sind die Buchstaben ein bisschen größer: "Mark Brandeburg"-Milch von Friesland Campina

“Ich hab bis dahin immer darauf geachtet, möglichst Milch von ‘Mark Brandenburg’ zu kaufen, weil ich regionale Produktion unterstützen will”, sagt Ströbele.

“Inzwischen weiß ich, dass die Molkerei einer holländischen Firma mit deutschem Sitz in Heilbronn gehört, die Milch vor allem aus Rheinland-Pfalz und dem Rheinland in Köln abfüllt.”

Und “Mark Brandenburg” draufschreibt.

Ist ja auch kein Wunder. Regionalität gehört für deutsche Verbraucher zu den wichtigsten Kriterien beim Einkaufen – noch vor Bio und Nachhaltigkeit. Das hat die Deutsche Landwirtschafts-Gesellschaft (DLG) 2011 in einer Umfrage herausgefunden (siehe auch Supermarktblog). Die Leute wollen Lebensmittel, die aus der Nähe kommen.

Und Ströbele wollte nicht einsehen, dass Milch, auf der “Brandenburg” steht, überall herkommt – aber mehrheitlich nicht aus Brandenburg.

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Der nächste Ladenschluss: Die another Dayli

Vor ziemlich genau einem Jahr kaufte der Investor Rudolf Haberleitner die österreichischen Läden der pleite gegangenen Drogeriekette Schlecker, gründete den Nachfolger Dayli (siehe Supermarktblog) und erklärte:

“Nach der Übernahme des Schlecker-Österreich-Geschäfts im Vorjahr ist es uns gelungen, den Fortbestand zu sichern und ein Nahversorgerkonzept zu entwickeln, das es so in Europa bisher nicht gegeben hat. Wir bieten den Kunden dermaßen viele Vorteile, dass der Wettbewerb den Rückstand kaum aufholen kann.”

(in der “Lebensmittelzeitung”, Januar 2013)

Auf die Frage, wie die Geschäfte in den österreichischen Läden liefen, meinte Haberleitner:

“Irrsinnig gut. In Pöggstall verzeichnen wir eine sechs- bis siebenfache Umsatzsteigerung, in Linz etwa eine Vervierfachung. Das Konzept scheint voll aufzugehen.”

(ebenfalls in der “Lebensmittelzeitung”, Januar 2013)

Zu seinen Plänen befragt meinte er ganz unbescheiden:

“3000 Filialen in 20 Ländern, von Süddeutschland bis Ex-Jugoslawien. Ich will den ganzen Balkan, so schaut’s aus.”

(in der “Kronen Zeitung”, August 2012)

Und als nach dem Kauf vor einem Jahr schon die ersten Zweifel an der Realisation des Konzepts aufkamen, meinte Haberleitners Anwalt Franz Guggenberger:

“Eine Insolvenz wird es nicht geben. Sonst hätten wir es nicht gekauft.”

(laut “FAZ” vom 1. August 2012)

Logo des gescheiterten Schlecker-Nachfolgers Dayli

Der Rest der Geschichte ist schnell erzählt. Zur großen Deutschland-Expansion ist es nie gekommen. Ende Mai meldete Dayli stattdessen Insolvenz an. Haberleitner musste sich aus dem eigenen Unternehmen verabschieden. Seit heute steht fest: Es gibt keinen neuen Investor. Die Läden machen endgültig zu.

Foto: Dayli