So argumentiert Edeka für die Fusion mit Kaiser’s Tengelmann

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Was bisher geschah:

  • Edeka will Kaiser’s Tengelmann kaufen, um den deutschen Lebensmittelhandel – vor allem in Berlin, München und Nordrhein – noch mehr zu dominieren.
  • Das Kartellamt hat die Fusion verboten, weil es negative Auswirkungen auf die Marktmacht befürchtet.
  • Die Monopolkommission, ein unabhängiges Beratungsgremium der Bundesregierung, hat sich ebenfalls gegen die Fusion ausgesprochen.
  • Zahlreiche Konkurrenten (Rewe, Tegut,Coop/Sky) haben Interesse an einer Übernahme von Kaiser’s-Tengelmann-Filialen angemeldet.
  • Edeka hat eine Sondergenehmigung beim Wirtschaftminister beantragt. Eines der Hauptargumente ist, dass zahlreiche Arbeitsplätze verloren gehen könnten, wenn Edeka die Übernahme verwehrt wird.

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Das ist neu:

In den vergangenen Wochen haben sich einzelne Bundesländer für eine Fusion ausgesprochen – gegen die Bedenken der Experten.

Die Bayerische Staatsregierung erklärt (pdf): „Der Zusammenschluss der Firmen KT und Edeka ist unter den möglichen Alternativen die Lösung, die den Gemeinwohlinteressen am besten gerecht wird.“ Edeka sei „in besonderer Weise geeignet, die Nahversorgung aufrecht zu erhalten“. (Bayern ist einer der drei Standorte von Kaiser’s Tengelmann.)

Im SPD-geführten Hamburg heißt es: „Nach Auffassung der Behörde für Wirtschaft, Verkehr und Innovation bietet die geplante Übernahme der Tengelmann-Filialen durch Edeka eine realistische Chance für den Erhalt von möglichst vielen Arbeitsplätzen an den einzelnen Standorten.“ (In Hamburg sitzt Edeka mit seiner Zentrale; Kaiser’s-Tengelmann-Filialen gibt es dort keine.)

Und in NRW haben SPD und Grüne erklärt, „es sei zu prüfen, die Ministererlaubnis unter Bedingungen und Auflagen zu erteilen“ (pdf). Davon hatte die Monopolkommission zuvor bereits abgeraten. (NRW ist ebenfalls einer der Standorte von Kaiser’s Tengelmann.)

Die Statements sind auch ein beeindruckender Beleg dafür, welchen Einfluss eine Supermarktkette wie Edeka mit entsprechendem Lobbyismus auszuüben vermag – wenn es gelingt, größtmögliche Angst vor einem Verlust von Arbeitsplätzen zu schüren.

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So argumentiert Edeka:

Dabei sind die Argumente, die Edeka selbst für die Notwendigkeit der Fusion anführt, zum Teil kurios. Ausführlich dokumentiert sind sie im „Sondergutachten der Monopolkommission“ (pdf). Einige Auszüge:

Discounter sind für Edeka starke Konkurrenten – aber ein ganz schlechter Edeka-Ersatz

Das Kartellamt unterscheidet zwischen Discountern mit begrenztem Sortiment und Supermärkten mit umfassendem Sortiment und sieht darin unterschiedliche Märkte. Das lässt die Dominanz Edekas im Supermarkt-Bereich besonders groß erscheinen. Edeka hält das für falsch, die Sichtweise vernachlässige „die aktuelle und absehbare Entwicklung des ‚Uptrading‘ von Discountern hin zu ‚Sortiment-Discountern‘, deren Angebot sich künftig verstärkt durch Qualität und Frische sowie durch Herstellermarken auszeichnen werde.“ Ein wichtiger Punkt.

Gleichzeitig erklärt Edeka aber die Notwendigkeit einer Komplettübername von Kaiser’s Tengelmann aus, um „das qualitätsorientierte Angebot“ in der Nahversorgung zu erhalten.

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Die aktuelle Kundenvorhersage: Stürmisch mit Tendenz zu Impulskäufen

Zur Standardausstattung des modernen Supermarkts gehören mehr nur SB-Kassen, Orangensaft-Pressmaschinen und selbstöffnende Kühlthekenverglasung – sondern längst auch die ladeneigene Hellseherin. Die wenigsten Kunden kriegen sie je zu Gesicht. Sie sitzt hinten im Lager, darf Schmuckkopftuch zur Arbeitskleidung tragen, trifft sich in der Pause gerne mit der Kollegin von der Käse-Bedientheke zum Rauchen und hat Rückenprobleme, weil sie den ganzen Tag über der Kristallkugel hängt, um rauszukriegen, wie wir beim Einkaufen ticken.

Weil sich die Supermärkte ein bisschen dafür schämen, dass sie weiterhin auf derart altmodische Hellsehtechnik setzen, während rundherum im Laden alles automatisiert wird, hat man sich auf einen möglichst technisch und kompliziert klingenden Begriff für die aktuellen Kundenvorhersagen geeinigt: „Category Management“.

Das „Metro Handelslexikon“ erklärt ihn so:

„Im Kern geht es darum herauszufinden, welche Produkte aus Sicht der Kunden sinnhaft zusammengehören. Diese Waren bündeln die Händler in sogenannten Kategorien, um sie optimal im Markt platzieren und vermarkten zu können. Im Ergebnis verkürzen sich dadurch die Laufwege für die Kunden; sie werden zusätzlich zu Impulskäufen angeregt.“

Der Hellsehjob besteht also darin, alles so hinzustellen, dass Kunden die Sachen möglichst nah beieinander finden, die sie sich auf den Einkaufszettel geschrieben haben. Und dann noch genug Zeit ist, um Quatsch zu kaufen.

Oft gehen die Kundenvorhersager noch einen Schritt weiter, so wie in den riesigen SB-Verbrauchermärkten der Supermarktkette Carrefour in Warschau. Zwischen den Hauptartikeln sind dort Produkte im Regal platziert, die zwar nicht unmittelbar zur selben Warengruppe gehören, aber eine ideale Ergänzung sind, um besagte Impulskäufe zu fördern.

Um darauf zu kommen, muss man nicht zwangsläufig Kristallkugel sein.

Für einen lustigen Filmabend braucht’s zum Beispiel nicht bloß Cracker und Chips – sondern auch Limonade. Und wenn der Kunde dafür nicht mal den Gang wechseln muss, greift er umso leichter zu:

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Umgekehrt funktioniert’s genauso. Wer abends ein schönes Bierchen zischt, kriegt Appetit auf Chips. Bitteschön:

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Ganz schön Dunkelgrau: So sieht Lidl als Supermarkt-Discounter aus

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Wegen seiner „Qualitäts“-Werbekampagne hat Lidl in den vergangenen Wochen ziemlich viel Kritik einstecken müssen. Weil niemandem in Neckarsulm aufgefallen war, dass die bei der Agentur zu tief in die Schachtel mit den Eigenmarken-Schnapspralinen geschaut haben, als sie Sprüche wie „Gute Qualität erkennt man an guter Qualität“ erfanden. Vermutlich ist die Kampagne öfter parodiert als von Kunden verstanden worden. Noch dazu trugen die in den Filialen aufgehängten hübsch bedruckten Feelgood-Pappen eher dazu bei, das alte, weniger Feelgood-orientierte Ladendesign noch ein bisschen überholter aussehen zu lassen (siehe Supermarktblog).

In einer Berliner Filiale probiert Lidl deshalb jetzt schon wieder was Neues aus: ein Laden-Design, das sich deutlicher als alles bisher von den Discount-Wurzeln entfernt.

Die betroffene Filiale im Norden der Stadt hat kürzlich nach einer Erweiterung wiedereröffnet. In dieser Zeit haben die fleißigen Bauarbeiter nicht nur die Verkaufsfläche minimal erweitert, sondern auch den Großteil der Qualitätskampagnen-Motive auf den Müll geworfen.

Im Eingangsbereich klebt jetzt eine Fototapete mit einem Schwarz-Weiß-Motiv des Brandenburger Tors (Foto oben); hinter den Kassen sind die glücklich zurecht gephotoshoppten Lidl-Kunden mit einem Schwarz-Weiß-Motiv des Berliner Fernsehturms überklebt worden; und statt der Spruchposter hängen über Regalen und Kühlregalen jetzt eher dezente Symbolbilder der jeweiligen Produktkategorie, zur besseren Orientierung für die Kunden.

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Der Alnatura-Edeka-Deal – in Zahlen erklärt

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Ab Oktober gibt es Alnatura-Produkte deutschlandweit auch bei Edeka zu kaufen. Am Donnerstag haben die beiden Supermarktketten ihre Kooperation bekanntgegeben. Alnatura war auf der Suche nach einem neuen Partner, weil dm im April eine eigene Bio-Marke in die Regale genommen hatte und seitdem sukzessive Produkte von Alnatura ersetzt.

Was bedeutet der Deal?


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So viele Alnatura-Produkte will dm mittelfristig aus dem Regal nehmen, hat Alnatura-Gründer Götz Rehn seine Handelspartner in einem Schreiben informiert. Derzeit sind schon etwa 80 gestrichen, erklärte Rehn gegenüber der „Lebensmittelzeitung“ (LZ). Bislang waren etwa 600 Alnatura-Produkte Teil des dm-Sortiments. Ein Drittel fällt also künftig weg.

400

Zunächst sollen Edeka-Chef Markus Mosa zufolge 200 Produkte bei Edeka ins Regal kommen, also so viele wie bei dm wegfallen. Das werde aber „Zug um Zug in Richtung 400 Produkte“ ausgebaut werden, sagte Mosa der LZ. Vorgesehen ist offensichtlich eine Blockplatzierung, das heißt: die Produkte werden nicht in den jeweiligen Kategorien zusätzlich ins Sortiment einsortiert, sondern in einem Regal angeboten. Dafür muss Edeka aber erstmal Platz schaffen. Und die Frage wird sein: Wo kommt der her bzw. welche Produkte müssen dafür Fläche abgeben? Der Deal wird es einzelnen Bio-Herstellern auf jeden Fall nicht leichter machen, künftig bei Edeka ins Angebot aufgenommen zu werden.

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Schneller anstehen in der Eine-für-alle-Kassenschlange?

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Ließe sich Ungeduld messen, wäre die Einheit dafür Kassenschlangenwartemeter (KswM): mit jedem KswM, den ein Kunde zu erdulden hat, verdoppelt sich dessen Ungeduld. Dadurch wiederum erhöht sich die Bereitschaft des Anstehers, seinem Vordermann mit dem Einkaufswagen die Ferse wegzubomben, um im Falle einer neuen Kassenöffnung ganz vorne am Band zu stehen.

Aus diesem Grund versucht die kassenschlangenvermeidende Industrie mit immer neuen technischen Mitteln, den Bezahlprozess zu beschleunigen, um dadurch die durchschnittlichen KswM zu verkürzen.

(Wo das hinführt, steht regelmäßig hier im Blog.)

Dabei könnten wir uns den ganzen Quatsch eigentlich sparen, meint Bill Hammack. In seinem Youtube-Erklärvideo klärt der „Engineer Guy“ nicht nur, warum wir so oft das Gefühl haben, ausgerechnet in der Kassenschlange zu stehen, die am langsamsten vorankommt, während links und rechts alle munter voran rücken (falls sie noch Fersen haben). Sondern auch, wie sich das ändern ließe.

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