Das Kleingedruckte (2)

Netto-(ohne Hund)-Markt in Berlin

Im August 2011 entschied das Landesgericht Nürnberg-Fürth auf eine Klage der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen, dass die kleinen Preise von Netto (ohne Hund) fetter werden müssen. Nicht alle, nur die winzig kleinen Grundpreise auf den Schildern im Laden.

Der Grundpreis gibt an, was ein Produkt je Mengeneinheit kostet, also zum Beispiel auf 100 Gramm gerechnet. Supermärkte sind zur Angabe verpflichtet, damit die Kunden unterschiedliche Produkte oder Packungsgrößen leichter vergleichen können. Netto fand, zwei Millimeter Schrifthöhe seien dafür genug.

Und wollte sich mit dem Urteil nicht abfinden.

Der Fall schleppte sich deshalb bis vor den Bundesgerichtshof (BGH). Und der entschied im März 2013: Alles in Ordnung, die kleinen Preise dürfen so klein bleiben (I ZR 30/12). Besonders spannend ist die Begründung: Preisschilder im Supermarkt würden üblicherweise aus einer Entfernung von 50 Zentimetern betrachtet. Dabei seien die Ziffern der Netto-Grundpreise “ohne weiteres deutlich zu erkennen”, unter anderem wegen der zusätzlichen Umrandung auf den Netto-(ohne Hund)-Schildern. Das gelte auch für solche, die in der untersten Regalreihe angebracht seien. Weil ein Kunde, der die entsprechenden Produkte kaufen wolle, “sich ihnen ohnedies so weit nähern wird”, dass er die Ziffern “noch gut lesen kann”.

Kurz gesagt: Wer sich noch bücken kann, hat nach Auffassung des BGH offensichtlich auch genügend Sehkraft.

Ausschlaggebend für das Urteil war die so genannte Preisangabenverordnung (PAngV). In der ist vom Gesetzgeber geregelt, dass der Handel seine Kunden den Grundpreis nennen muss. Da steht nur nicht, wie.

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Das Kleingedruckte (1)

Davon, dass Köln in Brandenburg liegt, hat Hans-Christian Ströbele letztes Jahr im Urlaub erfahren. Beim Milchtrinken. “Ich hab am See gesessen und mir zum ersten Mal genauer durchgelesen, was alles auf der Milchtüte stand”, erinnert sich der Grünen-Politiker aus Berlin. “Da hat’s mich fast von der Wiese gehauen.” Auf der Tüte war in weißer Schrift auf signalrotem Hintergrund geschrieben: “Mark Brandenburg”. Und darunter, in winzig kleinen weißen Buchstaben auf hellblauer Fläche:

“Milch von deutschen Bauernhöfen – Abgefüllt in Köln”

Bald sind die Buchstaben ein bisschen größer: "Mark Brandeburg"-Milch von Friesland Campina

“Ich hab bis dahin immer darauf geachtet, möglichst Milch von ‘Mark Brandenburg’ zu kaufen, weil ich regionale Produktion unterstützen will”, sagt Ströbele.

“Inzwischen weiß ich, dass die Molkerei einer holländischen Firma mit deutschem Sitz in Heilbronn gehört, die Milch vor allem aus Rheinland-Pfalz und dem Rheinland in Köln abfüllt.”

Und “Mark Brandenburg” draufschreibt.

Ist ja auch kein Wunder. Regionalität gehört für deutsche Verbraucher zu den wichtigsten Kriterien beim Einkaufen – noch vor Bio und Nachhaltigkeit. Das hat die Deutsche Landwirtschafts-Gesellschaft (DLG) 2011 in einer Umfrage herausgefunden (siehe auch Supermarktblog). Die Leute wollen Lebensmittel, die aus der Nähe kommen.

Und Ströbele wollte nicht einsehen, dass Milch, auf der “Brandenburg” steht, überall herkommt – aber mehrheitlich nicht aus Brandenburg.

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Zeitvertreib im Supermarkt: Warum Tesco seine Extra-Stores vershoppingcentert

Am 12. August eröffnete die britische Supermarktkette Tesco in Watford, rund 30 Kilometer nördlich von London, einen ihrer großen Extra-Stores neu. Da Sie vermutlich nicht in der Nähe wohnen, glauben Sie vielleicht, das sei nicht weiter relevant. Und denselben Ärger wie neulich, als auf Supermarktblog-Initiative die Mittagspause etwas länger ausfiel, will ja auch niemand zweimal haben.

Macht nichts, der Tesco Extra, um den es in diesem Eintrag geht, ist praktischerweise komplett bei Google zu besichtigen:


Größere Kartenansicht

Auf den ersten Blick sieht alles aus wie im ganz normalen Supermarkt. Oder sagen wir: fast. Die Watford-Filiale ist nach dem Umbau ein bisschen schicker als andere Läden des Konzerns, der im vergangenen Jahr international zwar satte Gewinne machte, aber in Großbritannien Rückgänge verkraften musste. Tesco-CEO Philip Clarke hat deshalb ein Programm unter dem Titel “Building a better Tesco” angekündigt – und will dafür eine Milliarde Pfund in Neueröffnungen, Mitarbeitertraining und Produktverbesserungen investieren. Im Jahresbericht für 2012 schrieb Clarke:

“Tesco wird in Zukunft innovativer und kreativer agieren, weil wir uns den Bedürfnissen der Konsumenten besser anpassen wollen – sowohl im Laden als auch online.”

Wie drastisch die Änderungen sein könnten, hat er nicht dazu gesagt.

Der Extra-Store in Watford ist ein Testmarkt, sagt Tony Hoggett, der im Unternehmen für die riesigen SB-Warenhäuser zuständig ist, von denen kaum noch neue eröffnet werden sollen, weil die Kunden sich angewöhnt haben, wieder in der Nähe ihres Wohnorts einzukaufen. Und online. Dem britischen Fachmagazin “The Grocer” sagte Hoggett:

“Dies ist eine Version eines Markts der Zukunft [wie Tesco ihn sich vorstellt].”

In dieser Zukunft geht es längst nicht mehr nur darum, Lebensmittel einzukaufen. Sondern vielmehr darum, sich darauf einzustellen, dass ein großer Teil des Lebensmitteleinkaufs online passieren könnte. Damit die stationären Läden nicht überflüssig werden, müssen sie sich ändern, glaubt Tesco. Und zu einer Mischung aus Einkaufscenter und Freizeitort werden.

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Bistro-Test in Köln: Rewe will “sozialer Treffpunkt” werden

Eine der wichtigsten Grundregeln im Goldenen Buch Des Einkaufens lautet: Geh niemals mit leerem Magen Lebensmittel besorgen! Weil der Magen sonst alleine bestimmt, wie lang der Kassenzettel wird. Die Supermärkte sind da natürlich anderer Meinung. Dass Rewe seine Umsätze mit hungrig in den Laden stürmenden Mittagspäuslern jetzt so konsequent selbst sabotiert, ist also erklärungsbedürftig.

Am Dienstag öffnet am Kölner Waidmarkt das erste “Made by Rewe”, ein Bistro mit direktem Supermarktanschluss, das auf den ersten Blick ein bisschen aussieht als sei ein Ikea-Restaurant mit einer Kantine zusammengestoßen.

Als als sei ein Schnellrestaurant mit einer Kantine zusammengestoßen: "Made by Rewe" in Köln / Foto: Rewe

Einige Supermarktblog-Kommentatoren haben an dieser Stelle darauf hingewiesen, dass auch viele selbstständige Kaufleute und SB-Warenhäuser Bistros an ihre Läden angedockt haben. “Made by Rewe” ist trotzdem was Besonderes. Weil es im Erfolgsfall der Auftakt zu einem Strategiewechsel im deutschen Lebensmittelhandel wäre.

Rewe-Supermarktvorstand Lionel Souque erklärt, “Made by Rewe” sei “für uns der konsequente Schritt, Supermärkte in hochfrequentierten Lagen verstärkt zu sozialen Treffpunkten zu machen”. Das heißt nichts anderes als dass Rewe daran glaubt, dass Supermärkte in Städten künftig nicht mehr nur die Orte sein werden, die wir ansteuern, um für zuhause einkaufen. Sondern mindestens auch, um dort unsere Mittagspause zu verbringen oder uns abends vor dem Kinobesuch kurz mit Freunden zu treffen. Das Bistro am Waidmarkt hat jedenfalls genauso lange auf wie der normale Supermarkt: von 7 bis 22 Uhr.

Darüber hinaus ist “Made by Rewe” ein riesiger Schritt in Richtung Convenience, bislang eine der größten Schwachstellen der Rewe-Märkte in Deutschland, die auch dreieinhalb Jahre nach dem Start von “Rewe to Go” nicht behoben ist. Ein paar einfallslose Salate und Wraps in die Kühltheke zu schleudern, macht einen eben noch nicht zum Starbucks-Konkurrenten.

Mit dem nun versprochenen Angebot aus frisch zubereiteten Pizzen, Nudelgerichten, Sandwiches und Desserts ginge das schon eher.

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In 5 Schritten zum Aldi-Lunch

I. Machen Sie heute im Büro mal ein bisschen früher Mittagspause als sonst, so gegen 11 Uhr. (Also jetzt gleich.) Sie können den Kollegen ja sagen, dass Sie “noch was erledigen” müssen.

II. Fahren Sie an den nächstgelegenen Flughafen, um dort ein Ticket nach London zu kaufen. Ja, für sofort. Stellen Sie sich nicht so an. Stansted ist günstiger. Aber Heathrow geht schneller. Und Sie haben doch Hunger!

III. Angekommen? Gut.

Von der Oxford Street, Ecke Marble Arch in der Innenstadt fährt die Buslinie 98 nördlich über die Edgware Road in den Stadtteil Kilburn (gehört u.a. zum Verwaltungsbezirk Camden). Steigen Sie Kilburn High Road aus. 100 Meter vor Ihnen befindet sich ein britischer Aldi.

"Do your fresh shop here": Aldi in London

IV. Bevor Sie reingehen: Ziehen Sie sich was drüber! Drinnen ist es immer zehn Grad kälter als draußen. Das liegt daran, dass der Laden keine Wände hat, sondern komplett kühlthekenverkleidet ist. (Bis auf die Fensterfront natürlich.) Suchen Sie sich in ebendiesen Theken ein Lunch raus: ein Sandwich, Obst in Plastik, was zu trinken. Stellen Sie sich in die sehr, sehr lange Schlange, die – typisch britisch –  einmal durch den halben Laden geleitet wird. Wenn eine Automatenstimme sagt: “Next customer to till 4 please” – folgen Sie der Anweisung. (Und lächeln Sie beim Bezahlen, das irritiert die Kassierer.)

Guten Appetit!

V. Fahren Sie heim. (Ihr Chef wird sich schon brennend dafür interessieren, wo Sie so lange waren.)

* * *

Was das alles soll?

Ganz einfach: Vor zwei Monaten hat das britische Supermarkt-Branchenblatt “The Grocer” Aldi in Großbritannien zum “Grocer of the Year” gewählt. Das muss ein ziemlicher Schock für die großen Handelsketten gewesen sein, die den Titel sonst Jahr für Jahr unter sich tauschen, ohne dass ihnen ein dahergelaufener Discounter dazwischen funkt. Vielleicht hat die “Grocer”-Jury mit ihrem Urteil provozieren wollen. Vielleicht ist die Auszeichnung auch berechtigt, weil Aldi bei den Briten gerade immer beliebter wird. (Wenn auch auf verhältnismäßig geringem Niveau, wie hier schon mal erwähnt.)

Auf jeden Fall ist der Discounter im Ausland mit einer Taktik erfolgreich, die in Deutschland bisher unvorstellbar wäre: Anpassungsfähigkeit.

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