Öffnungszeiten vor Obsthintergrund: Rewe startet seine erste App

“Nächster Rewe: 16 km”, steht da in großer weißer Schrift auf dem Handydisplay. Mit diesem Wissen über den discounterverseuchten Norden Berlins, der nahtlos ins ebenso discounterverseuchte Brandenburg übergeht, hätte man bei der Bewerbung als Expansionsbeauftragter für Deutschlands zweitgrößte Supermarktkette wahrscheinlich schon ganz gute Karten.

In Köln und im Rhein-Main-Gebiet wird die Entfernung zum nächsten Rewe an dieser Stelle vermutlich in Zentimetern angegeben. (Innerhalb der Berliner Stadtgrenzen halten sich natürlich auch hier die Entfernungen in Grenzen.) Die GPS-Ortung ist jedenfalls das erste, was beim Öffnen der neuen Rewe-App auffällt.

Nach dem Konkurrenten Edeka sowie den Billigmitbewerbern Aldi und Netto (ohne Hund) veröffentlicht in diesen Tagen auch Rewe eine eigene Smartphone-Applikation als iOS- und Android-Version. Die Freischaltung im App Store und bei Google Play erfolgt im Laufe der Woche.

Rewes App lotst Smartphone-Besitzer zum nächsten Markt

Das Mini-Programm sucht nicht nur den Weg zum nächsten Markt inklusive Öffnungszeiten, sondern lässt den Nutzer (nach vorheriger Anmeldung auf rewe.de) auch vor wechselnden Obsttapeten Favoriten-Märkte anlegen, um diese nach aktuellen Angeboten zu durchsuchen.

Das ist deshalb praktisch, weil unterschiedliche Märkte bisweilen unterschiedliche Produkte im Angebot haben, sagt Rewe. Relevant ist das aber wohl vor allem für Leute, die wegen eines vergünstigten Fleischsalats bereit sind, ihren Stammmarkt zu wechseln.

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Krumme Dinger im Gemüseregal

Für seinen Film über alltägliche Lebensmittelverschwendung, “Taste the Waste” (siehe auch Supermarktblog), hat Filmemacher Valentin Thurn unter anderem in einem Brüsseler Hochhaus und auf einem deutschen Kartoffelacker recherchiert.

Auf dem Acker stand er mit Kartoffelbauer Friedrich Wilhelm Graefe zu Baringdorf, der ihm zeigte, wie Kartoffeln, die “zu groß” oder “zu klein” oder nicht sonst wie kartoffelig genug sind, bei der Ernte einfach liegengelassen werden:

“Der Ernährungswert ist derselbe, die würden genauso gut schmecken, aber der Handel nimmt sie uns nicht ab.”

Im Hochhaus ließ Thurn sich vom Pressesprecher des EU-Agrarkommissars erklären, dass die Gurkenregulierungswut der EU nicht so dramatisch ist, wie die meisten Menschen glauben. Sicher, es habe mal eine Richtlinie gegeben, dass Gurken maximal einen Zentimeter Krümmung auf zehn Zentimeter Länge aufweisen dürften. Die sei aber bereits im Juli 2009 abgeschafft worden. In den Läden hat sich trotzdem nichts geändert:

“In der Praxis wollen die Supermärkte keine krummen Gurken, weil sie nicht in die Kisten passen.”

So steht es in Thurns Buch zum Film (“Die Essensvernichter”) das er mit Stefan Kreutzberger geschrieben hat.

Jetzt tut sich was in den Supermärkten, zumindest bei unseren Nachbarn in der Schweiz. Seit Ende Juli verkauft die Supermarktkette Coop dort nicht nur krumme Gurken. Sondern auch Pfirsich mit Hagelmacken, unförmige Tomaten, Blumenkohl mit Flecken, verfärbten Broccoli sowie von der Norm abweichende Zucchini und Fenchel. “Ünique” heißen diese Lebensmittel im Laden.

Krummes Gemüse heißt bei Coop in der Schweiz "Ünique"

Coop glaubt, dass die Kunden “heute vermehrt Verständnis haben für die Launen der Natur und bereit sind, auch außergewöhnliche Naturprodukte zu kaufen”. Das ist ein bisschen irreführend. Eigentlich ist die Sortimentserweiterung vor allem ein Test, ob die Kunden bereit sind, sich endlich den Launen der Supermärkte zu widersetzen, die in einer großen Gleichmachereilaune irgendwann einmal definiert haben, wie ein ordentliches Gemüse auszusehen hat (und vor allem: wie nicht) und seitdem stets behaupten: Die Kunden wollen es so!

Tatsächlich?

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Nieder mit den Backvollzugsanstalten!

Häufig werden sie in viel zu kleinen Gitterkäfigen gehalten. In aneinander gereihten Fächern drängeln sich Laugenbrezeln, Frühstücksbrötchen und Buttercroissants auf engstem Raum. Tageslicht sehen sie fast nie in ihren holzimitatverkleideten Backbatterien.

So sieht für viele Backwaren inzwischen der Alltag in Deutschland aus.

Als "Backstube" getarnte Backwarenvollzugsanstalt bei Netto (ohne Hund)

Nach dem großen Erfolg von Lidl ist derzeit der Mitbewerber Netto (ohne Hund) damit beschäftigt, seine Filialen mit eigenen Backvollzugsanstalten auszustatten. Wie Supermarktblog-Kommentator McDuck unter diesem Eintrag ergänzt hat, stehen die so genannten “Backstuben” nicht nur im Amberger Discount-Test “Mein Laden”, sondern auch in vielen regulären Filialen. So sieht das aus.

Anders als Lidl verzichtet Netto (ohne Hund) auf einen teuren Anbau und stopft den Brötchenknast direkt in die – oft sowieso schon viel zu kleinen – Filialen. Ein “Backofen” ist direkt in die Front integriert, in manchen Läden reicht’s auch noch für eine Brotschneidemaschine. Damit kann Netto (ohne Hund) es zwar längst nicht mit der Auswahl aufnehmen, die Lidl seinen Kunden bietet, versucht aber, wenigstens so zu tun.

Die Backthekisierung deutscher Supermärkte und Discounter hat damit so langsam ihren Höhepunkt erreicht.

Es gibt nur noch wenige große Ketten, die ihrer Kundschaft nicht meterweise aufgebackene Industriebrötchen in den Einkaufswagen drängeln. (“Backfactory”, “Backwerk” und diverse Kettenbäcker haben ja bereits gute Vorarbeit geleistet.) Rewe forcierte den Absatz der Billigbrötchen in seinen Ost-Filialen gerade mit einem großzügig beworbenen Generalrabatt:

“15 Prozent auf alle frischen Backwaren aus der Backstation!”

Rewe wirbt mit Backrabatt

In Großbritannien passiert lustigerweise gerade das Gegenteil. Viele Briten scheinen genug vom Fertigbrot zu haben. Diejenigen, die es sich leisten können (oder wollen), kaufen stattdessen in kleinen Bäckereien ein, die vor allem in London wie, äh: Pizzabrötchen aus dem Ofen schießen und nicht nur klassische Handarbeit versprechen, sondern auch auf Zusatzstoffe verzichten. So wie die 1999 im Stadtteil Islington gegründete “Euphorium Bakery”. Sieben Filialen gibt es inzwischen in London. Jetzt ist Euphorium einen Pakt mit dem Supermarktteufel eingegangen (so sehen es jedenfalls manche Indie-Bäcker): mit Tesco.

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Das Kleingedruckte (2)

Netto-(ohne Hund)-Markt in Berlin

Im August 2011 entschied das Landesgericht Nürnberg-Fürth auf eine Klage der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen, dass die kleinen Preise von Netto (ohne Hund) fetter werden müssen. Nicht alle, nur die winzig kleinen Grundpreise auf den Schildern im Laden.

Der Grundpreis gibt an, was ein Produkt je Mengeneinheit kostet, also zum Beispiel auf 100 Gramm gerechnet. Supermärkte sind zur Angabe verpflichtet, damit die Kunden unterschiedliche Produkte oder Packungsgrößen leichter vergleichen können. Netto fand, zwei Millimeter Schrifthöhe seien dafür genug.

Und wollte sich mit dem Urteil nicht abfinden.

Der Fall schleppte sich deshalb bis vor den Bundesgerichtshof (BGH). Und der entschied im März 2013: Alles in Ordnung, die kleinen Preise dürfen so klein bleiben (I ZR 30/12). Besonders spannend ist die Begründung: Preisschilder im Supermarkt würden üblicherweise aus einer Entfernung von 50 Zentimetern betrachtet. Dabei seien die Ziffern der Netto-Grundpreise “ohne weiteres deutlich zu erkennen”, unter anderem wegen der zusätzlichen Umrandung auf den Netto-(ohne Hund)-Schildern. Das gelte auch für solche, die in der untersten Regalreihe angebracht seien. Weil ein Kunde, der die entsprechenden Produkte kaufen wolle, “sich ihnen ohnedies so weit nähern wird”, dass er die Ziffern “noch gut lesen kann”.

Kurz gesagt: Wer sich noch bücken kann, hat nach Auffassung des BGH offensichtlich auch genügend Sehkraft.

Ausschlaggebend für das Urteil war die so genannte Preisangabenverordnung (PAngV). In der ist vom Gesetzgeber geregelt, dass der Handel seine Kunden den Grundpreis nennen muss. Da steht nur nicht, wie.

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Das Kleingedruckte (1)

Davon, dass Köln in Brandenburg liegt, hat Hans-Christian Ströbele letztes Jahr im Urlaub erfahren. Beim Milchtrinken. “Ich hab am See gesessen und mir zum ersten Mal genauer durchgelesen, was alles auf der Milchtüte stand”, erinnert sich der Grünen-Politiker aus Berlin. “Da hat’s mich fast von der Wiese gehauen.” Auf der Tüte war in weißer Schrift auf signalrotem Hintergrund geschrieben: “Mark Brandenburg”. Und darunter, in winzig kleinen weißen Buchstaben auf hellblauer Fläche:

“Milch von deutschen Bauernhöfen – Abgefüllt in Köln”

Bald sind die Buchstaben ein bisschen größer: "Mark Brandeburg"-Milch von Friesland Campina

“Ich hab bis dahin immer darauf geachtet, möglichst Milch von ‘Mark Brandenburg’ zu kaufen, weil ich regionale Produktion unterstützen will”, sagt Ströbele.

“Inzwischen weiß ich, dass die Molkerei einer holländischen Firma mit deutschem Sitz in Heilbronn gehört, die Milch vor allem aus Rheinland-Pfalz und dem Rheinland in Köln abfüllt.”

Und “Mark Brandenburg” draufschreibt.

Ist ja auch kein Wunder. Regionalität gehört für deutsche Verbraucher zu den wichtigsten Kriterien beim Einkaufen – noch vor Bio und Nachhaltigkeit. Das hat die Deutsche Landwirtschafts-Gesellschaft (DLG) 2011 in einer Umfrage herausgefunden (siehe auch Supermarktblog). Die Leute wollen Lebensmittel, die aus der Nähe kommen.

Und Ströbele wollte nicht einsehen, dass Milch, auf der “Brandenburg” steht, überall herkommt – aber mehrheitlich nicht aus Brandenburg.

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