Alle Texte mit dem Schlagwort Kundenbindung

Warum Waitrose seine Kunden Sonderangebote selbst bestimmen lässt

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Sind schon wieder Matjeshappen, Brechbohnen und extrascharfer Senf im Angebot – und Sie fühlen sich sonderangebotsausgeschlossen, weil nichts davon Ihre Geschmacksnerven kitzelt? Da haben’s Kunden der britischen Supermarktkette Waitrose besser.

Waitrose kennen regelmäßige Leser dieses Blog bereits als Erfinder des Kostenloskaffees für Bonuskartenbesitzer. Seit Mitte Juni nehmen die Briten auch auf Koffein-Verweigerer Rücksicht und haben dafür die Aktion „Pick your own offers“ gestartet.

Wer im Besitz einer registrierten myWaitrose-Bonuskarte ist, kann sich online zehn Produkte heraussuchen, die er regelmäßig einkauft, und kriegt darauf bei jedem Waitrose-Einkauf – egal, ob im Laden oder online – 20 Prozent Rabatt. Nicht einmal, nicht zweimal, sondern jedes Mal. „Wir glauben, die beste Person, um Angebote für Sie auszusuchen, sind Sie selbst“, wirbt Waitrose für die Aktion. Und falls Sie nebenbei gerade Ihre Teilumsiedlung nach Großbritannien planen, um eine günstige Nutella-Quelle zu erschließen, warten Sie noch ein Momentchen: Die Sache hat natürlich einen kleinen Haken.

Zum einen ist die Aktion zunächst bis September begrenzt; zum anderen grenzt Waitrose ein, für welche Artikel der Deal gilt. Vorerst können Kunden aus 950 unterschiedlichen Produkten auswählen, die Hälfte davon sind Markenartikel, die andere Hälfte Waitrose-Eigenmarken, viele frische Produkte, die zur Saison passen sollen, berichtet der Guardian.

Genau das ist der entscheidende Kniff: Weil alles, was frisch gekauft wird, auch oft gekauft wird.

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Payback wanzt sich mit „Payback vor Ort“ an Kunden im Laden ran

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Sollten die Smartphones ahnungsloser Supermarktkunden demnächst Samba tanzen, sobald ihre Besitzer eine Filiale von Rewe oder Real betreten, ist mit großer Wahrscheinlichkeit das Bonussystem Payback schuld. Das plant derzeit einen großen Schmeichelangriff auf seine Mitglieder, und zwar mit dem neuen Dienst „Payback vor Ort“.

Wer sich dafür freischalten lässt und die Payback-App auf dem Handy installiert hat, soll künftig direkt im Laden umgarnt werden: mit „Willkommens-Bannern“, einem Hinweis darauf, welche Rabattcoupons noch aktiviert werden sollten, persönlichen Angeboten und Feedback-Fragen. So steht’s zumindest in den Datenschutzbedingungen, die nach der Installation in der Payback-App auf dem Smartphone abrufbar sind.

„Vor Ort“ ist Paybacks Einstieg in den Markt ortsbasierter Kundenlockmittel. Vereinfacht gesagt: Das Programm will künftig nicht nur über den Kassenzettel feststellen, wann jemand im Laden eines Partners war – sondern schon vorher: dann, wenn er gerade im Laden steht. Und womöglich noch beeinflusst werden kann.

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Zum Kleben gezwungen: Aldi verschenkt jetzt auch Sammelbilder

Wegschauen, Kinder! Dem Zebra hat jemand die Hufe abgeschnitten! Sammelaktion "Die Welt in Farbe" bei Aldi Süd

Haben Sie den einsamen Flamingo schon doppelt (Nummer 32)? Die verdutzt guckende Affenbande (Nummer 91)? Fehlt Ihnen gar der neuseeländische Zungenraustreck-Māori mit dem Goldrand (Nummer 80)? Dann sammeln Sie vermutlich „Die Welt in Farbe“. (Oder haben, falls nicht, einfach eine rege Fantasie.)

Seit zwei Wochen werden Discount-Kunden beim Einkaufen mit Tütchen belohnt, in denen jeweils fünf Sammelbilder stecken, herausgegeben vom Klebeimperium Panini und seriositätsbesiegelt durch den Herkunftsaufdruck „National Geographic Kids“. Und obwohl zahlreiche leidgeprüfte Eltern bestätigen dürften, dass solche Aktionen im deutschen Handel längst nichts Besonderes mehr sind, ist diese eine Ausnahme: Weil „Die Welt in Farbe“ bei Aldi Süd passiert, dem (bislang) letzten Bollwerk der Treueaktionverweigerung.

Jeweils für 10 Euro Einkaufswert gibt’s an der Kasse ein neues Päckchen Kleb-Stoff. Wer das dazugehörige Album vollstickern mag, kann sich schon mal mit dem Gedanken anfreunden, jetzt im Laden die Vorräte fürs nächste Osterfest zu erwerben. (Oder für 39 Cent einfach Tütchen dazuzukaufen, aber das dürfte auf Dauer eher zur Mangelernährung führen.)

Am Ende der sechswöchigen Aktion lädt der Discounter sogar zum Doppler-Tausch in seine Filialen.

Und wenn Sie bitte kurz nachschauen würden, ob zwischendurch die Pforten zur Hölle zugefroren sind, könnten wir kurz klären, warum das eine kleine Sensation ist.

Weil Aldi keine Sammelbildaktionen macht. Basta.

Zumindest war das bisher die Politik des Unternehmens. Andererseits hätte sich vor ein paar Jahren vermutlich auch niemand vorstellen können, dass Aldi eigene Veggie-Produkte ins Regal stellt, eine Luxus-Eigenmarke entwickelt, große Markenprodukte ins Sortiment aufnimmt und seine Läden erkennbar renovieren würde. Der Aldi-Süden war dem Norden zwar schon immer ein paar Modernisierungsschritte voraus, die erste Sammelbildaktion ist nun aber ein Bruch mit einer alten Regel, von der im Konzern vermutlich niemand gedacht hätte, dass sie mal gebrochen würde. Die Regel lautet: Aldi macht, was Aldi für richtig hält – und nicht, was die Konkurrenz für richtig hält.

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Lidls Asia-Lockruf: Discount-Eigenmarken gestern und heute (2)

Auf Plakaten und im ungewöhnlich durchdesignten Wochenprospekt bewirbt Lidl derzeit „unsere größte asiatische Woche“. Wobei das Bemerkenswerte daran gar nicht die unfassbare Zahl an Fertigessen-Quatschartikeln ist, die marktmittig in Gitterinseln aufgetürmt wurden und deren Inhaltsangaben reichlich böse Überraschungen für nussallergische Vegetarier bereithalten. („Kann Spuren von Erdnüssen, Soja, Sesamsamen, Fisch und Krebstieren enthalten“ steht z.B. auf der eigentlich rein gemüsigen Thai-Fertigsuppe.)

Bemerkenswert ist vielmehr das neue Design, das Lidl seiner Eigenmarke „Vitasia“ verpasst hat. Es ist: sehr bunt.

In der Neckarsulmer Lidl-Zentrale sind ein paar Farbeimer explodiert: Neues "Vitasia"-Design

Bisher waren die Produkte, die ungefähr zweimal pro Jahr in Aktionswochen angeboten werden, unspektakulär schwarz verkleidet. Über den Produktabbildungen stand meist in weißer Schrift der Rufname des Fertigessens. Jetzt gibt es verschiedene Farb-Designs mit unterschiedlichen Schriften für sämtliche, ähem, „Spezialitäten“ der Geschmacks- und Kompassrichtungen „China“, „Thai“ und „India“. (Ich hab da mal was vorbereitet.)

Drin ist zwar mehrheitlich immer noch dasselbe, weil „asiatisches“ Kochen aus Lidl-Sicht offensichtlich vor allem aus Aufbacken, Einrühren, Vollgießen und Dosenöffnen besteht (Abb. oben ist untypisch). Aber die Verpackungen sind jetzt so modern, dass das beim Prospektdurchblättern gar nicht auffällt.

Das aufgepeppte Design ist der neuste Lidl-Streich im Bemühen, sich ein Stück weit vom reinen Billig-Image zu entfernen. Die Botschaft an die – vornehmlich jüngeren – Kunden ist: Wir können nicht nur günstig, sondern auch schick. Zugleich ist es eine Abkehr vom bisherigen Prinzip, Discount-Eigenmarken möglichst genauso aussehen zu lassen wie ihre Markenvorbilder.

Lidl wirbt für seine "größte asiatische Woche"

Bei Lidls Aktionswochen stand schon bisher eher die Länderzugehörigkeit der Produkte im Vordergrund. Jetzt folgt nach und nach der vollständige Abschied vom spärlich-schlichten Design. „Vitasia“ ist die zweite aufgehübscht Ländermarke; im vergangenen Jahr wurde bereits „Italiamo“ verpackungsveredelt. Das scheint gut funktioniert zu haben.

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Alnatura und die Frage: Wie billig darf Bio sein?

Haben Sie schon den ersten Teil des Alnatura-Porträts gelesen? Falls nicht: bitte hier entlang.

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Götz Rehns Bioladenkette Alnatura gehört zu den Gewinnern des Bio-Booms im deutschen Lebensmittelhandel. Allein in diesem Jahr sollen bis zu zwölf neue Filialen eröffnen. Viele unabhängige Betreiber von Biomärkten, die keine eigene Logistik und keine günstigen Eigenmarken im Sortiment haben, sind alles andere als erfreut von der wachsenden Kettenkonkurrenz. Vor allem wenn die in ihrer Nachbarschaft aufmacht, weil sie ja dieselbe Zielgruppe hat.

Aus Sicht der Kunden scheint Alnatura aber alles richtig zu machen. Umfragen bescheinigen Rehns Handelskette regelmäßig ein gutes Image. Daran wird die professionelle Eigeninszenierung nicht ganz unschuldig sein. Dass Alnatura in mancher Hinsicht den selbst formulierten Ansprüchen hinterherhinkt, scheint für viele Kunden verschmerzbar.

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Bei der Produktion von Eigenmarken ist das hessische Unternehmen mit der Transparenz bisher arg zurückhaltend: Hersteller sind auf den Verpackungen nicht angegeben. Selbst Discounter wie Lidl und Penny sind da auskunftsfreudiger. Rehn klingt ausweichend, wenn er sich dazu äußert:

„Alnatura arbeitet mit eher kleinen Firmen zusammen und hatte mit diesen Herstellern gemeinsam noch nicht das Selbstbewusstsein, das offener zu kommunizieren.“

(Vielleicht auch bloß nicht die Lust, sich die Lieferanten von der Konkurrenz abwerben zu lassen.) Er verspricht aber:

„Wir arbeiten daran, mehr Transparenz zu schaffen. Derzeit kümmern wir uns um neue Packungsentwürfe. Da kann es gut sein, dass sich schon etwas tut.“

Als vor drei Jahren öffentlich diskutiert wurde, dass Alnatura-Mitarbeiter nicht tarifgebunden bezahlt würden, war das in den Zeitungen natürlich ein Skandal. Rehn beugte sich dem Druck (siehe Interview in der „Süddeutschen“).

Und dann ist da, wie gesagt, Payback: Das von Kritikern als Datensammelkrake verachtete Bonusprogramm, das den teilnehmenden Händlern den direkten Zugang zu Kunden und deren Einkaufsverhalten ermöglicht. Wer sich angemeldet hat, zeigt an der Kasse seine Karte vor und kriegt Bonuspunkte gutgeschrieben, die er später für Gutscheine oder Prämien einlösen kann. Man braucht schon viel Fantasie, um zu verstehen, wie das zu einem Unternehmen mit einer Philosophie wie Alnatura passen soll. Payback ist reine Ökonomie: Du kriegst meine Daten, ich ein paar Cent Rabatt.

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