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Zur Geschichte des Brötchenknasts: Haben Sie heute schon eine Backware kontaminiert?

"Freshly baked today": Brotkörbe bei Sainsbury's

Es ist der Alptraum jedes deutschen Hygienevorschriften-Regelausdenkers: Ein offen im Laden herumstehender Korb mit aufgebackenen Brötchen und Teilchen, die jederzeit von unbefugter Kundschaft betatscht werden könnten. Und trotzdem sind die Frischluftkörbe (wie bei Sainsbury’s in Großbritannien, siehe Foto) in vielen Ländern Standard.

Manchmal stehen sogar ganze, hübsch dekorierte Tische frei beniesbar herum, wie bei Tescos “Bakery Project”!

Tescos "Bakery Project": Frische Backwaren, frei beniesbar im Laden liegend

Bei uns nicht.

Deutsche Supermärkte bauen monströse Theken in ihre Läden, aus denen Roggenbrötchen erst nach Überwindung gitterhafter Hindernisparcours und Plastikklappen herausgefischt werden können. Gerade erst hat Penny aufgerüstet.

Nicht umsonst werden die Stationen im, ähm, Volksmund deshalb “Brötchenknast” genannt. Schuld an besagtem Backwarenvollzug sind aber nicht (nur) die Supermärkte und Discounter, sondern die “Lebensmittelhygienischen Anforderungen an die Abgabe von Brot, Kleingebäck und Feinen Backwaren in Selbstbedienung”, wie sie zum Beispiel das Bayerische Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit übersichtlich zusammengestellt hat (pdf).

Und Regelungen, wie sie in der neuen DIN-Richtlinie 10535 stehen, die sich um “Backstationen im Einzelhandel” kümmert und voraussichtlich im August veröffentlicht werden soll. (Bisher gibt es sie lediglich als Entwurf, die Einspruchsfrist ist gerade abgelaufen, jetzt werden Änderungen eingearbeitet.)

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Grünes Licht für neue Lebensmittel-Kennzeichnung: Macht Tesco uns was vor?

Wahrscheinlich haben Sie’s immer geahnt: Kekse machen gar nicht schlank; Chips gehören doch nicht zu einer vollwertigen Ernährung dazu; und die Extraportion Milch verwirkt ihren Vorteil, wenn man dafür erst eine dicke Schokoladenschicht abnagen muss.

Weil es aber haufenweise Lebensmittel gibt, die noch viel ungesünder sind als ihr Ruf, fordern Verbraucherschützer seit Jahren eine “Ampelkennzeichnung” auf Verpackungen. In den Ampelfarben Rot, Gelb und Grün soll dort angegeben sein, wieviel Fett, Zucker und Salz pro 100 Gramm drinsteckt (rot ist viel, grün ist wenig), damit die Käufer gleich im Markt sehen, was sie da kaufen.

Wie’s derzeit aussieht, wird es diese Ampel in Deutschland erstmal nicht geben. Die EU hat eine verpflichtende Einführung in ihrer “Lebensmittelinformationsverordnung” abgelehnt; die Industrie ist sowieso strikt dagegen; und – so ein Zufall – auch die deutsche Regierung konnte sich nicht dazu durchringen, eine eigenständige Regelung aufzusetzen. Dafür haben wir ja unser GDA-System! Kennen Sie nicht? Doch, doch, das sind die bunten Noppen mit den vielen Zahlen drin, die auf vielen Packungen stehen und die Sie nie lesen:

GDA steht für “General Daily Amount”, zu deutsch: “Richtwerte der empfohlenen Tagesmenge”. Die “Tagesmenge” sind die Kalorien, die eine Person pro Tag durchschnittlich zu sich nehmen sollte. Die Industrie sagt: Das ist doch viel genauer als so ein plumpes Rumgeampel! Und die Verbraucherschützer sagen: Es bringt aber nix, wenn die Angabe für Kinder genau dieselbe ist wie für erwachsene Männer – und wenn ihr die Prozentwerte oft für völlig unrealistische Portiönchen angebt, weil eben kein Mensch bloß 30 Gramm Müsli isst.

Jetzt ist in Großbritannien etwas Erstaunliches passiert. Die dortige Regierung verlegte Weihnachten kurzerhand in den Spätsommer und wünschte sich eine einheitliche Nährwert-Kennzeichnung in britischen Supermärkten.

Anfang des Monats erklärte Tesco, Großbritanniens größte Supermarktkette und jahrelang erbitterter Gegner der Rot-Gelb-Grün-Kennzeichnung, sie werde ihre Produkte künftig beampeln. Kurz darauf folgte die britische Aldi-Tochter mit einer ebensolchen Zusage. Und dann Lidl Großbritannien.

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Invasion der Eigenmarken – oder: Warum der Spee-Fuchs so schlecht schläft

Wer im Großbritannien-Urlaub schon mal versucht hat, bei Tesco Orangensaft zu kaufen, der weiß, dass es vorher praktisch gewesen wäre, ein Seminar zur beschleunigten Entscheidungsfindung zu belegen. Weil die Auswahl einen verrückt macht. Soll’s ein Saft mit oder ohne Fruchtfleisch sein (“smooth” oder “with bits”)? Die Bio-Variante? Doch lieber der billigste? In der Flasche oder im Karton? In kleinen Päckchen zum Mitnehmen? Ohne Zuckerzusatz? “100% Not From Concentrate”? “100% Not From Concentrate Pure Squeezed Smooth”? Aus gefrorenem Konzentrat? Und dann wieder: “smooth” oder “with bits”?

Dieser Tesco ist also ein echter Saftladen.

Falls Sie sich den Klick auf die vielen Links gespart haben: bei der aufgelisteten Auswahl handelt es sich ausschließlich um Eigenmarken. Von denen gibt es inzwischen so viele, dass die “echten” Marken in manchem Regal ziemlich untergehen. Nicht nur bei Tesco.

Damit die Kundschaft nicht völlig wahnsinnig wird, erfinden die Supermärkte im Ausland immer neue Mittelmarken für spezielle Zielgruppen oder Anlässe.

Tesco hat “Tesco Indian” im Angebot (indische Fertiggerichte), beim Konkurrenten Waitrose heißen kalorienarme Produkte “Love Life” und (was besonders hübsch ist) Kalorienbomben “Seriously”. Sainsbury’s verspricht für seine “Taste the Difference”-Fertigessen Restaurantqualität. Und Asda hat die von Kunden getestete Marke “Chosen by You” im Programm.

Soweit ist’s in deutschen Supermärkten noch nicht. Kann aber nicht mehr lange dauern.

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Iss erstmal was! Wie britische Bio-Märkte wieder Lust aufs Einkaufen machen

Das Nervige am Einkaufen ist ja die fürchterliche Zweckgebundenheit. Anders formuliert: Es macht einfach keinen Spaß, seinen Einkaufswagen durch lange hässliche Regalreihen zu schieben, um dort das herauszusuchen, was zuhause im Kühlschrank fehlt. Am Ende muss auch noch dafür bezahlt werden und in langen Schlangen darauf gewartet, dass es soweit ist. Anschließend wird man augenblicklich aus dem Laden bugsiert.

Der Kunde hat seine Schuldigkeit getan, der Kunde kann gehen.

Das ist in Großbritannien auch nicht anders – aller Innovationslust zum Trotz. Wer in London durch einen durchschnittlich überdimensionierten Tesco oder Sainsbury’s läuft, staunt zwar über die Vielfalt der Produkte, ein besonders ästhetisches Erlebnis ist so ein Einkauf allerdings nicht.

Braucht ja auch kein Mensch, sagen Sie jetzt. Jedenfalls bis Sie zum ersten Mal in einem Laden gestanden haben, bei dem es selbstverständlich ist, sich auch – wohlzufühlen. Mir ist das neulich im Whole Foods Market in Kensington so gegangen, weil dort alles genau andersherum funktioniert wie im normalen Supermarkt. Statt möglichst schnell wieder rausgeschmissen zu werden, suggeriert einem alles: Bleib doch noch ein bisschen – und nimm dir Zeit!

Das beginnt bei der hellen, freundlichen Ladengestaltung: Regalreihen und Wände sind unaufdringlich erdfarben, selbst im Kellergeschoss gibt es absolutes Neonlichtverbot, trotzdem leuchtet der komplette Laden taghell und ermöglicht sofort einen Überblick, weil die Regale nicht bis unter die Decke hochgezogen sind. Die integrierte Bäckerei ist das Gegenteil des Brötchenknasts der großen Ketten: alles ist luftig-offen, unter den frisch gebackenen Broten stapeln sich die Mehlsäcke.

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Proteste gegen Tesco: Vom Lebensmittelhändler zum Feindbild

Der Abend des 21. April 2011 war kein besonders schöner, jedenfalls nicht im Künstler- und Szeneviertel Stokes Croft der britischen Stadt Bristol, und das lag vor allem daran, dass sich zu später Stunde mitten auf der Straße 160 Polizisten in Kampfmontur und ungefähr 300 ziemlich aufgebrachte Demonstranten gegenüberstanden. Als es mit dem Gegenüberstehen vorbei war, brannten Barrikaden aus Mülltonnen, Steine flogen, Polizisten knüppelten, und am Ende kam ein Haufen Leute entweder ins Krankenhaus oder in eine Zelle.

Grund für den Straßenkampf war nicht die Sparpolitik der Regierung, auch nicht der Protest gegen eine Kriegsbeteiligung der Briten – sondern die Eröffnung einer neuen Supermarktfiliale des britischen Konzerns Tesco auf ebendieser Straße.

Der Laden wurde in dieser Nacht so schwer beschädigt, dass er zunächst wieder schließen musste (Video bei Youtube).

Dabei verliefen die Proteste vorher – weitgehend – friedlich: Nach der Eröffnung versuchten Gegner, im Laden mit Spielgeld zu bezahlen (was ganz lustig ist), andere entschieden sich dafür, ihrem Unmut durch öffentliches Urinieren an die Fensterfront des Ladens Ausdruck zu verleihen (was ein bisschen dämlich ist). Zur Eskalation kam es erst, als die Polizei ein besetztes Haus auf der gegenüberliegenden Straßenseite räumte, weil der Verdacht bestand, dass dort eine Benzinbombe gebastelt wurde, die Tesco treffen sollte. (Ein ausführlicher Bericht dazu steht im “Independent”.)

Im Nachhinein stehen irgendwie alle dumm da: die Demonstranten, die behaupteten, die gewaltbereiten Spinner seien alle von außerhalb gekommen; und auch die Polizei, der vorgeworfen wird, durch ihre massive Präsenz überhaupt erst so viele Leute auf die Straße gelockt zu haben.

Nur einer ist ganz unschuldig aus der Nummer rausgekommen: Tesco. Das ist ein bisschen gruselig.

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