Aldi und die Effizienzlücken im System

Aldi und die Effizienzlücken im System

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In dieser Woche feiert Aldi seinen 100. Geburtstag und war wohl deshalb so milde gestimmt, drei „Stern“-Journalisten ein Produktlager besichtigen zu lassen, damit die feststellen konnten: „Gewiss beeindruckend, aber am Ende ist eine große Halle eben auch nur eine große Halle.“ Das hinderte die Autoren nicht daran, sich trotzdem mit einem achteinhalbseitigen Glückwunschtext im Heft zu bedanken, der sehr ausführlich den Gründungsmythos des Discounts zelebriert. Oder wie Chefredakteur und Autor im Online-Video zum Heft sagen: das „Phänomen“, das „sensationell erfolgreiche Unternehmen“, das „Imperium“ der „legendären“ Albrecht-Brüder. (Schöner hätte es Aldi auch nicht hingekriegt.)

In vielen Texten zum Jubiläum steht jetzt wieder – so wie im „Stern“ –, dass Aldi seinen Erfolg vor allem seinem simplen Konzept zu verdanken hat:

„überschaubares Angebot, niedrige Preise und natürlich: Sparsamkeit, Sparsamkeit, Sparsamkeit“.

Andreas Straub: "Aldi - Einfach billig"

Abgesehen davon, dass sich dieses Konzept gerade in vielerlei Hinsicht ändert (siehe Supermarktblog), hat dieses effiziente System offensichtlich ziemliche Lücken. Die hat Andreas Straub in seinem Buch „Aldi – Einfach billig“ angedeutet, das bereits im vergangenen Jahr erschien.

Straub hat ab 2007 für Aldi Süd gearbeitet, unter anderem als Filial- und Bereichsleiter, und nach seinem unsanften Rausschmiss nicht nur aufgeschrieben, wie ruppig der Discounter mit seinen Mitarbeitern umgeht, wenn er sie loswerden will. Sondern auch, dass die Perfektion, die Aldi gerne zugeschrieben wird, in vielerlei Hinsicht Illusion ist und voller Widersprüche steckt.


Einerseits achtet Aldi sehr genau darauf, die Kosten fürs Personal möglichst niedrig zu halten – andererseits wird das Geld, so schildert Straub es, geradezu aus dem Fenster geworfen: Handwerkeraufträge werden vergeben, ohne Vergleichsangebote einzuholen; vor Filialkontrollen durch das obere Management werden Parkplätze teuer umgestaltet und bepflanzt, damit alles tiptop aussieht; und wenn es was zu feiern gibt, dann schon mal im Luxushotel.

Wie passt das zum – von den Medien so gern gepflegten – Aldi-Image, der Discounter glänze vor allem durch seine strikte Kostenkontrolle? Straub sagt:

„Die Personalkosten stehen extrem im Fokus und werden zwischen den Regionalgesellschaften ständig verglichen. In vielen anderen Bereichen haben sich die Dinge ein bisschen verselbstständigt – so wie in jedem großen anderen Konzern auch. Der Mythos, Aldi sei so extrem sparsam, entspricht nicht der Realität, wie ich sie in meiner Zeit erlebt habe. Vielleicht war das anfangs so, heute profitiert Aldi in erster Linie von den hohen Mengen und entsprechenden Einkaufsvorteilen.“

In seinem Buch erinnert sich Straub auch, wie ein Filialleiter ihm das Aldi-Prinzip zu Beginn seiner Zeit im Unternehmen auf einen einfachen Nenner brachte: „Ware hinten reinstellen, vorne rauskassieren.“

Damit das funktioniert, glaubt Aldi, müsse es strikte Regeln und genaue Anweisungen für die Mitarbeiter geben, die sich in ihrer Pingeligkeit und Selbstverständlichkeit lesen als könnten sie nicht ganz ernst gemeint sein. Zumindest nicht für Leute, die automatisch ihr Gehirn mit zur Arbeit bringen. Straub lässt aber keine Zweifel daran: Aldi meint es sehr ernst mit den Regeln. Und kontrolliert deren Einhaltung.

„Immer wenn im Arbeitsalltag etwas Unerwartetes passiert, denken viele Mitarbeiter gleich: Das ist ein Test. Jetzt bloß nichts falsch machen, das könnte mich den Job kosten. Auf diese Art und Weise wird Druck ausgeübt, der dazu führt, dass sich die Leute linienkonform verhalten.“

Wer sich dem nicht füge, lande auf der Abschussliste, erklärt Straub.

„Es gibt gewisse Regelmäßigkeiten: Wer zu teuer ist, fliegt raus. Wer sich beschwert, fliegt raus. Wer längere Zeit krank ist, fliegt auch raus. Es geht um ökonomische Vorteile. Aber manchmal hatte ich auch den Eindruck, dass willkürlich entschieden wird. Dann musste irgendjemand gehen. Das wurde überall reichlich ausgeschmückt erzählt und dann herrschte wieder Disziplin. So wusste man: Der jeweilige Boss greift durch, es kann jeden jederzeit treffen.“

Viele ehemalige Mitarbeiter, die sich nach dem Erscheinen seines Buchs bei ihm gemeldet hätten, wüssten immer noch nicht genau, warum sie gehen mussten. „Oft werden keine Gründe genannt, es wird einfach vollstreckt.“

Die Logik des Aldi-Systems ist überhaupt nicht so einfach, wie es immer dargestellt wird, sondern für Außenstehende nur schwer nachzuvollziehen. Weil sie so inkonsequent zu sein scheint.

Einerseits bezahlt Aldi seine Angestellten über Tarif. (Nicht aus Freundlichkeit, sondern damit die Mitarbeiter wissen, dass sie anderswo in der Branche nicht mehr soviel verdienen werden, glaubt Straub.) Andererseits müssen leitende Mitarbeiter irgendwann gehen, weil sie eine gewisse Gehaltsstufe erreicht haben und Aldi zu teuer werden.

Die Suche nach Gründen, welche einen Rauswurf rechtfertigen könnten (der immer versucht wird, zu Gunsten des Konzerns in einen Aufhebungsvertrag umzulenken) scheint bei Aldi lange Zeit mehr Kreativität freigesetzt zu haben als die Überarbeitung des Ladenkonzepts – so liest es sich zumindest in „Einfach billig“. Der ständige Personalaustausch muss eine Menge Zeit (und Effizienz) kosten, zumal offensichtlich auch Leute gehen müssen, die ihren Job eigentlich ganz gut beherrschen und damit zum wirtschaftlichen Erfolg beitragen. Neue Mitarbeiter müssen das erst einmal lernen. Straub erklärt sich die Strategie so:

„Natürlich muss ein neuer Filialleiter erst wieder eingearbeitet werden, aber in den ersten fünf bis zehn Jahren bezieht ein junger Mitarbeiter deutlich weniger Gehalt und engagiert sich mehr.“

Dabei ließe sich ein solches Engagement freilich auch anders befördern: indem die Mitarbeiter in die Entscheidungsprozesse eingebunden werden, mit ihrer Arbeit anerkannt, und den Filialleiter, wie Straub es selbst erlebt hat, von sich aus auf Fehler oder Verbesserungsmöglichkeiten hinweisen.

Darauf, dass Zufriedenheit ein viel größerer Motivator für einen reibungslosen Arbeitsablauf sein kann als Angst, scheint bei Aldi nur noch keiner gekommen zu sein.

Drei Jahre war Andreas Straub bei Aldi, und er ist der erste, der seine Erfahrungen im Konzern in diesem Umfang öffentlich gemacht hat. „Für viele ist die Art und Weise, den Job zu verlieren, erniedrigend. Sie haben Angst vor Repressalien und ich glaube, die meisten wollen nicht zurückschauen, sondern die Sache abhaken, um sich einer neuen Aufgabe zu widmen“, sagt er auf die Frage, warum da vorher noch keiner drauf gekommen ist – und ob Aldi nicht damit gerechnet haben muss, dass das mal passiert.

Straub hat es sich zur Aufgabe gemacht, weiter über die Arbeitsbedingungen in der Handelsbranche zu berichten. Er bloggt. Und hat gerade sein neues E-Book „Die Billig-Macher“ veröffentlicht, in dem es nicht nur um die Methoden Aldis, sondern auch die der Konkurrenz geht. („Zum Discountpreis von nur 1,99 Euro“, scherzt er.)

Das eigentlich Kuriose an all dem ist aber: dass Aldi, wenn dort nicht soviel Energie und Zeit in gegenseitige Denunziationen, fantasievolle Abmahnungen und grundlos erzwungene Personalwechsel fließen würde, noch viel effektiver sein könnte als jetzt.

Und damit auch: noch viel profitabler. Wie gruselig.

Foto: Rowohlt

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15 Kommentare
  • Ob jemand, der gefeuert wurde, wirklich sachlich berichtet, kann man erst ein Mal anzweifeln. Ein reines Sachbuch würde vielleicht auch schnell langweilig. Hier noch ein Buch vom älteren Abgänger Dieter Brandes : „Konsequent einfach: Die Aldi-Erfolgsstory“. Das Buch stammt aus der Zeit des klassischen Discounts und ist keine „Abrechnung“. Mir stellt sich auch die Frage, ob die Albrechts das Prinzip überhaupt erfunden haben (wie in den Medien dargestellt). Ihr günstiger Ausgangspunkt in Essen könnte die Wiege das Erfolgs gewesen sein.

    • Lesen Sie das Buch mal, dann wissen Sie, dass Gefeuertwerden bei Aldi quasi der normale Abgang ist. (Es gibt ein Kapitel, in dem Straub schildert, wie eine Verkäuferin in Pension geht – und keiner weiß, wie er sich verhalten muss, weil es nie vorkommt.) Noch dazu liest sich „Einfach billig“ keineswegs wie eine Abrechnung, sondern ist für meine Verhältnisse sehr deskriptiv und fair. (Was nicht bedeutet, dass Straub keine eindeutige Meinung hätte.) Das macht es schwer, so zu argumentieren wie Sie.
      Das, was Dieter Brandes erzählt, trägt meiner Ansicht nach eher zur Mythenbildung bei, nicht zur Aufklärung. Im vergangenen Jahr bei „Günther Jauch“ hätte er genauso gut als Konzernvertreter in der Runde sitzen können.

  • Aldi zahlt seit Jahrzehnten deutlich höhere Löhne als die Konkurrenz im Lebensmitteleinzelhandel. Die obige Erzählung von den möglichst niedrig zu haltenden Personalkosten ist gerade bei Aldi ein Märchen.

    Was von Straub und seinem Machwerk zu halten ist, kann man bspw. beim Wortvogel im Zusammenhang mit einem Spiegelbericht zum Thema lesen:

    http://wortvogel.de/?s=%22billige+polemik%22&p=

    • Es argumentiert sich im Zweifel immer besser ohne die Begriffe „Machwerk“ und „Märchen“.

    • Ich finde die beiden Einträge vom Wortvogel auch sehr lesenswert.
      http://wortvogel.de/2012/06/spiegel-vs-aldi-eine-billige-polemik-1/
      http://wortvogel.de/2012/06/spiegel-vs-aldi-eine-billige-polemik-2/

      Zitat:“Einerseits bezahlt Aldi seine Angestellten über Tarif. (Nicht aus Freundlichkeit, sondern damit die Mitarbeiter wissen, dass sie anderswo in der Branche nicht mehr soviel verdienen werden, glaubt Straub.) “

      Was wäre wohl, wenn Aldi unter Tarife zahlen würde? Ein Aufschrei würde durch die Medien gehen, Ausbeutung etc.

      Haben Sie Herrn Straub mal gefragt warum er gekündigt wurde?

    • Ich weise gerne noch einmal darauf hin, dass es mir um den Widerspruch geht: Einerseits über Tarif bezahlen, andererseits ab einer gewissen Gehaltsstufe absägen. Verstehen Sie, was ich meine? Nicht? Dann war’s vielleicht zu wenig polemisch.

    • Ich hoffe, dass es keine Privatdiskussion wird, verstanden habe ich Ihre Kritik schon (so hoffe ich).
      Einerseits Sparen bei den Personalkosten, andererseits wird das Geld mit vollen Händen rausgeschmissen.

      Zu den Personalkosten wollter ich noch bemerken:
      Müssten es nicht Tausende (?) geben, die alle bei Aldi entlassen wurden, da diese zu teuer wurden.
      Nach Aussagen von Herrn Straub hat dieses Vorgehen System, dann lassen sich doch sicher mehrere Betroffene finden, oder?

      Wie ich den Diskussionen beim Wortvogel (es gibt insgesamt 4 Beiträge, jeder mit eigener Diskussion) entnehmen konnten, wird viel behauptet, aber wenig mit Fakten unterlegt.

      Gibt es Belege für das „Prassen“ bei Handwerkern etc.?

    • Nee, die Diskrepanz ist: Dass die Freundlichkeiten bei der Bezahlung abrupt enden, sobald die Gehaltsstufe zu hoch wird.
      Und ich empfehle jedem, nicht den spiegeligen „Spiegel“-Text zu lesen, sondern das Buch, mit dem auch Freunde von Originaldokumenten auf ihre Kosten kommen. Ich würde sagen, dass darin sicher einige Schilderungen von persönlichen Erfahrungen gefärbt sind, aber die Theorie des persönlichen Rachefeldzugs ist mir zu billig.
      Kurze Gegenfrage: Die Diskutanten bei wortvogel.de müssen Ihnen nicht beweisen, dass Ihre Widerreden realistisch sind?

  • aldi wie auch walmart, schlecker und lidl spiegeln die paranoia und egomanie die beim gewerblichen kleinbürgertum eher die regel als die ausnahme darstellt perfekt wider.

    es geht oft eben nicht um wirtschaftlichkeit beim wirtschaften, beim kunden nicht und auch nicht beim unternehmer. es geht oft viel mehr darum wie man sich damit fühlt.

    was aber beim stets und ständig vom sozialen und wirtschaftlichen abstieg bedrohten kleinunternehmer schon uncharmant wenn auch verständlich ist wird beim daraus entstandenen familienkonzern zur kontraproduktiven monstrosität.

  • Ich glaube wir haben die maximale Untergliederung von Antworten auf einen Kommentag erreicht, daher an dieser Stelle meine Antwort.

    Gibt es für diese Aussage „Freundlichkeiten bei der Bezahlung abrupt enden, sobald die Gehaltsstufe zu hoch wird.“ wirklich Belege?

    Ich habe Herrn Straub keinen persönlichen Rachefeldzug unterstellt, allerdings bleiben die Belege/Beweise für ein „System“ sehr dünn, bzw. sind nicht vorhanden.
    Herr Straub wurde m.W. nach drei Jahren gekündigt, stieg er so schnell die Gehaltsstufen empor, dass er schon zu teuer wurde?

    Generell sollte derjenige der etwas behauptet dies doch auch belegen können, oder?

    • Ich verstehe, dass Ihnen die Beobachtung eines ehemaligen Mitarbeiters nicht ausreicht. Welchen Beleg hätten Sie gerne?
      Und nochmal meine Frage: Für die Widerreden der Kommentatoren in dem zitierten Blog benötigen Sie keine Belege?

  • Soweit ich die Widerreden damals gelesen hatte, wurde dem Spiegel und Herrn Straub vorgeworfen, dass die Belege/Beweise sehr „dünn“ sind/waren.
    Mehr versuche ich auch nicht, eher weniger.
    Wer etwas behauptet, sollte dies hinreichend belegen können, besonders wenn er/sie ein System dahinter vermuten. Bei Systemen sollten sich ausreichend Belege finden lassen, bzw. es gibt starke Indizien.
    Wèlche Beleg ich gerne hätte?
    Sofern es etwas schriftliches gibt, in Art einer Anweisung, sobald Gehaltgruppe > „x“ erreicht, feuern. So etwas dürfte es wahrscheinlich nicht geben, obwohl bei Aldi ein AMS (ALDI Management System) gibt/geben soll.

    Oder eine empirische Ableitung, von 100 Filial- und/oder Bereichsleiter werden 90 % (oder 80 %) beim erreichen der Gehaltsstufe „x“ innerhalb einer Zeitspanne (6 Monate, 1 Jahr) gekündigt. Dies müsste sich durch Betroffene erhärten lassen.

    • Genau das ist ja der Punkt, dass Straub im Buch detailliert und mit vielen Beispielen erläutert, dass Aldi peinlich darauf achtet, sowas i.d.R. eben nicht schriftlich festzuhalten. Ich will Ihnen ehrlich empfehlen, dieses verdammte Buch zu lesen. Danach können Sie’s immer noch unplausibel finden. Aber es bringt jetzt auch nix, wenn wir uns hinstellen und Namenslisten von gefeuerten Mitarbeitern einfordern, die es so nicht geben wird.

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