Wie Lidl sich fürs Zeitalter der Online-Supermärkte rüstet

Wie Lidl sich fürs Zeitalter der Online-Supermärkte rüstet

Inhalt:

Während die gesamte Branche darauf schaut, was Amazon unternimmt, arbeitet Lidl hart daran, Online besser zu verstehen. Das mag weniger Schlagzeilen produzieren, ist aber mindestens genauso wichtig und interessant.

Das Supermarktblog wird unterstützt von

Wie jede Blüte welkt und jede Jugend
Dem Alter weicht, blüht jede Lebensstufe,
Blüht jede Weisheit auch und jede Tugend
Zu ihrer Zeit und darf nicht ewig dauern.

Sie beherrschen Ihren Hermann Hesse, nehme ich an?

Dann herzlich willkommen zum Proseminar Discountlyrik, in dem wir uns gemeinsam ansehen wollen, wie es um die Anwendbarkeit bekannter dichterischer Leistungen auf den hiesigen Lebensmittelhandel steht. In „Stufen“ beschreibt Hesse das Leben als fortlaufenden Prozess, der durch ständige Veränderung gekennzeichnet ist, und mahnt, offen für jeden neuen Abschnitt zu sein:

Es muß das Herz bei jedem Lebensrufe
Bereit zum Abschied sein und Neubeginne,
Um sich in Tapferkeit und ohne Trauern
In andre, neue Bindungen zu geben.

Wer wüsste das besser als Lidl, wo man gerade nach langen Jahren des Klammerns mehrere Stufen auf einmal nimmt, um bereit zu sein zum Abschied und zum Neubeginne. Einer der Grund dafür steht im bekanntesten Vers aus Hesses „Stufen“:

Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,
Der uns beschützt und der uns hilft, zu leben.

Bei Lidl handelt es sich um einen, ähem, „Kochzauber“, und ganz so hoch wie im Gedicht darf man dessen Bedeutung im Unternehmen zwar nicht hängen. Immerhin war das eine eher überraschende Alllianz, als „Gründerszene“ Ende des vergangenen Jahres berichtete, dass der Neckarsulmer Discounter das Berliner Kochboxen-Start-up übernehmen und vor der angekündigten Insolvenz bewahren würde.

Danach ist es um die Kooperation schnell wieder still geworden. Lidl hat die Geschäftsführung neu besetzt, nach eigenen Auskünften arbeitet Kochzauber allerdings weiter so wie vor der Übernahme. Auch an der Warenbeschaffung habe sich nichts verändert, erklärt eine Sprecherin auf Supermarktblog-Anfrage.

Kochzauber-Gutscheine in der Lidl-Filiale?

Im Mai allerdings gab’s doch noch eine öffentliche Annäherung: Vor Berliner Lidl-Märkten warb Kochzauber damit, pro 30 Euro Einkaufswert in der Filiale einen 20-Euro-Gutschein für die Bestellung seiner Boxen zu verschenken (Foto oben). Die Gutscheine gab’s an der Kasse im Scheckkartenformat inklusive hochwertig gedruckter Bestellanleitung.

Es ist das erste Mal, dass Kochzauber im direkten Lidl-Umfeld sichtbar wurde. Und vermutlich nicht das letzte, weil das riesige Filialnetz des Konzerns ideal ist, um das Start-up bekannter zu machen, ohne dafür (wie der zu Rocket Internet gehörende Konkurrent Hello Fresh) teure Plakatflächen buchen zu müssen.

kochzauber02

Eine direkte Verknüpfung der beiden Marken wird es aber auf absehbare Zeit nicht geben, erklärt eine Lidl-Sprecherin:

„Wir planen zukünftig nicht, dass Kochzauber unter der Marke Lidl agiert. Der Lieferservice soll als eigenständiges Unternehmen mit einer eigenen Marke weiterhin am Markt tätig bleiben, das in regelmäßigen Abständen Aktionen durchführen wird.“

Bloß: Wozu ist Lidl dann überhaupt eingesprungen?

Start-up als Experimentierlabor

Weil der Discounter offensichtlich sehr genau weiß, dass er es sich nicht leisten kann, den Anschluss zu verlieren, sobald sich die Bestellung von Online-Lebensmitteln auch in Deutschland auf breiter Front durchsetzt. (Amazons Lieferdienst „Fresh“, der nach einem Bericht des „Manager Magazin“ im Herbst in Deutschland starten soll, könnte dafür ein Katalysator sein.)

Lidl erklärt auf Supermarktblog-Anfrage:

„Kochzauber ist in einem Food-Segment tätig, das sehr vielversprechend ist, was sich auch in dem guten Zuspruch der Kunden widerspiegelt. Durch die Zusammenarbeit mit dem Start-Up-Unternehmen werden wir unsere Kompetenzen im Nach-Hause-Lieferservice deutlich ausbauen.“

Anders formuliert: Das Start-up ist für Lidl ein ideales Experimentierlabor, um sich für den Versand frischer Lebensmittel zu rüsten, Kundenwünsche besser zu verstehen und die Logistik zu optimieren. (Ein Lidl-Branding ist dafür gar nicht notwendig.)


Im vergangenen Oktober überraschte der Neckarsulmer Konzern bereits mit dem Ausbau seines Online-Shops, in dem sich seitdem auch viele Lebensmittel bestellen lassen. Die „Lidl Vorratsbox“ startete nur kurze Zeit nach dem (vergleichbaren) Amazon-Angebot „Pantry“. In beiden Fällen werden ungekühlte, haltbare Lebensmittel und Drogeriewaren vom klassischen Paketdienst nachhause (oder in die Packstation) geliefert. Amazon setzt vor allem Markenware, Lidl hat vornehmlich seine Eigenmarken im Angebot.

lidvorratsbox01

Und während Amazon die Kunden damit irritiert, mehrere Dienste (wie „Prime Now“ und „Fresh“)parallel zueinander aufzubauen, arbeitet der Discounter konsequent an der Weiterentwicklung seines Sortiments.

Zum Start seien über 1600 Artikel online verfügbar gewesen, heißt es bei Lidl. Aktuell gibt es etwa 600 Drogerieartikel und rund 700 Weine. „[Außerdem] haben wir das Sortiment im Bereich Lebensmittel bereits um ca. 400 Lebensmittelartikel erweitert“, sagt eine Sprecherin. „Ziel ist und wird es auch in Zukunft sein, den Shop zur digitalen Erweiterung der Filiale auszubauen und unseren Kunden ein kanalübergreifendes Einkaufserlebnis zu ermöglichen.“

Das heißt auch: Online bietet Lidl sehr viel mehr als im Laden. Variationen bekannter Eigenmarken, etwa Combino-Pasta, sind im Laden nicht regulär erhältlich, auch weil dort auch gar kein Platz dafür wäre. Dazu kommen Deluxe-Artikel, die sonst vor allem in Aktionswochen zu haben sind.

lidlshop03a

Gut möglich, dass Lidl auf diese Weise überschüssige Aktionsware verkauft. Das schafft Platz in den Filialen und reduziert Abschriften. (Dazu äußert sich das Unternehmen allerdings nicht.)

lidlshop04a

Es gibt allerdings auch eine größere Auswahl an Markenartikeln, die sonst nicht oder noch nicht überall in den Lidl-Filialen zu haben sind.

Zugleich bekommt Lidl mit seinem erweiterten Shop so langsam die Tücken des Online-Geschäfts zu spüren. Zahlreiche Produkte sind im Netz mit dem Versprechen „Nur Online“ gekennzeichnet: Combino Bio Nudeln, Fairglobe Multivitamin Nektar, 3 Wetter Taft Gel, Grafschafter Bio Toastbrötchen. Dabei stehen viele dieser Produkte (z.B. alle der genannten) auch im Marktregal. Grund dafür sei ein technischer Fehler, heißt es bei Lidl auf Anfrage. „Wir sind aber dabei, dieses Problem schnellstmöglich zu beheben.“

lidlshop01a

Zugleich setzt sich Lidl einem Problem aus, mit dem viele klassische Händler umzugehen lernen müssen: der Vergleichbarkeit der Preise, vor allem mit sich selbst. Wer mit dem Smartphone durch den Laden geht, merkt schnell, dass einzelne Produkte im dort günstiger sind als im Netz (wenn auch nur um die 10 Cent). Lidl erklärt, grundsätzlich sollten sich die Shop-Preise an denen in der Filiale orientieren.

„Die Preisunterschiede können sich jedoch durch eine standortbezogene Preisgestaltung ergeben.“

Eine Garantie, dass online alles dasselbe kostet wie im Laden, kann Lidl also ebenso wenig geben wie die Konkurrenz. Aber vielleicht ist das etwas, an das sich die Kunden gewöhnen müssen, wenn sie das Schlangestehen im Laden vermeiden wollen.

Eins steht aber fest: Während die gesamte Branche darauf schaut, was Amazon unternimmt, arbeitet Lidl hart daran, Online besser zu verstehen. Besser vor allem, als man das einem Discounter bislang zugetraut hätte. Das mag weniger Schlagzeilen produzieren. Es ist aber mindestens genauso wichtig und interessant, wenn es darum geht, bei welchen Händlern wir künftig unsere digitalen Einkäufe erledigen.

Und Sie wissen ja: Jedem Online wohnt ein Zauber inne.

Fotos: Supermarktblog

Hallo! Schön, dass Sie hier sind...

Darf ich Sie um einen kleinen Gefallen bitten? Im Supermarktblog stehen seit 2011 selbst recherchierte Texte und Analysen zu den Entwicklungen im europäischen Lebensmitteleinzelhandel. Ihre Unterstützung hilft mir dabei, diese Arbeit zu finanzieren und weiter unabhängig berichten zu können. Sind Sie dabei? Geht schon ab 2,50 Euro im Monat und dauert nur eine Minute. Herzlichen Dank! Jetzt unterstützen ⇢

Kommentieren

9 Kommentare
  • Um mich mal poetisch an einer Abwandlung eines Zitates aus der (herausragenden) Fernsehserie „Pastewka“ zu versuchen: Ich HABE mich informiert. Kochboxen sind arschteuer und helfen niemandem! Da bekommt man 13g Parmesam in Plastik eingeschweißt geliefert (weil „ca. 10g“ benötigt werden) und ein Tütchen Cayennepfeffer, da sowas niemand im Haus hat. Je nach Rezept kommt ein bisschen Ausschussobst hinzu (damit meine ich ausdrücklich nicht deformiertes) und angetrocknete „frische“ Kräuter, die man sich mit minimalstem Aufwand im Frühjahr für 20 Euro für 12 verschiedene Kräuter bei spiceboxx bestellen kann und dann im Balkonkasten oder auf der Fensterbank aussetzt und ein ganzes dreiviertel Jahr fett frische Kräuter hat. Kochboxen sind Müll. Immer und in jeder Hinsicht.

  • Eine kurze Ergänzung: Das ist ja ein tolles System, das bei den Kommentaren die „Anführungszeichen“ am Anfang automatisch abwandelt und nach unten setzt. Ohne Ironie: Das find‘ ich klasse!

  • Wie viele Credit Points gibt es für das Proseminar und kann ich die anschließend auch im Lidl-Onlineshop oder bei Kochzauber einlösen? :>

    • Nee, sonst hätte ich ja Anwesenheit überprüfen müssen. Und Sie sind zum Beispiel sehr spät.

  • Interessant finde ich, dass diese Anbieter jetzt wie Pilze aus dem Boden schießen. Schon jetzt drohe ich den Überblick darüber zu verlieren, welche Anbieter es überhaupt gibt:

    Lieferando
    Lieferheld
    HelloFresh
    Foodora
    Emmas Box
    Kochzauber
    Eatclever
    Dinnery
    Diaeko
    Foodist
    Marley Spoon
    Kochboxprofis
    Deliveroo

    Diese ganzen Start-ups sind, so scheint mir, auch allesamt kein bisschen innovativ, sondern kopieren allesamt das gleiche, höhö, Rezept: leckere Bilder online, superdupereinfache Bestellung, hohe Preise (aber muss ja), Lieferung entweder schon fertig oder in den exakt passenden Dosierungen für das romantische Dinner für zwei oder das Familienschlachtfest für vier.

    Was ich aktuell schon eher interessant finde, ist das Konzept von etepetete: Die Idee ist, Biogemüse auszuliefern, das es aufgrund seines Aussehens nicht in die (engere) Auswahl für den Handel geschafft hätte. Natürlich muss man wiederum in Kauf nehmen, dass Gemüse von eigentlich ‚minderem‘ Wert zu Preisen angeboten wird, die der Otto Norma-Verbraucher eher weniger attraktiv finden wird. Aber wenigstens darf hier noch selber geschnippelt und ganz nach Gusto gewürzt werden.

    • Lieferando, Kochzauber und Foodist sind devinitiv das Selbe, aber was hat HelloFresh in der Aufzählung verloren? Und warum fehlt Denn’s?

Archiv