Der rollende Supermarkt: Gorillas verspricht die 10-Minuten-Lebensmittel-Lieferung in Berlin

Der rollende Supermarkt: Gorillas verspricht die 10-Minuten-Lebensmittel-Lieferung in Berlin

Inhalt:

Artikel des täglichen Bedarfs, auswählbar per App, sofort nachhause gebracht: So will Gorillas in Berlin Kund:innen aus dem klassischen Supermarkt herauslocken.

Partner und Sponsoren:

Gorillas sind die größten lebenden Primaten, üblicherweise eher tagaktiv und meist gegen 18 Uhr schon müde; einige von ihnen sind gemeinhin gute Kletterer, schwimmen können sie dafür eher schlecht. Bloß von lange aufbleibenden, fahrradfahrenden Exemplaren ist in der Wissenschaft bislang nichts bekannt gewesen. Vor anderthalb Wochen sind in Berlin die ersten Exemplare dieser Spezies gesichtet worden: beim Ausliefern von Lebensmitteln.

Gorillas heißt der Dienst, der seinen Kund:innen verspricht, ausschließlich per App auswählbare Artikel des täglichen Bedarfs sofort nachhause zu bringen. „Sofort“ im Sinne von – jetzt gleich:

„Delivered in only 10 minutes.“

Zunächst beschränkt sich die Lieferung ausschließlich auf den Stadtteil Prenzlauer Berg (der aber auch über immerhin 165.000 Einwohner:innen verfügt). Das 10-Minuten-Versprechen kann dabei nicht bis in den kletrzten Winkel des Liefergebiets eingehalten werden – aber das zeigt die App vorher transparent an.


Ist auch nicht weiter schlimm: Die Lieferung kommt trotzdem so erstaunlich schnell an, dass man besser nicht noch erst den Müll runterbringt, um auch ja die Türklingel zu hören.


Screenshots: gorillas.io

Für meine Bestellung am Samstagmittag wurden vorab 14 Minuten Lieferzeit (ans andere Ende des Bezirks) veranschlagt; nach 12 Minuten klingelte der Kurierfahrer an der Tür. (Diese Zeitspanne beinhaltet das vorherige Picking der 13 von mir ausgewählten Artikel, inklusive Kühl- und Tiefkühlprodukten sowie frischem Obst, das stückweise abgerechnet wird.)

Bloß Brot und Käse? Geht auch

Gorillas verspricht „Supermarktpreise“ und will lieber nicht als Späti wahrgenommen werden; die Auswahl ist aktuell dennoch vergleichbar und man bekommt alles, wofür man nicht extra nochmal in den Laden will: fürs Frühstück am Wochenende, das schnelle Mittagessen, die Party am Abend. Und für (derzeit) sehr überschaubare Lieferkosten in Höhe von 1,80 Euro. (Mit einem klassischen Supermarktsortiment kann Gorillas aber noch nicht mithalten.)

Einen Mindestbestellwert scheint es momentan nicht zu geben; wer will, kann auch einfach Brot und Käse ordern und kriegt’s gebracht.

Zu lange überlegen sollte man aber nicht: Mit etwas Pech fliegen die Artikel während des Bestellprozesses nämlich wieder aus dem Einkaufswagen raus, weil jemand anderes schneller war. Die allermeisten Artikel dürften nur in sehr geringer Stückzahl vorrätig sein, weil Gorillas auf ein ähnliches Modell zu setzen scheint, wie das amerikanische Vorbild goPuff, berichtete Exciting Commerce am Wochenende. Der US-Dienst wurde 2013 in Philadelphia gegründet und versorgt aktuell Kund:innen in 150 amerikanischen Städten mit einem klassischen Convenience-Sortiment; zu den Investoren gehört SoftBank.

Nach dem Start in Miami verspricht goPuff die Sofort-Lieferung in 30 Minuten. Dafür setzt der Dienst auf eigene Läger in der Stadt, anstatt Picker in klassische Supermärkte zu schicken (wie Instacart, Shipt und Amazon bei Whole Foods Market).

Gemüse, Pasta, Tiefkühlpizza

Genau so macht’s offensichtlich auch Gorillas, wobei die Auswahl zum Start noch sehr viel übersichtlicher ist als die vom Vorbild kommunizierten 2.500 Produkte.

Auffällig ist, dass Gorillas nicht nur klassische Markenartikel im App-Sortiment hat, sondern auch Eigenmarken unterschiedlicher Handelsketten: u.a. Alnatura, Edeka und Kaufland. (Was für einen dezentral organisierten Einkauf spricht.) Darüber hinaus liegt ein wesentlicher Fokus auf vegetarischen und veganen Produkten, für die es auf der Starseite eine eigene Rubrik gibt. Wer Lust auf Hähnchen oder Salami hat, muss auf Tiefkühlgerichte ausweichen.

Es gibt eine Grundauswahl an frischen Lebensmitteln (Bananen, natürlich!), vorrangig in Bio-Qualität. Dazu Snacks, Getränke, auch alkoholische, Eiscreme, Molkereiprodukte und vegane Alternativen sowie eine sehr knapp gehaltene Auswahl an Drogeriewaren und Tiernahrung.

Die Preise spiegeln weitgehend tatsächlich die im Supermarkt, sie sind zumindest nicht wesentlich höher als bei den klassischen Lebensmittel-Lieferdiensten der Händler.

Werbung über Instagram

Wie Gorillas auf diesem Weg mittelfristig Geld verdienen will, bleib vorerst das Geheimnis der Gründer. Im Impressum der Gorillas Technologies GmbH werden Kağan Sümer und Jörg Kattner als Verantwortliche ausgewiesen; bislang radeln die Chefs für ihre Kund:innen auch noch selbst – und versprechen, dass alles noch schneller wird, wenn demnächst E-Bikes angeschafft werden.

Ob Gorillas als zackig gestartetes Proof of Concept angelegt ist oder ob es bereits Expansionspläne für andere Berliner Bezirke bzw. weitere Städte gibt, ließ sich am Montagvormittag nicht in Erfahrung bringen. Für ersteres spräche, dass der Dienst – so gut er bislang auch funktioniert – relativ spontan aufgesetzt wirkt und es an manchen Ecken und Enden noch ein bisschen klappert.

Andererseits: Die GmbH-Gründung lässt auf konkretere Pläne schließen. Ursprünglich hätte der Dienst wohl GetGoodys heißen sollen.

In klassische Werbemaßnahmen scheint Gorillas bislang nicht zu investieren; die Zielgruppe soll – ausnahmslos in Englisch übrigens – eher über Instagram erreicht werden, wo zum Service-Start im Feed von Nutzer:innen geworben wurde, die im Liefergebiet wohnen („Hello Pberg! We’re Gorillas. Ready to order?“).

Sehr flexible Öffnungszeiten

Herzstück der App ist die Auftragsverfolgung, die so souverän funktioniert, wie man das hierzulande allenfalls von Anbietern wie Deliveroo gewöhnt war: Nach Absenden der Bestellung zeigt die App kontinuierlich den Status an, der von von „order receeived“ auf „order confirmed“ umschlägt – bis sich die bzw. der GPRS-getrackte Kurierfahrer:in auf der darüber eingeblendeten Karte auch schon in Bewegung setzt („delivering“).


Screenshots: gorillas.io

Kühlketteneinhaltung gibt’s scheinbar keine; wenn der klassische Lebensmittel-Lieferdienst an die Haustür kommt und Einkäufe am Wagen erst aufwendig vorsortiert, dürften Produkte aber ähnlich lange ungekühlt herumstehen. (Vom Nachhausetragen des Einkaufs aus dem klassischen Supermarkt ganz zu schweigen.)

Die Gorillas-Kern-Öffnungszeiten scheinen aktuell zwischen 9 Uhr und Mitternacht zu liegen; offensichtlich richtet man sich aber nach der Auftragslage. Am Samstagabend erschien in der App abends der Hinweis:

„Today until 2:00 AM.“

Und am Sonntag wurden App-Nutzer:innen per Push-Nachricht charmant darauf hingewiesen:

„Gorillas are very active on sundays.“

(Was angesichts der Diskussion um sonntägliche Späti-Schließungen in Berlin zukünftig aber womöglich eher die Ausnahme sein könnte.)

„radically faster & more convenient“

Für Kund:innen ist Gorillas zum jetzigen Zeitpunkt dennoch eine unschlagbare Liefererfahrung, die dem Anliegen der Gründer durchaus gerecht wird:

„In a World, where human have the technologyto go to the Moon, grocery shopping has to be radically faster & more convenient.“

Die Frage ist, ob dieser Servicelevel gehalten werden kann, wenn die Zahl der Bestellungen steigt und zu Stoßzeiten (mittags, abends) ein ganzer Schwung an Kund:innen auf einmal beliefert werden will – idealerweise, ohne sich permanent für Ersatzartikel entscheiden zu müssen, weil einem das Wunschprodukt wieder aus dem Einkaufskorb weggemopst wurde.

In jedem Fall gehört Gorillas zu den interessantesten Experimenten im deutschen Lebensmitteleinzelhandel, der aktuell ja nicht unbedingt mit übermäßiger Innovationsfreude gesegnet ist. Über Investoren und Unterstützer:innen ist bislang nichts bekannt. Die Gorillas-Gründer waren zuvor u.a. für Hello Fresh und Rocket Internet tätig.

@RalfKotthoff hat die neue Lieferspezies am Wochenende zuerst entdeckt.

Danke an Max!

Titelfoto [M]: Smb/gorillas.io"

Kommentieren

13 Kommentare
  • Aus Kundensicht eine gute, neue Option, aber ich sehe drei Herausforderungen:

    1) Unit Economics im Lager dürften sehr lange sehr schlecht sein. Im Prinzip ist es ein Darkstore mit viel Leerlauf.
    2) Ähnlich wie bei Lieferando wird es konzentrierte Nachfragespitzen geben, z.B. abends oder bei schlechtem Wetter. Dann gibt es entweder keine Fahrer oder lange Wartezeiten. Die 10 Min sind ja bei ein wenig Drehung ja heute schon im PBerg sehr anfällig.
    3) LMIV /Pfand

    • The company has got famous in Berliners and dues to this demand has been rising high.
      1) Economically, there is little or no idle time in the store since orders are coming constantly, riders and employees are on the run most of the time.
      2)10 minutes is critical time in peak hours and populated areas/where traffic runs slower or more stopping at signals. But however bad it gets it normally doesn’t go more than 20 minutes (with exceptions) Because they get more riders in such situations and their logistics is very tight!
      They have dedicated teams of riders who can work in bad weathers too and are very strict about quick deliveries.

  • Wow, das klingt ja interessant und sehr ambitioniert.
    Besonders wenn es auf weitere Bezirke, zumindest im S-Bahn Ring, ausgeweitet wird und sich finanziell tragen soll.
    Um die 10 min ist ja sehr sportlich und in Spitzenzeiten oder bei entsprechendem Verkehr nicht mehr realistisch, aber alles zwischen 30-60 min ist doch schon sehr gut.
    Amazon Fresh wäre bei mir innerhalb von 2h-Zeitfenster möglich und habe ich noch nicht getestet.
    Leider kann ich ohne Prime anscheinen keine Verfügbarkeit der Lieferzeit abfragen. 🙁

  • […] Erste Tests zeigen, dass das Lieferversprechen kein Marketing-Gag ist, sondern zentraler USP und ernstgemeintes Lieferversprechen. Gegenüber anderen Lebensmitteldiensten wie Instacart oder GetNow verfügt Gorillas über eigene Mini-Läger und sammelt die Einkäufe nicht zunächst bei Supermärkten ein und liefert sie anschließend aus. Hinter der App stehen übrigens ehemalige Mitarbeiter von Hello Fresh und Rocket Internet. […]

  • Sehr guter Beitrag!
    Ich frage mich nur, wo die Produkte herkommen… Vor allem Obst udn Gemüse. In Rewe, Edeka und Co ist die Herkunftsangabe enorm wichtig. In der App findet man leider nichts dazu. Da es sowohl Produkte von Edeka, Rewe oder sogar Regionales gibt. Müsste Gorillas das Sortiment von einem Großhändler beziehen. Eventuell kann mich darüber jemand aufklären? 🙂

    • Die Filiale (absolut ungeeignet für ein Unternehmen dieser Art) in unserer Nachbarschaft bezieht täglich mehr als 10 LKW Anlieferungen von verschiedenen Großhändlern, ja!
      Es ist furchtbar!

  • Wem ist denn „in 10 Minuten geliefert“ wichtig? Das Konzept leuchtet mir nicht ganz ein. Als Kunde sind mir Zuverlässigkeit und gute Preise wichtiger.

    • Ich möchte da mal als Kunde Antworten. Mit der Zuverlässigkeit habe ich bisher noch kein Problem gehabt. Die Lieferungen waren immer 5-6 Minuten nach Bestellung an der Haustür. Und das ist nun mal extrem Praktisch wenn abends beim Kochen etwas fehlt oder mach sich einfach eine Flasche Wein und eine Tüte Chips bestellen will. Oder man bestellt sich eine TK-Pizza, und bekommt die noch eh der Backofen fertig vorgeheizt ist. Also ich finde das toll.

      Es macht natürlich keinen Sinn seinen Wocheneinkauf da auf ein mal aufzugeben, soweit ich weiß ist es auch gar nicht möglich mehr als 25 Artikel auf einmal zu Ordern da das ganze ja nun mal in den Rucksack eines Radfahrers passen muss. Aber mal ehrlich, wer unter 70 Jahren macht denn noch einen Wocheneinkauf?

Blog-Unterstützer:innen können sich über Steady einloggen, um Support-Hinweise und Werbung im Text auszublenden:

Archiv