Marqt in Amsterdam: Bargeld? Führen wir nicht

Marqt in Amsterdam: Bargeld? Führen wir nicht

Inhalt:

Dem niederländischen Supermarktkettchen Marqt merkt man an, dass es erst 2008 gegründet wurde – weil es nicht so funktioniert wie die großen Konkurrenten. Nicht mal bar bezahlen dürfen die Kunden an der Kasse.

Partner und Sponsoren:

Das Tor zum Supermarkthimmel und das zur Supermarkthölle sehen sich manchmal zum Verwechseln ähnlich. So wie oben auf dem Bild zum Beispiel.

Wo Sie landen, wenn Sie die Pforte durchschritten haben, kommt ganz auf Ihre Erwartungshaltung an.

Kunden, die sich jeden „Super-Samstag“ bei Lidl im Kalender anstreichen, um günstige Lebensmittel fast kostenlos zu bekommen, die auch bei Edeka am liebsten „Gut und günstig“ kaufen, aber auch Kunden, die ausschließlich Lebensmittel mit Bio-Garantie kaufen, kurz: für alle, die im deutschen Supermarktsystem (a)sozialisiert wurden, ist die niederländische Lebensmittelmarktkette Marqt der Horror. Weil darin fast keine der Regeln gilt, an die sich die Deutschen gewöhnt haben.


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Keine Sonderangebotsbrüllerei: Das Design der Läden passt sich der jeweiligen Lokalität an, und nicht einer zentral designten Gleichförmigkeit. Platz für quietschbunte Sonderangebote oder Werbetafeln gibt es nicht. Dafür schlichte Metalltresen und -regale. Und jede Menge unperfekten Industriehallencharme.

Marqt-Filiale in Amsterdam

Keine Bio-Garantie: Marqt hat reichlich Bio-Lebensmittel im Sortiment, macht daraus aber kein Dogma. Oberste Regel ist stattdessen: Lebensmittel sollen möglichst frisch sein, möglichst regional und – wenn sie verarbeitet sind – möglichst wenig Zusatzstoffe haben.

Kein Bargeld: Für deutsche Kunden dürfte das der größte Schock sein. Immerhin macht der hiesige Handel 54,4 Prozent seiner Umsätze mit Leuten, die an der Kasse ihre Geldbörse hervorkramen und dann nach Scheinen und Münzen suchen. Die Deutschen sind ein Volk der Barzahler und Plastikkartenskeptiker. Der Anteil der Debit- und Kreditkarten ist zwar gestiegen, bezahlt werden damit jedoch vor allem große Beträge. Das EHI Retail Institut hat im vergangenen Jahr festgestellt:

„Auf die Zahl der Transaktionen bezogen sieht das ganz anders aus: Vier von fünf Einkäufen werden noch immer bar bezahlt.“

Bislang gibt es kaum Initiativen des Handels, uns das abzugewöhnen. (Kennen Sie eine? Dann schreiben Sie die doch bitte in die Kommentare.) Marqt hat einfach ein Schild an den Eingang seiner Läden gestellt und weist Kunden freundlich darauf hin, bitte ein Plastikbezahlmittel bereit zu halten. Das sei sicherer und gehe schneller, argumentiert die Kette.

Hinweisschild bei Marqt: ken Bargeld

(Dass es auch günstiger für Marqt ist, steht da natürlich nicht. Geld zu zählen und ohne Schwund sicher vom Laden in die Bank zu bringen, kostet halt auch Geld. Dm hat deshalb die Preise mit den 5er-Endungen eingeführt, um wenigstens den Aufwand mit Cent-Münzen möglichst klein zu halten.)

Alle, die sich mit diesen Besonderheiten anfreunden können, stehen in einem Laden, dem man anmerkt, dass er erst 2008 gegründet wurde – weil er nicht so funktioniert wie andere Supermärkte.

Die Gründer Quirijn Bolle und Meike Beeren wollten einen Supermarkt, der mehr Wert auf die Qualität der Lebensmittel legt, die er verkauft, auf Kontakt zu den Produzenten, auf Geschmack. „Wir fanden, es war Zeit für eine Veränderung“, erklärt Bolle. „Eine Veränderung, wie Lebensmittel in den Niederlanden angeboten werden und wie mit den Herstellern zusammengearbeitet wird.“ Marqt beziehe Produkte ohne Umwege über den Großhandel direkt von den Erzeugern. Deshalb gebe es viele saisonale Produkte im Angebot. Obst und Gemüse könne direkt nach der Ernte im Laden verkauft werden.

Das geht vermutlich auch deshalb, weil die kleine Kette derzeit gerade mal neun Läden umfasst, die meisten davon in Amsterdam, weitere in Rotterdam, Den Haag und Haarlem.

Und weil sie keine Anstalten macht, die großen Konkurrenten zu kopieren. Lebensmittel werden, soweit möglich, nicht in Supermarktmöbeln versenkt, sondern aufgetürmt, angerichtet, präsentiert.

Käsetheke bei Marqt

Dann braucht man auch keine riesigen Werbetafeln aufzuhängen, um den Kunden weiszumachen, dass man „gutes Obst“ am „guten Obst“ erkennt. Die Leute können ja an den Produkten selbst sehen, ob die Qualität stimmt.

Und schmecken.

Probierteller bei Marqt

Fleisch und Fisch werden an metallenen Theken verkauft, über die sich frei in den Arbeitsraum der Mitarbeiter schauen lässt. Die Theke mit dem Backofen sieht nicht wie in anderen Märkten so aus, als sei sie von einem besonders findigen Designer zur perfekten Backstubeninszenierung entworfen worden – sondern so, als würde dort wirklich gearbeitet.

Fleisch- und Fischtheken bei Marqt

Brotecke bei Marqt in Amsterdam

Discount-günstig ist Marqt nicht, Sie können nicht bar bezahlen, und es stehen auch nicht 24 Alternativen ein- und desselben Produkts im Regal. Ob Kunden das jetzt Himmel oder Hölle finden, liegt aber wirklich ganz allein an deren Erwartungshaltung.

Fotos: Supermarktblog

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19 Kommentare
  • Großartig. Ich wäre da ohne zu zögern Stammkunde, so wie ich es derzeit in einem Bio-Supermarkt bin. Ich bin kein Bio-Dogmatiker, das „frisch und regional“-Konzept gefällt mir und ich kommunziere gern mit Menschen, die gern gute Produkte verkaufen (was unter anderem dadurch hervorgerufen wird, dass sei von ihrem Arbeitgeber fair behandelt werden — ich hoffe und vermute, dass das bei Marqt auch so ist).
    Auch wenns abschätzig klingt: Allein die angenehmere Kundschaft, das angenehmere Personal und die angenehmere Atmosphäre des höherpreisigen Bio- (oder Marqt-)Konzepts sind mir das Geld wert.

  • Ich wäre auch Stammkunde.

    Bargeld ist lästig, unhygienisch und unsicher.

    Die Kombination aus Bio und Nichtbio macht ja zumindest Tegut auch. Allerdings scheint das Konzept (Vollständiges Biosortiment und vollständiges konventionelles Sortiment in einem Laden) in Deutschland tatsächlich eine Ausnahme zu sein.

  • Das Regional Versprechen einmal richtig umgesetzt wäre schon eine schöne Sache. Auch wenn dadurch die Verfügbarkeit leidet. Wenn ich Glück habe liegt hier im Edeka mal eine Gurke die wirklich aus der Nähe kommt. Dabei gäbe es hier am Bodensee in 20 Kilometern Umkreis Massenweise Gemüsebauern, Obstplantagen, Fischer, Rinderzüchter und Weinkeltereien deren Hofläden ich selbst abklappern muss. Aber dafür kann ich um die Ecke frischen Hummer aus Kanada kaufen und Gemüse mit Regionallabel drauf das irgendwo 200 Kilometer entfernt aus dem Raum Stuttgart kommt.

  • Also für mich wäre Marqt sicher nicht der Horror sondern das Paradies! 😀
    Ich finde auch das Interieur sehr ansprechend: z.B. hängende Lampen statt kaltes klinisches Licht aus Neonröhren.

    Aber: Ei, der Artikel verdeutlicht unsere (nicht immer schöne) deutsche Mentalität beim Einkaufen! Wir mögen es anscheinend wirklich grell, prahlerisch (wer hat die dickste Wurst… auf dem Grill?) und sind sehr Zertifikat-affin, obwohl Bio doch nahezu Nichts aussagt. Wir haben wohl ganz vergessen oder verlernt, was es heißt, gemütlich einkaufen zu gehen. Wir „wollen“ mit Angeboten terrorisiert werden. Der Markt leitet sich bei uns wohl ab von „marktschreierisch“.

  • Danke für den Tipp, das ist echt interessant; bin an einem Laden von denen schon öfters vorbeigeradelt, aber hab nie reingeschaut, weil es von außen etwas ominös und richtig teuer aussah, aber der Artikel hat mein Interesse geweckt.

    Per Karte zahlen ist in den Niederlanden deutlich weiter verbreitet als in Deutschland: Beim größten Supermarkt Albert Heijn gibt es meist zusätzliche „Nur Karte“-Kassen und wer dort per Selfcheckout zahlt, muss auch auf Karte setzen; selbst ranzige Dönerbuden haben einen Kartenautomat und in einer Kantine und einer Mensa, die ich kenne, kann man auch nur mit Karte zahlen (selbst nen 1,33€ Cappuccino), ebenso an vielen Zugticketautomaten.

    Allgemein hab ich das Gefühl, vor allem bei Albert Heijn, dass die Niederlande etwas „weiter“ ist, was Bequemlichkeit beim Einkaufen angeht:
    – man kann die Produkte während des Einkaufs selber scannen und direkt in den Rucksack tun, muss am Schluss nur den Handscanner abgeben und einfach am Terminal zahlen
    – man kann online exakt die Produkte anschauen, die es im Laden gibt, inklusive Inhaltsangaben; wenn man sich entschieden hat, wird einem in der App dann die Laufroute für den Supermarkt angegeben und inzwischen kann man glaub ich sogar mit der App die Produkte scannen und selbst auschecken
    – es gibt extra Läden, wo man vorher online bestellt und dann direkt die Einkäufe ins Auto geladen bekommt (hab ich noch nicht gemacht, weiß nicht, ob das funktioniert)
    – Läden haben bis 22 Uhr offen, auch sonntags; die to go-Läden teilweise bis 24Uhr
    – gibt kostenlosen Kaffee und Tee während des Einkaufens

    Negativ:
    – meistens keine kostenlosen Parkplätze oder überhaupt keine Parkplätze (liegt aber vielleicht an Amsterdam, da kostet Parken in jedem noch so abseits gelegenen Wohnviertel was)
    – kein Kloßteig, keine Schupfnudeln, keine Gnocchi 🙁 🙁 😀
    – ingesammt Preise teurer als in Deutschland

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    • Etwas weiter bei der Bequemlichkeit. Und deutlich weiter zurück bei der Mündigkeit. Ich möchte nun einmal gerne in einen Supermarkt gehen können, weil ich spontan ein Gebäck und eine Flasche Wasser kaufen will. Einfach mit Bargeld, denn das ist ja Gott sei Dank noch unser universales Zahlungsmittel.
      Ich möchte nicht vorgeschrieben bekommen, dass ich nur mit Karte zahlen kann oder wieviel Trinkgeld ich geben soll.
      Und für mich gehen persönlicher Geschmack und Qualität vor Regionalität, ich kaufe z.B. einen bestimmten französischen Senf, weil er mir besser schmeckt, obwohl es nicht an regionalen Senfmühlen mangelt. Sollte es den Senf aufgrund der eingeschränkten Auswahl zugunsten regionaler Produkte in einem Laden nicht geben, werde ich dort keine Alternative wählen, sondern ihn woanders einkaufen.
      Das Argument für mich, zu einem Supermarkt zusätzlich zum Discounter zu gehen, ist das der persönlichen Möglichkeiten. Wenn ich ohne Auswahl schnell meinen Wagen vollmachen will, kann ich das ganz ohne Routenplaner im Discounter. Da weiß ich, was ich mitnehme und was nicht. Leute wie mich wird man wohl dann eher im Edeka finden als bei Albert Heijn oder Marqt.

  • Um in Deutschland diesen abgewrackten Industriehallen-Charme zu erleben kann man ganz einfach in alte, unrenovierte real-SB-Warenhäuser gehen 😀

    Aber im ernst, so etwas ist ein Nischenprodukt und lässt sich meiner Meinung nach nicht als große Kette aufbauen. Erst recht nicht in Deutschland wo alles billig aber gleichzeitig ordentlich bis kitschig bunt eingerichtet sein muss.

  • Es klingt nach genau der Art von Laden, auf die ich in Deutschland schon lange warte.
    Ich habe mich schon lange gefragt, wieso kein Geschäft strikt auf Regionalität setzt, wo doch vielerorts Bauernmärkte neben einem Kaufland, EDEKA oder REWE profitabel sind. Der Bedarf besteht definitiv, ich würde auch schätzen, dass der Regio-Hype den Bio-Hype beerben wird. Lustigerweise hat LIDL in D meines Wissens nach als erster darauf reagiert – und versucht mir nun, in BaWü Apfelsaft aus Bayern als „aus der Heimat“ zu verkaufen. o.O EDEKA Südwest hat auch eine Marke, die auf Regionalität ausgerichtet ist, jedoch ganz BW, Rheinland-Pfalz, das Saarland und Teile Südhessens als eine Region betrachtet.

  • Ich wohne im Rhein-Main-Gebiet. Da klingt „regional“ für mich eher bedrohlich bei der ganzen Industrie und dem vielen Verkehr. Lieber Biogemüse aus Brandenburg als Kerosingemüse aus Ginsheim-Gustavsburg!

  • Wenn ich mich recht erinnere, hat irgendeine Klamottenkette im Januar 2012 zur Euro-Umstellung einen Sonderrabatt von 20% auf EC-Einkäufe gewährt, um sich das D-Mark-/Euro-Wechselspiel zu ersparen. Und akzeptieren die Selbstverbucherkassen bei IKEA nicht auch nur Plastikgeld? Ansonsten erlebe ich in Deutschland nicht nur die Kunden, sondern auch den Handel EC-kritisch. In vielen kleineren Läden gilt ein Mindestbetrag, unterhalb dem eine EC-Bezahlung entweder nicht möglich ist oder eine Bearbeitungsgebühr verlangt. Aldi Süd hat die Möglichkeit, mit Plastikgeld zu bezahlen, auch erst in diesem Jahrtausend eingeführt, und viele Ticketautomaten in Deutschland akzeptieren bis heute nur bares. Für Kleinbeträge wurde ja mal die „Geldkarte“ eingeführt, die aber fast niemand nutzt.

  • Auf den ersten Blick fand ich diese „nur Kartenzahlung“ Regel nur merkwürdig. Auf den zweiten Blick finde ich dieses Verhalten ziemlich asozial. Allein schon durch die Preisgestaltung schreckt man ja die „ärmeren“ Kundenkreise gut ab – aber mit einer „Kein Bargeld“-Regel verweigert man denen die Teilnahme komplett. Es gibt auch im Jahr 2015 immer noch viele Menschen, die gar kein Konto haben, oder ihr Konto nur für essentielle Sachen wie die monatliche Mietüberweisung benutzen wollen.

    Mal davon abgesehen sehe ich für den Kunden keinerlei Vorteile, nur für den Ladenbetreiber. Im Alltag ist es für mich bequemer, dem Kassierer einfach Bargeld in die Hand zu drücken, als mich auf die Kartenterminals zu verlassen, die notorisch fehleranfällig sind.

    Apropos: Was machen die Betreiber dieses Marktes eigentlich, wenn das System mal ausfällt?

  • Den Kommentar wird zwar keiner mehr lesen weil ich wie immer viel zu spät komme, ABER: So hübsch und scheinbar sympathisch das Konzept auch ist, so ein Laden ersetzt niemals einen echten Supermarkt. Dazu ist das Angebot viel zu klein und zu teuer. Wenn ich einfach nur ein paar Flaschen Wasser kaufen will, zahle ich da gleich ein Vermögen für irgendein linksdrehendes Vulkanwasser. Wenn ich Klopapier brauche, gibt es da die Sorte aus Seidenpapier mit Wasserzeichen.
    marqt ist eben ein Feinkostladen. Ein guter und ansprechender, aber kein Supermarkt. Zumindest in Den Haag ist er sowohl von der Lage her (mitten im Zentrum des Zentrums) als auch von der Aufmachung her genau so ausgerichtet.

  • Marqt hört sich super an.
    Bei uns in Saarbrücken gibt es so etwas ähnliches. Heißt fridel. Da kann man auch ganz entspannt einkaufen – bio oder normal. Die haben auch eine alte Lagerhalle umgebaut. Ist echt klasse!
    Bargeldloses Zahlen gibt es dort leider noch nicht ;-(

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