Regiert Rewe bald das Supermarktgeschäft von Coop Kiel?

Regiert Rewe bald das Supermarktgeschäft von Coop Kiel?

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Künftig soll Rewe bei Coop Kiel sagen dürfen, wo’s langgeht. Das Kartellamt hat signalisiert, eine engere Kooperation könne genehmigt werden, wenn die Parteien zu Zugeständnissen bereit sind. Die Zeit der unabhängigen regionalen Supermarktketten im deutschen Lebensmittel-Einzelhandel neigt sich damit rasant dem Ende zu.

Partner und Sponsoren:

Die Zeit der unabhängigen regionalen Supermarktketten im deutschen Lebensmittel-Einzelhandel neigt sich rasant dem Ende zu: Nachdem Tegut bereits seit dreieinhalb Jahren zur Schweizer Migros gehört und Edeka immer noch um Tengelmann kämpft, hat die Kieler Coop bekannt gegeben, ihre Sky-Supermärkte in ein neues Unternehmen mit dem nichtssagenden Namen „Supermärkte Nord Vertriebs GmbH“ einbringen zu wollen, an dem Rewe mit 55 Prozent beteiligt sein soll.

Anders formuliert: Rewe kann bei Coop Kiel künftig sagen, wo’s langgeht. Das will nur keiner der beiden „Partner“ so explizit sagen.

Das Kartellamt ist ein klitzekleines bisschen deutlicher und gerade meint nach einer ersten Prüfung, die beabsichtigte Kooperation könne in einigen Regionen zu einer „Behinderung des Wettbewerbs“ führen. Eine Genehmigung würde so wohl nicht erteilt. Anders als Edeka beim Kaiser’s-Tengelmann-Deal wird Rewe aber wohl bereit sein, Sky-Märkte in problematischen Regionen an Konkurrenten zu verkaufen. Um nicht ein genauso großes Desaster zu produzieren wie der Rivale.


Und Coop? Hat wohl keine andere Wahl.

Kampf gegen die Großen

Der NDR berichtet, die wirtschaftliche Lage des Unternehmens sei schwierig. Die „Kieler Nachrichten“ schreiben von „Bankverbindlichkeiten in dreistelliger Millionenhöhe“. Um einen neuen Kredit zu gewähren, hätten die Konsortialbanken darauf gedrängt, sich enger an Rewe zu binden, heißt es in verschiedenen Medienberichten.

Mit rund 200 Supermärkten in Schleswig-Holstein, Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg und Hamburg war es dem Kieler Coop-Management in den vergangenen Jahren zunehmend schwer gefallen, sich gegen die großen Ketten, vor allem die Discounter zur Wehr zu setzen. Insbesondere die großen SB-Warenhäuser hatten Probleme bereitet, zwei davon wurden im vergangenen Jahr an Kaufland verkauft. Auch bei den von Aldi und Lidl provozierten Preiskämpfen können die regionalen Ketten kaum noch mithalten.

Dabei hatte sich Coop zuletzt beharrlich geweigert, seine Eigenständigkeit aufzugeben, und 2015 sogar noch eine neue Eigenmarke gestartet. Zwischenzeitlich gab es zudem Gerüchte, Coop wolle die bereits seit längerem existierende Kooperation mit Rewe beenden – 65 bis 70 Prozent seiner Waren beschafften die Kieler laut Kartellamt bislang über den Partner. (Allerdings gab es laut „Lebensmittel Zeitung“ seit 2007 auch eine stille Beteiligung von Rewe an Coop.)

Die Einkaufskooperation ist auch der Grund, weshalb die Kartellwächter nun nüchtern erklären, Coop sei zuletzt ohnehin keine „echte Ausweichalternative für die Lieferanten“ mehr gewesen; für die Beschaffungsmärkte sei die Fusion deshalb unerheblich.

Mehr Einfluss im Norden

Rewe könnte sich durch das gemeinsame Unternehmen mehr Einfluss im Norden Deutschlands sichern. Dass die Marke Coop auf Dauer überlebt, ist unwahrscheinlich. Dem NDR zufolge darf Rewe einige Sky-Märkte direkt in eigene Filialen umwandeln. Im Interview mit NDR1 erklärt Michael Herte von der Verbraucherzentrale Schleswig-Holstein:

„Der Markenname und vielleicht einige Produktlinien existieren noch, aber wenn das ganze operative Geschäft an Rewe geht, dann steckt ja nicht mehr Coop dahinter, sondern in Wirklichkeit sowieso überall Rewe.“

Dazu gehe aus Unterlagen, die dem Sender vorliegen, hervor, dass Mitglieder im Aufsichtsrat ausgeschlossen werden könnten, wenn sie zu oft gegen die Positionen von Rewe stimmten.

Aus dieser Perspektive ist es besonders kurios, dass Coop im vergangenen Jahr noch ein konkretes Interesse an einer Übernahme der Kaiser’s-Märkte in Berlin äußerte – für den Fall, dass eine Ministererlaubnis nicht erteilt würde und Tengelmann die Filialen einzeln hätte abgeben müssen. „Coop hat schon länger ein Auge auf Berlin geworfen, um dort weitere Sky-Märkte zu eröffnen“, ließ sich eine Unternehmenssprecherin damals zitieren.

Taktik oder Realitätsverlust?

Das war offensichtlich reine Taktik. Andernfalls müsste man Coop unterstellen, die Realitäten völlig verkannt zu haben – wenn das Unternehmen einerseits öffentlich darüber spekuliert, ein völlig neues Vertriebsgebiet zu erschließen, wenige Monate darauf aber nicht einmal mehr garantieren kann, im Heimatmarkt zu überleben.

Womöglich gab’s zur rechten Zeit auch einen Schubs vom Partner Rewe. Der hat freilich ein Interesse daran, dass es so aussieht, als seien möglichst viele Wettbewerber an Kaiser’s-Tengelmann-Märkten interessiert, weil sich dadurch die Position von Edeka schwächt.

Rewe und Coop haben jetzt erst einmal bis Mitte August Zeit, dem Kartellamt Vorschläge zu machen, wie sie dessen Wettbewerbsbedenken aus der Welt schaffen wollen (also: welche Läden abgegeben werden). Coop-Vorstand Thorsten Tygges beteuert zwar:

„Für das operative Geschäft bleibt das Management in Kiel zuständig.“

Aber in den Satz kann man sich problemlos ein „vorerst“ reindenken. Als Genossenschaft mit ihren 9300 Mitgliedern, die in das Unternehmen investierten, um dessen Unabhängigkeit im Lebensmitteleinzelhandel zu sichern, ist Coop Kiel jedenfalls gescheitert.

Foto: Supermarktblog

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