Obst und Gemüse im Supermarkt: Kommt gar nicht aus der Tüte!

Obst und Gemüse im Supermarkt: Kommt gar nicht aus der Tüte!

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Haben Sie schon gesehen, was sich deutsche Supermärkte in Großbritannien abschauen können? Prima. Dann lesen Sie doch gleich mal weiter, was besser nicht.

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Hätte der Mensch das Messer nicht erfunden, er wäre ganz bestimmt verhungert. Auf Dauer hätte es sich höchstwahrscheinlich als unpraktikabel erwiesen, das erlegte Mammut immer am Stück zu verspeisen. Ganz zu schweigen davon, dass es in Originalgröße eher schlecht auf den Grill passt.

Messer waren einfach überlebensnotwendig. Jahrmillionen hat sich daran nichts geändert. (Außer natürlich für die Mammuts.) Das ging so lange gut, bis die Menschen anfingen, Supermärkte zu bauen und Manager einzustellen, die überall so genannte Optimierungspotenziale erkennen müssen, damit sie ihren Job behalten dürfen. Auf so eine piefige Werkzeugevolution kann da natürlich keiner mehr Rücksicht nehmen.


Kurz gesagt: Großbritannien könnte heute ein messerfreies Land sein – wenn die Klingen nicht weiter gebraucht würden, um die Plastiktüten aufzuschneiden, in denen die Briten ihr Obst und Gemüse mundgerecht vorportioniert geliefert bekommen. Nicht ganz unschuldig an dieser Entwicklung ist der Laden, der an dieser Stelle gerade erst für seine fantastische Auswahl an frischem Sofortessen gelobt wurde: Marks & Spencer Simply Food. Denn der Erfolg des Sofortessens scheint auf den kompletten Lebensmittelverkauf abgefärbt zu haben.

Wer bei der Arbeit oder unterwegs das Mittagessen verpasst hat, ist froh, wenn er ein fertiges Sandwich oder einen Salat verdrücken kann, ohne es erst zubereiten zu müssen – weil in den meisten Fällen Küche oder Zeit dafür fehlen.

Zum Problem wird das aber, wenn diese – nachvollziehbare – Bequemlichkeit irgendwann zur Selbstverständlichkeit wird, wenn also auch das Obst und Gemüse, das nicht dafür gedacht ist, sofort gegessen zu werden, bereits in Häppchen verkauft wird. Bei M&S Simply Food (aber auch in anderen, klassischen Supermärkten) ist alles schon geschält, gewaschen, zerkleinert und vorportioniert, wenn es im Regal landet. Die Karotten kommen aus Israel, sind „packed in the UK“ und wahrscheinlich irgendwo auf dem Weg dazwischen in Stücke geschnippelt worden. An Radieschen ist jegliches Grünzeug entfernt. Die (natürlich gekühlten) Kartoffeln blitzen blinkblank. Bloß nichts soll darauf hindeuten, dass all die leckeren Sachen mal aus der schmutzigen Erde kamen.

Stattdessen ist alles in sauberes, durchsichtiges Plastik verpackt. Einzeln. Und doppelt. Und dann noch mal.

Das ist ein lustiger Gegensatz: Einerseits legen viele Leute großen Wert darauf, dass das eingekaufte Gemüse nicht einmal um die Welt geflogen wurde bevor es im Einkaufswagen landet, im besten Fall wurde es auch ökologisch verträglich hergestellt – aber nach Garten aussehen soll es nicht mehr?

In deutschen Supermärkten gibt es glücklicherweise mehrheitlich noch Obst & Gemüse, das nicht den Eindruck vermittelt als sei es vorher die Waschanlage gefahren und auf Hochglanz poliert worden; meistens dürfen sich die Kunden sogar selbst aussuchen, wieviel Stangen Porree sie kaufen möchten anstatt vorgepackte Bündel mitzunehmen.

Allerdings macht sich der Vorportionierfimmel auch hier langsam breit. Bei Mischsalaten aus der Tüte (diesen zum Beispiel) mag das ja noch nachvollziehbar sein, weil man dann nicht zig verschiedene Sorten kaufen muss. Aber wer geschälte und eingelegte Kartoffeln aus dem Glas wählt, der muss schon außerordentlich faul sein oder eine schlimme Schälallergie haben. Und die vorgeschnittene, in Ketchup ertränkte Currywurst aus dem Kühlregal gehört eher in die Kuriositäten-Kategorie – ein Gag in Lebensmittelform.

In Großbritannien, so scheint’s, etabliert sich das blitzsauber eingetütete und vorgeschnittene Gemüse allerdings als Standard. Wieviel davon wohl nach ein, zwei Tagen auf den Müll kommt, wenn es nicht verkauft wurde, aber bereits den schleichenden Oxidationstod stirbt?

In diesem Fall ist es ausnahmsweise mal ein richtiger Vorteil, dass deutsche Supermärkte sich oft etwas schwer tun mit Innovationen, und das kann auch ruhig so bleiben. Weil Sofortessen zwar eine gute Idee für zwischendurch ist, aber alles andere ruhig weiter so aussehen sollte als müsste man sich ein bisschen anstrengen, um daraus ein Abendessen zuzubereiten. Alleine schon, damit unsere Kinder künftig beim Urlaub auf dem Bauernhof keinen Schock erleiden, wenn sie zum ersten Mal sehen, wo die kleinen Karotten wirklich herkommen. Nämlich nicht aus der Tüte.

Was meinen Sie?

Fotos: Supermarktblog

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