Wie ein Tiefkühlsupermarkt aus Versehen zum Eigenmarken-Pionier wurde

Wie ein Tiefkühlsupermarkt aus Versehen zum Eigenmarken-Pionier wurde

Partner und Sponsoren:

Wenn Erdbeeren denken könnten: Würden sie sich, wenn sie nach der Ernte ein paar Tage faul rumgelegen haben, einfrieren lassen, um in einer fernen Zukunft für immer existieren zu können?

In einem guten Zukunftsfilm (der erst noch gedreht werden muss) bestimmt.

Zusammen mit all dem anderen Tiefkühlobst und seinen Gemüsekumpels, den grünen Bohnen, den Karotten, dem leicht lädierten (weil bereits zu Röschen zerpflückten) Blumenkohl, ein paar hellsichtigen Hummern, die ihr alternatives Kochtopfschicksal geahnt haben, und den Törtchen, denen ihre Vorherbestimmung als Dessert widerstrebt, würden die Erdbeeren ein Kryoniklabor gründen, sich in flüssigem Stickstoff ertränken und darauf warten, dass sie eines fernen Tages aufgetaut werden. Und dieses Labor, es würde so aussehen:


Wobei das natürlich der Stoff ist, aus dem Alpträume sind: dass auch nur im Entferntesten die Möglichkeit besteht, der zum Filet verarbeitete Lachs könne, mit Spinat ummantelt und in einer zu Fischform gekneteten Blätterteighülle verbacken, irgendwann wieder auferstehen und die Menschheit wegen ihrer Tiefkühlverbrechen heimsuchen.

Sie merken schon: Als Kunde des französischen Tiefkühlsupermarkts Picard fängt man beim erstmaligen Betreten einer Filiale unweigerlich an zu halluzinieren. Das mag daran liegen, dass es selbst für langjährige Bofrost-Kunden gewöhnungsbedürftig ist, einen kompletten Einkauf ausschließlich aus der Tiefkühltruhe zu ziehen.

Oder daran, dass die komplett in weiß gehaltene Ladeneinrichtung zusammen mit den weißen Wänden, den weißen Decken und dem weißen Boden so aussieht, als würde hier demnächst „Anatomie 3“ gedreht.

Einen Preis für Gemütlichkeit oder Modernität gewinnt Picard mit seinen Filialen jedenfalls nicht. Aber immerhin hat das französische Unternehmen welche – im Gegensatz zu deutschen Tiefkühlhändlern, die ihre Kundschaft immer noch direkt anfahren und sich die Ladenmieten sparen. (Ausgeliefert wird bei Picard allerdings auch.)

Abgesehen von der Eignung als Kulisse für die Filmindustrie ist Picard mit seinem Konzept auch deshalb interessant, weil fast ausschließlich Tiefkühlprodukte unter dem eigenen Namen verkauft werden. Und zwar, ursprünglich einmal, nicht ganz freiwillig.

Anfang des 20. Jahrhunderts setzte sich in zahlreichen Ländern die Erkenntnis durch, dass es eigentlich ganz praktisch wäre, wenn Lebensmittel nicht immer sofort verderben würden, bloß weil man sie ein paar Tage liegen lässt. (Eine Ausstellung im Mannheimer Technikmuseum zur Industrialisierung unseres Essens befasst sich derzeit unter anderem mit diesem Aspekt, der Kollege vom F.A.Z.-Feuilleton kann aber nur eine eingeschränkte Besuchsempfehlung aussprechen.)

In Frankreich jedenfalls kam ein gewisser Raymond Picard auf die Idee, Eisblöcke an Pariser Restaurantbetreiber und Privathaushalte auszuliefern, um mit diesem ungeheuer fortschrittlichen Geschäftsmodell seinen Unterhalt zu bestreiten.

Das ging eine ganze Weile gut – bis sich im Laufe der Zeit Apparate durchsetzten, in denen sich Lebensmittel auch ohne Eisblöcke aufheben ließen. (Schauen Sie ruhig mal: Sie haben auch so ein Ding in der Küche stehen!)

Kurz und gut, die Eisblockproduzierende Industrie war erstmal am Ende als plötzlich in jedem Haushalt Kühlschränke und Gefriertruhen standen. Und Picard fasste einen erstaunlichen Entschluss: Er stellte sein Geschäftsmodell komplett auf den Kopf. Anstatt wie bisher Kühlung zu liefern, vertrieb Picard künftig einfach das Essen, das gekühlt (vor allem aber: eingefroren) werden musste. Ab Anfang der 60er wurde Fleisch, Fisch und Gemüse aus dem Katalog (hier: der aktuelle) geliefert. Nach dem Verkauf des Unternehmens in den 70ern öffneten die ersten Läden in Paris – und das Geschäft lief wieder.

Zumindest bis die großen Supermärkte in Mode kamen.

Die hatten auch Tiefkühlprodukte im Angebot, oft sogar günstiger als Picard, vor allem aber landesweit in allen ihren Filialen und deswegen mit großem Einfluss auf die Hersteller, die lieber in großen Mengen die Supermarktketten belieferten.

Picard musste wieder reagieren und wurde vom Lieferanten zum Hersteller. Fortan wurde fast das komplette Sortiment selbst produziert und verpackt. Auf diese Weise ließ sich auch direkt auf die Qualität der Produkte Einfluss nehmen. Zum Discounter ist Picard aber nie geworden. Im Gegenteil: Der Einkauf ist immer noch etwas teurer als im klassischen Supermarkt.

Entscheidend ist aber, dass das Unternehmen damals schon sozusagen unter Zwang etabliert hat, woran sich viele große Supermarktketten heute ebenfalls versuchen: Eigenmarken durchzusetzen, die sich – anders als bei Aldi – nicht unbedingt über einen niedrigen Preis definieren und in der Konkurrenz mit Produkten klassischer Markenhersteller bestehen können. Natürlich denkt bei Rewe, Edeka und Real keiner daran, das Sortiment komplett auf Eigenmarken umzukrempeln. Aber seit einiger Zeit werden die Regale reihenweise mit Produkten vollgestellt, die unter eigenem Namen vertrieben werden.

Der Rest der Picard’schen Unternehmensgeschichte kann übrigens getrost untern Tisch gefallen lassen werden: Seit Jahren wird die Tiefkühlkette von einer Kapitalgesellschaft zur nächsten geschubst, weil jede ein Vielfaches ihrer Investitionen nach ein paar Jahren zurückhaben möchte (anstatt zum Beispiel mal in ein modernes Ladendesign zu investieren).

Aber das ist ja den tiefgefrorenen Erdbeeren egal.

Zumindest bis sie eines Tages aufgetaut werden, sich danach ganz matschig fühlen und realisieren, dass die ganze Obstkryonik völlig umsonst war, weil sie dann ja doch im Quark landen.

Fotos: Supermarktblog

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