„Prime Now“ in Berlin: Amazons Kampfansage an Rewe, Bringmeister und Real

„Prime Now“ in Berlin: Amazons Kampfansage an Rewe, Bringmeister und Real

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Am Mittwoch hat Amazon „Prime Now“ in Berlin gestartet und liefert erstmals auch frische und tiefgekühlte Lebensmittel. Das wird unter anderem den etablierten Lieferdiensten von Rewe & Co. Kopfzerbrechen bereiten.

Partner und Sponsoren:

Der unübersichtlichste Supermarkt Deutschlands befindet sich am Berliner Kurfürstendamm in einem 80er-Jahre-Einkaufszentrum, lässt keinen einzigen Kunden rein und ist trotzdem voller Menschen.

Im Erdgeschoss heult kurz eine Sirene: das Zeichen für die nächste Ein-Stunden-Bestellung. Ein „Picker“ saust die blau beleuchtete Rolltreppe in den ersten Stock hinauf und verschwindet mit seinem Handscanner und einem schwarzen Rollwagen in den engen Regalfluren.

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Dreieinhalb Minuten später spuckt ihn der Metallurwald mitsamt gefüllter Papiertüte wieder aus, die Bestellung wird zurück ins Erdgeschoss verfrachtet und dort einem der E-Bike-Kurier übergeben, der im Hof auf den nächsten Auftrag gewartet hat.


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So funktioniert Amazons „Prime Now“-Dienst, der am Mittwochmorgen in Berlin gestartet ist und Prime-Abonnenten verspricht, Artikel des täglichen Bedarfs innerhalb kürzester Zeit an die Haustür zu liefern. Die Belieferung innerhalb eines wählbaren Zwei-Stunden-Fensters ist kostenfrei. Wer’s noch präziser mag, zahlt 6,99 Euro und kriegt die Sachen in einer Stunde vorbeigebracht.

Und weil Lebensmittel in der App (für iOS und Android), über die bestellt werden muss, ganz weit oben stehen, dürfte der Dienst vor allem den in Berlin etablierten Lieferdiensten der großen Supermärkte Kopfzerbrechen bereiten (Rewe, Kaiser’s Bringmeister, Real).

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Dabei sieht das zweigeschossige Stadtlager in der Berliner City West (Supermarktblog vom April) erstmal überhaupt nicht nach Supermarkt aus. Sondern halt wie eine Mini-Version von Deutschlands größtem Online-Händler: ein Amazönchen.

In den Regalreihen steht Kirschsaft neben Puddingpulver, darüber liegen Zahnbürsten und Rasierklingen, nebenan lugt ein Plastikdino hinterm Maggi-Tütenessen hervor. Beherrscht wird das Durcheinander ausschließlich vom Computersystem, das den Pickern auf den Displays ihrer Scanner zeigt, wo sie als nächstes hinlaufen müssen, um ein bestelltes Produkt einzutüten.

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Damit das besonders schnell geht, liegen die gleichen Produkte an vielen verschiedenen Stellen im Regaldschungel. Große Artikel und Getränkekästen lagern im Erdgeschoss, damit sie nicht unnötig herumgeschleppt werden müssen.

Bis zu vier (farblich gekennzeichnete) Bestellungen werden von einem der etwa 25 Picker in jeder Schicht gleichzeitig bearbeitet.

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Für Amazon ist das alles nix Neues, sondern Teil des täglichen Geschäfts – nur in viel kleinerem Maßstab als in den riesigen Logistikzentren, aus denen mehrmals täglich neue Waren angeliefert werden können. Der größte Unterschied ist, dass der Händler zum ersten Mal auch frische, gekühlte Lebensmitteln verkauft (und damit auch den Zorn der Kunden über die Matschaubergine zu spüren bekommen wird).

Deshalb gehört zum Stadtlager auch ein riesiger begehbarer Eisschrank mit Kühl- und Tiefkühlkammer:

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Drinnen sortieren Mitarbeiter mit Kälteschutzkleidung den Käse, die Butter und die tiefgefrorene Pizza, die für die Lieferung in Isoliertaschen mit Trockeneis gepackt werden und vom Kurier wieder mitgenommen. Der Rest steckt in besagter Papiertüte. (Größere Artikel werden erst gar nicht verpackt.) Damit will Amazon Verpackung vermeiden. Und natürlich: Zeit bzw. Kosten sparen.

20 Prozent der Bestellungen sollen dem Unternehmen zufolge nicht mit dem Auto, sondern mit elektrisch angetriebenen Lastenfahrrädern ausgefahren werden – das gelte auch für die Ein-Stunden-Blitzlieferungen, weil Fahrräder keine Parkplätze suchen müssten. In Berlin kooperiert das Unternehmen mit den Kurierdiensten Go! und InterKEP, die über die nötigen Ortskenntnisse verfügten, erklärt ein Sprecher.

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Müssen die klassischen Supermärkte jetzt zittern?

Schwierig zu sagen. Mit seiner superschnellen Zustellung ist Prime Now in jedem Fall eine Alternative für alle, denen spät einfällt, dass der Kühlschrank zuhause leer sein wird, wenn sie von der Arbeit kommen. Fatal für die etablierten Lebensmittel-Lieferdienste ist zweifellos, dass Amazon für die Zwei-Stunden-Belieferung auf eine Liefergebühr verzichtet. (Es gibt allerdings einen Mindestbestellwert von 20 Euro.)

Was die Vielfalt angeht, kann (und will) Prime Now zum Start eher nicht mit Rewe oder Bringmeister mithalten. Wieviele Artikel aktuell angeboten werden, sagt Amazon nicht. Insgesamt dürfte die Zahl der Produkte fünfstellig sein, der Lebensmittel-Anteil war zunächst nicht in Erfahrung zu bringen.

Allerdings versucht Prime Now auch gar nicht unbedingt, sich als Wocheneinkauf-Ersatz zu etablieren, sondern eben für alles, was jetzt sofort gebraucht wird. Gut möglich, dass ein begrenztes Sortiment da völlig ausreicht: Hauptsache, es gibt Sandwiches und Salate für die Mittagspause und ein Sechserpack Bierchen für den Feierabend. Das könnte eher den Berliner Spätis zum Verhängnis werden, zumal Amazon bis 24 Uhr liefern will.

Anders sähe die Sache freilich aus, wenn Amazon auch seinen Lebensmittel-Lieferdienst „Fresh“ nach Deutschland brächte. In London soll’s in Kürze losgehen.

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Prime Now hat schon jetzt die Bestseller großer Hersteller-Marken parat und bietet ein erstaunlich umfassendes Bio-Sortiment (von Biozentrale). Billigmarken gibt’s ebenfalls: Dreier-Tiefkühlpizza Margaritha für 2,49 Euro ist kein Problem.

An die Erweiterung ist ebenfalls gedacht: Viele Regalreihen im Lager sind noch leer und sollen nach und nach mit weiteren Produkten gefüllt werden.

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Der Nachteil an Amazons Liefer-Quickie ist: Was weg ist, ist weg. Am Mittwoch waren zwei von zehn Artikeln, die ich morgens in den Einkaufswagen gelegt hatte, am Nachmittag schon ausverkauft.

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Auf Ersatzartikel verzichtet Prime Now (aus guten Gründen) komplett, das System zeigt Kunden nur das an, was zum aktuellen Zeitpunkt noch vorrätig ist. Große Lagerbestände gibt es nicht. Jede Kaufland-Getränkeabteilung würde angesichts der zurückhaltenden Amazon-Bevorratung im Stadtlager am Ku’damm nur müde mit den Schultern zucken.

Aktuell fehlen sowieso noch Daten dazu, welche Artikel bei den Kunden besonders gut ankommen. (Die Erfahrungswerte aus dem Ausland helfen gerade bei Lebensmitteln wenig.)

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Der größte Vorteil von Prime Now ist, dass außer Lebensmitteln auch andere Artikel geliefert werden: Spielsachen, Last-Minute-Geschenke, Elektronikartikel. Wer Lust auf einen Smoothie hat, dem bringt der Kurier also nicht nur das benötigte Obst vorbei, sondern gleich auch den Mixer dazu.

Das braucht zwar eigentlich kein Mensch. Mit dem neuen Dienst sorgt Amazon aber dafür, dass sich die Kunden trotzdem daran gewöhnen – und immer stärker an das Unternehmen binden. Dafür nimmt der Online-Händler auch ein bisschen Selbstkannibalisierung in Kauf.

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„Ultraschnell“ kommt Amazon anders als behauptet aber nicht in die ganze Stadt: Für meine Bestellung um 14.39 Uhr am Starttag war das nächste verfügbare Zeitfenster zwischen 16 und 18 Uhr, der arme Kurier hat eine Dreiviertelstunde für die Auslieferung im Berliner Feierabendverkehr gebraucht. Kein Wunder, dass die Ein-Stunden-Blitzlieferung in den Ostbezirken der Stadt derzeit noch gar nicht angeboten wird.

Mag sein, dass sich das nach dem ersten Ausprobierschwung zurecht ruckelt. Falls nicht, geht’s halt doch schneller, im Supermarkt um die Ecke kurz für sein Sandwich Schlange zu stehen.

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Mehr über Amazons Expansionsstrategie hab ich kürzlich für Krautreporter aufgeschrieben.

Fotos: Supermarktblog (Screenshots: Amazon)

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