Herr der 1000 Tiefkühlpizzen (oder wie man einen veganen Supermarkt aufbaut)

Herr der 1000 Tiefkühlpizzen (oder wie man einen veganen Supermarkt aufbaut)

Partner und Sponsoren:

Die meisten Leute haben den Keller voller Kram, den sie nicht mehr brauchen: den alten Schlitten, der mal repariert werden müsste; die Malerausrüstung von der letzten Renovierung, die schon längst mal jemand aussortiert haben wollte; ein paar Kisten, die nach dem Umzug immer noch nicht ausgepackt wurden.

Jan Bredack hat den Keller voller Lebensmittel. Eigentlich sind es gleich drei Keller. Und noch zwei in ein paar Kilometern Entfernung, in denen es immer ziemlich kalt ist.

Da fangen die Probleme auch schon an, wenn man seinen eigenen Supermarkt eröffnen will: Man braucht nicht nur den Platz, um die Lebensmittel in den Laden zu stellen. Sondern auch welchen, wo der ganze Rest bleiben kann, der gerade nicht ins Regal passt. „Ich kann ja nicht wegen fünf Riegeln ein Flugzeug aus Amerika holen“, sagt Bredack, der im Juli in Berlin einen Supermarkt mit ausschließlich veganen Produkten eröffnet hat. Vielleicht hätten es nicht gleich 6000 verschiedene sein müssen.


Doch, sagt Bredack: „Unser Anspruch war, zusätzlich zu den Standardprodukten aus jeder Warengruppe immer auch etwas anzubieten, das einzigartig ist. Das ist natürlich teuer – aber nur so kann sich unser Laden von den Biomärkten unterscheiden, die zum Großhändler gehen und einmal das komplette Sortiment bestellen.“

Derzeit kommt Veganz auf 80 Lieferanten, eingekauft wird auf der ganzen Welt. Vom veganen Aufschnitt aus Polen für 1,59 Euro über die Packungen mit den vier Mini-Eis aus den USA für 5,99 Euro bis zum Himbeertrüffel-Rohkakao im 100-Gramm-Päckchen für 6,59 Uhr aus Ecuador.

Das macht das Sortiment im Laden tatsächlich ziemlich einzigartig. Aber halt auch zu einem ziemlichen Risiko. Gerade ist wieder eine Lieferung im Zoll hängen geblieben, weil der immer haargenau über die Inhaltsstoffe der importierten Lebensmittel Bescheid wissen will. Wenn die Paletten erstmal da sind, brauchen sie nicht nur Platz, sondern müssen auch bezahlt werden, obwohl sie Bredack noch gar nicht weiterverkaufen kann. Und ein Mindesthaltbarkeitsdatum haben die Lebensmittel ja auch. Noch dazu müssen bei vielen Lieferanten Mindestbestellmengen eingehalten werden. Wenn Bredack also ein Produkt nachkaufen will, muss gezwungenermaßen ein Schwung anderer Lebensmittel aus dem Sortiment mitgeordert werden, obwohl es davon vielleicht noch genug im Laden gibt.

Von der Tofurkey-Pizza aus den USA ist neulich wieder eine neue Palette angekommen, mit rund 1000 Pizzen, die direkt ins Tiefkühllager gewandert sind. Im Laden passen gerade mal zehn bis zwölf auf einmal in die Gefriertheke.

Das ist der große Nachteil von Bredacks Idee, anders zu sein als die Mitbewerber: Er hat haufenweise Lebensmittel auf der ganzen Welt eingekauft, die er gar nicht so schnell weiterverkaufen kann, wie er müsste.

„Diese Filiale allein kann niemals wirtschaftlich sein“, sagt der 39-Jährige. Und deshalb muss das Projekt jetzt noch größer werden, als es schon ist.

Voraussichtlich im April kommenden Jahres eröffnet in Leipzig eine zweite Veganz-Filiale, größer noch als die erste. Und im Berliner Stadtteil Friedrichshain kommt eine dritte hinzu, sobald die Verträge abgeschlossen und die Renovierungsarbeiten erledigt sind. Direkt neben einen Kaiser’s-Markt. Mit mehreren Läden kann Bredack schneller verkaufen und muss nicht die Lager randvoll laufen lassen. Wenn es nach dem Gründer geht, soll Veganz noch weiter wachsen: am besten mit Läden im ganzen Land, sofern ein Investor gefunden wird.

Bredacks Projekt ambitioniert zu nennen, wäre untertrieben. Es ist eine Mischung aus Begeisterung, Risikofreude – und vielleicht auch Leichtsinn.

Konsequent zu Ende gedacht ist es trotzdem nicht. Auf der einen Seite legt Bredack Wert darauf, die Leute dazu zu bringen, über ihre Ernährung nachzudenken. Es gibt im Laden zum Beispiel keinen Alkohol zu kaufen, weil er überzeugt ist, dass der „in der Gesellschaft nichts zu suchen hat“. Auf der anderen Seite liegen haufenweise Fertiggerichte und absurde Fleischformimitate in der Kühltheke, und ob die nun aus Tier sind oder nicht: mit gesunder oder auch nur annähernd bewusster Ernährung haben die nichts zu tun.

„Aber das berauscht nicht gleich“, meint Bredack.

Und dann ist da die Sache mit der Regionalität:Es gibt Obst und Gemüse aus der Region, auch Säfte. Aber viele Produkte müssen, bevor sie im Laden landen, um den halben Globus reisen. Selbst wenn Bredack erklärt, dass sich das kaum auf die CO2-Bilanz auswirke, weil die meiste Ware im Container per Schiff komme: ideal ist das nicht. Er sagt: „Wenn wir das Angebot nur auf europäische Produkte beschränken würden, wäre der Laden nur halb so voll.“ Ja – und?

Und das widerspräche wiederum dem Konzept, sich durch Besonderheiten von anderen Läden abzuheben, sagt der Chef. „Wir wollen ja regional sein! Aber die europäische Industrie ist, was die Herstellung veganer Lebensmittel angeht, noch nicht wachgeküsst. Viele haben den Bedarf noch nicht entdeckt. Ich habe die Hoffnung, dass sich das ändert.“

Mit „Veganz“ kann Bredack es beweisen. Und wenn’s nicht klappt – macht er einfach einen Lieferservice für Tofutruthahn-Pizza auf. Der Wareneinkauf ist ja schon erledigt.

Fotos: Veganz/M. Gräser

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