Das Kleingedruckte (1)

Das Kleingedruckte (1)

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Davon, dass Köln in Brandenburg liegt, hat Hans-Christian Ströbele letztes Jahr im Urlaub erfahren. Beim Milchtrinken. „Ich hab am See gesessen und mir zum ersten Mal genauer durchgelesen, was alles auf der Milchtüte stand“, erinnert sich der Grünen-Politiker aus Berlin. „Da hat’s mich fast von der Wiese gehauen.“ Auf der Tüte war in weißer Schrift auf signalrotem Hintergrund geschrieben: „Mark Brandenburg“. Und darunter, in winzig kleinen weißen Buchstaben auf hellblauer Fläche:

„Milch von deutschen Bauernhöfen – Abgefüllt in Köln“

Bald sind die Buchstaben ein bisschen größer: "Mark Brandeburg"-Milch von Friesland Campina

„Ich hab bis dahin immer darauf geachtet, möglichst Milch von ‚Mark Brandenburg‘ zu kaufen, weil ich regionale Produktion unterstützen will“, sagt Ströbele.

„Inzwischen weiß ich, dass die Molkerei einer holländischen Firma mit deutschem Sitz in Heilbronn gehört, die Milch vor allem aus Rheinland-Pfalz und dem Rheinland in Köln abfüllt.“

Und „Mark Brandenburg“ draufschreibt.

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Ist ja auch kein Wunder. Regionalität gehört für deutsche Verbraucher zu den wichtigsten Kriterien beim Einkaufen – noch vor Bio und Nachhaltigkeit. Das hat die Deutsche Landwirtschafts-Gesellschaft (DLG) 2011 in einer Umfrage herausgefunden (siehe auch Supermarktblog). Die Leute wollen Lebensmittel, die aus der Nähe kommen.

Und Ströbele wollte nicht einsehen, dass Milch, auf der „Brandenburg“ steht, überall herkommt – aber mehrheitlich nicht aus Brandenburg.

Also hat er sich beim verantwortlichen Unternehmen beschwert, eine Anfrage an die Bundesregierung gestellt und Briefe an Verbraucherverbände geschrieben. Einer davon, der Berliner Verband Sozialer Wettbewerb, entschloss sich daraufhin, gegen den Hersteller Friesland Campina zu klagen. Und bekam im Juli vor dem Oberlandesgericht Stuttgart in zweiter Instanz Recht (2U 157/12).

Die Richter stellten fest, dass es sich um eine „Irreführung“ der Verbraucher handele: Die Beschriftung „Mark Brandenburg“ werde von den Kunden als Herkunftsangabe der Milch verstanden, die Nennung des eigentlichen Abfüllorts ginge „nachgerade unter“. Im Urteil steht der schöne Satz: Der Begriff „Mark“ werde „nicht nur von Bildungsbürgern, die von einem der Hauptwerke von Theodor Fontane schon gehört oder es gar gelesen haben, sondern jedenfalls von einem erheblichen Teil“ der Konsumenten „als Region, als geographische Bezeichnung verstanden“.

Bis Jahresende kann die niederländische Großmolkerei ihre alten Kartons aufbrauchen. Danach darf die „Mark Brandenburg“-Milch in der jetzigen Verpackung nicht mehr verkauft werden. Sonst muss der Konzern 250.000 Euro Strafe zahlen.

„Eine Täuschung der Verbraucher lag zu keiner Zeit in unserer Absicht“,

erklärt Friesland-Campina-Sprecherin Sybille Erhardt. Bei „Mark Brandenburg“ handele es sich vielmehr um eine eingetragene Marke, die „historisch gewachsen“ sei. Die ehemaligen Brandenburger Abfüllbetriebe sind längst verkauft. Aber die Verbraucher haben sich an die bunten Packungen mit der aufgedruckten Landidylle gewöhnt. Also wird es auch in Zukunft „Mark Brandenburg“-Milch geben. Aus Köln. Erhardt sagt:

„Lediglich der Abfüllort muss augenfälliger als bislang auf der Packung aufgebracht werden.“

Das heißt: Die Schrift wird vielleicht ein bisschen größer. Und das auch nur auf den Milchpackungen. Quark, Kefir und Joghurt von „Mark Brandenburg“ waren nämlich nicht Gegenstand des Verfahrens.

Es wird schon noch genügend Leute geben, die beim Einkaufen weiter nicht so genau hinsehen.

Nachtrag: Stefan weist in den Kommentaren drauf hin, dass es sich Friesland Campina noch ein bisschen einfacher macht: „Mark Brandenburg“ wird einfach verkauft.

Mehr Kleingedrucktes steht am Donnerstag im Supermarktblog.

Foto: Supermarktblog

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