Helau! Alaaf! Lidl geht dieses Jahr als Edeka

Helau! Alaaf! Lidl geht dieses Jahr als Edeka

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Halb Deutschland feiert Karneval und Lidl feiert mit. In einer aufwändigen Aktion hat der Discounter sämtlichen Filialen eine lustige Supermarkt-Verkleidung verpasst. Es ist nur noch nicht ganz sicher, ob Lidl die Kostümierung womöglich ernst meint.

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Weite Teile Deutschlands sind in diesen Tagen lahmgelegt, weil sich Menschen auf öffentlichen Plätzen und in Kneipen treffen, um möglichst originell verunstaltet miteinander zu feiern und sich einer jährlichen Alkoholverträglichkeitsprüfung zu unterziehen. Als Discounter aus dem Volk will Lidl da natürlich nicht außen vor bleiben und zecht so richtig mit! Sogar eine originelle Verkleidung hat sich das Unternehmen zugelegt: Dieses Jahr geht Lidl als Edeka!

Der Supermarkt-Konkurrent ist, außer durch die verzweifelt wirkenden Anknüpfungsversuche an seinen „Supergeil“-Werbehit aus dem vergangenen Jahr, immer noch vor allem durch seinen biederen, aber prägnanten Spruch „Wir lieben Lebensmittel“ und die dazugehörige schiefertafelige Sortimentsinszenierung bekannt. Genau das nimmt Lidl jetzt auf die Schippe.

Eigens für den Karneval 2015 werden in sämtlichen Lidl-Filialen schon seit Wochen Feelgood-Pappen aufgehängt, auf denen vor anthrazitfarbenem Hintergrund Sinnsprüche zu wichtigen Artikeln aus dem Sortiment stehen:

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„Gutes Frühstück erkennt man an der Vielfalt.“
„Gutes Joghurt erkennt man am Geschmack. “
„Gute Wurst erkennt man an der Herstellung.“
„Guten Käse erkennt man an der Reife.“
„Gutes Waschmittel erkennt man an der Reinheit.“

Vielfalt, Geschmack, Reinheit, Lidl. Gnihihi. Nicht schlecht.

Neue Ladendeko bei Lidl

Neue Ladendeko bei Lidl

Die Verkleidung ist ziemlich aufwändig, weil die Tafeln nicht nur die Seitenwände zieren, sondern auch über den Kühltheken hängen. Selbst das Eigenmarken-Mandala, das bisher als Dekoration hinter den Kassen diente, ist der karnevalistischen Selbstverfremdung zum Opfer gefallen. In Blockschrift steht dort nun der Werbespruch „Lidl lohnt sich“ in einer Fotocollage aus Lebensmitteln und glücklich zurecht gephotoshoppten Kundengesichtern.

Neue Ladendeko bei Lidl

Natürlich muss dieser Aufwand lobend anerkannt werden. Am Ende ist’s aber doch unübersehbar: Unter dem Supermarktkostüm steckt immer noch – der gute alte Discounter, bei dem an den Seiten das Billig-Design rausspeckt. Das Anthrazit beißt sich mit den neonfarbenen Preisschildern, die monströsen Kassen sind immer noch grellgelb, die Gittergänge zum Ausgang keinen Deut hübscher geworden. Und die appetitanregenden Bilder, die sich Lidl über die Kühlregale geschminkt hat, kollidieren so hart mit der traurigen Realität wie ein Karnevalsumzugswagen mit Aschermittwoch.

Es braucht also ordentlich Mut, sich so vor die Kunden zu trauen. „Gute Wurst erkennt man an der Herstellung“ an die Wand schreiben und darunter die in durchsichtigen Plastikboxen vor sich hinschwitzenden Industriewürstchen liegen haben – das ist ein gewagter Humor!

Wie? Ist es nicht?

Sie sagen, Lidl meint das ernst? Das ist gar keine Verkleidung, hat auch überhaupt nichts mit Karneval zu tun und die Feelgood-Pappen bleiben womöglich dauerhaft hängen? Dann rechnet die Lidl-Zentrale in Neckarsulm hoffentlich wenigstens damit, dass wir uns diesen etwas lächerlichen Versuch, sich nicht zwischen Billigbleiben und Wertigwerden entscheiden zu können, irgendwie glaubwürdig saufen. Was ab Mittwoch in weiten Teilen des Landes zur üblichen Einkaufszeit wieder deutlich schwieriger werden dürfte. Diese Narren!

* * *

Apropos Kostümieren: Nicht nur den Läden selbst, auch den Eigenmarken verpasst Lidl derzeit neue Outfits. Während Penny sich gerade erst eine neue (alte) Bio-Dachmarke zugelegt hat, deren Logo nun bald das komplette Biosortiment ziert, lässt Lidl seine bisherige Biomarke „Biotrend aus den Regalen verschwinden. Die Produkte bleiben, sie werden bloß umbenannt und kriegen den Namen ihrer konventionellen Pendants mit dem Zusatz „Bio“ verpasst. Biotee heißt neuerdings „Lord Nelson Bio“ (statt „Biotrend“), Biomarmelade „Maribel Bio-Konfitüre Extra“ (statt „Biotrend“) und Milchprodukte „Milbona Bio-Butter“ bzw. „Milbona Bio Frische Vollmilch“ (statt „Biotrend“).

Lidls Bio-Butter und Bio-Milch unter neuem Eigenmarkenlabel

Ob die Umbenennung sämtliche Artikel trifft, sagt Lidl auf Anfrage nicht. Wahrscheinlich ist, dass man sich die größere Bekanntheit der konventionellen Eigenmarken zu Nutze machen will. Bei dem überschaubaren Biosortiment des Discounters hat sich „Biotrend“ nie so richtig durchsetzen können. Übersichtlicher wird’s dadurch im Laden aber nicht: Wer bei Lidl Bio kaufen will, sieht künftig erstmal ziemlich doppelt.

Was dann ja doch irgendwie eine schöne Karnevalsreferenz ist.

Fotos: Supermarktblog

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Kommentieren

15 Kommentare
  • Ich kaufe eigentlich gern bei Lidl ein, aber diese Werbeslogans sind mir völlig suspekt. „Gutes Fleisch erkennt man am Geschmack“, aha ich dachte da spielen inzwischen auch Kriterien wie Regionalität und artgerechte Tierhaltung eine Rolle? „Weil es halt so lecker ist“ wirkt in der Tat wie eine Selbstparodie:
    https://www.youtube.com/watch?v=nCF20xFqUF0

  • Ach! Vor einiger Zeit schrieb ich LIDL an, weil ich auf der Suche nach dem Verbleib der Biotrend-Butter war. Man antwortete mir vage … von einer systematischen Umbenennung keine Rede …

    • Interessant, aber in diesem Blog müssten Sie bitte eine gültige Mailadresse angeben, um mitzudiskutieren. (Wird nicht veröffentlicht oder weitergegeben.)

  • Ich finde die Umbenennung der Bio-Produkte eigentlich sehr gut. Das macht Sinn , zumindest wenn sie es durchziehen. Im besten Falle würde das die Vergleichbarkeit von konventionellen Produkten und Biologisch hergestellten verbessern.

  • “Gutes Joghurt erkennt man am Geschmack. ”

    War das eine österreichische oder schweizerische Agentur, die diesen Satz verfasst hat? In Deutschland (laut Duden) ist der (DER!) Joghurt „männlich“!
    Lidl, Du Zwitterwesen…?!? Halb Discounter, halb Supermarkt?!?

  • Das ist leider Marketing-Geplapper aus dem letzten Jahrhundert. Das Thema ist schon längst durch. LIDL zielt hier nur auf den egoistischen, letzten Moment: Das ignorante Genießen ohne zu wissen, wie es produziert wird.

  • Gutes Fleisch erkennt man in der Tat am Geschmack und deshalb kauf ich es woanders. Das Rinderhack ist jedenfalls ungenießbar: beim Anbraten tritt orangefarbenes Fett aus und es schmeckt einfach nur ölig-nach nichts. Ist mir zweimal passiert, bei unterschiedlichen Lidls.

    Ansonsten sind die Bildtafeln immerhin eine optische Verbesserung, die den Laden weniger steril wirken lassen.

  • Offenbar bereitet man sich auch mit Umbauten auf die Grillsaison vor. Hier sind zumindest nun die Frischfleisch-Truhen mit Ketchup, Majonäse, Senf und Saucen überbaut. Dafür wurden die Überbau-Regale an zwei Tiefkühltruhen nun entfernt, was besonders kurios aussieht.
    „Van Danken“ als Marke für niederländische Produkte mit eigenem Design und markantem orangen Streifen ist auch weg. Der Vla läuft nun unter der normalen MoPro-Marke „Milbona“ (immerhin erkennt man durch deutlichere Farbkennzeichnung nun sofort die Sorte).

  • Die meinen anscheinend auch den neuen Werbespot erst, wo ich erst in den letzten drei Sekunden gemerkt habe, dass es um LIDL ging – als das Logo eingeblendet wurde. Erinnerte mich ein bisschen an den Gaga-Spot von REWE…

  • […] Der Discounter Lidl geht seit Wochen in die Werbeoffensive. Herzstück der Kampagne ist ein überraschend emotionaler, nachdenklicher TV-Spot, flankiert von Anzeigen, Plakaten, Anzeigen, Point-of-Sale-Aktionen und einer eigenen Online-Plattform. Lidl zieht das ganze Register der Handelswerbung, um uns Verbrauchern klar zu machen, was wirklich „gut“ ist – in die Sprache des Handels übersetzt heißt das: Was gute Qualität ausmacht. Nun mögen einige darin den mehr oder minder gut gemachten Versuch erkennen, in die Fußstapfen von Lebensmittelhändlern wie Rewe & Co. treten zu wollen. Der HORIZONT spricht gar von einem „Paukenschlag im Apple-Look“, einem „Big Bang“, der pures Premium-Flair versprühe. Dass Lidl seine Qualitätskampagne ausgerechnet im Umfeld von Karneval startete, veranlasste wiederum den Supermarktblog zu der schmissigen Überschrift „Helau! Alaaf! Lidl geht dieses Jahr als Edeka!“. […]

  • Die sinnlosen Sprüche haben bei mir in den letzten Wochen Eindruck hinterlassen. Lidl ist für mich gestorben. Ich habe noch nie so eine dämliche Werbekampagne erlebt.

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