Mit Gemüse-Bumerang: Alnatura eröffnet in Berlin seinen 100. Markt

Mit Gemüse-Bumerang: Alnatura eröffnet in Berlin seinen 100. Markt

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Aus Repräsentanzgründen hat die hessische Bio-Supermarktkette in dieser Woche ihren 100. Markt in der Berliner Friedrichstraße eröffnet. Und sich wegen des knappen Platzes ein paar hübsche Arrangements ausgedacht.

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Swarowski, Gucci, Escada, Alnatura: So könnte künftig der Einkaufsweg zahlreicher Berlin-Touristen aussehen, die sich nach dem Erwerb eines Slake Swarovski Activity Crystal Sets (169 Euro), einem Paar Princetown Slipper aus Krepp und Satin (495 Euro) und der Tunika Nizza mit Heritage-Print (399 Euro) in der Mittagspause mit einem schmackhaften Couscous-Linsensalat (1,99 Euro, derz. i. Ang.) in Bio-Qualität belohnen wollen. Den muss die (bzw. der) angestrengte Friedrichstraßen-Shopper(in) allerdings im Stehen genießen. Weil auf den 490 Quadratmetern, die die hessische Bio-Supermarktkette an diesem Donnerstag für die Öffentlichkeit freigegeben hat, nun wirklich kein Platz mehr für Sitzgelegenheiten war. Sondern bloß für zwei Stehbalken.

Schließlich muss sich auf die kleine Fläche in Berlins neuer Supermarkt-Mitte (Rewe, Kaiser’s, Hit und dm sind schon in der Nähe) ein ganzer Bioladen quetschen, um draußen stolz dranschreiben zu können, dass das hier der 100. Alnatura-Markt in Deutschland ist.

In Berlin ist es der vierzehnte – und damit reicht es den Hessen in der Hauptstadt gerade mal für Bronze im Wettbewerb der eiligen Bio-Expandierer: Konkurrent Denn’s kommt (auch wegen der Übernahme von ViV) derzeit auf 30 Märkte und eröffnet im Osten der Stadt gerade in jedes Neubau-Erdgeschoss, das die Bauarbeiter nicht rechtzeitig abgeschlossen haben, einen Laden rein. Ungeschlagene Nummer 1 ist weiterhin der Regionalpionier Bio Company (kurz vor 36 Märkte), der gerade ein ehemaliges Pub in einem Kino für seine Zwecke umbaut.

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Da ist’s vermutlich nicht schlecht, um die Ecke der Galeries Lafayette ein Pöstchen zu haben, von dem aus sich nachhause hetzenden Berufstätigen vor Feierabend noch biobekehren lassen.

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Ohnehin hat die Neueröffnung in Mitte am ehesten Repräsentanzgründe. Weil sich selbst mit engagiert Mini-Bio-Avocados einkaufenden Angestellten und taz-Rucksackträgern nur schwer die für die Top-Lage fälligen Mietkosten reinkriegen lassen dürften.

(Zumal die Marktleitung offensichtlich mit schwierigem Publikum rechnet, wenn besagter Couscous-Linsensalat unterm Deckelchen einen Klau-Alarmauslöser aufgepappt hat.)

Immerhin ist’s eine schöne Berlin-Botschaft geworden, die Alnatura-Gründer Götz Rehn am Mittwochabend höchstpersönlich zur Einweihung beehrt hat, während die Passanten draußen beim Reinschielen über die aufs Trottoir drapierten Blumentöpfchen stolperten.

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Die Hälfte der Ladenquerseite wird von einer riesigen (SB-)Bedientheke okkupiert, die den Kunden unmissverständlich kommunizieren soll, was Alnatura hier zelebriert: Frische, Frische, Frische! (Und ein paar abgepackte Standardsandwiches bzw. folienumwickelte Mittagspausen-Wraps, die’s auch bei der Konkurrenz gibt.)

Dass der Markt eingangs sofort mit Backwaren und Käsesortiment glänzt (Frischfleisch in Bedienung gibt’s nicht), führt allerdings zu einem Problemchen: Zwischen Theken auf der einen Seite und Kassen auf der anderen …

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… bleibt nicht mehr viel Platz, sich in den Laden zu schlängeln. Alnatura hat trotzdem einen Weg gefunden, dort die Restfrische unterzubringen. Und dafür den Obst- und Gemüse-Bumerang erdacht: Als Abgrenzung in der Ladenmitte läuft eine niedrige Regalschlange mit Ananas, Bananen, Zucchini und Tomaten in die Ladenmitte hinein und biegt kurz vorher mit elegantem Schwung nach rechts ab, um die Kunden im Anschluss an den Vitamin-Einkauf direkt den Weinregalitäten zuzuführen.

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Das sieht nicht nur sehr gut aus; es ist auch die sanfteste Art und Weise, die Leute so zu lenken, dass sie am ehesten einmal durch den ganzen Markt laufen.

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Einen entscheidenden Nachteil hat der Bumergang allerdings: seine Rückseite.

Die wollten die Ladenbauer verständlicherweise nicht nackt lassen, also stehen dort nun Riesenschütten neben einem Korb-Ensemble, in das mittelmäßig ordentlich Angebotsartikel gekippt wurden. Am Eröffnungstag sah das noch in Ordnung aus. Aber im regulären Betrieb, wenn die Hälfte weggekauft ist und die verehrte Kundschaft die Behälter sorgsam umzugraben beginnt, wird das fürs Ladenpersonal eine echte Ramschvermeidungs-Herausforderung.

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Wer die Schütten erstmal links liegen lässt und auf die Kühlabteilung am Marktende zusteuert, weiß besser schon ganz genau, ob er Vanille- oder Brombeer-Sojajoghurt braucht und welche Tofu-Sorte es heute sein soll. Weil das Feng Shui nämlich gerade in Urlaub war, als das letzte Marktdrittel gestaltet wurde.

Jedes Glastürenöffnen führt automatisch zum Kundenstau dahinter, weil das bisschen Platz im letzten Gang nicht nur von einer Säule blockiert wird, sondern die Marktleitung der Ansicht war, es sei eine gute Idee, dort auch noch eine „Aktionspreis“-Installation unterzubringen.

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Die Tiefkühlabteilung ist ebenfalls voll beschrankt (für Truhen wäre ohnehin kein Platz gewesen), allerdings uninspiriert in die gegenüberliegende Ecke neben den Pfandautomaten geschoben.

Auf dem Weg zur Kasse bricht dann die Naturkosmetik-Regalreihe mit der grashüpfergrünen Öko-Optik des restlichen Ladens und spielt keck beleuchtet ein bisschen dm. (Die ehemalige Kumpelkette, zwischenzeitliche Erzfeindin und frisch wiederversöhnte Ex-Partnerin hat um die Ecke einen riesigen eigenen Laden, in dem die letzten Alnatura-Produkte neben den dm-Bio-Sachen kaum noch auffallen.)

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Anders gesagt: Alnaturas Berlin-Mitte-Abenteuer ist beim Reingehen ein echter Hingucker – und gibt den Kunden, die dem Lockruf von Frischetheke, Obst-Bumerang und Weinfässchen-Stilleben erlegen sind, zahlreiche Gründe, sich dann doch möglichst schnell an der Kasse anzustellen.

Das wird den Mini-Bio-Avocado-Käufern egal sein, wenn sie zufrieden ihren Heimweg antreten. Und darüber, dass die topschick klingende Ladenadresse „Friedrichstraße 191“ eigentlich geflunkert ist, wollen wir geflissentlich hinwegsehen. (Der Laden liegt eigentlich in der Kronenstraße, die seitlich abgeht; da der Gebäudekomplex aber auch an die Friedrichstraße grenzt, dürfen die Mieter offensichtlich die schickere Adresse nutzen.)

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Pardon, jetzt hab ich Sie aufgehalten. Weitershoppen, bitte! Ach, bringen Sie mir ein Paar Halbschuhe aus rotem Aal mit (590 Euro)? (Und bitte fragen, ob Bio-Aal.) Danke sehr!

Fotos: Supermarktblog

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10 Kommentare
    • Klar, kommt aber ja immer drauf an, auf welchen Produkten. (In der Regel kommt das eher bei hochpreisigeren Artikeln zum Einsatz.)

  • Den Gemüsebumerang hat Denn’s schon länger in seinen Läden, allerdings kann ich auf Anhieb nicht sagen, was da auf der Rückseite angebracht ist – obwohl ich 2x pro Woche da vorbeilaufe.

  • Solche geschwungenen Gemüseabteilungen hat hier auch jeder Edeka mitten im Laden. Bei beiden sind an der Rückseite die Zeitschriften, eine Kasse und noch irgendwas in normalen Regalen, aber nichts mit Schüttgut.

    • Gibt’s hier auch bei einem neu eingerichteten Kaiser’s. Da sind auf der Rückseite Haushaltsartikel (Eierschneider, Rührbesen und so Zeugs), Schreibwaren und Batterien.

  • Die Überschrift kann man aber auch ganz schön falsch verstehen. Mit hundert Märkten in Berlin wäre die Alnaturamärkte-pro-Einwohner-Dichte in der schmutzigen Hauptstadt sogar noch etwas höher als im grünen Tübingen.

  • Nee, wie der andere Götz ist der Alnatura-Götz der Meinung, dass Mitarbeiter eher auf Theaterworkshops und esoterische Projektarbeit stehen, als auf faire Löhne und Arbeitsbedingungen. Es geht schließlich nicht um schnöden Mammon, sondern um die Selbstverwirklichung als zufriedener Teil eines großen Ganzen – und sei es beim Regaleinräumen.

    • @Thomas:

      Der Meinung sind die Verantwortlichen konfessionsgebundener Einrichtungen im Bereich Sozialwesen und Gesundheit auch …

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