Albert Heijn und Takeaway.com: Werden Supermärkte und Lieferessen-Dienste 2019 zum Dream-Team?

Albert Heijn und Takeaway.com: Werden Supermärkte und Lieferessen-Dienste 2019 zum Dream-Team?

Inhalt:

Das niederländische Lieferando bringt Kunden in Amsterdam Mittagessen aus dem Supermarkt nachhause oder an den Arbeitsplatz. Wetten, dass diese Kooperation 2019 nicht die einzige ihrer Art bleiben wird?

Partner und Sponsoren:

Instacart bringt Kunden in den USA ihre online bestellten Lebensmittel aus Supermärkten nachhause. Jetzt sofort. Gerade haben die Amerikaner angekündigt, sich nach und nach von ihrem bisherigen Partner Whole Foods zu verabschieden und ihre Lieferstationen in dessen Läden aufzugeben. Hintergrund ist die Übernahme der Biomarktkette durch Amazon, das Whole Foods seitdem konsequent zum Prime-Supermarkt ausbaut und in rasantem Tempo den eigenen Schnelllieferdienst Prime Now in den Filialen installiert (siehe Supermarktblog).

Das führte in den vergangenen Monaten zu der kuriosen Situation, dass in manchen Whole-Foods-Märkten Bestellungen von Instacart und Prime Now parallel zueinander kommissioniert wurden – wobei natürlich ausschließlich Prime-Now-Besteller in den Genuss der Rabatte und Vergünstigungen kamen, für die in den Läden umfassend geworben wird.

Amazon hat sich also mächtig angestrebt, dafür zu sorgen, dass Instacart nicht darauf besteht, seine mehrjährige Vereinbarung mit Whole Foods bis zum bitteren Ende zu erfüllen. Instacart wiederum hatte reichlich Zeit, neue Partner aus dem Handel für seinen Dienst zu akquirieren.


Aus europäischer Sicht ist das ein merkwürdiger Kampf. In den allermeisten Ländern diesseits des Atlantiks ist die Schnelllieferung aus dem Supermarkt nie übers Teststadium hinaus gekommen. Der Instacart-Klon Shopwings segnete schon 2015 das Zeitliche. Mit Prime Now kommt Amazon hierzulande nicht so recht in die Gänge und hat in diesem Jahr eher Rückschritte gemacht (siehe Supermarktblog); gerade meldete die „Lebensmittel Zeitung“, dass sich (nach Basic und anderen) im nächsten Jahr auch Rossmann als Prime-Now-Partner verabschieden dürfte. Das war abzusehen. Eigene Ideen scheinen die Handelsketten aber auch keine zu haben. Einfach mal was ausprobieren? Ist nicht so die Stärke von Edeka, Rewe, Kaufland & Co.

Niederländischer Partner-Verschleiß

Ganz anders als z.B. beim niederländischen Nachbarn Albert Heijn, der schon seit über zwei Jahren mit der Blitzlieferung von Lebensmitteln experimentiert – und dabei zweifellos schon eine ganze Reihe von Partnern verschlissen hat.

Mitte 2016 kooperierte die Supermarktkette mit dem Start-up Tring Tring, das eine „Appie Now“ getaufte App entwickelt hatte, mit der Besteller sich Lebensmittel aus zwei Filialen in Amsterdam per Fahrradkurier nachhause bringen lassen konnten. Kommissioniert wurden die Mini-Einkäufe von AH-Mitarbeitern in den Märkten, die Lieferung war auf 15 Minuten Radelradius um die Märkte beschränkt. Und der Test nach acht Wochen wieder beendet.

Ein Jahr darauf folgte ein neuer Anlauf, diesmal in Rotterdam. Dort übernahm das Start-up Superbuddy die Lieferung der Supermarkteinkäufe per Cargo-Bike, die diesmal über den App-Nachfolger „Rappie“ bestellt werden konnten und innerhalb von zwei Stunden gebracht wurden. Ende November gab Albert Heijn bekannt, die Kooperation nach einem Jahr nicht weiterverfolgen zu wollen.

Gleichzeitig ist Test Nummer 3 gestartet – diesmal allerdings mit einem Partner, der über den Start-up-Status schon weit hinaus ist: dem niederländischen Lieferessen-Dienst Takeaway.com.

100 Artikel für die Mittagspause

Geliefert werden ausschließlich Artikel aus dem Lunch-Sortiment von Albert Heijn to Go, die für den Direktverzehr gedacht sind und von Fahrern des Takeaway.com-Ablegers Thuisbezorgd.nl (dem niederländischen Lieferando) in zwei Filialen in Amsterdam abgeholt werden. Eigene App ist diesmal keine nötig. Die Bestellung erfolgt über die Lieferplattform von Thuisbezorgd.nl, auf der AH to Go mit Pizzerien, Imbissen und Schnellgastronomen in Konkurrenz tritt.


Foto: Albert Heijn

Obwohl diesmal keine keine klassischen Lebensmittel geordert werden können, ist die Auswahl beachtlich: Besteller können aus fast 100 Artikeln für die Mittagspause wählen – Bowls, Sandwiches, Salate, Suppen, Wraps, Foccaccias, Croissants und andere Backwaren, geschnittenes Obst, Säfte, Softdrinks. Liefergebühren fallen für Kunden keine an. Der Testzeitraum ist erneut auf zwei Monate angesetzt – und dürfte vermutlich von der Konkurrenz mit großem Interesse verfolgt werden.

Denn wenn die Bilanz positiv ausfällt, könnte das Kooperationsmodell sehr schnell ansteckend auf andere europäische Märkte wirken.

Zwar stehen Lieferando, Foodora und Deliveroo erstmal in Konkurrenz zu Supermärkten: Wer Burger oder Pizza bestellt, braucht fürs Abendessen nicht mehr im Supermarkt einkaufen. Gleichzeitig sind aber die Voraussetzungen für eine Zusammenarbeit hervorragend.

Logistik + Sortiment = ein guter Deal

Dienste wie Thuisbezorgd.nl sind darauf spezialisiert, Kleinstbestellungen innerhalb sehr kurzer Zeit zu Kunden zu bringen, und haben dafür in großen Städten entsprechende Fahrernetzwerke aufgebaut; derweil verfügen Supermarktketten wie Albert Heijn über Lunch-Sortimente, die bereits praktisch für den Transport verpackt sind, dazu haben sie ein Interesse daran, auch Kunden zu erreichen, die mittags lieber nicht das Büro verlassen wollen.

Dazu kommt: Wenn Kunden sich daran gewöhnen sollten, von Thuisbezorgd.nl ihr Mittagessen aus dem Supermarkt gebracht zu kriegen, wäre es nur noch ein kleiner Schritt, die Auswahl um klassische Lebensmittel und Drogerieartikel zu erweitern. Die Handelsketten bräuchten sich keine Gedanken über die teure Logistik zu machen; die Lieferessendienste könnten nicht nur ihr Netzwerk besser auslasten, sondern sich auch eine neue Einnahmequelle erschließen. (Und ganz nebenbei Amazon eins auswischen.)

Eigentlich ist es erstaunlich, dass es überhaupt so lange bis zur ersten Kooperation dieser Art gedauert hat. Aber jede Wette: Die Partnerschaft zwischen Albert Heijn und Thuisbezorgd.nl wird im kommenden Jahr nicht die einzige ihrer Art bleiben.

Die Frage ist bloß, ob auch deutsche Handelsketten diese Chance erkennen und aus dem Quark kommen – oder ob sie lieber anderen dabei zusehen wollen, wie die sich auf die schnell verändernden Gewohnheiten der Konsumenten einstellen.

Mehr über die Entwicklungen im wachsenden Delivery-Markt steht regelmäßig bei holyEATS.

Titelfoto [M]: Takeaway.com/Smb; Fotos: Supermarktblog

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