DHL ist raus: Amazon Fresh stellt frische Lebensmittel auch in Deutschland selbst zu

DHL ist raus: Amazon Fresh stellt frische Lebensmittel auch in Deutschland selbst zu

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Mehr als zwei Jahre nach dem Deutschland-Start vollzieht Amazon eine strategische Kehrtwende bei seinem Lebensmittel-Lieferdienst Fresh – vermutlich: gezwungenermaßen.

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Mehr als zwei Jahre nach dem Deutschland-Start vollzieht Amazon eine strategische Kehrtwende bei seinem Lebensmittel-Lieferdienst Fresh: Nach Supermartktblog-Informationen ist die exklusive Partnerschaft mit DHL, das bislang sämtliche Fresh-Bestellungen in Berlin, Hamburg und München an die Kund:innen zustellte, beendet. Amazon liefert die Einkäufe stattdessen seit diesem Monat über sein eigenes Logistiknetzwerk, das auch für die Prime-Now-Lieferungen zuständig ist.

Amazon und DHL wollen sich auf Supermarktblog-Anfrage nicht konkret zu dem Sachverhalt äußern.

In Berlin werden bei der Zustellung von Fresh-Einkäufen jedoch keine Unterschriften mehr verlangt und Kurierfahrer erklären, sie seien direkt von Amazon beauftragt.

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Auf der Website von DHL FoodDelivery ist die Liste der „Mit DHL erfolgreich versendende[n] Lebensmittelhändler“, in der Amazon Fresh noch vor einigen Monaten zuerst genannt war, inzwischen verschwunden.

Ein Amazon-Sprecher erklärt:

„Uns freut das positive Kundenfeedback, das wir zu AmazonFresh erhalten. Wir überprüfen unser Angebot regelmäßig und stellen sicher, dass wir in den Bereichen das beste Kundenerlebnis bieten, die aus unserer Sicht den Kunden immer wichtig sein werden: niedrige Preise, große Auswahl und schnelle Lieferung. Und wir arbeiten hart daran, das in die Tat umzusetzen. Vertragsbeziehungen mit Geschäftspartnern kommentieren wir grundsätzlich nicht.“

Bei DHL heißt es:

„Die Zustellung von frischen Lebensmitteln ist seit 2016 Teil unseres Portfolios. Bitte haben Sie Verständnis, dass wir Details zu unseren Kunden dabei nicht öffentlich machen.“

Im Frühjahr hatte es Lücken bei der Auswahlmöglichkeit der Lieferzeitfenster bei Amazon Fresh gegeben (siehe Supermarktblog). In einigen PLZ-Gebieten war die Lieferung zeitweise nur sehr eingeschränkt möglich. Das soll sich inzwischen größtenteils wieder geändert haben.

DHL: Konzentration aufs Kerngeschäft

Welche Seite letztlich entschieden hat, die Vereinbarung aus dem Jahr 2017 nicht fortzusetzen, ist offen. Allerdings schlitterte DHL zwischenzeitlich ziemlich in die Krise, weil der Konzern das Wachstum im Paketgeschäft über Jahre massiv unterschätzt hat. Die Post-Tochter versucht sich deshalb seit einiger Zeit wieder stärker auf ihr Kerngeschäft zu konzentrieren. Vor einem Jahr wurde der Online-Supermarkt Allyouneed Fresh – lange Zeit die Basis für den Aufbau von Know-How zur Zustellung frischer Lebensmittel – an den Reifenhändler Delticom verkauft.

Und nach der Hauptversammlung der Deutschen Post Mitte Mai berichtete das „Handelsblatt“ (Abo), dass Post-Chef Frank Appel wegen der Gewinnwarnung im Vorjahr „Fehler“ aus voran gegangenen Jahren ausbügeln wolle. Das Unternehmen „habe in der Vergangenheit die falschen Schwerpunkte gesetzt und sich zu stark auf den Ausbau der Marktanteile und neuer Geschäftsfelder konzentriert. Investitionen ins Kerngeschäft hingegen wurden vernachlässigt“.

Das legt die Vermutung nahe, dass DHL FoodDelivery künftig weniger stark im Fokus stehen wird. Eine DHL-Sprecherin erklärt dazu auf Supermarktblog-Anfrage:

„Grundsätzlich ist zu sagen, dass der Markt für online bestellte, frische Lebensmittel bis dato weit hinter den Erwartungen zurück bleibt. Aufgrund dieser Tatsache und der Komplexität des gesamten Prozesses befinden wir uns aktuell in der Re-Evaluation dieses Leistungsangebots bei DHL Paket.“

(Das scheint nicht nur Amazon zu betreffen: Auch der Rewe Lieferservice, für den DHL in der Vergangenheit einen Teil der Lieferungen übernommen hatte, wird auf der DHL-Website nicht mehr als Kooperationspartner genannt.)

Wohin will Amazon mit Fresh?

Der Deal mit Amazon war für den damaligen DHL-Paket-Chef ohnehin in erster Linie strategischer Natur, um nicht noch weitere Teile des Zustellgeschäfts an Amazon Logistics abgeben zu müssen; letztlich dürfte DHL die Vereinbarung aber teuer zu stehen gekommen sein. Um wie von Amazon gewünscht sämtliche angebotenen Zeitfenster bedienen zu können, wurden Fresh-Einkäufe nicht nur über die DHL-Stammflotte zugestellt, sondern auch über zusätzliche externe Fahrer mit Mietwagen.

Für Amazon wiederum war die Exklusivkooperation mit DHL ein Sonderfall. In den USA und Großbritannien erfolgt die Fresh-Auslieferung bereits weitgehend über Amazon selbst; in Regionen, in denen die amerikanische Post dafür zuständig war, wurde der Service wieder eingestellt. Durch die Passivkühlung der Lebensmittel in speziellen Kühltaschen kann der Konzern die Zustellung auch hierzulande aber weitgehend problemlos in die eigene Logistik integrieren. Und in Berlin sind Fresh und Prime Now ohnehin schon vor einiger Zeit räumlich enger aneinander gerückt (siehe Supermarktblog).

Das dürfte Amazon allerdings mehr kosten als die Vereinbarung mit DHL, von der kolportiert wurde, sie sei aufgrund der eingeräumten Konditionen zu attraktiv gewesen, um sie nicht anzunehmen.

Profiteure vom DHL-Rückzug dürften vor allem die Lieferunternehmen sein, mit denen Amazon Logistics bereits jetzt zusammenarbeitet, und die ihre Kapazitäten für Fresh noch einmal erhöhen dürften (zumal der Lebensmittel-Lieferdienst über ein größeres Liefergebiet als Prime Now verfügt).

Exciting Commerce analysierte kürzlich bereits:

„DHL ist aktuell bereit, Marktanteile abzugeben. Und so scheint es momentan ganz so, als ob DHL Amazon Logistics die Großstädte komplett überlassen will[.]“

Die Frage, wo Amazon mit seinem Lebensmittel-Lieferdienst hierzulande hin steuert, stellt sich nun aber um so drängender. Seit dem Start im Frühjahr 2017 hat sich Fresh in Deutschland kaum weiterentwickelt; stattdessen wurde z.B. das Angebot an „Lokalen Lieblingen“ (Partnerläden) drastisch reduziert. An vielen Stellen hakt es weiterhin gewaltig (für eine ausführliche Analyse siehe Supermarktblog vom Mai). Eine Expansion blieb bislang aus.

Ob Amazon plant, zukünftig wieder externe Partner für die Fresh-Auslieferung einzusetzen, sagt der Konzern auf Anfrage nicht.

Vielen Dank an Oliver B. für den Hinweis!

Nachtrag, 21. August: Gegenüber dpa konnte sich DHL dann doch noch zu einer konkreten Aussage durchringen (via Spiegel Online): „Wir können bestätigen, dass wir entschieden haben, die Zusammenarbeit mit Amazon Fresh im Bereich der Zustellung frischer Lebensmittel bis auf Weiteres nicht mehr fortzuführen.“

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Fotos: Supermarktblog

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9 Kommentare
  • Ich frage mich, ob die Leute, die bei Amazon vom „Kundenerlebnis“ (ich hasse dieses Wort) schwafeln, jemals selbst Pakete mit Amazon Logistics erhalten. Die hochdubiosen „Kurierfahrer“ in Jogginghosen, die in ihren Buchbinder-Autos und sehr rostigen Lieferwagen mit ausgedrucktem „Im Auftrag von Amazon“-A4-Zettel halsbrecherisch durch die Wohnstraße jagen, außer „Hallo“ und „Chuss“ kein deutsches Wort beherrschen, nichts quittieren lassen und Pakete gerne mal irgendwo im 15-Parteien-Treppenhaus auf einem Heizkörper abwerfen. (Paketverfolgung: „Unterschrieben von: Brifkasten“) Dagegen sind die prekärsten DHL-Subunternehmer eine Ausgeburt des perfekten „Kundenerlebnis“.
    Ich frage mich echt, warum Amazon, die ja sonst wirklich großen Wert auf eine perfekte customer experience legen (man denke an den kulanten Rücksendeprozess u.ä.), sich so einen unseriösen Rumpel-Service im einzigen direkten, persönlichen Kundenkontakt zulegt – und dann noch unter der eigenen Marke.

    • Von der Servicequalität finde ich AL nicht schlechter als die „Großen“. Die Optik ist mir egal. Immerhin, sie liefern; den Fall, dass ich angeblich und unzutreffenderweise nicht zu Hause war, hatte ich dort noch nie. Häufiger kommt die Lieferung einen Tag früher als angekündigt als einen Tag später, ist mein Eindruck.

      Ein Migrant, der nichts quittieren lässt, weil sein Auftraggeber das so entschieden hat, ist nicht automatisch „hochdubios“, sondern zunächst mal jemand, der sich für ehrliche Arbeit bei kargem Lohn (die Selbstständigkeitsthematik außen vor gelassen) abrackert.

      Mich würde interessieren, ob die AL-Zusteller „eigenmächtig“ Ware vor der Wohnungstür deponieren, oder ob Amazon ihnen das erlaubt. Könnte ja der Handscanner individuell entscheiden, auf Basis der Bestellhistorie des Kunden, der Verlustquote im Haus und des jeweiligen Warenwertes. Das wäre ein großer Pluspunkt für die händlereigene Zustellung – DHL weiß nicht, ob sie ein USB-Gerät für 300 Euro liefern oder ein Insektenspray für 2,99.

      Ich hatte da noch keinen Verlust, gehe aber davon aus, dass Amazon bei Nichterhalt in solchen Fällen gnadenlos erstattet. Und ich will ehrlich sein: Nach Hause kommen und den Kram von der Fußmatte aufheben, statt ihn in einer Filiale vor 18 Uhr, in einem Späti 200 Meter entfernt oder an einem Automaten einen Kilometer entfern abholen zu müssen, ist für mich eine kaum schlagbare Customer experience! Jogginghose, so what?

    • Sehr subjektiv, könnte hier mein Hermes Kurier sein. Amazon Logistics sind in Berlin-Lichtenberg mit der besten Zustell-Vorhersage und die Mitarbeiter sind ausnahmslos freundlich und gepflegt im Auftreten. Ein Migrationshintergrund ist dabei echt nebensächlich, alle Zusteller leisten gute Qualität. Bei vielleicht 1 von 100 Paketen wird einfach dreist im Hausflur abgelegt, dagegen hilft eine Zustellbeschwerde bei Amazon (nen 5er gibt’s dazu meist extra). Entsprechend ist auch der Service von Prime Now (hier meistens GO! Express als Zusteller) hervorragend, bei mir bisher kein Zustellfehler in gut 70 Bestellungen (und maximal 2x 10min Verspätung in der Zustellvorhersage, ebenfalls 5 Euro geschenkt). Mit Amazon Fresh und DHL absolut unmöglich, Pfand unterschlagen gehört dort zur Firmenphilosophie und mir sind bei 30-50 Bestellungen gut 5-8 vor Zustellung schlicht verloren gegangen (Sendungen fehlgeleitet oder in der Zustellbasis vor Ort geklaut). Von daher: Nie wieder DHL!! ;D

    • Nur zur Klarstellung: Ich störe mich nicht im Geringsten am Migrationshintergrund per se und sehe dass die Zusteller (insbesondere, aber nicht nur die [Schein-]Selbstständigen) einen undankbaren Knochenjob machen. Aber wenn die Kommunikation nicht für grundlegenden Dialog reicht (Stockwerk über die Sprechanlage verstehen, Paket für die Nachbarn annehmen o.ä.), dann ist das ein komischer Eindruck unter der Marke „Amazon“. Hermes ist hier ein lustiger Rentner im Privat-Kombi, fraglos genauso unseriös. Aber da macht Otto sich wenigstens nicht seine eigene Kern-Marke kaputt 😉 Und dass das alles regional etwas zufällig ist, ist ebenfalls fraglos so.

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