Einkaufen bis Mitternacht: Netto (ohne Hund) lässt Filialen für Selbstscanner länger offen

Einkaufen bis Mitternacht: Netto (ohne Hund) lässt Filialen für Selbstscanner länger offen

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Die Verlängerung der Öffnungszeiten ohne Kassenzonen-Besetzung ist der neuste Versuch, das letzte bisschen Effizienz aus dem ohnehin schon kostenausgequetschten Discount-Modell zu wringen.

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Samstagabend, kurz nach 22 Uhr bei Netto (ohne Hund): Die Kassiererin nimmt die Geldlade aus der Kasse, schließt die Klapptür hinter sich und verschwindet im Filialbüro. Die Kassenzone ist unbesetzt, der Laden bleibt weiter geöffnet. Sind die wahnsinnig geworden? Hat jemand vergessen, vorne abzuschließen? Oder ist das eine Bewerbung um die unternehmensintern höchste Inventurdifferenz?

Nee, bloß der neuste Versuch, auch noch das letzte bisschen Effizienz aus dem ohnehin schon kostenausgequetschten Discount-Modell zu wringen.

In Berlin (und vermutlich auch in anderen Städten) testet die Edeka-Tochter derzeit, ob es sich lohnt, ausgewählte Läden länger aufzulassen ohne dafür Personal an die Kasse setzen zu müssen.


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Zwei zusätzliche Stunden zum Einkaufen

In den (wenigen) Filialen, die länger offen bleiben dürfen – in der Regel von 22 Uhr bis 24 Uhr, also für zwei zusätzliche Stunden – sollen sich Kund:innen selbst abkassieren und bargeldlos bezahlen. Dafür stehen die regulären SB-Kassen zur Verfügung, die bei Netto (ohne Hund) ja auch sonst keine separate Aufsicht haben (siehe Supermarktblog).

Auf Schildern und Bannern vor den Märkten erklärt das Unternehmen:

„Zur Vermeidung von Warteschlangen. Express-Kassen bis 24 Uhr geöffnet“

Im Moment scheint die Verlängerung aber vor allem eine Gelegenheit zu sein, mal ganz in Ruhe einkaufen zu können, ohne von der verehrten Mitkundschaft den Einkaufswagen in die Hacken gefahren zu kriegen.

Zumindest war bei meinem Späteinkauf nach 22 Uhr am vergangenen Wochenende fast gar nichts mehr los im Laden und von Warteschlangen keine Spur. Die Überreste der Obst- und Gemüse-Abteilung dämmerten bereits ihrer Kühlraumerlösung entgegen. Und während die verbliebenen Kolleg:innen sich dem Auf- und Wegräumen widmeten, zog eine Netto-(ohne Hund)-Mitarbeiterin mit der Scheuersaugmaschine einsam ihre Bahnen durch die Regalreihen.

Die Security prüft den Jugendschutz

Entweder haben viele Kund:innen die verlängerten Öffnungszeiten bislang noch nicht mitbekommen. Am Wochenende ist in Berlin zudem die Sperrstunde zur Verhinderung einer weiteren Corona-Ausbreitung in Kraft getreten; damit muss auch Netto (ohne Hund) bereits um 23 Uhr schließen – egal, was draußen auf dem Plakat steht.

Oder es gibt halt einfach schönere Orte als den Discounter, um seinen Samstagspätabend zu verbringen.

An manchen Läden werden „Einschränkungen im Nachtbetrieb“ kommuniziert (z.B. kein Verkauf von Gutscheinen und Telefonkarten, die freigeschaltet werden müssten).

Ganz auf die Ehrlichkeit seiner Kundschaft mag sich Netto (ohne Hund) bei seinem Experiment aber natürlich trotzdem nicht verlassen: Für die Öffnungszeitverlängerung ist offensichtlich die Schicht der ohnehin für die Abendstunden engagierten Security erweitert worden. Die freundlichen Sicherheitsbeauftragten kümmern sich auf Rückfrage auch um die Jugendschutzüberprüfung, ohne die sich an der SB-Kasse z.B. nach dem Scan von alkoholischen Getränken sonst nicht bezahlen lässt.

Eine Einladung zur Produktentwendung?

Das ändert freilich nichts daran, dass die unbesetzte Kassenzone auf die ein oder andere Spätkundin bzw. den ein oder anderen Spätkunden wie eine Einladung zum Diebstahl wirken könnte. Netto (ohne Hund) scheint austesten zu wollen, ob dieses Risiko von eventuellen Zusatzumsätzen aufgewogen werden kann.

Motivation könnte die Aussicht darauf sein, im Erfolgsfall die ohnehin schon aufs Notwendigste reduzierten Personalstunden zu Randzeiten noch weiter einschränken zu können, um Märkte in Minimalbesetzung zu betreiben. Und dafür nicht irgendeine irre teure Kameratechnologie einbauen zu müssen. (Ehrlich gesagt scheinen mir in manchem deutschen Discounter schon jetzt weniger Leute beschäftigt zu sein als bei Amazon Go, wo ständig jemand Regale einräumt, Sandwiches schmiert oder Kund:innen berät.)

Der Test passt zur Umtriebigkeit der Edeka-Tochter, die in inzwischen elf Filialen in Süddeutschland zudem Scan & Go testet: Per App können Kund:innen ihre Produkte im Laden selbst erfassen und direkt bezahlen (siehe Supermarktblog).

Jetzt bloß nicht verscannen!

Getrieben scheinen diese Initiativen nicht nur vom Willen, der Kundschaft einen schnelleren, besseren Einkauf zu ermöglichen – sondern eben auch von der potenziellen Kostenersparnis. Denn das Self-Checkout-System von Netto (ohne Hund) bleibt auch drei Jahre nach seiner Einführung (siehe Supermarktblog) eine unübersichtliche Zumutung.

Ein falsch gescannter Artikel lässt sich nur dann eigenmächtig stornieren, wenn danach nicht schon ein anderer über den Scanner gezogen wurde. (Was z.B. bei Getränken nervig ist, wenn auf dem Touchscreen aus Versehen ein ganzer Kasten abgerechnet wird statt einer einzelnen Flasche, und man das zu spät merkt.)

Wer nach 22 Uhr an der SB-Kasse scheitert, braucht ein wenig Glück, doch noch das durch den Laden huschende Personal um Hilfe bitten zu können oder muss sich mit Drücken des „Mitarbeiter rufen“-Knopfs unbeliebt machen. Dabei lässt sich schon erahnen, wie in der SB-Zone von Zeit zu Zeit kleine Einkaufsstapel zurückbleiben werden, deren potenzielle Erwerber:innen irgendwann entnervt den Kassiervorgang abgebrochen haben, weil sie sich verscannt haben.

Penny plant SB-Kassen für 100 Märkte

In jedem Fall wird es interessant zu beobachten sein, ob Netto (ohne Hund) das Experiment über längere Zeit durchhält – und inwiefern das Einfluss auf den übrigen Discount hat. Auch Wettbewerber Penny fordert seine Kund:innen ja dazu auf, Selbstscanner zu werden – mobil per App, aber auch an stationären SB-Kassen.

Im Rewe-Mitarbeitermagazin „One“ hatte Lukas Fischer, Penny-Projektleiter IT/Organisation, vor einigen Wochen angekündigt, nach einem Test mit fest installierten SB-„Terminals“ in 15 Märkten im Laufe des Jahres 100 weitere Penny-Filialen mit der SB-Technologie ausstatten zu wollen:

„Der Kunde geht ganz normal einkaufen und hat dann die Wahl zwischen der ‚normalen‘ Kassse und dem Self Checkout Terminal, an dem er selbst die Artikel scannt, die in seinem Einkaufswagen liegen.“

Die „Vorteile für die Mitarbeitenden in den Märkten“ lägen darin, Zeit zu gewinnen, um „sich um andere wichtige Dinge zu kümmern, z.B. neue Ware zu bestellen oder Regale aufzufüllen“. (Oder halt: zuhause zu bleiben.)

Scannt bald ein Drittel im Discounter selbst?

Laut Fischer halte man eine Quote von 10 Prozent für den mobilen Self-Checkout per App und über 20 Prozent beim stationären Self-Checkout für realistisch, „wobei die Nutzung stark von Faktoren wie Kundenstruktur und Lage abhängig sein wird“.

Auch die Supermärkte forcieren die Verbreitung des Selbstscannens derzeit, lassen Kund:innen aber in der Regel die Wahl zwischen bereit gestellten Handscannern und der Nutzung des eigenen Smartphones.

Rewe will Scan & Go bis Jahresende in bis zu 50 Märkten etablieren (siehe Supermarktblog). Globus hat kürzlich die Scan-&-Go-Funktion in seiner App freigeschaltet.

Mehr Texte zum Thema Self-Checkout und Scan & Go im Blog.

Fotos: Supermarktblog"

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8 Kommentare
  • ich muss immer schmunzeln, wenn ich daran denke bei meinem ersten Berlinbesuch als Landjunge vor 10 Jahren Security in einer Apotheke(!) im Wedding gesehen zu haben

  • Dieser discounter schafft es doch nicht über den Tag die Kunden zufrieden zu stellen. Da bringen die 2 stunden auch nichts. Nur Lockangebote und fehlende waren Nicht vergleichbar mit dem netto mit Hund.

    • Es gibt in Deutschland zwei Discounter mit dem Namen Netto, Netto Marken-Discount (um den es im Artikel geht) und die Kette Netto mit einem Hund im Logo. Zur Unterscheidung gibts hier im Supermarktblog die Bezeichnungen Netto (mit Hund) und Netto (ohne Hund).

  • Na ja, wer frische Backwaren bei Netto (ohne Hund) sucht, dürfte aus den erweiterten Öffnungszeiten keinen Nutzen ziehen: Der Brötchenknast ist z. T. schon gegen 18:00 Uhr leer, auch wenn der Laden bis 22:00 Uhr geöffnet ist.

    Wir in Sachsen werden aber ohnehin keine Öffnungszeiten bis Mitternacht erleben, da das Ladenschlussgesetz nur eine Öffnung bis 22:00 Uhr erlaubt.

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