Von Wennebostel soll eine Revolution ausgehen – eine Wohlfühlrevolution! Genau dort, am südöstlichen Rand der Gemeinde Wedemark, eröffnete das aktuell vielleicht bekannteste verbandsunabhängig organisierte Familienunternehmen Deutschlands im Frühjahr seine erste Filiale im neuen Ladendesign. Das soll nach eigenen Angaben in den kommenden fünf Jahren in „mindestens der Hälfte“ aller Märkte zum Einsatz kommen und bietet „eine deutlich wärmere, buntere und emotionalere Atmosphäre“.
So hat es der Burgwedeler Drogeriefilialist Rossmann in diesem Jahr versprochen und dabei nicht nur die neue Farb-„Interpretation der Highlight-Sortimente“ (Kosmetik, Duft, Ideenwelt, Biokost und Baby & Kind) hervorgehoben.
Sondern auch zahlreiche andere „durchdachte und mit Feingefühl entwickelten Designansätze“, mit denen Kund:innen „emotional berührt und zugleich klar orientiert“ sein sollen.
Sortimentssymbole mit „Lebenslinie“
Und es wäre falsch, zu behaupten, die auf diese Weise hervorgehobene Optik (Galerie in der „Lebensmittel Zeitung“) sei keine relevante Verbesserung zur bisherigen (die aber auch nur in etwa der Hälfte aller Rossmann-Filialen zum Einsatz kam). Die Sache hat nur einen – vorhersehbaren – Haken.
Zum Beispiel über der Tiefebene des Berliner Hauptbahnhofs, wo Rossmann sich gerade ebenfalls im neuen Design für die Kundschaft herausgeputzt hat. Wobei sich die beabsichtigte Heimeligkeit vielleicht nicht ganz so konsequent hinter die Treppe zu den Gleisen 7 und 8 übersetzen ließ wie in den parkplatzberankten Vorzeigemarkt in den Hannoveraner Suburbs.

„Frischekick für neuen Glanz“, steht am Putzmittelregal in der Rossmann’schen Schnörkelschreibschrift, während die allermeisten Sortimente eher dezent über die Regale geschrieben oder per „Lebenslinie“ verbundenen Grafiken (Herz, Geschenk, Fressnapf, Waschmittelflasche) angedeutet sind, um für ein angenehmes „Grundrauschen“ zu sorgen.
Tannengrün, Taubenblau und Pfirsich
Der ganze Markt ist ein einziger Traum in Eierschale mit sorgsam dosierten bunten Tupfern: Die „Ideenwelt“ am Eingang wird eingefasst von einem Rahmen in Taubenblau, die Kosmetikstraße ist pfirsichfarben riffelverblendet und das Bio-Lebensmittelsortiment macht in pastelligem Tannengrün auf sich aufmerksam, während die neue Kombi aus Fototheke und Abholstation für Online-Bestellungen in heller Holzoptik hervorgehoben wird.




Am Ausgang stehen vier schmale Self-Checkout-Terminals, die auch bei Rossmann inzwischen zur Standardausstattung gehören und schräg zwischen die beiden verbliebenen Bedienkassen gestellt sind.

Dass der Online-Shop-Verweis auf dem Boden („Noch mehr Auswahl? QR-Code scannen“) in Kringeligkeit und Farbgebung stark an die Corporate Identity erinnert, die sich Wettbewerber Budni mit seiner Neupositionierung verpasst hat, ist sicher Zufall.
Das macht man jetzt wohl so als zeitgemäßer Drogerist, wenn die zuständige Agentur es empfiehlt.


Ein Königreich für einen Wickeltisch
Ansonsten ist der Markt eine grundsolide Einkaufsstätte für Durchreisende.
Und zeigt geradezu exemplarisch die Problematik neuer Ladendesigns im deutschen Handel, die immerzu für Vorzeigefilialen konzipiert, die viel Platz für ausgeruhtes Einkaufen haben – und bei denen ungefähr nichts dafür mitgedacht ist, auch auf verwinkelten Flächen in Innenstädten oder an Verkehrsknotenpunkten zu funktionieren. Wo dann nicht ersetzt und optimiert wird, sondern einfach: weggelassen.
Statt des pfirsichfarbenen „Beauty Spots“ mit dem neuen Spiegelkringel müssen sich Kund:innen im Untergeschoss-Rossmann mit den schmalen Spiegelflächen in der Kosmetikwand begnügen; dafür gibt’s gegenüber einen wackelig aussehenden Kosmetikkatzenbaum mit mehreren Produkt-Etagen („Entdecke unsere Beauty Highlights“).

Für die anderswo hübsch eingehausten Kindereinkaufswagen und den Gondelkopf mit Wünschkörben für Geburtstagskinder war nachvollziehbarerweise auch kein Platz – ebenso wenig wie für den Wickeltisch mit beleuchtetem Mobile. Dabei wäre es natürlich gerade an diesem Ort ein absoluter Segen für Eltern, ihre Kinder beim Warten auf den nächsten Verspätungszug in halbwegs sicherer Atmosphäre wickeln zu können.

Gemütlichkeit lässt sich nicht erzwingen
Eigentlich ist es offensichtlich, dass auch Rossmann bei der Entwicklung neuer Designs mindestens zwei Varianten benötigt: eine, die auf große Läden und Wohlfühleinkäufer:innen zugeschnitten ist; und eine, die funktionaler, aber auch praktischer an Orten funktioniert, an denen sich Gemütlichkeit auch dann nicht erzwingen lässt, wenn man sie wiederholt ins Schaufenster schreibt:
„So gemütlich kann shoppen sein“
„Für die kleine Auszeit vom Alltag“
„Den Alltag entspannt erleben“

Dabei will niemand, wirklich niemand im Rossmann neben der Gleisschlucht gerne länger als notwendig bleiben – egal, wie hübsch eierschalenfarben die Wand gestrichen ist.
An diesem Standort funktioniert der Einkauf versorgungsgetrieben – alle wollen noch schnell noch was für die Weiterfahrt oder die Ankunft zuhause mitnehmen. Dass solche Offensichtlichkeiten von Ladendesigner:innen ignoriert werden, ist ein Riesenproblem.
Zusammenstoßloser einkaufen
Und zwar: schon am Eingang, wo die „Ideenwelt“ die wöchentlich wechselnde Auswahl an Dekoartikeln, Billigelektronik, Spielwaren und Basiswäsche präsentiert – in diesem Fall: besonders ungünstig, weil so alle besonders eiligen Kund:innen erstmal auf diejenigen auflaufen, die sich direkt am Eingang gerade überlegen, ob das Teddy-Yogakissen, die Akku-Mondleuchte oder der elektrische Milchaufschäumer noch ins Gepäck passen.


Wenn man auf die Gerümpelstation im Bahnhof schon nicht komplett verzichten will (obwohl des dafür zahlreiche Argumente gäbe), hätte man sie testweise auch ans gegenüberliegende Ladenende bauen können, wo gezielter die Zeit zum Anschlusszug verbummelt werden kann, ohne permanent Zusammenstöße zu befördern.
Und: ja, ich würde das Argument verstehen, dass Rossmann sich auch im Bahnhof als vollwertiger Drogeriemarkt mit allen bekannten Sortimentsbestandteilen positionieren will. Aber nur, wenn in 360 Metern Laufentfernung nicht schon eine andere Rossmann-Filiale stünde, die mit deutlich mehr Platz all das zu leisten imstande ist.
Besonderheiten für den Bahnhof
Es gäbe mannigfaltige Möglichkeiten für Ladendesigner:innen, Layouts zu entwickeln, die an versorgungsfokussierten Standorten spezifische Vorteile böten.
Zum Beispiel Express-Korridoren für Standardeinkäufe: Ein klar markierter, direkter Durchgang vom Eingang zu den meistgekauften Basisartikeln (Deo, Zahnpasta, Tampons, Taschentücher). In unter zwei Minuten rein und raus – keine Umwege, keine Ablenkungen.
Oder eine Insel mit vorgepackten Taschen am Eingang für typische Szenarien, die man direkt zur Expresskasse tragen kann: „Spontane Übernachtung“ (Zahnbürste, Deo, Socken), „Zugfahrt 6+ Stunden“ (Snacks, Wasser, Kaugummi, Taschentücher, Handcreme), „Notfall im Büro“ (Strumpfhose, Deo, Haargummi).
Oder einfach nur die übersichtliche Sortierung von Lebensmitteln für jetzt (Snacks, Getränke, Müsliriegel) und später (Pasta, Mandelmus, Sonnenblumenöl).
Nicht überall zu Ende gedacht
Vielleicht ist das auch zuviel erwartet. Weil Kreativität im Ladenbau schon bei großen Flächen mit idealen Möglichkeiten allzuoft bei der Eingabe endet, gemütlich gemeinte Sitzflächen in große Läden zu bauen, damit die Kund:innen da beim Einkauf mal verschnaufen können. Was ja für Standorte in Kurorten oder neben Senior:innenresidenzen eine gute Wahl sein mag, überall sonst aber: exakt die Platzverschwendung, die die Händler sonst so sorgsam vermeiden wollen, damit sie auch noch den allerletzten Aktionsaufsteller auf die Verkaufsfläche gedrückt bekommen.
Das Rossmann’sche Redesign hat auch sonst einige Schwachpunkte, die nicht zu Ende gedacht wurden: Das Bio-Sortiment (tüdelig mit „Biokost“ überschrieben) fällt in verwinkelten Läden links und rechts sprichwörtlich aus dem Rahmen, weil es größer ist als das der Highlight-Rahmen zu fassen vermag; die auf Papier gedruckte Holzoptik in den Ideenwelt-Preisschienen ist in ihrer simplen Wertigkeitsillusion fast schon peinlich.
Und warum man das beleuchtete Logo des eigenen Unternehmens an den neu gestalteten Kassen direkt neben die dahinter einregalierten Zigarettenschachteln-Schauerbilder hängen möchte, bleibt vermutlich auf ewig ein Burgwedeler Geheimnis.
Ladendesign, das für Kund:innen funktioniert
Dabei schreiben wir doch auch im stationären Handel bald das Jahr 2026! Warum gibts da statt überflüssigen Quatschmöbeln nicht KI-basierte Info-Terminals, vor die man drei verschiedene Cremes halten kann, um sofort Inhaltsstoffe und Unterschiede angezeigt zu kriegen – oder bestenfalls einen Wegweiser ans Regal, in dem sich das nächste gesuchte Produkt versteckt?
Eigentlich ist es ganz einfach: Zeitgemäßes Ladendesign braucht keine „Lebenslinien“ und „Ankerpunkte“ – sondern eine konsequente Anpassung auf den jeweiligen Standort und die dortige Nutzungssituation, mit Spezifikationen, die Kund:innen den Einkauf erleichtern.
Vielleicht bleiben die dann nicht so lange, wie sich das der Händler wünscht; aber womöglich kaufen sie ja mehr und kommen öfter wieder, weil sie wissen, dass sie keine Zeit fürs Suchen und Drängeln verplempern müssen.







Eierschalen! Für mich ein wunderbares Wort um der Langweiligkeit des Designs bei Rossmann einen Namen zu geben.
Ich persönlich finde ihn fest, dass man ein Ladendesign wohl kaum noch langweiliger machen könnte. Denn diese Eierschalen-Farben vermischen sich für mich in meinem visuellen Cortex zu einem grauen Grundrauschen. Mag tatsächlich beruhigend wirken. Irgendwie Lust auf Einkauf macht es allerdings ganz sicherlich nicht. Das ist quasi eher das räumlich manifestierte Sedativum der Drogeriebranche.
Denn beim Betrachten der Bilder hier im Artikel verschwimmen rein optisch sogar die Produkte in den Regalen in einem Eierschalen-Einheitsbrei. Deshalb ist mir auch absolut nicht klar, was sich Rossmann hier eigentlich bei gedacht hat. Hat Rossmann sich überhaupt etwas dabei gedacht? Weil solche Entscheidungen treffen ja zumindest gefühlt und wahrscheinlich auch tatsächlich oft Leute in irgendwelchen höheren Etagen, die vom echten Leben ungefähr so viel Ahnung haben wie ich von Exobiologie.
Herrlich Herr Schader,ich liebe ihre Möbelbezeichnungen von Kosmetikkatzenbaum bis Kühl-U-Bahn 😀
A den meisten Rossmanfilialen nervt mich, dass ma dort oft richtige Sackgassen eingebaut hat, teilweise auch provisorisch mit Flughafenabsperrbändern. Das macht sonst kaum einer.
Wieder großartig, danke! für die Einblicke und Kommentierung. Rossmann könnte gerade ja eigentlich spannend werden in Sachen Positionierung.
PS: Leider bleibt das „Erlebnis“ Online-Shopping bei Rossmann auch unter den Erwartungen zurück. Ich habe es zweimal versucht, zweimal wurde das Objekt der Begierde kurz vor dem Eintreffen wieder zurückgesendet und der Betrag erstattet, da die Verpackung unterwegs beschädigt wurde. Well, an sich ja kein Grund, es mir nicht erneut zuzusenden.
Pardon, ich hatte den Link zur LZ-Galerie vergessen. Hab ich nachgetragen oben.
Das Konzept muss man vllt. besser live sehn (wobei der Centaur mit Kippen natürlich lustig is =)). In Berlin-Lichtenberg hat Rossmann im September nen Ex-Aldi gekapert und auf 1000m2 macht es wirklich Spaß und hat Anziehungskraft. Insbesondere das Lichtkonzept schafft ne angenehme Atmosphäre (Rewe und Edeka kriegens einfach nich hin, trotz Mio Budgets) und der Laden is klar strukturiert, nich so kramig wie mancher Innenstadt dm (hier nervt das Vollgemülle bei dm inzwischen extrem, bspw. Filiale Ringcenter als Gittertisch / Pappaufsteller Parcours mit 90cm Regalabstand: Gruselige Liminal Space Falle in Babyblau). Mich uff jeden Fall erfolgreich manipuliert, seit 10 Jahren ma wieder 50 Euro in ner Drogerie gelassen, man fühlt im neuen Rossmann einfach wohl
Wenn ich „Sitzflächen“ im LEH lese, kommt mir bis heute das Foto mit Begleittext auf
https://www.supermarktblog.com/2016/09/01/7-dinge-die-real-besser-kann-koennen-muss-als-die-konkurrenz/
unter Punkt 3. „Aufenthaltsqualität“ in den Kopf, als all-time-favorite dauerhaft eingebrannt 🙂
Dann doch lieber gleich eine vernünftige Kaffeebar!