Man muss das einfach auch mal so klar und deutlich formulieren dürfen: Im deutschen Lebensmitteleinzelhandel ist Netto (ohne Hund) schon länger reif für die Insel. Was keinesfalls als subjektive Wertung gemeint ist – sondern bloß als korrekte Beschreibung dessen, wie der zu Edeka gehörende Discounter seit einiger Zeit Filialen aufmöbelt, die ein zeitgemäßeres Ladendesign erhalten.
Dazu gehört neben einer hübscher gestalteten Weinabteilung in dunkler Holzoptik („Vinothek“) vielerorts auch ein neuer Mittelgang, in dem ein Großteil der wöchentlich in Aktion verkauften Produkte (Lebensmittel & Drogerieartikel) zentral zusammengezogen ist. Und zwar: auf beweglichen quadratischen Aktionsinseln.


Je nach Standort ist dafür in der Ladenmitte eine unterschiedlich breite Fläche vorgesehen, auf die in der Regel vier der rollbaren Inseln geschoben werden.
Durchlässiger einkaufen
Weil diese von vier Seiten begehbar sein sollen, bleiben dazwischen Lücken, die für eine gewisse Durchlässigkeit sorgen. Das hat nicht nur optisch große Vorteile gegenüber den unmittelbaren Wettbewerbern: Die positionieren ihre Aktionsartikel entweder so wie Aldi Nord in längs gestellten Regalschütten, um die man ewig herumgeistern muss. Oder so wie Penny in doppelseitigen Aufstellern vor dem eingebuchteten regulären Sortiment, das dadurch ein Stück weit unsichtbar wird (siehe Supermarktblog).
Dagegen wirkt die Netto-(ohne Hund)-Lösung auf den ersten Blick deutlich eleganter und sehr viel zugänglicher, zumal sie auch noch als ladenstrukturierendes Element funktioniert.

Über den Inseln weist eine umgedrehte flache Deckenpyramide in leuchtendem Netto-Gelb wie ein großer 3D-Pfeil auf die neue Heimat der „Aktion“ hin – ein echter Hingucker im Markt.
In der Theorie hat diese Lösung eigentlich nur Vorteile:
- Für die Kund:innen, weil sie nicht gezwungen werden, den ganzen Laden auf der Suche nach dem Aktionsprodukt ihrer Wahl zu durchlatschen (nur die gekühlte Aktionsware ist freilich separat positioniert);
- für Mitarbeiter:innen, weil die Rolltische sich theoretisch im Lager vorbereiten lassen und dann am Abend vor dem Aktionsstart bloß noch auf die Fläche gerollt werden müssen;
- und für Netto (ohne Hund), das sich als Anbieter mit umfassendem Aktionssortiment positionieren kann.
Ab damit in den Gerümpelfänger
Dummerweise kommt der Theorie dieser fantastischen Insellösung mal wieder was in die Quere, mit dem die Planer:innen in der Zentrale von Netto (ohne Hund) schon öfter mal auf Kriegsfuß standen: die Praxis. Denn die lässt es allzu oft nicht zu, dass die Dinge so praktisch funktionieren wie erdacht.

Das auffälligste Problem ist naheliegend: Die auf vier Insel-Etagen positionierten Aktionsartikel sehen vor allem dann gut aus, wenn sie gerade eingeräumt wurden – und superschnell sehr, sehr unordentlich, sobald die ersten Kund:innen sie in der Hand hatten. Produkte werden nach der Regalentnahme häufig falsch wieder zurücksortiert. Oder sie stapeln sich aus Platzgründen in der obersten Etage in gezielt eingezogenen Dachterrasse-Gittern, die eigentlich Artikel fassen sollen, die nicht oder nur schwer von alleine stehen bleiben, und die so im Ladenalltag schnell zum Gerümpelfänger werden.
Das ist umso ärgerlicher, weil die Inseln einen enormen Aufwand für die Marktmitarbeiter:innen bedeuten, da erstaunlich viele Artikel nur sehr schmal positioniert sind und nicht im Karton in die Etagen geschoben werden, sondern einzeln eingestellt sind. Das frisst Zeit, die für andere Handgriffe fehlt.
Aufgießkartoffelbrei neben Zwiebelmettwurst
Auch die an sich gute Idee, die Inseln im Lager vorbereiten zu können, wird teilweise durchkreuzt, wie Netto-(ohne Hund)-Mitarbeitende auf Supermarktblog-Anfrage bestätigen: Je nach Markt können die zur Verfügung stehenden Lagerflächen so klein sein, dass dort nach Lieferungen schlicht kein Platz ist, um die Tische vorzubereiten und rauszurollen – abgesehen davon, dass für solch eine Vorbereitung im Marktalltag natürlich vorher Zeit bleiben müsste. (Was oft nicht der Fall ist.)
Das bedeutet dann: Aktion doch wieder nach Ladenschluss im Markt aufbauen.

Bei Kund:innen gerät der anfänglich eher positive Eindruck der Inselei ebenfalls schnell an seine Grenzen – dann nämlich, wenn man schon wieder vier mal vier Regale umrundet hat, um einkaufsrelevante Artikel zu erspähen.
Ein zügiges, überblickartiges Erfassen des Aktionsangebots ist so leider nicht möglich. (Was freilich Absicht sein könnte, um mehr Produktsichtkontakte zu erzwingen.)

Schon im geordneten Zustand steht – trotz anfänglich sauberer thematischer Trennung der Aktionsinseln in Lebensmittel, Getränke sowie Putz-/Reinigungsmittel & Drogeriewaren – der Maulwurfkuchen neben Rote Grütze neben Bruschetta Chips neben hipper Proteinnahrung neben Bechamelsoße neben Stachelbeeren im Glas. Oder die „Squid Game“-Cereal-Packung (…?) neben 5-Minuten-Aufgießkartoffelbrei und Harzer Zwiebelmettwurst. Das alles für sich selbst kaufzusortieren, ist vor allem: anstrengend. Und deshalb eigentlich gegen jegliche Discounter-Logik.
Was kostet das nochmal?
Umso frustrierender, wenn man dann endlich das gesuchte Produkt entdeckt hat – und sich fragt, was es eigentlich kosten soll. Sobald die Produktplatzierung im Laufe der Zeit aber ein gewisses Eigenleben entwickelt, nutzen freilich auch die schönsten gelben elektronischen Regalpreisetiketten nichts mehr – weil die dann im Zweifel anderswo hängen und Artikelpreise nicht mehr so leicht den Produkten zuzuordnen sind.
(Mal abgesehen davon, dass die Aktionsartikelbiotope natürlich ein Albtraum für die von Netto [ohne Hund] getestete KI-Erfassung mit Pick & Go ist, siehe Supermarktblog).
Zuletzt steht auch die eigentlich lobenswerte Durchlässigkeit der Aktionsinseln in Zweifel: Denn nicht selten wird der Platz, der eigentlich durch die Abstände zwischen den Rolltischen vorhanden ist, benötigt, um dort übergangsweise Ware zu positionieren, die gerade ins Regal geräumt wird. Diese versperrt dann nicht nur den Durchgang, sondern sorgt auch dafür, dass man sich als Kund:in schräg über die Tische lehnen muss, um bestimmte Aktionsprodukte zu erangeln. (Wobei es natürlich genauso unpraktisch ist, wenn die Ware einfach vor regulären Regalen steht.)


Praktischer, einheitlicher, zugänglicher
Dazu kommt: Die eigentlich klare Struktur mit vier zentralen Aktionsinseln ist trotz der vielerorts zusätzlich vorhandenen Regalköpfe mit weiteren Aktionsartikeln links und rechts selbst in neu gestalteten Läden offensichtlich nicht ausreichend, um das gesamte Wochensortiment an vorübergehend verfügbaren Artikeln zu fassen. (Wohin die Freste aus der vorigen Woche sollen, ist nochmal was ganz anderes.)
Manchmal wachsen den schicken metallenen Tischen dann seitlich doch wieder zusätzliche Aktionsbeulen in Form unterschiedlich großer Pappaufsteller.


Anders formuliert: Die Lösung, die im eigentlich ansprechenden neuen Netto-(ohne Hund)-Ladendesign dafür sorgen sollte, das Aktionssortiment praktischer, einheitlicher und zugänglicher zu gestalten, sorgt in der Ladenpraxis bisweilen dafür, dass exakt das Gegenteil passiert. Wobei der schicke neue Netto-gelbe 3D-Pfeil echt ganz gut davon abzulenken weiß.
Also: in den Läden, wo er wegen der niedrigen Deckenhöhe nicht die Spitze abrasiert bekommen hat.








Das richtige Problem dieser Aktionstische ist aber, dass sie völlig unnötig viel Platz weg nehmen. Wo es früher nur einen Durchgang zwischen zwei Regalschluchten gab, müssen es jetzt zwei sein. Man nimmt also Regalmeter und damit eine nicht unbedeutende Zahl an Produkten weg, die man vorher im Angebot hatte. Und in kleineren Filialen ist es durchaus spürbar, dass man weniger Artikel kaufen kann als zuvor.
Was soll das überhaupt mit diesen Aktionsflächen, wenn es um Artikel geht, die man sowieso ständig im Angebot hat? Wenn ich als Kunde im Handzettel lese, dass es Nutella im Angebot gibt, gehe ich automatisch an das Regal, wo das Nutella üblicherweise steht und umrunde nicht extra die Inseln in der Mitte. Und in den nettos stehen (gefühlt) die paar Nonfood-Aktion auch ständig irgendwo anders.
Bei diesen ganzen „Innovationen“ im Ladendesign fragt man sich ernsthaft, ob die verantwortlichen Leute je selbst einkaufen. Anders lassen sich auch die völlig zugemüllten Pennys nicht erklären.
Da sind die üblen ewigplusbleibenden hundelosen Nettostandorte fast noch ein Segen, weil für irgendwelche Promoinseln gar kein Platz wäre und man neben den paar Displays, an denen irgendwie noch ein Einkaufswagen vorbeipassen muss (sofern nicht alles durch die Verräumrollis verstopft wurde), eben Gondelköpfe und was sonst noch nicht sofort wehren kann, gnadenlos zuknallt. Na gut, ein, zwei Abverkaufsinseln und die unvermeidaren Süßkramgittertische direkt vor dem Kassenbereich gehen immer noch rein, damit die Warteschlange auch weit genug reicht und gar kein Ladendieb einfach daneben vorbeihasten könnte 😉
Meister von Ramschplatzierung und geplanter Nichtordnung ist aber immer noch Netto mit H., so viel Zeit muss sein. Und über solche greislichen Randerscheinungen wie Normahöhlen muss man ja nicht weiter nachdenken.
Ich fand die Präsentation zu Beginn sehr ansprechend. Inzwischen ist Netto auch hier optisch wieder ein Kraut- und Rübenladen geworden, wie Norma mit seinen Gittertischen. Die vorhandenen Angebote wandern inzwischen wieder auf die halbvollen Gondelenden, da auf der Aktionsfläche die zahlreichen Türmchen der Restanten ( habe 2,30 m gemessen ) überhand nehmen.
Wo soll denn die ansprechende Präsentation auch herkommen ? Meine zwei Filialen haben heftigste Personalprobleme, es gibt kein Gesicht an das man sich gewöhnen kann. Die Menschen sind grösstenteils bemüht, aber durchgehend desillusioniert. Ich verstehe es, aber ich muss das nicht unterstützen.
Habe mich innerlich gestern von Netto verabschiedet, da meine Cremesso Kaffeekapseln wohl nicht mehr wiederkommen. Die Hotline gibt auf Nachfrage jedes Mal eine andere Antwort heraus, das Angebot im Onlineshop wird immer weniger. Filiale 1 hat eine klaffende Lücke im Regal, Filiale 2 jetzt Dolce Gusto im Programm. Die Nachfrage an der Kasse ob denn der Kaffee wiederkomme, wurde zuletzt mit „wenn er gelistet ist, kommt er bald wieder“ beantwortet.
Dies auch als dezenten Hinweis an die Coffee B Kunden, denen in wenigen Jahren Ähnliches blühen dürfte. Delica sollte den Internetvertrieb des Kaffees weiter ausbauen.
Und da Netto mich standesgemäss verabschieden wollte, wurde ich bei der Aufnahme des bereits gefüllten Einkaufskorbs von hinten angesprochen: „junger Mann, ich muss hier jetzt mal mit der Palette durch“. Die junge Frau hätte nicht mal 5 Sekunden warten müssen…
Ich gehe ab jetzt nur noch wegen dem Entertainment zu Netto. Das war schon bei REAL ganz am Ende eine stets erfrischende Realsatire. Ernst nehmen kann ich das bei aller Fremdscham und Betroffenheit jedenfalls nicht mehr.
@Foodbuyer „Und da Netto mich standesgemäss verabschieden wollte, wurde ich bei der Aufnahme des bereits gefüllten Einkaufskorbs von hinten angesprochen: „junger Mann, ich muss hier jetzt mal mit der Palette durch“. Die junge Frau hätte nicht mal 5 Sekunden warten müssen…“
Du gehst ernsthaft im Discounter einkaufen und hast die Anspruchshaltung, dass die Beschäftigten bzw. Subs in Ruhe jeden „nur mal eben noch im Weg stehenden“ Kunden abzuwarten haben? Oder doch lieber gleich stets prall gefüllte Regale, aber bitte nur mit Zusatzpersonal nachts aufgefüllt, um als hypereiliger Kunde bloß nicht gestört zu werden? Ach ja, jahrelang treues Stammpersonal soll’s auch noch sein –> „eine stets erfrischende Realsatire“ … aber Kapselkaffeekonsumenten – KKK ™ – möchte ich ohnehin nie verstehen 🙂
Paul beschreibt da eine merkwürdige Geisteshaltung, er hat wohl noch ein paar Rechnungen offen. Oder ein lebhaftes Kopfkino. Schade dass er nicht dabei war, die Situation selbst hätte Loriot gefallen.
vielleicht sollte sich Netto von den Non Food Aktionswaren verabschieden
bei Netto ist das sowieso meiner Meinungnicht die oberste Qualität
auch Penny hat ja bei kleineren Filialen sich schon längst davon verabschiedet
zumal selbst Aldi und Lidl durch ACTION, Temu etc. wahrscheinlich im Non Food Aktionsbereich die besten Tage hinter sich haben
@ Foodbuyer „Paul beschreibt da eine merkwürdige Geisteshaltung, er hat wohl noch ein paar Rechnungen offen. Oder ein lebhaftes Kopfkino. Schade dass er nicht dabei war, die Situation selbst hätte Loriot gefallen.“
Wenn du meinst 🙂 Aber nein – ich gehe einfach nur achtsam durchs Leben, drängle nicht und habe im Zweifel „auch hinten Augen“. Wer freilich in Egomanier herumstapfen will, soll’s tun, erhält im Zweifel aber auch die passende Antwort.