Problem-Einkauf bei Netto Pick & Go: Überholspur zur Kontrollwaage

Problem-Einkauf bei Netto Pick & Go: Überholspur zur Kontrollwaage

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Die große Euphorie um autonome Supermärkte ist verpufft. Technologie-Anbieter versuchen Händler mit Maßnahmen zur Diebstahlprävention zu überzeugen. Das Kassenlos-Erlebnis rückt endgültig in den Hintergrund. Und ein Test im Pick-&-Go-Markt von Netto (ohne Hund) in Regensburg zeigt auch, warum: Die KI lässt sich immer noch viel zu leicht irritieren.

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Es ist in den vergangenen Monaten auffällig ruhig geworden um die Kassenlos- und Schnell-Checkout-Läden, die sich bis dahin offensiv als Innovation des Lebensmitteleinkaufs empfahlen. Die letzten größeren Neueröffnungen datieren fast allesamt ins vergangene Jahr, als Rewe sein Pick-&-Go-Konzept gleich doppelt nach Hamburg holte; seitdem gibt es immer mal wieder kleinere Konzeptvariationen: hier ein smarter Backshop, dort ein Automatenkiosk, dazu ein automatisierter Tankstellen-Container ohne frische Backwaren.

Aber auch wenn manches Hochschulkompetenznetzwerk Gegenteiliges herbeizuwhitepapern versucht, muss man festhalten: Die Revolution der autonomen Supermärkte ist – zumindest in ihrem ursprünglich orakelten Ausmaß – gescheitert.

Mit Ausnahme der polnischen Convenience-Kette Żabka (siehe Supermarktblog) hat kein einzelner europäischer Händler im großen Stil Märkte mit KI-Einkaufsbegleitung eröffnet; bei den allermeisten Läden, die mit der Technologie arbeiten, handelt es sich nach wie vor um Tests.

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Dein universeller Alleshelfer

Vor einigen Wochen folgte die Ankündigung von Amazon, seine britischen Minisupermärkte unter dem Fresh-Banner einzustellen und sich damit endgültig von der selbst entwickelten Just-Walk-Out-Technologie zu verabschieden (mit der der Hype mal begonnen hat). Spätestens seitdem sind die Aussichten, dass das doch noch was werden könnte, eher trübe. Die große Euphorie der Händler ist – verpufft.

Das haben auch die verbliebenen Technologie-Anbieter verstanden und verändern deshalb ihre Kommunikation und den Fokus.

Trigo aus Israel zum Beispiel, das u.a. mit Rewe, Netto (ohne Hund) und Tesco zusammenarbeitet, ist zuletzt zunehmend vom einstigen Kernversprechen abgerückt, den autonomen Einkauf voranzutreiben („Real-time Frictionless Shopping“). Inzwischen positioniert man sich eher als universeller Helfer für Einkaufsmuster-Analysen, für reibungslose Nachbestellungen bei leeren Regalen – und als Helfer gegen das Universalproblem Ladendiebstahl.

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Von Binsen und Rucksäcken

Dafür hat Trigo gerade eine „Studie“ im Fachmagazin „The Grocer“ untergebracht, laut der 80 Prozent aller Artikel, die im Laden geklaut werden, schon vor der Kassenzone in Taschen oder Rucksäcken verschwinden. Das habe eine Auswertung von tausend Diebstahlfällen ergeben. Dass ausgerechnet solche Basisweisheiten jetzt als Verkaufsargument für die KI-Technologie herhalten müssen, sagt mehr über die aktuelle Marktlage, als es den Anbietern lieb sein dürfte.

Die damit transportierte Botschaft an Lebensmittelhändler sowie Drogeriemarkt-Betreiber und Kosmetikartikel-Läden, die man ebenfalls ansprechen will, lautet: „Stopping theft in 2025 requires AI-powered software that monitors the entire store in real time.“

Die Trigo-eigene KI-Technologie erkenne bereits im Laden, wenn Kund:innen Artikel in Taschen und Jacken verschwinden lassen, und verständige das Personal sofort per Alarm bzw. liefere einen entsprechenden Videobeweis mit. Außerdem sei die Software kompatibel mit gängigen Überwachungssystemen und innerhalb weniger Tage einsatzbereit.

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Nicht so ausgereift wie versprochen

Von aufwändigen Umbauzeiten, wie sie bisher notwendig waren, um Pick-&-Go-Konzepte umzusetzen, von Deckenkameras und sensiblen Waagen in den Regalen ist dabei keine Rede mehr.

Und das hat vermutlich gute Gründe. Die nämlich, die hier seit Monaten nach regelmäßigen Praxistests im Blog stehen: Die Technologie ist lange nicht so ausgereift, wie Händler und Anbieter das bislang suggeriert haben – und vermutlich deutlich manipulationsanfälliger als erhofft. Auch in der „Pick, Pay & Go“-Variante, die sich zwischenzeitlich mehrheitlich in Trigo-unterstützten Testfilialen durchzusetzen schien.

Warum das so ist, zeigt ein Besuch in Regensburg. Im Sommer hab ich mir dort – nach München (siehe Supermarktblog) – den zweiten Pick-&-Go-Markt von Netto (ohne Hund) angesehen, der mit seinen 800 Quadratmetern zur Eröffnung Anfang 2024 kurzzeitig als größter autonomer Lebensmittelmarkt Europas galt (bis Rewe Pick & Go in Hamburg mit 1.200 Quadratmetern eröffnete).

Netto-Testfilkiale für Pick & Go in Regensburg; Foto: Smb

Umfassend kommunizierter Zusatznutzen

Für den dortigen Einkauf ist kein umständliches Registrieren und App-Scannen am Eingang mehr notwendig. Stattdessen geht man einfach rein, legt die gewünschten Produkte in Korb oder Wagen und stellt sich am Ausgang an eines von drei „Fast-Exit-Terminals“, die auf dem Bildschirm eigenmächtig auflisten, was man zuvor aus dem Regal gegriffen hat. Daraufhin bezahlt man bargeldlos und kann den Laden wieder verlassen (siehe Supermarktblog).

Am Fast-Exit-Terminal wird der Einkauf (theoretisch) nur noch aufgelistet, um ihn zügig bezahlen zu können; Foto: Smb

Der Laden wurde in Kooperation mit der Ostbayerischen Technologischen Hochschule Regensburg (OTH) eröffnet. Und die Nachbarschaft aus regulären Wohnhäusern und Studierendenwohnheim ist vermutlich eine gute Testumgebung, weil sich bei zahlreichen jungen Kund:innen eine gewisse Technologieaufgeschlossenheit erwarten lässt.

Bei meinem Besuch an einem Donnerstagnachmittag wurde die „Überholspur“ (Netto-Werbung) auch ab und an von Kund:innen mit kleineren Einkäufen genutzt. Zumal Netto (ohne Hund) sich massiv ins Zeug legt, den Zusatznutzen zu kommunizieren: Neben dem Eingang, auf Einkaufswägen und Bildschirmen im Markt wird umfassend für die Einkaufserleichterung geworben:

  • „Kein Scannen“ – „Kein Anstellen“ – „Rausgehen“
  • „Du willst richtig Zeit sparen? Dann nutz doch die Überholspur“
  • „Überholspur nutzen und am Pick & Go-Terminal mit Karte oder per Netto-App bezahlen“

Aktionsartikel: der KI-Endgegner

Bei unkomplizierten Einkäufen mag das auch wie versprochen funktionieren. Aber: Einkaufen ist eben nicht immer unkompliziert. Sondern manchmal auch das Gegenteil.

Zum Beispiel, wenn man das Kleinkind im Kinderwagen dabei hat, den sich das System bei der automatischen Erfassung der am Einkauf beteiligten Personen am Ende auch diesmal wieder beharrlich zu erkennen geweigert hat.

Ein weiterer Schwachpunkt scheinen die Aktionsflächen zu sein, die bei Netto (ohne Hund) wesentlicher Ladenbestandteil sind: Dem System beizubringen, welche wöchentlich wechselnderen Artikel wo auf den Aktionstischen stehen, die im Laufe des Tages zunehmend von Kund:innen durcheinander gebracht werden, scheint der absolute KI-Endgegner zu sein.

Und dann ist da das lose Obst und Gemüse: Dank gewichtssensibler Waagen werden Bananen, Paprika und Zucchini in Regensburg beim Entnehmen automatisch gewogen und dem virtuellen Einkaufskorb hinzugefügt, was in der Branche ausführlich bejubelt wird – und auch funktioniert.

Falsch erkannt? Einzeln abwiegen!

So lange, bis man die schnell erreichbaren Grenzen des Systems auszutesten beginnt: Wer lose Ware sortenfremd zurücksortiert oder Stückpreisware mit Kilopreisartikeln tauscht, kann das empfindliche Gefüge sehr schnell aus dem Gleichgewicht bringen – entweder aus Versehen, wenn man die minderjährige Begleitung kurz nicht im Blick hat. Oder eben auch sehr kalkuliert und mit betrügerischer Absicht.

Bei meinem Testeinkauf konnte ich am Fast-Exit-Terminal wegen der (von mir provozierten) teilweise falschen Auflistung meines Einkaufs direkt der freundlichen Kassiererin Bescheid geben – die sichtlich genervt bei der manuellen Nachbesserung behilflich sein musste:

  • Smarties Minis – löschen, weil auf der Aktionsfläche zurückgelegt
  • Zitrone löschen – bei Nektarinen von mir falsch zurückgelegt
  • Joghurt mit MHD-Reduzierung – Rabatt wurde vom System nicht erkannt
  • Nektarine händisch eingeben – und zwar: indem man auf dem Touchscreen wie an einer regulären SB-Kasse „Obst“ auswählt, zu „Nektarinen“ durchscrollt und die „Manuelle Gewichtseingabe“ aktiviert, um dort die zuvor auf einer hinter den Fast-Exit-Terminals positionierten „Kontrollwaage“ altmodisch ermittelte und gemerkte Grammzahl einzugeben
WEnn’s beim abgewogenen Obst Probleme gibt, müssen auch Überholspur-Kund:innen noch zur Kontrollwaage…; Foto: Smb

Anschließend widmete sich die Kassiererin wieder ihrer regulären Kassiertätigkeit – bis ihr Wirken erneut erforderlich war, weil dem Terminal vor der Bezahlung noch einfiel, dass für das alkoholfreie Bier im Einkaufskorb ein „Altersnachweis nötig“ sei.

… dann noch der Altersnachweis und die Zeitersparnis ist endgültig futsch; Foto: Smb

Was hat die Kundschaft davon?

Natürlich ist das alles kein Drama – aber doch ein guter Grund zur Frage, warum sich eine Technologie, die als zukunftsweisend angepriesen wird, selbst mit wenig Mühe so arg durcheinander bringen lässt, dass auch bei einem Einkauf mit neun Artikeln mehrfach nachgebessert werden muss. Weil es unter gewissen Umständen eben doch schwerer ist als behauptet, Artikel korrekt zu erkennen.

Damit ist die Technologie nicht nur vom versprochenen Kund:innenerlebnis („richtig Zeit sparen“, „Überholspur“) weit entfernt; sondern im Zweifel auch von der behaupteten Diebstahlpräventionseignung (der Trigo-CEO im „Grocer“: „AI will detect it“), wenn die darüber hinaus reicht, dass sich in Regal drei gerade irgendein Typ die Jacke ganz offensichtlich mit Kaffeebohnen-Packungen vollstopft.

(Mal abgesehen davon, dass eine KI-basierte Dauer-Beobachtung von Kund:innen zwar sehr nach möglicher Zukunft klingt, aber eben auch nach einem massiven Aufregerrisiko für die Händler.)

Vor allem dann, wenn sich die ehrlichen Kund:innen irgendwann fragen, was eigentlich sie davon haben, dass jeder ihrer Schritte im Laden KI-daueranalysiert wird, während sie auf der „Überholspur“ wieder die Nektarine händisch nachwiegen müssen.

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5 Kommentare
  • Bei dem Altersnachweis für alkoholfreies Bier habe ich fast meinen Bildschirm mit meinem alkoholfreien Glühwein (kein Witz) voll vollgeprustet.

    Welche Intelligenzbestie bei netto ist eigentlich eingefallen, alkoholfreies Bier so im System zu hinterlegen, dass ein Altersnachweis erforderlich ist? Hat das jemand mit Absicht gemacht, um die armen Angestellten im Markt möglichst schnell zur Kündigung zu bewegen? Oder welchen tiefsinnigen Grund, der sich mir nicht erschließen will, steckt dahinter?

    • Beim Verkauf von alkoholfreiem Bier muss das Ladenpersonal in Deutschland in der Regel zwar nicht das Alter des Kunden hzw. der Kundin überprüfen, da es rechtlich kein alkoholisches Getränk ist und somit keine Altersbeschränkung besteht. Aber es passiert nach meiner Erfahrung trotzdem relativ oft, auch bei Lieferdiensten wie Wolt – ob das so gewollt ist oder im System nachlässig angelegt, kann ich nicht sagen.

      Weiß jemand aus seinem Arbeitsalltag mehr dazu?

    • Der Bundesverband des Deutschen Lebensmittelhandels schreibt in seinem Ratgeber zum Jugendschutzgesetz:
      „Alkoholfreies Bier ist kein alkoholisches Getränk im Sinne des Jugendschutzgesetzes und darf damit laut Gesetz auch an Jugendliche unter 16 Jahren verkauft werden. Dennoch verweigern viele Händler die Abgabe an Kinder, damit sich Kinder nicht bereits in jungen Jahren an den Biergeschmack gewöhnen.
      Grundsätzlich besteht keine Pflicht zum Verkauf. Im Rahmen der Vertragsfreiheit kann jeder Händler für sich selbst entscheiden, ob er den Kauf von Kindern und Jugendlichen unter 16 Jahren gestattet.“
      https://bit.ly/4io9DFJ

  • Da Getränke ja in verschiedene Warengruppen unterteilt sind und entsprechend auch so angelegt werden – Bier und AKF Bier – unter „Bier“ wird dem System wohl schlicht und einfach gesagt, das alle Artikel in der Warengruppe „Bier“ einer Alterskontrolle unterliegen da sich keiner die Mühe machen möchte dies noch mal zu differenzieren. Oder aber weil keiner versehentlich ein Getränk falsch zuordnen möchte und damit den Strafen der jeweiligen Aufsichtsbehörden aus dem Weg gehen möchte. Wären meine Ansätze dazu…

    • Ist nicht überall der Fall. So hängt z.B. bei tegut beispielsweise am Kauf des „Stralsunder“ Bio-Pils‘ alkoholfrei keine Altersprüfung. Das andere Ende der Fahnenstange gibt’s bei famila zu beobachten, wo beispielsweise das „Jever FUN“ nicht nur der Altersprüfung unterworfen, sondern sogar schlussendlich exakt wie das alkoholhaltige Pils auf dem Beleg ausgegeben wird (und das trotz Einzelflaschenscan und nicht bloß über Fehleingabe der PLU).

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