Wettstreit um den Quick-Commerce-Thron: Gorillas, Flink, Getir & Co. passen Lieferkosten und Sortimente an

Wettstreit um den Quick-Commerce-Thron: Gorillas, Flink, Getir & Co. passen Lieferkosten und Sortimente an

Foto: Supermarktblog
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Ziemlich viel los bei den Sofortlieferdiensten: Gorillas führt den Mindestbestellwert durch die Hintertür ein, Flink stellt Rewe-Eigenmarken ins App-Regal und bei Getir lüftet sich das Geheimnis um die Warenversorgung.

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Ein Jahr und ein paar Milliarden ist’s her, dass Gorillas-Gründer Kağan Sümer im Supermarktblog-Gespräch das Versprechen seines Blitzlieferdiensts verteidigte, Kund:innen Einkäufe ohne Mindestbestellwert nachhause zu bringen. Wer die Erfahrung mache, auch mal nur ein paar Artikel schnell geliefert zu kriegen, bestelle meist wieder. Das wolle man erst ändern, wenn sich das Bestellverhalten der Kund:innen zum Nachteil des Start-ups entwickele:

„But overall I’m not a friend of minimum order value. We’re trying to keep it that way as long as possible.“

Offensichtlich hat sich das Bestellverhalten der Kund:innen des inzwischen weltweit gehypten Berliner Start-ups tendenziell nachteilig entwickelt.

Zumindest informiert Gorillas derzeit per App über ein „Update zu unseren Lieferkosten“, die „angepasst an eure Bestellungen“ seien. Die bisher geltenden 1,80 Euro pro Einkauf bleiben zwar bestehen, gelten aber nur noch für einen Warenwert von über 10 Euro. Wer ein oder zwei Artikel mit niedrigerem Gesamtwert haben will, zahlt ab sofort einen Zuschlag von zusätzlichen 2,10 Euro – was faktisch mit der Einführung eines Mindestbestellwerts gleich zu setzen ist, wie ihn u.a. Wettbewerber Getir aus der Türkei von Anfang an pflegt.

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Im Gegenzug scheint Gorillas die Lieferkosten für Bestellungen über 35 Euro komplett aufheben zu wollen. (Derzeit ist dafür noch die Eingabe eines Gutschein-Codes notwendig.)

Screenshot: Gorillas / Smb

Bei den Investoren in der Schuld

Das passt zur Initiative, mit der das Start-up zuletzt versucht hatte, verloren gegangene Kund:innen zurück zu holen – indem man sie mit Mailings im Wochentakt anbettelte, ihnen die Versandkosten für die nächste Bestellung über 30 Euro zu erlassen („Machst du Schluss mit uns?“, „Gib uns noch eine Chance“, „Wir vermissen dich“, „Ist das das Ende?“, „Hey, es ist schon eine Weile her …“).

Daran lässt sich nicht nur ganz gut ablesen, mit welcher Unsouveränität im Kund:innen-Marketing agiert wird (nach der vierten Mail nervt’s einfach nur noch) – sondern auch, mit welchen Zielvorgaben zur Warenkorbhöhe (plus Wiederbestellrate) Gorillas bei seinen Investoren offensichtlich in der Schuld steht.

Kein Wunder, dass inzwischen Lastenräder zum Einsatz kommen (die vor den Innenstadt-Warenlagern auf Gehwegen noch mehr im Weg rumstehen als die regulären E-Bikes), um größere Einkäufe zu transportieren.

Umfassendere Bestellungen bringt Gorillas per Lastenrad zu seinen Kund:innen; Foto: Supermarktblog

Nach einem hitzigen Sommer voller Übernahmegerüchte und Stress mit dem eigenen Personal gilt es für die Berliner zudem, einen ganzen Berg weiterer Probleme abzutragen. Eines der drängendsten ist sicher die Ende des Jahres auslaufende Kooperation mit der Rewe-Tochter Für Sie, die zuletzt als Großhändler einen relevanten Teil des Gorillas-Sortiments beisteuerte. Nach der Ankündigung von Rewe, beim Gorillas-Wettbewerber Fink einzusteigen und diesen exklusiv beliefern zu wollen (siehe Supermarktblog), muss sich Gorillas nach einem neuen Partner umsehen, wie Exciting Commerce gerade zurecht erinnert.

Großhandelspartner wechsel dich

Nahe läge, im Zuge der Rewe-Rochade einfach auf den bisherigen Flink-Lieferpartner Bartels-Langness aus Kiel zu setzen, der – wie die „Lebensmittel Zeitung“ (Abo) kürzlich meldete – bei Flink so halb im Boot bleiben wird. (Mittels Belieferung im Norden des Landes.) Bartels-Langness ist laut „LZ“ auch beim neuesten Quick-Commerce-Klon der Hauptstadt, Wuplo, an Bord.

Nach Supermarktblog-Informationen bemüht man sich bei Gorillas aber zunehmend auch um direkte Einkaufskontakte zu großen Markenherstellern, die für eine Belieferung gewonnen werden sollen.

Unter der fast im Wochentakt zunehmenden Quick-Commerce-Konkurrenz ist Gorillas hinsichtlich seines Sortiments bislang eigentlich recht gut aufgestellt, weil früh Wert darauf gelegt wurde, lokale Anbieter mit ihren Produkten einzubeziehen: Bio-Bäcker:innen, kleine Brauereien und Röstereien, Fast-Casual-Regionalketten mit frischen und gesunden Mittagsmahlzeiten usw.

Rewe-Eigenmarkenprodukte bei Flink

Flink hat dieses Modell in hohem Tempo adaptiert und setzt inzwischen eigene Maßstäbe; die Rewe-Kooperation verschafft dem einige Monate später gestarteten Herausforderer zudem den Vorteil, ausgewählte Eigenmarken-Produkte des Partners in die App aufnehmen zu können. Seit kurzem sind zahlreiche Artikel von Rewe Bio, Rewe Beste Wahl und Rewe to Go bestellbar – offensichtlich ohne den Anspruch, diese in allen Sortimenten gleich umfassend abzubilden. (Es gibt zum Beispiel Rewe-Bio-Quinoa, aber keine Rewe-Eigenmarken-Pasta.)

Flink liefert nicht nur schnell, sondern feilt auch kontinuierlich am Sortiment; Foto: Supermarktblog

Im Mittelpunkt stehen weiterhin klassische und junge Marken sowie Regio-Produkte; das Rewe-gebrandete Sortiment scheint vorrangig der Ergänzung zu dienen, um in manchen Kategorien in die Tiefe gehen zu können (z.B. mit Rewe Beste Wahl Bio-Abfallbeutel, Rewe Beste Wahl Eiswürfelbeutel).

In Sachen Lieferkosten gibt es bei den Kurierfahrer:innen in Magenta derzeit keine Experimente: aktuell sind 1,80 Euro weiter der Standard.

Anders verfahren die neuen Herausforderer Getir und Foodpanda, die Lebensmittel derzeit – zumindest in Berlin bzw. für Neukund:innen – ohne Lieferkosten zustellen, um nicht den Anschluss zu verlieren. (Wobei die Delivery-Hero-Tochter mit bislang einem „Pandamarket“ in der Hauptstadt ohnehin nur in sehr begrenztem Lieferradius unterwegs ist.)

Ein Angebot wie im Tankstellen-Shop

Mit der bisherigen Sortimentstiefe dürfte das aber schwer werden: Beide Anbieter decken in vielen Kategorien eher den Grundbedarf an klassischen Markenprodukten aus dem Vollsortiment ab. Lokale Kooperationen scheint es bei Getir derzeit gar nicht zu geben (oder ich hab sie in der App nicht gefunden); woher die sehr kleine Auswahl vermeintlich frischer Backwaren stammt, mag man gegenüber Kund:innen lieber gar nicht erst kommunizieren.

Kuriose Lieferräder, langweiliges Sortiment: In Berlin überschlägt sich Getir nicht gerade mit Produktinnovationen in der App; Foto: Supermarktblog

In seinen Interviews zum Start des Diensts wollte Deutschland-Chef Tobias Brühne zuletzt nicht verraten, woher Getir seine Waren bezieht. Man peile eine „Mischung aus europäischem Zentraleinkauf, deutschen Großhändlern und lokal beliebten Produkten [im Direktbezug]“ an, erklärte er der „Lebensmittel Zeitung“ (Abo). Zumindest in Berlin erinnert das Getir-Sortiment derzeit aber eher an einen besseren Tankstellen-Shop ohne Produkt-Highlights. Was daran liegen könnte, dass die Belieferung (u.a.) über einen Großhändler zu laufen scheint, der sonst tatsächlich vor allem Tankstellenshops und Kioske bedient: Lekkerland.

Eine Supermarktblog-Anfrage, ob eine entsprechende Partnerschaft besteht, blieb bei Getir Deutschland bis zum Erscheinen dieses Textes unbeantwortet. Zuletzt waren vor den Warenlagern in Berlin allerdings leere Rollbehälter mit dem Logo des Convenience-Spezialisten zur Abholung geparkt.

Zur Abholung vor dem Getir-Lager geparkt: Rollbehälter des Conveninece-Speziailisten Lekkerland; Foto: Supermarktblog

Immer neue Allianzen

Das ist auch deshalb interessant, weil Lekkerland seit zwei Jahren zu Rewe gehört – wo man sich für die Warenbelieferung ja eigentlich exklusiv an Flink binden wollte. Gilt diese Zusage nicht für die Tochter Lekkerland? Dann könnte ja auch Gorillas einen Teil seines klassischen Markensortiments demnächst über den Tankstellenversorger beschaffen – im Zweifel ergänzend zu selbst aufgebauten Einkaufsstrukturen.

In diesem Fall würde die Rewe Group gleich mehrfach von der tobenden Schlacht der Blitzlieferdienste um Kund:innen profitieren – zumindest in der Warenbelieferung, die eventuelle Umsatzverluste in den klassischen Filialen ausgleichen könnte. (Falls diese überhaupt ins Gewicht fallen.)

Die „Lebensmittel Zeitung“ (Abo) vermutet derweil, dass auch Metro als künftiger Gorillas-Großhandelspartner ins Spiel kommen könnte, was dort auf „LZ“-Anfrage jedoch nicht kommentiert wird.

Währenddessen berichtet „Bloomberg“, dass Mitbewerber Delivery Hero tatsächlich mit einem hohen Milliardenbetrag bei Gorillas einsteigen wird; der US-Lieferkoloss Doordash hat sich laut „Manager Magazin“ und „Handelsblatt“ derweil für ein Investment bei Flink entschieden.

Und der nächste Anbieter schon bereit: Der finnische Restaurant-Lieferdienst Wolt hat bestätigt, sein bislang in Finnland und in Griechenland getestetes Konzept „Wolt Market“ auch nach Deutschland zu bringen. Nach Supermarktblog-Informationen geht es um zwei bis vier Standorte in Berlin (wo der größte Teil der Wolt-Flotte unterwegs ist). Auswählbar sollen 1.500 bis 2.000 Artikel sein, Frische inklusive.

Wettbewerb der guten Ideen

In all der Unübersichtlichkeit wird zumindest eines klarer: dass nämlich der Sieger im hiesigen Quick-Commerce-Geschäft, falls es denn einen geben wird, sich kaum darauf verlassen kann, einfach dasselbe Basissortiment an Lebensmitteln wie die übrigen Wettbewerber anzubieten – weil die Dienste dann für Kund:innen nämlich maximal austauschbar wären.

Wer sich langfristig im Markt behaupten möchte, wird große Teile seines Angebots über selbst aufgebaute Partnerschaften mit lokalen Herstellern gestalten müssen, um unterscheidbar zu bleiben und Kund:innen über das Grundversprechen der schnellen Lieferung hinaus zu halten. Bevor das alles wieder untergeht, können wir uns deshalb in nächster Zeit vielleicht sogar auf einen Wettbewerb der guten Ideen einstellen, mit denen die neuen Dienste etablierten Supermärkten – und sich selbst gegenseitig – eine Stück weit den Rang abzulaufen versuchen.

(Falls sie nicht gleichzeitig zu sehr in Versuchung geraten, die Startscreens ihrer Apps an mit Geldbündeln wedelnde Nahrungsmittelkonzerne für deren Produkteinführungen zu vermieten.)

Um den oft arg ähnlichen Sortimenten der großen Handelsketten etwas entgegen zu setzen, wäre das – bei allem Hickhack um absurde Milliardenbewertungen – eine äußerst begrüßenswerte Nachricht.

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