Der „Lidl-Check“ geht in die Verlängerung

Der „Lidl-Check“ geht in die Verlängerung

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In seinem „Lidl-Check“ findet das Erste am Montagabend ein paar ganz erstaunliche Dinge heraus.

Erstens: Wenn man 40 ganz normale Leute in ein Labor einlädt, um sie bei einer Blindverköstigung die Unterschiede zwischen Orangensäften aus dem Supermarkt und aus dem Discounter herausschmecken zu lassen, sagen nachher viele, dass ihnen die 100%-Saft-Säfte alle „zu wässrig“ seien. (Auch der von Lidl.) Damit ist der endgültige Beweis dafür erbracht, dass – Probanden von Labortests Orangensaft nicht schmeckt.

Zweitens: Wenn man am Rechner eine virtuelle Lidl-Filiale baut und diese in ein Studio projiziert, um darin einen Experten zu befragen, sieht das lustig aus, hat aber exakt gar keinen Nutzen.

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Drittens: Wenn man neun Paare in neun deutschen Städten mit der Stoppuhr an die Kasse schickt, jeweils zu Aldi und zu Lidl, und die Zeiten nachher zusammenrechnet – dann hat man mit einem absurden Drehaufwand eine lustige Quatschzahl errechnet, aber noch lange keine verlässliche Aussage über den „Stressfaktor“ eines Discounter-Einkaufs.

Um aber nicht ungerecht zu sein: Der 45-minütige „Lidl-Check“ hat trotz der teilweise seltsamen Experimente auch seine guten Momente. Und dass im deutschen Fernsehen direkt nach der „Tagesschau“ übers Einkaufen berichtet wird, kommt ja sonst eher selten vor. (Aber schauen Sie sich’s doch einfach selbst an. Der Film müsste am Dienstag auch in der Mediathek aufschlagen und wird dann hier verlinkt.)

Das Ergebnis des „Checks“ (in dem Backstationen, „Super-Samstage“ und Mietwohnungen übrigens keinerlei Rolle spielten) ist jedenfalls folgendes:

Nun gestaltet es sich für Blogs wie dieses hier ein bisschen schwierig, Tests mit 40 Safttrinkern in Auftrag zu geben. Und die Recherche in Bangladesh, wo Näherinnen in Fabriken im Lidl-Auftrag zu Hungerlöhnen arbeiten, ist leider auch erstmal auf unbestimmte Zeit verschoben.

Aber natürlich lässt sich der Aufmerksamkeitsschwung nutzen, um all die unwichtigen Kriterien nachzutragen, die im Ersten aus Zeitmangel leider wegfallen mussten. Weil dort vor lauter Recherche ja niemand Zeit hatte, mal in Ruhe einkaufen zu gehen. Willkommen also zu: Der Lidl-Check – die Verlängerung!

* * *

Ausgerechnet der fiese Discounter, der seine Mitarbeiter bespitzelt und im Wettbewerb mit Aldi die Preise für den gesamten Markt drückt, wandelt sich hinter dem Rücken seiner Kunden zum Ökostreber? Sieht ganz so aus. Noch muss man genau hinsehen, um die ersten Anzeichen zu entdecken. An den Lidl-Kassen gibt’s zum Beispiel nicht mehr nur Plastiktüten, sondern auch welche aus Papier. Um auf diese sensationelle Sortimentserweiterung hinzuweisen, wurden eigens Schilder unter den Kassenbändern angebracht: „Papiertragetasche. NEU!“ (Und lediglich doppelt so teuer wie die aus Plastik.)

Die Anschaffung von Papiertüten mag wie ein kleiner Schritt für die Ökobilanz so eines Discounters aussehen, aber eigentlich ist sie eine Sensation – weil Lidl kein neues Gesetz und keine Vorschrift dazu gezwungen hat.

Vor allem aber scheint das nur der Anfang zu sein: Lidl hat sich außerdem dazu entschlossen, die Plastikflaschen seiner Getränke-Eigenmarken selbst zu recyceln. Neu eröffnete Filialen sparen Kohlendioxid, weil die Beheizung mit der Abwärme erfolgt, die von den Kühlregalen stammt. Und seine Schokolade produziert Lidl mit Kakao aus nachhaltig zertifiziertem Anbau (allerdings bisher nur zu 10 Prozent).

Keine Ahnung, wo die Weltverbesserungsmotivation herkommt. Aber wenn diese Maßnahmen dabei helfen sollen, das ramponierte Image des Discounters zu verbessern, ist das schon mal ein Anfang. Das Urteil:

ÖKO-FAKTOR: STEIGEND

In vielen Berliner Filialen gehören 30-Prozent-Billiger-Ecken in den Kühltheken inzwischen zum Standard. Darin landen Salate, Joghurts, Käse und Fleisch, die nicht mehr so lange haltbar sind, dafür aber im Preis heruntergesetzt, damit sie nicht liegenbleiben und weggeschmissen werden müssen, wie kürzlich intensiv diskutiert. Dabei steht der Hinweis, dass es sich um „qualitativ einwandfreie Ware“ handele, die „lediglich ein kürzeres Mindesthaltbarkeitsdatum“ habe.

Weil Kunden aber bekanntlich nie zufrieden sind: Wäre es möglich, die Packungen nicht mit roten Warnetiketten zu entstellen? Und sie nicht so abfallmäßig in die Billiger-Ecken hineinzuverklappen? Das sind Lebensmittel, die haben auch Gefühle! Das Urteil:

LERNFÄHIGKEIT: AKTIVIERT

Seit einiger Zeit scheint Lidl ausgeprägte Augenleiden zur Einstellungsvoraussetzung für Marktleiter gemacht zu haben. Anders lässt es sich nicht erklären, dass viele Märkte seit einigen Wochen mit neonfarbenen Preisschildern zugepflastert sind, die den Kunden permanent „BILLIGER!“ und „AKTIONSPREIS!“ entgegen schreien. Sie meinen, so ein bisschen Preiswerbung sei in Ordnung? Aber nicht mehr, wenn die Neonquote acht Schilder pro Regalmeter überschreitet.

Höchstwahrscheinlich handelt es sich dabei um den durchsichtigen Versuch, die Lidl-Märkte unattraktiver als die von Aldi zu machen, nachdem die Lidl-Zentrale kürzlich den Supermarkt-Blog-Eintrag über den Hässlichkeitszwang für Discounter gelesen hat.

Aber könnten wir bitte da eine Ausnahme machen – und die Aktionspreis-Wüterei möglichst bald wieder abhängen? Das Einkaufen bei Lidl macht jetzt nämlich immer so Kopfschmerzen. Das Urteil:

AUFDRINGLICHKEIT: BLENDEND

Zusammengefasst ergibt der ARD-Supermarktblog-Check für Lidl also folgendes Testurteil: überschätzt-erträglich-ordentlich-unzureichend-steigend-aktiviert-blendend.

Können Sie damit was anfangen? Ach, nicht? Mist.

Dann verraten Sie mir doch wenigstens in den Kommentaren, wie das mit den Billig-Ecken, den Papiertüten und den Neonschildern in Ihrem Lidl ausschaut. Und schalten Sie am Abend mal rein: „Der Lidl-Check“, um 20.15 Uhr im Ersten.

Screenshot: WDR; Fotos: Supermarktblog

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