Lidl und Kaufland kopieren die Strategien der Bio-Märkte. Und der Fachhandel? Schaut zu

Lidl und Kaufland kopieren die Strategien der Bio-Märkte. Und der Fachhandel? Schaut zu

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Discounter entdecken eine ganz neue Bio-Begeisterung für sich und sorgen dafür, dass dem Fachhandel immer mehr Alleinstellungsmerkmale abhanden kommen. Ausgerechnet jetzt gibt es Verwirrung darüber, wohin die Bio-Pioniere eigentlich steuern.

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Man muss wahrlich kein Kristallkugelstudium absolviert haben, um vorherzusagen, dass 2019 für den deutschen Naturkostfachhandel eines der wichtigsten Jahre seit seiner Gründung sein wird. Aber selbst gestandene Wahrsager dürften derzeit ihre Mühe haben, sich darauf festzulegen, ob das gute oder schlechte Nachrichten sind. Weil im Moment noch beides möglich zu sein scheint.

Entweder der Fachhandel profitiert vom Boom, den Bio gerade in der öffentlichen Wahrnehmung erlebt und schafft es, alte Dogmen und Isolationsphantasien über Bord zu werfen. Oder er sieht weiter dabei zu, wie konventionelle Handelsketten zunehmend an der Auflösung der Grenzen arbeiten, an die man sich im Fachhandel immer noch klammert. In jedem Fall werden die kommenden Monate wesentlich mit darüber entscheiden, wie es mit den Bio-Pionieren weitergeht. Eins ist immerhin klar: So wie bisher auf jeden Fall nicht mehr (siehe Supermarktblog).

Das für den Fachhandel vielleicht Ärgerlichste daran ist, dass er diese Entwicklung nicht (mehr) alleine in der Hand hat. Ausgerechnet der verpönte Discount dürfte dabei ein gewaltiges Wort mitzureden haben.

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Lange Zeit galten den Naturkostfachhändlern in Deutschland vor allem die Supermärkte von Edeka und Rewe mit ihren Bio-Sortimenten als gefährlichste Rivalen. Das ändert sich gerade grundlegend. Insbesondere weil die Neckarsulmer Schwarz-Gruppe mit ihren Handelsformaten Lidl und Kaufland plötzlich eine ganz neue Bio-Begeisterung für sich entdeckt hat. Dabei kommen den Vorbildern nach und nach immer mehr Alleinstellungsmerkmale abhanden.

1. Besseres Bio

Zu den Hauptargumenten der Fachhändler gehörte über viele Jahre, dass es im konventionellen Handel vorrangig Bio-Lebensmittel zu kaufen gebe, die nach den Vorgaben der EU-Öko-Verordnung hergestellt würden, einer Art Bio-Mindeststandard. Alternativen, deren Erzeuger sich nach den strengeren Vorgaben von Anbauverbänden wie Bioland, Naturland und Demeter richteten, waren größtenteils den Bioläden vorbehalten. Das ist vorbei.

Seit Beginn des Jahres wirbt Lidl umfassend für seine Kooperation mit Bioland und sendet derzeit im Wochentakt neue Meldungen dazu aus. Der Großteil des Lidl-Bio-Sortiments soll künftig das Verbandssiegel tragen. Kurz darauf folgte Kaufland mit seiner Demeter-Initiative und nahm zertifiziertes Obst und Gemüse sowie Nahrungsmittel der Demeter-zertifizierten Marke Campo Verde ins Sortiment auf. Damit ist erstmals Ware, die nach den Kriterien des strengsten deutschen Anbauverbands erzeugt wurde, im Discount erhältlich.

Der Bundesverband Ökologische Landwirtschaft (BÖLW) attestiert dem Bio-Facheinzelhandel (FEH) in seiner aktuellen Marktanalyse (PDF) deshalb auch:

„Mit mehr Verbandsware in Supermärkten und Discount wurde ein Unterscheidungsmerkmal zwischen LEH und FEH abgeschliffen.“

(Heißt: weggenommen.)

Dazu kommt, dass der klassische Handel sich gerade ziemlich ins Zeug legt, Kunden den Unterschied zwischen Bio und besserem Bio zu erklären. Im einer Sonderbroschüre (und im Internet) beantwortet Kaufland klipp und klar in drei knappen Absätzen die Frage: „Was unterscheidet Demeter-Produkte von Bio-Produkten?“ Dieses Wissen hat der Bio-Fachhandel bei seinen Stammkunden lange als gegeben vorausgesetzt – und wenig dafür getan, alle anderen durch den Bio-Siegeldschungel zu leiten, um sie für ein Upgrade zu interessieren.

(Da hilft’s auch nix, verschämt ein Erklärposter ins Schaufenster zu hängen.)

Im Grunde genommen bringt Kaufland mit seiner Besser-Bio-Erklärung auf den Punkt, was eigentlich der Fachhandel hätte leisten müssen. Und kommuniziert Kunden dazu „Überzeugung“, „nachhaltiges Engagement“ und den Aufruf, „gemeinsam den Unterschied“ zu machen. Genau so, wie es die Bio-Märkte vorgemacht haben.

2. Größeres Sortiment

Als zweiten wichtigen Vorteil gegenüber dem klassischen Handel hob der Bundesverband Naturkost Naturwaren (BNN), die Interessenvertretung von rund 400 Bio-Händlern in Deutschland, noch im vergangenen Jahr das größere Sortiment des Fachhandels hervor. Das klingt auch so lange plausibel, bis man am Eingag der Kaufland-Innenstadtfiliale am Berliner Alexanderplatz per Hinweisschild in den Laden gelockt wird:

„Entdecken Sie unsere Bio-Welt im 1. Obergeschoss.“

Hinter den Frischetheken hat der Großflächendiscounter dort in mehreren Regalreihen sämtliche Bio-Produkte aus seinem (Trocken-)Sortiment zusammengezogen und um zahlreiche Zusatzartikel ergänzt.

Die Demeter-zertifizierten Campo-Verde-Produkte stehen sprichwörtlich in der ersten Reihe.

Auch an den Rolltreppen macht Kaufland potenzielle Bio-Käufer auf das in leuchtendem Grün inszenierte Sortiment aufmerksam, das zudem einen Holzimitatfußboden und eigene Lounge-Leuchten fürs Ambiente verpasst bekommen hat.

Mit einer großen denn’s-Biomarkt- oder Alnatura-Filiale mag die Kaufland-Auswahl es nicht aufnehmen können; aber durchschnittliche Bio-Käufer können hier nicht nur ihren Grundbedarf decken, sondern kriegen auch eine Auswahl besonderer Bio-Snacks und Bio-Weine geboten.

Der BNN argumentiert, dass Kunden des größeren Sortiments wegen irgendwann automatisch im Fachmarkt landen, wenn sie sich im klassischen Lebensmitteleinzelhandel erst mal an Bio gewöhnt hätten. Das lässt sich aber auch umdrehen: Wieso sollten Bio-affine Kunden überhaupt noch in den klassischen Biomarkt gehen, wenn sie z.B. bei Kaufland am Alex eine fast so große Auswahl erhalten – und gleichzeitig nicht auf Nutella oder Coca Cola verzichten müssen?

3. Nähe zum Erzeuger

Lange vor dem Amazon-Deal hingen an den Regalen der Whole-Foods-Biomärkte Tafeln, von denen freundlich lächelnde Erzeuger dafür bürgten, dass die darunter verkaufte Ware von ihrem Hof stammt. Und auch in Deutschland demonstrierten regionale Händler wie die Berliner Bio Company in ihren Läden durch Personalisierung, wie sehr sie sich durch die Nähe zu den Erzeugern aus dem Umland auszeichnen.

Für die großen Discountketten war das eine hervorragende Inspiration.

Bierschinken, Wiener, Schweinebraten, Kassler und Nürnberger Bratwürste der Lidl-Eigenmarke Bio Organic zieren schon seit einer ganzen Weile Fotos gut gelaunter Landwirte, die der Discounter auf der Verpackung als „einer unserer Bio-Höfe“ vorstellt, um anschließend in ein paar Zeilen zu erklären, was den jeweiligen Betrieb auszeichnet:

„Familie Gundel-Exner hat ihren Hof in Mittelfranken seit 2015 auf Bio-Zucht umgestellt und liefert seitdem höchste Qualität aus dem familiengeführten Betrieb.“

Oder:

„Familie Kuttenreich betreibt einen traditionellen Aussiedlerhof nahe Ingolstadt, in dem die Mastschweine mit selbst angebauten Futtermitteln optimal bis zur Reife versorgt werden.“

(Schweine „reifen“?)

Auch seine Bioland-Initiative hat Lidl stark personalisiert, die Werbemotive zieren „Bioland-Milchbäuerin Andrea aus dem Trauchgau“ mit ihrem Kälbchen, „Bioland-Apfelbauer Henrik aus Jork“ vor seiner Apfelplantage und „Bioland-Milchbauer Keanu aus Noer“ vor friedlich grasenden Rindern (Foto oben).

„Herzlichen Dank an unsere regionalen Erzeuger“,

steht derweil auf der hölzernen Tafel, mit der Kaufland am Eingang seiner Filialen darauf hinweist, dass man selbstverständlich mit zahlreichen Erzeugern aus der Region zusammenarbeitet. Und um die 150 neu ins Sortiment genommenen Bio-Produkte mit Demeter-Zertifizierung zu bewerben („Qualität, wie von Mutter Natur gedacht“), hat Kaufland ein Gespräch mit Peter B. geführt, „Demeter-Milchbauer aus dem Schwarzwald“:

„Wie finden Sie es persönlich, dass es jetzt Demeter-mich bei Kaufland gibt?“

„Extrem positiv. Der Verbraucher hat jetzt eine noch größere Chance, an die Demeter-Produkte heranzukommen. Wer bei Kaufland unsere Demeter-Milch kauft, hat die Sicherheit, ein naturbelassenes Produkt zu bekommen.“

Anders gesagt: Nähe zum Erzeuger demonstrieren Discounter ihren Kunden inzwischen genauso intensiv wie Biomärkte. Dass es dabei weiterhin massive Unterschiede zwischen regionalem Biohändler und national agierendem Discounter geben wird, ist unbestritten – aber die lassen sich im Laden schwerer erklären.

Eine schwierige Annäherung

Und die übrigen Wettbewerber schlafen nicht. Einem Bericht der „Lebensmittel Zeitung“ zufolge plant Edeka die Eröffnung eigener Bio-Supermärkte unter dem Eigenmarkennamen Naturkind.

Rewe modernisiert gerade den Auftritt seiner Bio-Eigenmarke und reserviert in manchen Läden sämtliche Gondelköpfe für das Rewe-Bio-Sortiment.

Und die Anbauverbände sind offen für weitere Kooperationen mit Partnern, die ihnen angesichts bisheriger Vereinbarungen mit dem Fachhandel verwehrt geblieben sind, nun aber dafür sorgen können, die von ihnen definierten Bio-Standards bei einer sehr viel größeren Kundengruppe zu etablieren. Genau das war ja eigentlich mal das Ziel der Bio-Bewegung.

Es bedeutet aber nicht automatisch, dass alle Beteiligten mit den neuen Konstellationen glücklich werden. Bei Demeter wird man sich gewiss daran gewöhnen müssen, als „Premium-Marke im Bio-Bereich“ im Kaufland-Wochenprospekt erst vorzukommen, nachdem auf acht Seiten die Produkte der XXL-Aktionswoche für Vielkäufer abgefrühstückt wurden („Groß. Gut. Günstig“).


Abb. [M]: Kaufland/Smb

Und auch über die Deklaration am Obst-und-Gemüse-Regal werden die Partner wohl noch mal ein Wörtchen zu reden haben. Supermarktblog-Leser Robert K. hat entdeckt, dass es Kaufland z.B. in Köln mit der korrekten Demeter-Auszeichnung von Frischware am Regal eher locker nimmt und notfalls auch Produkte aufs Demeter-eingerahmte Preisschild holt, die offensichtlich gar nicht in Demeter-Qualität angeboten werden:


Fotos [M]: Robert Kneschke

All das kann aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass es im Markt für Bio-Lebensmittel gerade zu drastischen Verschiebungen kommt, deren Wirkung sich nicht länger ignorieren oder kleinreden lässt. Diese Entwicklung trifft die Branche ausgerechnet in einer Zeit, in der zunehmend Verwirrung darüber herrscht, wohin der Fachhandel eigentlich steuert. Auf stabilem Kurs in die Zukunft? Oder mit massiven Verlusten für unabhängige Ladenbetreiber in die zunehmende Konsolidierung?

Aus den Umsatzzahlen, die kürzlich für das vergangene Jahr veröffentlicht wurden, lässt sich theoretisch beides herauslesen.

Eine vertrackte Rechnung

Anfang Februar meldete der Bundesverband Naturkost Naturwaren (BNN), dass der Bio-Facheinzelhandel 2018 „weiterhin stabil und verlässlich“ (auf insgesamt 3,46 Milliarden Euro, inkl. Non-Food) gewachsen ist. Das Umsatzwachstum zum Vorjahr habe 5,2 Prozent betragen. Die kurz darauf publizierten Berechnungen des Arbeitskreises Biomarkt für die Naturkostfachgeschäfte wiesen jedoch in eine völlig andere Richtung – mit gerade einmal 0,8 Prozent Wachstum (auf 2,93 Milliarden Euro). Solides Wachstum oder Quasi-Stillstand – wer hat recht? Eine klare Antwort auf diese Frage gibt es (bislang) nicht.

Das Branchenmagazin Bio-markt.info hat umfassend dazu recherchiert (Paywall). Kurz gesagt: Es ist kompliziert. Ich will trotzdem versuchen, den Sachverhalt möglichst kompakt auch für Nicht-Bio-Branchenkenner zusammenzufassen.

Wichtig ist zunächst, dass die Berechnungen auf unterschiedlichen Quellen beruhen. Der BNN erfragt konkrete Umsatzzahlen direkt bei den Bio-Großhändlern, die in erster Linie den Fachhandel beliefern (aber auch Online-Versender, Großverbraucher, einzelne Kaufleute aus dem LEH). Der Arbeitskreis Biomarkt errechnet seine gemeinsame Entwicklungsgröße hingegen aus mehreren Daten: Scannerkassendaten und Umsatzangaben ausgesuchter Naturkostfachgeschäfte (ermittelt von BioVista und der Kommunikationsberatung Klaus Braun) sowie Daten zum Einkaufsverhalten aus Kunden-Panels der großen Marktforschungsunternehmen (von GfK und Nielsen). Unterschiede gab es deswegen schon immer. In der Regel wiesen die Daten aber zumindest in eine ähnliche Richtung. Diesmal ist das nicht der Fall.

Während die Fachhandelsexperten aus ihren Ergebnissen ein klares Wachstum für die Naturkostfachgeschäfte im Jahr 2018 ablesen konnten, stand bei Nielsen, insbesondere aber bei der GfK ein deutliches Minus unterm Strich.

„Beide gehen davon aus, dass die Umsätze des Biofachhandels 2018 deutlich zurückgegangen sind“,

schreibt Bio-markt.info (Paywall). Laut Agrarmarkt Informations-Gesellschaft (AMI), die den Arbeitskreis Biomarkt koordiniert, betreffe das vor allem kleine Bioladen-Betreiber; in einzelnen Sortimentsbereichen lägen die Rückgänge laut Bio-markt.info „zwischen fünf und zehn Prozent“.

Die 0,8 Prozent Umsatzwachstum sind das rechnerische Ergebnis dieses Schlamassels, quasi der kleinste gemeinsame Nenner, auf den man sich im Arbeitskreis Biomarkt einigen konnte – und deshalb eigentlich kein brauchbarer Wert, weil er keine der beiden Grundtendenzen angemessen abbildet.

(Der BÖLW geht in seiner Publikation „Die Bio-Branche 2019“ [PDF] leider nicht näher auf diesen Sachverhalt ein und weist lediglich in einer Fußnote zu den Arbeitskreis-Biomarkt-Daten darauf hin, dass sich Quellen „in ihrer Entwicklung eindeutig unterscheiden“; als politischer Dachverband überlasse man die Deutung der Ergebnisse den jeweiligen Datengebern, heißt es dazu aus dem BÖLW.)

Nun gibt es mehrere Möglichkeiten, die erwähnte Diskrepanz zu deuten:

  • Zum Beispiel als Verzerrung im GfK-Panel, das jedes Jahr einen hohen Durchlauf an Teilnehmern aufweist und womöglich nur wenige Intensiv-Biokäufer berücksichtigt (z.B. weil die keine Lust haben, ihr Einkaufsverhalten offenzulegen).
  • Möglich ist aber auch, dass die GfK einen Trend abbildet, der bei den Kunden bereits angekommen ist, sich in diesem Maße aber noch nicht überall im Fachhandel niedergeschlagen hat: die Verlagerung eines Teils der Bio-Einkäufe in den klassischen Lebensmitteleinzelhandel.

Verzerrung – oder Alarmsignal?

Der Fachhandel steht also vor einer schwierigen Abwägung: Entweder er deutet das Ergebnis als Datenschluckauf, der sich womöglich schon in diesem Jahr wieder erledigt hat; oder als Alarmsignal dafür, dass die etablierten Strukturen schneller erodieren als sich das selbst die pessimistischsten Beobachter hätten vorstellen können.

Noch mag man in der Branche nicht so recht daran glauben, dass es für den (kleinen) Fachhandel tatsächlich so steil bergab geht, wie es die GfK-Zahlen nahelegen. Es gibt auch gute Gründe dafür. Einer ist, dass eine solche Entwicklung – geschätzte 7 Prozent Minus – nicht unentdeckt an allen anderen Branchenakteuren hätte vorbeigehen können; mindestens der Großhandel hätte diese Veränderung ja ebenfalls durch sinkende Abnahmemengen feststellen müssen. (Der BNN meldet für den Großhandel allerdings  ein klares Umsatzplus.)

Weitere Befragungen, u.a. von Herstellern, könnten in den kommenden Monaten mehr Klarheit schaffen, welche Entwicklung wahrscheinlicher ist.

Vor allem aber muss sich der Arbeitskreis Biomarkt die Frage stellen, wie die verwendeten Quellen künftig so gewichtet werden können, dass am Ende tatsächlich ein Wert mit Aussagekraft steht, kein rechnerischer Kompromiss – und, falls das nicht gelingt, ob die Erhebung in ihrer jetzigen Form überhaupt noch Sinn ergibt. (Die AMI hat sich auf Anfrage bislang nicht zu möglichen Plänen geäußert.)

Kein Händler ist eine Insel

Unabhängig davon ahnt man aber auch in der Branche, dass zumindest eine Fortsetzung der bisherigen Wachstumsraten unrealistisch ist: „Es gibt im Fachhandel nicht mehr die zweistelligen Zuwächse wie noch vor drei Jahren – das ist aber auch ein Stück weit heilsam, weil der ein oder andere dachte, es gebe einen Anspruch darauf“, sagt ein Branchenkenner.

Die beiden großen Bio-Handelsunternehmen – dennree und Alnatura – veröffentlichen zwar Umsatzzahlen und Wachstumsraten, führen aber nicht aus, welcher Anteil davon auf die eigenen Biosupermärkte entfällt. Wer von dennree wissen will, wie das Handelsgeschäft im Geschäftsjahr 2018 im Vergleich zum Großhandel der Gruppe abgeschnitten hat, dem antwortet ein Sprecher:

„Dazu äußern wir uns grundsätzlich nicht.“

Die bislang unbeantwortete Frage ist deshalb, auf welchem Niveau sich der Bio-Fachhandel mittelfristig einpendeln wird – vor allem, wenn er weiter auf Abkapselung setzen will und der klassische Handel seine Sortimente (und deren Qualität) weiter ausbaut.

„Die Zeiten sind lange vorbei, in denen sich der Biohandel noch als Insel abschotten kann“,

erklärte Horst Lang, Koordinationsleiter für Qualität und Umwelt beim SB-Warenhausbetreiber Globus, kürzlich der „Lebensmittel Zeitung“. Dabei scheint der Trend zur Verinselung derzeit sogar noch zuzunehmen. Im vergangenen Jahr hat sich die Interessengemeinschaft der Bio-Märkte (IGBM) neu gegründet, um „die Interessen des spezialisierten Naturkostfacheinzelhandels auf nationaler Ebene“ zu vertreten. (Sprecher ist Lukas Nossol, Marketingleiter des größten Mitglieds denn’s Biomarkt.) Fast genau so wie der BNN, der „die Interessen der Naturkostbranche auf politischer und wirtschaftlicher Ebene [vertritt]“ (auch die des Handels).

Nische – oder Falle?

Mag sein, dass der IGBM bloß die Perspektive der Händler stärker in den Fokus rücken will – aber warum geschieht das nicht innerhalb des BNN? Von außen bleibt der Eindruck, dass sich die Bio-(Handels-)Branche nicht so recht einig zu sein scheint.

Beim BNN hat man jedenfalls mit einiger Verspätung gemerkt, dass es notwendig sein könnte, in Zukunft „klarer, offensiver und lauter [zu] kommunizieren“. (Offener wäre auch schon mal ein Anfang.) Deshalb soll es in der Geschäftsführung eine zweite Stelle für das neue Ressort „Kommunikation und Markt“ geben. Das soll die Gründung einer gemeinnützigen GmbH veranlassen, um eine Kampagne zu entwickeln, welche „die Leistungen des Bio-Fachhandels bewirbt“.

Man kann sich’s kaum ausdenken: Während der Fachhandel von Supermärkten und Discountern endgültig als die für Kunden wichtigste Anlaufstelle für Bio-Lebensmittel überrollt zu werden droht und es zumindest Anzeichen dafür gibt, dass kleinen Biohändlern massiv Kunden weglaufen – gründet man in Berlin-Mitte erstmal eine gemeinnützige GmbH? Eine, die den naiven LEH-Bio-Käufern den wahren Wert des Fachhandels erklären soll, um sie zu „anspruchsvollen“ und „werteorientierten“ Kunden zu konvertieren (wie BNN-Geschäftsführerin Elke Röder ihre Klientel über die Allgemeinheit erhebt)?

Man muss wahrlich kein Kristallkugelstudium absolviert haben, um vorherzusagen, dass das eine merkwürdige Strategie ist, um die eigenen Stärken herauszustellen (die noch übrig sind).

Und dass 2019 womöglich das Jahr wird, in dem sich die von großen Teilen des deutschen Naturkostfachhandels selbst gewählte Nische endgültig als Falle herausstellt.

Dank an Robert K. und Nicolas K. für die Hinweise!

Fotos: Supermarktblog

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13 Kommentare
  • nach meiner anfänglichen Bio-Fachhandelbegeisterung vor 5 Jahren kann eben dieser Fachhandel nicht mit meinen gestiegenen Anforderungen mithalten: ich möchte kein Euro-Biosiegel sondern mehr Bioland oder Demeter. Das ist aber sehr mau bei Alnatura und Co.

    Grundsätzlich und aufgrund weniger Zeit zum Einkaufen wegen Kinder brauche ich das beste aus zwei Welten in einem Laden: Demetermilchprodukte, vegane Biowurst sowie Simplyfrischkäse, Nutella und DanySahne 😉
    So sieht die Realität einer Familie aus die sich Gedanken um Nachhaltigkeit macht aber auch vereinzelnd weiterhin klassische Marken kaufen möchte. Rewe an den Yorckstrassen bekommt da ganz gut hin mit Demetermilch oder Wildfleisch aus der Region… Lidl ist auf einem super Weg: Exzellentes Bio mit Markenware und Discounterpreisen… perfekt

  • Die Demeter-Rahmen um die Preisschilder bei Kaufland (teils inzwischen dreifarbig, diese elektrischen Dinger) könnten eine nicht ganz gelungener Versuch sein, den Preis der Demeter-Ware mit ähnlicher zu vergleichen – um den Kunden zu zeigen, so abstrus teurer ist es auch nicht.

  • Wenn das „Besser-Bio“ – Sortiment bei Lidl, Kaufland und auch in den Supermärkten auch nur annähernd so groß wird wie in einem durchschnittlich großen Biomarkt, schlägt die Bequemlichkeit sicher das im Biomarkt vielleicht noch bessere Gewissen. Wenn ich z. B. bei Kaufland meinen kompletten Einkauf erledigen kann, von vegan, Demeter-Bio bis zu Socken und Töpfen bei Bedarf, wieso sollte ich dann in den Fachmarkt und für Bio in der selben Qualität mehr bezahlen? Man rennt ja heute auch kaum noch zum Bäcker, Drogeriemarkt und Getränkemarkt wenn sich das alles auch in einem Laden finden lässt. Da sehe ich es auch als absurd an, dass Edeka eine eigene Biomarkt-Kette aufbauen will. Das wird schon mit Budni kaum funktionieren im Drogeriebereich. Und wenn man jetzt hört, dass die Biomarkt Ketten ihre ohnehin höheren Margen auf Kosten der Mitarbeiter hochschrauben, dann ist der wichtigste Vorteil Vertrauen in eine bessere Unternehmenskultur sehr sehr angeschlagen. PS: erstaunlich, dass Rewe das Rewe Bio Logo weiterhin wie das alte „Marke Rewe“ Design von 2006 gestaltet

    • Ja, das ist noch mal ein Thema für sich, das allerdings auch schon länger diskutiert wird, der Glaubwürdigkeit der großen Biomarktketten bei ihrer Zielgruppe bislang aber erstaunlicherweise kaum geschadet zu haben scheint. Gut möglich, dass sich das noch ändert.

    • Solange die Geisteshaltung von Angestellten und Kunden einigermaßen übereinstimmen, kann das noch lange gut gehen: wer braucht schon Geld, wenn die Welt verbessert wird? In der Hoffnung, hier jetzt keine pseudo-religiöse Debatte anzuzetteln: Apple Stores (und auch die Firma an sich, ich weiß wovon ich rede!) zahlen auch denkbar schlecht, bekommen dennoch meist hochmotiviertes Personal. Genau wie zwei Alnatura-Märkte in München und Düsseldorf, wo ich manchmal einfalle.

  • Ich frage mich bis heute, wie die Drogeriemarktketten so groß werden konnten. Klar, kleine Stadt-Rewe haben keine entsprechende Drogerie-Abteilung, Kaufland hingegen schon. Und trotzdem gehe ich, aufgrund der Eigenmarken, zu Rossmann und dm, obwohl es umständlich ist. Zieht man die Parallelen, wäre also auch die Bioabteilung im Kaufland keine Gefahr für Denn’s und Co.? Ich weiß die Antwort selbst nicht, aber irgendwas scheint Drogerien immun gegen Supermärkte zu machen. vllt können deren Erkenntnisse den Biofachmarkt retten?

    P.S.: was macht eig picnic? So richtig viele Städte wie angekündigt sind ja nicht dazu gekommen.

    • Als Drogeriemärkte entstanden, war die Auswahl solcher Produkte in den Supermärkten noch arg bescheiden. Heute hingegen sind dm und Rossmann ganz klar auf Erlebnis-Shopping für Frauen ausgerichtet (sagt meine Frau): „Nur mal schnell für eine Zahnbürste rein, und dann stehen da all diese tollen neuen Duschbäder, die erstmal angeschnuppert werden müssen.“ Dazu auch deutlich mehr (günstige) Parfümerie, eine gigantische Teebeutel-Auswahl (Rossmann, schlägt da die meisten Supermärkte), und die große Bio-Auswahl sprach zumindest ursprünglich auch mehr die weibliche Kundschaft an, genau wie die vielen, vielen Produkte für Kleinkinder. Gefühlt ist auch heute 80% der Drogeriemarkt-Kundschaft weiblich (gibt es da Daten?).
      Inwieweit sich dieser Ansatz auf Biofachmärkte übertragen ließe, dazu fehlt mir die Phantasie…

    • Wahrscheinlich alles richtig, aber Supermärkte dürften auch noch einen Frauenüberschuss haben, auch wenn der in den letzten Jahrzehnten stark gesunken ist. Biomärkte stehn wohl wo dazwischen. Den mit Abstand höchsten Männeranteil hat übrigens nach meinem Eindruck Lidl. Vielleicht haben die da ein Defizit erkannt.

  • Im übrigen bekomme ich auf dem Smartphone keinerlei Hinweis à la Kommentar muss noch geprüft werden vor der Veröffentlichung. Weiß nie, ob die Übertragung wirklich geklappt hat. Letztes Mal nämlich nicht.

  • In Frankfurt bekomme ich übrigens derzeit in manchen Rewe-Filialen Rewe-Bio-H-Milch „in Naturland-Qualität“ (aus Deutschland) und in manchen noch die alte „in Bio-Qualität“ (aus Österreich), da scheint auch gerade der Umbruch stattzufinden.
    Ich finde es als Gelegenheits-Käufer von Bio-Produkten (vornehmlich bei tierischen Produkten) super komisch, wenn abgetrennte „Bio-Abteilungen“ gebaut werden, ob nun im ersten Stock, als einzelne Bio-Gemüse-Insel oder am Regalkopf. Die signalisieren mir „Achtung, Hochpreisgebiet“ und ich mache einen großen Bogen darum. Wenn aber neben der Discount-Variante und der koventionellen Marke ein Bio-Artikel liegt und ich einen abwägenden Preisvergleich machen kann, greife ich auch gerne mal zu. Ich glaube, hier liegt möglicherweise ein fundamentaler Zielgruppenkonflikt zwischen den Vorlieben der Gelegenheits-Bio-Käufer und den Bio-Fachhandel-Abgeworbenen.

  • Schade, dass sich die REWE hier so die Butter vom Brot nehmen lässt – bekommt man dort doch schon seit gut 10 Jahren Naturland-Qualität.

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