Die große Ratlosigkeit der Bio-Fachhändler: Sind Supermärkte und Drogerien die erfolgreicheren Bioläden?

Die große Ratlosigkeit der Bio-Fachhändler: Sind Supermärkte und Drogerien die erfolgreicheren Bioläden?

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Die Deutschen kaufen immer mehr Bio, aber nicht unbedingt dort, wo es die Pioniere der Branche gerne hätten. Supermärkte, Drogerien und Discounter werden dem Fachhandel zunehmend gefährlich. Das hat der sich auch selbst zuzuschreiben.

Partner und Sponsoren:

Jedes Jahr treffen sich Hersteller, Händler und Förderer ökologisch erzeugter Lebensmittel Mitte Februar auf der weltweit größten Bio-Messe in Nürnberg, um über die Zukunft ihrer Branche zu diskutieren. Diesmal haben sie einen unübersehbaren Hinweis mit auf den Weg bekommen, wer künftig ebenfalls ein Wörtchen mitzureden wünscht: der deutsche Discount.

Während des Nürnberger Bio-Gipfeltreffens stellte Lidl einen ganzen Schwung zusätzlicher Eigenmarkenprodukte in Bio-Qualität ins Regal und informierte Kunden im Wochenprospekt, dass „über 120 Bio-Artikel dauerhaft im Sortiment“ zu haben sind – natürlich besonders günstig: „Bewusste Ernährung muss nicht teuer sein.“

Kurz zuvor hatten Aldi Nord und Aldi Süd bekannt gegeben, ihre Bio-Auswahl mit „über 60 zusätzliche[n] Artikel[n] in diversen Sorten“ zu erweitern, „sowohl im Standard- als auch Aktionssortiment“.


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Auf Plakaten warb der Discounter mit „Bio-Vielfalt zum Aldi-Preis“ und hieß Kunden „Willkommen bei Deutschlands führendem Bio-Händler“ (weil man laut GfK im Vertriebsgebiet Nord den höchsten Umsatz mit Bio-Lebensmitteln erziele).

Der traditionelle Bio-Fachhandel schaut irritiert bis ratlos auf diese Initiativen. Seit Jahren versucht er Konsumenten zu erklären, warum es richtig und wichtig ist, Alternativen zur konventionellen Landwirtschaft zu stärken und mehr Bio zu kaufen. Das scheint vielen auch einzuleuchten.

Aber anstatt dafür in den Biomarkt um die Ecke zu gehen, bleiben viele dort, wo sie auch sonst hingehen: im Supermarkt, in der Drogerie, im Discounter.

Der Bundesverband Naturkost Naturwaren (BNN), der unabhängige kleine Bioläden und große Biomarktketten gleichermaßen vertreten soll, hat einen erstaunlichen Weg gefunden, mit dieser Entwicklung umzugehen: weggucken. Sie erkenne ein „Dilemma“, erklärte BNN-Geschäftsführerin Elke Röder in der vergangenen Woche zwar, bezog das aber nicht auf den Bio-Fachhandel. Sondern auf die stark wachsende Konkurrenz, die ein Problem habe: Im Supermarkt und Discounter sei Bio „trotz allem nur ein geringer Teil des Sortiments“. Das werde vielen Kunden auf Dauer nicht reichen. Röder glaubt:

„Die Konventionellen können zwar auf den Megatrend Bio aufspringen, aber sie können ihn nicht kapern.“

Doch. Genau das passiert gerade. Man muss sich nur die Zahlen, die der Bund Ökologische Lebensmittel (BÖLW) jährlich zur Entwicklung des Bio-Markts veröffentlicht, mal genau ansehen.

Auf den ersten Blick ist die gerade erschienene Bilanz hervorragend: Im vergangenen Jahr wurden in Deutschland mit Bio erstmals über 10 Milliarden Euro umgesetzt. Davon profitiert zweifellos auch der Fachhandel. Im klassischen Handel wächst Bio allerdings schneller. Sehr viel schneller. Das Umsatzwachstum lag dort 2017 bei 8,8 Prozent. 59,1 Prozent aller Bio-Umsätze laufen inzwischen über die Kasse im Supermarkt, in der Drogerie und im Discounter (PDF, S. 16). Drei Jahre zuvor waren es laut den Berechnungen des Arbeitskreises Biomarkt noch 53 Prozent (PDF, S. 9; basierend auf Zahlen von GfK, Nielsen, bioVista und der Kommunikationsberatung Klaus Braun).

Der Bio-Fachhandel schaffte im Vorjahr nur noch eine Steigerung um 2,2 Prozent. Sein Marktanteil liegt bei 29,0 Prozent. Das sind ganze 4 Prozentpunkte weniger als 2014. (Die übrigen Prozente verteilen sich u.a. auf Bäckereien, Metzgereien, Wochenmärkte, Abokisten usw.).

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Kurz gesagt: Die Deutschen kaufen mehr Bio. Aber nicht zwangsläufig dort, wo es die Pioniere gerne hätten.

An dieser Entwicklung ist auch der Bio-Fachhandel selbst schuld.

1. In ihrem Bestreben, sich einen möglichst großen Anteil an den Umsätzen mit Bio-Lebensmitteln zu sichern, bedienen sich insbesondere Bio-Supermarktketten inzwischen Wachstumstrategien, die sehr an die des konventionellen Lebensmitteleinzelhandels erinnern. Das macht es schwerer, sich als glaubwürdige Alternative zu positionieren.

2. Gleichzeitig unterscheiden sich Herangehensweisen und Ziele großer, mittlerer und kleiner Bio-Händler inzwischen so sehr voneinander, dass gemeinsame Interessen abnehmen. Der Bio-Fachhandel spricht – anders als er vorgibt – nicht mehr mit einer Stimme.

3. Manche Fachhändler erwarten, dass Hersteller ihre Marken ausschließlich bei ihnen verkaufen und auf Umsätze z.B. in klassischen Supermärkten und Drogerien verzichten. Das entzweit ehemalige Verbündete und lässt Kunden ratlos zurück.

4. Es wird komplizierter, Kunden zu erklären, warum Bio im Fachhandel besser sein soll als Bio im Supermarkt oder in der Drogerie – zumal die Strategien aus dem Fachhandel dort einfach abgeschaut werden.

Marktkonzentration

Im konventionellen Lebensmitteleinzelhandel hat die Konzentration auf wenige, landesweit agierende Handelsketten in den vergangenen Jahren noch einmal deutlich zugenommen. Kleinere Händler sehen immer weniger Chancen, sich gegen die Marktmacht der Großen durchzusetzen. Im Bio-Fachhandel scheint sich dieser Trend zu spiegeln.

Im Jahr 2012 zählten die beiden größten deutschen Bio-Supermarktketten – denn’s Biomarkt und Alnatura – zusammen 160 Filialen (89 denn’s-Märkte, 71 Alnatura-Läden). Sechs Jahre später betreibt allein denn’s nach eigenen Angaben „über 280 Filialen in Deutschland sowie Österreich“, Alnatura nennt 126 Filialen (macht zusammen 406).

Vor allem denn’s – eine Tochter des Bio-Großhändlers Dennree – ist nicht nur aus eigener Kraft gewachsen, sondern hat u.a. die Berliner Biomarktkette ViV Frische Markt übernommen und deren Läden ins eigene Netz integriert. Das Unternehmen strebt zunehmend auch Kooperationen mit kleineren Bio-Händlern an, die sich denn’s als Partner in ihr Geschäft holen (denn’s Grünkern in Ahrensburg bei Hamburg; siehe auch PDF-Handzettel zur Neueröffnung), Märkte nach dem Franchise-Prinzip betreiben (Biomarkt Fischer-Mühle in Backnang) oder ihren Laden ganz an denn’s abgeben (Ex-ProNatur in Wiesbaden).

In Berlin nistet sich die Kette in einem Lückenschlussbau nach dem nächsten ein und belegt Erdgeschossflächen, die Supermärkten oder Discountern zu klein wären.

Das Tempo der Neueröffnungen ist so hoch, dass in vielen Filialen gut ausgebildete Fachkräfte fehlen und auf Aushilfen zurückgegriffen werden muss, die wenig Ahnung vom Naturkostfachhandel haben und die Beratung, auf die der Bundesverband Naturkost Naturwaren gerne stolz verweist, gar nicht leisten können.

(Im Zweifel darf man als Kunde auch noch Tipps zur Kassenbedienung geben, weil offensichtlich nicht mal für eine grundlegende Einarbeitung Zeit war.)

In Berlin sowie NRW und Niedersachsen wollen die beiden Biomarktketten Bio Company (55 Läden) und SuperBioMarkt (nach der angekündigten Übernahme von zwei Düsseldorfer Ex-Temma-Filialen: 28 Läden) mit Regionalkompetenz punkten. Innerhalb der vergangenen zwei Jahre hat die Beteiligungsgesellschaft Bio Development mit Sitz in der Schweiz wesentliche Anteile an beiden Ketten übernommen: 47 Prozent an Bio Company, und (gerade erst) 38 Prozent an SuperBioMarkt. Ziel von Bio Development ist es nach eigenen Angaben, „die unabhängige Bio-Nahrungsmittelbranche zu stärken und Bio-Unternehmen eine gesunde Kapitalgrundlage zur Verfügung zu stellen“.

Dafür soll eine „Verbundgruppe“ an Händlern gegründet werden, um mit den Großen mithalten zu können – an sich eine gute Idee. Sonst bleibt man aber eher vage (PDF).

Bemerkenswert ist, dass Bio Development aber zugleich an Bio-Herstellern und Bio-Großhändlern beteiligt ist: der Schweizer Demeter-Molkerei Biomilk, einem Milchpulver-Hersteller, einem hessischen Regionalgroßhändler und dem bedeutendsten Bio-Großhändler der Schweiz, Biopartner, der gerade mit dem Wettbewerber Seon und Somona fusioniert wird. Das Fachmagazin „Biopress“ schrieb dazu: „Mehr Konzentration im Schweizer Bio-Großhandel soll Unabhängigkeit der Bio-Branche garantieren“ – und vielleicht muss man Schweizer sein oder besonders überzeugt vom Wohlwollen des eigenen Handelns, um nicht zu merken, wie gruselig das klingt. (Und wie sehr nach den Methoden aus dem klassischen LEH; Edeka lässt grüßen.)

Über eine wachsende Markt- und Verhandlungsmacht verfügt das von der Schweiz aus aufgebaute Bio-Konglomerat allemal. Vor allem unabhängige Bio-Hersteller dürften genau beobachten, ob sie das künftig zu spüren bekommen.

Beim Anbauverband Demeter fragt man sich u.a.

„woher die Gelder der BDH AG kommen. Aus Privatvermögen oder aus Unternehmen der Privatwirtschaft? Und wer verdient eigentlich damit sein Geld?“

Partnerschaft oder Konkurrenz?

Will die Bio-Branche den klassischen Lebensmitteleinzelhandel als Freund oder Feind begreifen? Darüber herrscht längst keine Einigkeit mehr.

Die Nummer zwei unter den Bio-Supermarktketten, Alnatura, verfolgt spätestens seit dem Bruch mit dem langjährigen Partner dm (siehe Supermarktblog) eine Strategie, die sich grundlegend von der anderer Bio-Fachhändler unterscheidet.

Um die Verluste aufzufangen, die sich durch den Rauswurf der Alnatura-Produkte bei dm ergeben haben, mussten neue Partner gesucht werden. Bei Tegut, Globus und Hit war Alnatura zuvor schon in den Regalen vertreten; in der Schweiz arbeitet man eng mit dem Marktführer Migros zusammen. Und in Deutschland gibt es seit 2015 eine Allianz mit Edeka (siehe Supermarktblog), die das Bickenbacher Unternehmen noch stärker als bisher an den klassischen Lebensmitteleinzelhandel bindet (und von den dort erzielten Umsätzen abhängig macht).

Bei der Berliner Bio Company verfolgt Gründer und Geschäftsführer Georg Kaiser einen anderen Kurs: den der größtmöglichen Abgrenzung. Das klingt zunächst sinnvoll, hat aber drastische Konsequenzen – z.B. für Hersteller, die anders verfahren wollen.

Kaiser fordert (wie zahlreiche Verfechter der ursprünglichen Bio-Bewegung) kompromisslose „Fachhandelstreue“ von Bio-Herstellern, die bei Bio Company ins Regal wollen. Sie sollen sich quasi dem exklusiven Verkauf ihrer Markenprodukte im Bio-Fachhandel verpflichten. Als der Naturkostproduzent Davert vor zwei Jahren ausscherte und auch die Drogeriemarktkette dm belieferte (Foto unten), erklärte Kaiser in drastischer Wortwahl gegenüber bio-markt.info: „Damit ist die Marke für uns tot.“

Das Fachmagazin berichtete:

„[Kaisers] Konsequenz ist die weitgehende Substitution von Davert-Produkten. Mit einer Bevorzugung des Herstellers, z.B. durch Einlistung von Artikeln, die sich nicht so schnell drehen, sei es definitiv vorbei. Auch die Davert-Portraits sollen aus den [Bio Company] Filialen verschwinden.“

Aus Bio-Company-Sicht mag es konsequent sein, bevorzugt Produkte zu verkaufen, die Kunden nicht auch im regulären Supermarkt erhalten. Die Vehemenz, mit der Teile des Bio-Fachhandels derartige Strafaktionen androhen, wirft allerdings unweigerlich die Frage auf, um wen und was es den Akteuren in diesem Fall wirklich geht.

Den Interessen der Kunden scheinen Händler wie Bio Company jedenfalls keine Priorität beizumessen, wenn sie Marken auslisten, die nicht nach ihren Regeln spielen.

In jedem Fall erinnern solche Verfahren sehr an Kämpfe, wie sie Edeka gerade mit Nestlé auszufechten versucht – auch wenn es nicht um günstigere Konditionen geht, sondern ums Prinzip. Der besonderen Sortimentsvielfalt, die der Fachhandel gerne für sich in Anspruch nimmt, schaden derlei Strafaktionen zusätzlich.

Einseitige „Treue“?

Dabei wird das Prinzip der „Fachhandelstreue“ gar nicht ausschließlich von Händlern vertreten. Auch Bio-Hersteller beteuern, daran festhalten zu wollen, so wie der Getreideprodukte-Produzent Spielberger Mühle und der Müsli-Hersteller Barnhouse Naturprodukte. Dessen Geschäftsführerin Sina Nagl ergänzte ihr Bekenntnis zur Exklusivität im Biomarktregal im vergangenen Jahr allerdings mit einer deutlichen Bitte für „eine stärkere gegenseitige Verbindlichkeit“ (PDF):

„[Wir halten] nicht nur die Fachhandelstreue für wichtig, sondern auch die leider oft fehlende Fachmarkentreue, die es uns Pionier-Marken sehr schwer macht, z.B. durch Trittbrettfahrer oder preisaggressive Handelsmarken unserer Großhändler, die uns kopieren und dann neben uns im Regal des Bioladens stehen.“

Nochmal ganz langsam: Teile des Fachhandels finden es inakzeptabel, dass Bio-Hersteller ihre etablierten Marken (zum Teil) auch im klassischen Lebensmitteleinzelhandel anbieten, weil das dem Alleinstellungsmerkmal der Bio-Märkte schadet. Gleichzeitig torpedieren Fachhändler das Alleinstellungsmerkmal der Marken, von denen sie diese Treue einfordern, mit Eigenmarken, die weniger kosten.

Im vergangenen Jahr, als die Debatte zum Thema schon eine Weile akut war, hätte ich mich gerne mit Kaiser darüber unterhalten. Die zuständige Presseagentur erklärte jedoch:

„Wir erhalten derzeit recht viele Anfragen dazu und können leider nicht allen begegnen.“

(Anders etwa als den Interviewanfragen zum „Erfolgsgeheimnis der Kette“ in Berliner Lokalzeitungen, für die sich Kaiser problemlos Zeit nimmt.)

Womöglich unterschätzt die Branche, wie widersprüchlich manche ihrer Entwicklungen auf Außenstehende wirken; umso wichtiger wäre es, dem mit größtmöglicher Transparenz zu begegnen. Und zwar nicht nur, wenn man sich gerade gegenüber dem konventionellen Handel profilieren möchte. (Die Münchner Biomarktkette Basic z.B. hat sämtliche Anfragen, die ich in den vergangenen Jahren für dieses Blog gestellt habe [u.a. hier], entweder nur rudimentär beantwortet oder gar nicht erst darauf reagiert – dagegen ist die Informationspolitik von Aldi und Lidl inzwischen geradezu vorbildlich; glücklicherweise gibt es auch Bio-Händler, die sehr viel offener kommunizieren.)

Unverwechselbarkeit schwindet

Um die eigene Unverzichtbarkeit herauszustellen, führen viele im Fachhandel immer wieder drei wesentliche Argumente an: mehr Sortimentsvielfalt, mehr Geschmack, mehr Verbandsware (d.h. von Anbauverbänden zertifizierte Produkte).

Das mit der Vielfalt gilt, wie beschrieben, bei einigen Händlern offensichtlich nur so lange, wie sich Hersteller einer einseitigen Exklusivität verpflichten.

Was den Geschmack betrifft, erzählt insbesondere Alnatura-Gründer Götz Rehn in Interviews immer wieder gerne sein Märchen der besonders ausgefeilten Rezepturen für Alnatura-Eigenmarken, über die ein externer Arbeitskreis entscheide.

„Nehmen Sie als Beispiel eine Marmelade. Man kann sie mit 30 Prozent Fruchtanteil oder mit 70 Prozent herstellen, so wie wir das tun. Aus einer hochwertigen Rezeptur ergibt sich der gute Geschmack“,

hat Rehn gerade der „Lebensmittel Praxis“ im Interview erklärt. Und betont, wie wichtig „Produkte aus Deutschland, aus kleinen Manufakturen, die unter guten Verhältnissen produzieren“ sind.

Das wirkt nicht nur deshalb anachronistisch, weil Alnatura von dm in den vergangenen zweieinhalb Jahren auf beeindruckende Art und Weise vorgeführt bekommen hat, wie kopieranfällig das Eigenmarkensortiment war (bei dem außer den Rezepturen vor allem die Preisgestaltung nicht ganz unwichtig ist).

Sondern auch, weil Alnatura nach wie vor darauf verzichtet, Kunden auf der Verpackungsrückseite der Produkte zu verraten, von welchem Hersteller sie denn kommen.

Bleibt noch die Verbandsware: Zu den unbestreitbaren Vorteilen des Fachhandels gehörte bislang, Bio-Produkte anzubieten, die nach den Kriterien von Anbauverbänden wie Bioland, Demeter und Naturland zertifiziert sind – eine Art „besseres“ Bio mit sehr viel höheren Anforderungen an die Produktion als es die EU mit ihren Bio-Mindeststandards vorgibt.

Auch dieser Vorsprung schrumpft allerdings drastisch zusammen, weil Supermärkte und Drogerien die Strategie kapern.Rewe rühmt sich, dass „immer mehr“ Rewe-Bio-Produkte“ die „strengen Naturland-Richtlinien erfüllen“. Und gerade hat dm bekannt gegeben, dass „viele“ Produkte der Eigenmarke dm Bio künftig ein neues Siegel des Demeter-Verbands tragen sollen, das dieser „eigens für Handelsmarken“ entwickelt hat.

Es ist ein ganz schöner Tanz, den Demeter aufführt, um zu erklären, wo die Unterschiede zwischen Produkten mit Logo und Siegel liegen (es gibt fast keine; bei Handelsmarken handele es sich um „ein anderes Produkt-Segment“, erklärt Demeter die Siegel-Einführung). Das könnte auch daran liegen, dass der aufgeregten Bio-Branche noch vor zwei Jahren versprochen worden war, es werde auf absehbare Zeit „keine Demeter-Ware bei dm“ geben. Im Vorjahr hat der Verband jedoch eine neue Vertriebsstrategie eingeführt, die festlegt, unter welchen Bedingungen Händler Demeter verkaufen dürfen – mit praktischen Ausnahmeregelungen für Drogeriemärkte.

Die Annäherung an den konventionellen Handel scheint jedenfalls unaufhaltsam. Man befinde sich „aktuell in Gesprächen mit Real“ (das jetzt schon Demeter-zertifizierte Marken verkauft) über den Abschluss eines Handelsvertrags, bestätigt Demeter auf Anfrage.

Ist ja auch kein Wunder: Genau wie die Hersteller sehen die Verbände, wie die Bio-Umsätze in Supermärkten und Drogerien stetig steigen. Sie müssen sich entscheiden, ob sie an diesem Wachstum teilhaben oder lieber stur an alten Prinzipen festhalten wollen.


Zeit zu handeln

Natürlich kann man sich wie BNN-Geschäftsführerin Röder einreden, es sei „keine Zeit für Besorgnis“. Und fest daran glauben, dass sich all diese Probleme für den Fachhandel schon irgendwie von alleine erledigen, wenn die Discount-Bio-Kunden irgendwann zu „richtigen“ Bio-Kunden konvertieren, sobald sie auf den Geschmack gekommen sind und sich nach größeren Sortimenten sehnen. Als Strategie, um gegen schwindende Alleinstellungsmerkmale zu kämpfen und gegenüber dem konventionellen Handel aufzuholen, der seine Bio-Sortimente stetig vergrößert, ist das aber erschreckend dürftig.

Im Moment sieht es so aus, als seien Supermärkte, Drogerien und Discounter ziemlich gut daran, den „Megatrend Bio“ für sich zu vereinnahmen.

Um dagegen zu halten, muss sich der Bio-Fachhandel womöglich grundlegend neu sortieren – und entscheiden, welche gemeinsamen Ziele er eigentlich noch verfolgt. Das kann gelingen: mit Glaubwürdigkeit, Transparenz in eigener Sache (wie sie manche Händler bereits pflegen) und guten Ideen. Nicht mit Billig-Bio, Undurchsichtigkeit und Abschottung.

Vor allem aber muss der Bio-Fachhandel seinen Kunden aber eine einfache Frage beantworten können: Geht es ihm in erster Linie darum, wie stets beteuert eine ökologischere Form der Landwirtschaft zu fördern – oder doch eher: sich selbst?

Fotos: Supermarktblog, Siegel-Abb.: Demeter"


Mehr zum Thema Bio im Supermarktblog:

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34 Kommentare
  • Lieber Blogger,
    so lautet mein Zitat wirklich:“Wenn sich die Bio-Bewegung auch in Zukunft als Treiber und Innovator dieses Wandels versteht, auch in Zukunft als gemeinsame Bewegung die eigenen Werte bestimmt, die Gesellschaft mitnimmt und die Politik überzeugt, (…) dann ist es nicht die Zeit für Besorgnis – es ist die Zeit für einen neuen Aufbruch!“

    Falls Interesse an einem echten Austausch statt einem demotivierenden Rundumschlag besteht, mache ich gerne mit. Auf geht’s.

    Elke Röder

    • Liebe Frau Röder, Sie haben Recht: Das letzte Zitat ist verkürzt wiedergegeben – wobei, wenn Sie mir die Bemerkung gestatten, Sie diese Zuspitzung für die Überschrift Ihrer Meldung („BIOFACH: Über 650 Gäste folgten der Einladung des BNN zum Come together! ‚Zeit für einen neuen Aufbruch, keine Zeit für Besorgnis‘“) ja offensichtlich für akzeptabel hielten. (Abgesehen davon lautet das Zitat in der Meldung: „Wenn wir uns weiter als Pioniere des Wandels verstehen und die Chancen erkennen, sie im Schulterschluss anpacken – dann ist keine Zeit für Besorgnis, sondern Zeit für einen neuen Aufbruch!“)
      Aber, ja: Lassen Sie uns gerne diskutieren!
      Wie beurteilen Sie meine im Text aufgeführten Kritikpunkte? Finden Sie einige davon nachvollziehbar, oder bloß „demotivierend“?
      Und wessen Aufgabe wäre es Ihrer Meinung nach, den Prozess, sich in der Bio-Branche wieder stärker als „Pioniere/Treiber/Innovatoren des Wandels“ zu positionieren, zu moderieren? Ich bin gespannt auf Ihre Antworten. Beste Grüße, Peer Schader

    • Lieber Herr Schrader,
      wenn der Naturkosthandel mit rd. 2500 Verkaufsstellen ein knappes Drittel der Umsätze mit Bio-Lebensmitteln in Deutschland macht, während 40.000 Verkaufsstellen zzgl. Direktvermarkter die restlichen Zweidrittel, dann freue ich mich über die Leistungsfähigkeit des Naturkosthandels. Und wenn, wie in den Jahren 2016/ 2017 viele bisher bio-abstinente Händler Bio neu aufschalten, dann ist das ein Kompliment an Bio und ein Hinweis auf einen Megatrend, den man im Handel nicht mehr ignorieren kann. Damit kommt die Naturkostbewegung ihrem Ziel 100-Prozent Bio-Lebensmittel ein Stück näher. Und wie immer im Leben stellen sich nach einer erfolgreichen Entwicklung Frage nach dem nächsten Entwicklungsschritt. Doch warum stellen Sie Ihre Fragen mit einem leicht negativen Unterton? – Anschließend zu Ihrer letzten Frage. Frei wiedergegeben lautet sie: Geht’s um Bio oder ums eigene Wohlergehen. Antwort: Es geht um Bio und um die Weiterentwicklung dieser Lösungsstrategie für das ethische und öko-soziale Weltdilemma, falls Sie mir um diese Uhrzeit diese Formulierung gestatten. Denn wie wir uns täglich ernähren wirkt sich auf Ressourcengerechtigkeit für alle Menschen aus, auf Artenvielfalt und damit auf künftige Entwicklungsoptionen, auf Tierwohl, auf Wasser, Boden, Luft und Klima. Und Bio ist die einzige wirkliche Lösungsstrategie für diese Dilemata. Und dabei ist auch klar: Wenn das Ziel 100-Prozent Bio erreicht wäre, dann sähe die Welt so anders aus, dass jedes Unternehmen davon beeinflusst würde. Bis dieses Ziel erreicht ist, braucht es die Pioniere des Wandels, die besondere Risiken eingehen. Der Sache wegen und ja, jedes Unternehmen braucht gesunde Zahlen. Aber da ist Umsatz eben auch nicht alles.

    • Liebe Frau Röder, vielen Dank für Ihre Antwort!
      Ihr Argument ist: Der konventionelle Handel macht zwar zwei Drittel des Bio-Umsatzes, braucht dafür aber viel mehr Läden als der Fachhandel für ein Drittel (grob zusammengefasst). Letzteres dürfte – korrigieren Sie mich, wenn ich irre – vor allem daran liegen, dass der Fachhandel vor allem die Bio-Intensivkäufer (mit hohen Durchschnitts-Bons) erreicht und gut bedient. Gleichzeitig lässt sich die sinkende Wachstumsquote für den Fachhandel so interpretieren, dass die Zahl Bio-Intensivkäufer womöglich beschränkt ist.
      Ihre Annahme besteht darin, dass sich vom klassischen Handel angefixte Bio-Käufer irgendwann zu Bio-Intensivkäufern entwickeln und quasi automatisch in den Fachhandel wechseln. Ich hielte es hingegen auch für realistisch, dass vielen Kunden eine mittelgroße Auswahl an Bio-Produkten – die es heute schon in gut sortierten Supermärkten gibt – ausreicht.
      Dazu kommt, dass das Angebot im klassischen Handel zunehmend ausgeweitet und verbessert wird. Warum sollte ich als regelmäßiger dm-Bio-Kunde künftig in den Fachhandel wechseln, wenn ich bei dm günstige Bio-Handelsmarken in Demeter-Qualität und vertraute Bio-Marken bekomme (die der Fachhandel im Zweifel längst ausgelistet hat, weil die „Fachhandelstreue“ der Marke nicht mehr gewährleistet ist)?
      Auch in anderer Hinsicht ist Ihr Verkaufsstätten-Argument nicht ganz schlüssig: Der BÖLW schreibt in seinem aktuellen Marktüberblick von einem zunehmendem Strukturwandel im Fachhandel. Wieder grob zusammengefasst: viele kleine (unabhängige) Läden schließen, viele große (filialisierte) eröffnen.
      „Die zehn filialstärksten Fachhändler in Deutschland standen 2017 für 49 der 78 Neueröffnungen , die beiden größten Filialgruppen sogar für 41 Eröffnungen. Insgesamt vergrößerte sich die Gesamtangebotsfläche des Fachhandels um 5,5% auf 655.000 m².“ (BÖLW: Zahlen, Daten, Fakten – Der Bio-Markt 2018, S. 13)
      Das heißt: Die Verkaufsfläche scheint offensichtlich stärker zu wachsen als die in der Branche erzielten Umsätze. Das ist kein gutes Argument für die vermeintliche Stärke das Fachhandels.
      Wenn es tatsächlich Ziel der „Naturkostbewegung“ (wer auch immer das – noch – ist) ist, zu 100 % auf Bio-Lebensmittel umzustellen: Müsste der BNN das Bio-Engagement des konventionellen Handels dann nicht sehr viel stärker begrüßen?

      Anlass für meinen Text war folgender: Ich glaube, die Idee, den Lebensmittelmarkt mit Bio so zu beeinflussen, dass er nachhaltiger, umweltschonender, verträglicher für Menschen und Tiere funktionieren kann, ist hervorragend und notwendig. Allerdings habe ich bei näherer Beschäftigung mit der Bio-Branche nicht den Eindruck, dass man die sich selbst gesteckten Ziele und behaupteten Vorteile (noch) erfüllen kann.
      Die „Pioniere des Wandels, die besondere Risiken eingehen“ sind derzeit zu einem nicht unwesentlichen Teil: filialisierte Bio-Ketten, die sich über schnelles Wachstum Marktanteile zu sichern versuchen, den „Pionieren“ von früher damit die Existenz erschweren, eine Übernahme kleinerer Läden zunehmend unattraktiv machen und Transparenz oftmals nur dann praktizieren, wenn sie sich in der Kommunikation mit dem Kunden sprichwörtlich auszahlt. (Ausnahmen vorhanden.)
      Ich glaube, zwischen Ihren (nachvollziehbaren, guten) Ausführungen und der Realität im Bio-Fachhandel klafft eine Riesenlücke. Womöglich kommt daher mein, wie Sie es nennen, „kritischer Unterton“.
      Halten Sie es denn für unrealistisch, dass es anderen Bio-Kunden genauso gehen könnte?

    • Guten Abend,

      Schön, dann sehen wir beide die Notwendigkeit und Möglichkeit über den Naturkosthandel zukunftsfähige Ernährungssysteme aufzubauen. Und einer wachsende Anzahl Kundinnen und Kunden stimmen mit uns in dieser Sichtweise überein. Wir müssen dazu in Bewegung bleiben, innovativ sein, überzeugen und mitnehmen. Hohe Anforderungen, die unterschiedlich gut erfüllt werden. Wichtig ist es an der Realisierung dieser hohen Anforderungen dran zu bleiben, nicht nachlassen auch wenn 40.000 neue Wettbewerber hinzukommen.
      Es gibt wirklich viele Unternehmer*innen und Mitarbeiter*innen in der Naturkost- und Naturwarenbranche, denen diese Ziele wichtig sind. Mir scheinen diese Pioniere des Wandels in Ihrer Wahrnehmung zu kurz zu kommen.Sie geben täglich positive Beispiele. Warum nicht darüber schreiben? Darin würden wir Sie gerne unterstützen.

    • Liebe Frau Röder, Sie bleiben stets im Ungefähren, lassen sich auf keine konkrete Diskussion der aufgeführten Kritikpunkte ein. Ich kann nicht erkennen, dass Sie bzw. der BNN ein Interesse daran hätte, aufzuklären und Interessenkonflikte der Branche offen anzusprechen. Umso wichtiger scheint mir nun eine kontinuierliche kritische Begleitung des Bio-Fachhandels und der vom BNN vertretenen Positionen. Ich bin nicht Ihre Pressestelle – ich bin einer der Kunden, die nicht mehr alles glauben, was mir die schönen Plakate im Laden versprechen. Und damit vermutlich nicht alleine. Wenn Sie Lust haben, (selbst)kritisch ins Detail zu gehen anstatt sich die Situation schön zu reden, lassen Sie’s mich wissen. Bis dahin: Beste Grüße! Und vor allem: viel Glück!

  • Diese ganzen Ideologiekämpfe alles schon vor vielen Jahren – empfehlenswert ist da das Archiv von Björn Harstes Blog ums Jahr 2007-08 herum, der hat sich seinerzeit schon über das elitäre Gehabe bestimmter Bio- und Demeter-Klitschen ausgekotzt, die ihm als „bösem“ Supermarkt die kalte Schulter gezeigt haben. Wer nicht will, hat eben offensichtlich schon.

  • bio ist inzwischen industrialisiert. Ich kaufe bio nur bei kleinen Erzeugern auf dem Wochenmarkt und ansonsten konventionelles Zeug. Wie es dazu kam:
    1) Berichte dass Hühner für Bio-Eier meistens im Stall bleiben, weil die Auslauffläche nur pro forma ist (da wird z.B. einfach ein Wald in der Nähe dazu gerechnet!), oder dass ein Stall mit 30000 Hühner als „bio“ gilt (alle 3000 Hühner gibt es eine symbolische Trennwand).
    2) Das Bio-Gemüse schmeckt meistens genau wie das Industriegemüse. Umgekehrt habe ich gelesen, dass auch das Industriegemüse genauso gesund ist (Vitamine etc) wie Biogemüse.
    Daher kaufe ich nun Bio nur noch ganz begrenzt auf dem Wochenmarkt wo die Leute auch mal Sorten haben die nicht so perfekt aussehen aber dafür jede Möhre / Tomate / etc eine positive Überraschung im Mund ist. Das Loch in der Brieftasche ist erheblich, aber positives Verhalten muss gefördert werden 🙂

  • Ich habe mich schon darauf gefreut, Herr Schader, dass Sie sich mit Ihrer frisch-kritischen Blickweise einmal den immer deutlicher hervortretenden Verwerfungen (und Widersprüchen) der Bio-Fachhandelsbranche annehmen. Umso mehr, da ich selbst in der Branche tätig bin und uns der Blick „von außen“ – gelinde gesagt – gut tut!
    Also erstmal vielen Dank dafür!
    Was ihre abschliessende Frage betrifft, die ist genau richtig gestellt. Und die Antwort ist – wie ja meist im Leben – eine vielschichtige. Ich bin überzeugt, dass es den meisten Menschen im Bio-Fachhandel um eine bessere Landwirtschaft, um bessere Lebensmittel und auch um ein besseres/anderes (was auch immer das konkret heissen mag – fair?nachhaltig?gleichberechtigt?) Wirtschaften geht. Genauso geht´s natürlich auch um die eigenen wirtschaftliche Existenz – das kann einem ja niemand ernsthaft übel nehmen…
    Entscheidend ist, sich diese Frage eben nicht nur selbst zu beantworten, sondern sie aus Sicht unserer Kunden zu stellen und zu beantworten. Da gibt´s noch viel zu tun!

    Der Gedanke, dass die Bio-Branche (Erzeuger, Hersteller, Händler, auch die Bio-Verbände) letztlich im großen internationalen Handelskarussell aufgeht, ist nicht unbedingt ein verlockender. Mir zumindest fehlt der Glaube, dass das passieren könnte, ohne dass dabei die Erzeuger über den Tisch gezogen werden und die wenigen Goliathe die Davide einfach platt machen. Dann wäre der Beweis erbracht, dass bio eben auch nicht anders funktioniert als konventionell. Schade wär´s…

    • Ich kann Ihnen da nur beipflichten. Aus diversen Recherchen ist bei mir ebenfalls der Eindruck hängen geblieben, dass es sehr viele hoch engagierte Bio-Befürworter gibt, die ein lokal gut funktionierendes Handelskonzept gefunden haben, im Idealfall unter unmittelbarer direkter Beteiligung der ebenfalls lokalen Lieferanten, Hersteller und Kunden; gleichzeitig bin ich erstaunt darüber, wie sehr sich die Branche seit Jahren bei der eigenen Filialisierung zusieht, ohne konkret (öffenlich) anzusprechen, dass sich da ein ganz schöner Graben entgegengesetzt laufender Interessen auftut.
      Mir ist schon klar, dass eine Versorgung größerer Zielgruppen nicht mit kleinen Bio-Dorfkonzepten geschehen kann. Aber dann müsste man auch mal so ehrlich sein und sagen: Alnatura, denn’s und Bio Compnay sind für den kleinen Biofachhändler womöglich exakt dieselbe Konkurrenz wie Edeka oder Aldi; und nicht im selben Verband so tun als verfolge man immer noch dieselben Ziele.
      Was die Hersteller angeht: Auch bei denen habe ich Verständnis, dass viele am liebsten an der „alten“, klar sortierten Bio-Welt festhalten wollen – ich fürchte nur, das geht im Jahr 2018 nicht mehr. Ob und wie sich dieses Dilemma (und das, finde ich, ist ein sehr reales!) auflösen ließe, weiß ich nicht. Als Außenstehender – und nur als solcher kann ich urteilen – habe ich aber bislang nicht den Eindruck vermittelt bekommen, dass man in der Branche bereit wäre, zu überprüfen, ob die alten Prinzipien überhaupt noch umsetzbar sind. So richtig in der Gegenwart angekommen ist man noch nicht. Wie soll man dann klären, wie die Zukunft aussehen soll?

  • Manchmal ist der Weg zum Supermarkt kürzer als der zum Biomarkt. Wenn ich aber dann vor dem Bio-Regal im Supermarkt stehe und mich entscheiden muss, ob ich das Gemüse der Sorte „Viel Plastik drumherum“ oder das andere Gemüse der Sorte „noch viel mehr Plastik drumherum“ kaufe, dann kaufe ich gar nichts. – Außerdem sind Bohnen aus dem Senegal und grüner Spargel aus Mexiko ökologisch so ein Unsinn, dass das „Bio“ dazu nur als Witz gemeint sein kann. – Ich halte grunsätzlich „Bio“ (möglichst regional) für mich langfristig für gesünder. Ich denke, dem Boden und der Luft nützt die Bioproduktion. Und ich will auch dem Landwirt den Umgang mit gefährlichen Chemikalien ersparen. Biomärkte haben den Vorteil, dass sie unverpackt anbieten, teilweise ausgefallene Sorten haben. Fertigzeugs können die gerne weglassen.

    • Für Obst und Gemüse mag das stimmen, und das ist tatsächlich ein großer Vorteil. In den übrigen Sortimenten kann ich allerdings nicht erkennen, dass man Alternativen zur Plastikverpackung als Chance erkannt hätte, um sich im großen Stil von der konventionellen Konkurrenz abzuheben – einzelne Hersteller ausgenommen: Spielberger Mühle stellt z.B. Verpackungen auch mit Sichtfenster zu 100% aus Papier her (siehe dazu auch dieser und dieser Supermarktblog-Text).

  • Übrigens verzichtet nicht nur Alnatura darauf, den Hersteller zu nennen, sondern das tut leider auch dm bei seinen Eigenmarken (und viele andere auch). Das finde ich aus Kundensicht sehr unschön. Da sind Aldi und Lidl zum Beispiel m. E. gute Vorbilder. Dort sind die Hersteller fast immer benannt (manchmal muss man Google, um den dahinterstehenden Marken-Artikler zu erfahren). Vielleicht wäre die Thematik der Herstellernennung hinter Eigenmarken mal eine Idee für einen separaten Artikel. 😉

  • Diese Entwicklung finde ich prima. Niemals würde ich in einen Bioladen gehen, auch wenn ich inzwischen kapiert habe, dass nicht alles, was bio ist, automatisch runzelig und von mieser Qualität ist. Daher greif ich auch mal zum Bioprodukt, aber nur wenn es in meinem gewöhnlichen Alltags-Supermarkt mit angeboten wird. Der Preis ist mir gar nicht so wichtig, Hauptsache die Qualität ist gut. Bloß in so einen Bioladen, oder in ein Reformhaus, würde ich nie gehen. Das verbinde ich unbewusst mit Jesuslatschen und Baumstreichlern. Und damit will ich nix zu tun haben.

    • Hi Svenja,
      das kommt mir sehr bekannt vor, was Du schreibst. Mich hat vor Jahren ein Bekannter mitgeschleppt – und die Abneigung war echt groß. Aber ich kann Dir nur raten: Mach mal einen Ausflug in ein Reformhaus und einen Ausflug in einen inhabergeführten Bioladen. Ich hab damals gemerkt, dass in Wirklichkeit ICH das Problem bin. Weil es dort in Wirklichkeit null Ideologie gibt, stattdessen aber gut informierte und engagierte Mitarbeiter, die noch Ahnung davon haben, was sie tun.

      In „meinem“ Bioladen kaufe ich zum Beispiel richtig guten Kaffee einer kleinen Kaffeemanufaktur und bekomme eine große Auswahl an Brot, das in kleinen Bäckereien gebacken wird, ne Geschmackssensation ist und sein Geld echt wert ist.

      Mein Tipp wäre: Einfach ausprobieren. Vielleicht stellst Du ja für Dich ebenfalls fest, dass Du Dir selbst im Weg gestanden hast. (Macht nix, der Mensch ist ja zum Glück lernfähig…)

      Gruß,
      Hans

    • Du hast sicher Recht und ich kann auch erkennen, dass ich mir da selbst im Wege stehe. Dennoch: Die Annäherung an Bio-Produkte über den Discounter als Initialzündung ist doch kein schlechter Weg.
      Überzeugt hat mich das Argument mit dem guten Kaffee.
      Danke dir, Hans.

    • Ich glaube die Schwierigkeit ist, dass der Mensch als Gewohnheitstier eben in „seinem“ Discounter einkauft. Da greift man dann auch mal nach Bio, aber sooo riesig ist der Unterschied meistens nicht wirklich. Außer vielleicht im Preis. Bei meinem Kaufland ist die K-Bio Kartoffel regulär günstiger als das konventionelle Produkt. Nur… qualitativ geben sich Bio- und konventionelle Kartoffel nix. Beides fade Sorten, die man essen kann, aber auch nicht mehr. Mein Bioladen hat Sorten, die intensiv kartoffelig schmecken. Kriegst Du aber eben nicht mit, weil Du ja im Discounter sowas nie finden wirst. Das Gleiche beim Brot: Bio-Tütenbrot ist geschmacklich nicht wirklich besser als das konventionelle Tütenbrot. Wie unglaublich groß die Brotauswahl bei meinem Bioladen ist und wie unglaublich lecker und abwechslungsreich dieses Brot ist (hält auch problemlos eine Woche – mach das mal mit Brötchenknast-Brot!), kann ich schlecht beschreiben. Das muss man probieren – und will danach garantiert nie wieder zurück.

      Wie Du ja am Anfang so schön schriebst: In so einen Laden gehen? Nie! Wie bombastisch müsste denn da eine Initialzündung ausfallen, damit Du als „Ab-und-zu-Penny-Bio-Käuferin“ denkst „Hach, heute zieh ich mal die Jesuslatschen an und geh im Bioladen Kartoffeln streicheln“? Jap, richtig: Passiert vermutlich nicht. Deshalb würde ich Herrn Schader Recht geben: Da liegt was im Argen, da muss der Fachhandel aufpassen, nicht von „Billig-Bio“ überrollt zu werden.

      Aber wir zwei kennen ja jetzt das Geheimnis – also bis bald im Bioladen… ;o)

    • Meine Erfahrung ist eine andere, „Alnatura“ hat sich z.B. bei mir als „da schmeckt wirklich nichts“ eingebrannt, nachdem Kollegen eine Zeit lang alle möglichen/bei DM erhältlichen Snacks/Knabberprodukte zum TV-Fussballabend angeschleppt haben.

    • Hallo Klaus,
      dazu kann ich wenig sagen, weil ich nicht bei alnatura kaufen, geschweige denn auf den Gedanken käme, Nahrungsmittel in einer Drogerie zu kaufen. Allerdings muss man auch sagen, dass manche Produkte eine gewisse Umstellungszeit erfordern. Weniger Salz, weniger Zucker, keine Geschmacksverstärker – das alles kann erstmal die Bioware fade erscheinen lassen. Ich hab neulich mal nach langer Zeit Exquisa Quarkspeise Kirsch gegessen und wäre fast umgekippt, weil’s so künstlich überkirschig schmeckte. Ich bin mir sicher, dass ich das Zeug vor ein paar Jahren noch so in mich hineingekippt und gedacht hätte „Lecker Kirsche“. Damals hätte ich mich wiederum vor Naturjoghurt pur gegruselt, den ich heute als lecker und erfrischend wahrnehme. Aber wie gesagt… kann eben auch sein, dass die alnatura-Snacks durchweg einfach nicht so doll sind…

  • Noch sind die Margen im Bio-Markt hoch, der richtige Wettbewerb hat also noch gar nicht angefangen. Aldi, Rewe, DM und Co. verdienen mit Bio gutes Geld, könnten die Preise aber zu jeder Zeit massiv absenken.

    denn’s und Co. sind IMHO dem sicheren Untergang geweiht, für mich unglaublich, dass Leute/Banken diese Über-Expansion und diese Nobelläden finanzieren.

    Aus dem SuperBioMarkt Geschäftsbericht 2016:

    „Der SuperBioMarkt Konzern geht für das Jahr 2017 aufgrund der allgemeinen Marktsituation im Biofacheinzelhandel, sowie durch die ausgeweiteten Aktivitäten des LEH im Biobereich und einen einsetzenden Verdrängungswettbewerb unter den Biosupermärkten von einer Stagnation ggf. sogar von einem spürbaren Umsatzrückgang aus. „

  • Regt Euch nicht auf.
    Bio oder nicht:
    In jegliche Supermärkte und Discounter geht man doch alsbald eh nur noch, wenn sie irgendein fancy Konzept umsetzen, das aber in Deutschland eh nie das Richtige ist, und in Zunkunft geht man gar nirngeds mehr hin und bestellt alles – einfach alles – bei amazon, weil die das am besten können. 😉
    Und jetzt ohne Polemik:
    Wenn in den Bio-Preisen tatsächlich so viel Luft ist und Aldi & Co. die erfolgreich rauslassen, dann müssten mindestens die Bio-Ketten nach den Regeln normaler Supermärkte und Discounter spielen und sind geliefert.
    Die sind zu groß, um nur Lagen zu haben, wo sie die Überzeugungskäufer „Ich kauf demeter-Bio nur im Biosupermarkt am Leben halten.
    Kurz: Im esoterisch angehauchten Supermarkt in München-Schwabing ist noch Zukunft, nicht aber beim denn’s, der am autobahnangebundenen Gewerbegebiet liegt.

  • In Österreich dominieren auch Rewe (ja! natürlich), Spar und Aldi Süd/Hofer den Biomarkt…zusammen mit Alnatura, das bei Rewe und allen kleineren Playern (Sutterlüty, MPreis,Unimarkt) vertreten ist. Die Produkte sind günstiger als bei Denns und Basic, außerdem sind viel mehr Produkte aus Österreich, der Region, oder bieten irgendeinen Mehrwert (Fairtrade, Palmölfrei usw.)…kein Wunder, dass da die Bioketten und kleinen Händler kein Land sehen. Andererseits braucht es die halt bei der Biokompetenz der Supermärkte eigentlich auch nicht.

    Ich kenne hier unabhängige Bioläden nur noch als Spezialisten, z.B. für Veganes. Außerdem natürlich Biohöfe auf Wochenmärkten usw.

    In Deutschland sehe ich den Untergang der Bioketten noch nicht. Der echte Fachhandel mit gescheiter Beratung liegt wohl im Sterben, aber es ist schon noch ein Plus für an Umweltverträglichkeit und ethischen Standards interessierte Kunden, dass man dort den Einkauf aus Eigenmarken und reinen Bioherstellern wie der Spielberger Mühle mischen kann…Ich denke nicht, dass Aldi Bio da Alnatura und Denns vollends den Rang ablaufen kann.

    Vielleicht wäre ja in der Hinsicht ein Interview mit Werner Lampert für Supermarktblog interessant? Er hat ja! natürlich und zurück zum Ursprung auf die Beine gestellt, die Bio-Marke von Spar ist soweit ich weiß als Trittbrettfahrer entstanden…Er hat damit quasi den Biomarkt in Österreich erfunden, und dort hat Bio ja einen der höchsten Marktanteile überhaupt. 😉
    (Link zu ihm: http://www.wernerlampert.com/wer-ist-werner-lampert/ )

  • 25% der Bevölkerung lebt auf dem Land. Ich bin so ein Landei, nach 15 Jahren Naturkost-Aktive nur noch Verbraucher und froh um jedes Stückchen bio im Supermarkt. Ideologisch verwerflich aber alltagstauglich.
    Ideologisch und qualitativ kann ich keinen Unterschied zwischen Alnatura, dennree Eigenmarke, Rewe bio oder DM bio erkennen.
    Das sind die Alternativen auf dem Land. Wirklich unabhängiger Fachhandel? Fehlanzeige.
    Wer Glück hat, hat Bio-Landwirte in der Nähe.
    Lösung? Ich habe keine.

  • Bis in zehn Jahren wird die konventionelle Ware ohnehin teurer sein als bio.

    Denn mit dem modernen Maschinenpark ist zumindest eine herbizidfreie Bewirtschaftung möglich. Und mit einigen Anpassungen der EG Verordnung ist dann alles bio. Da gibt es auch weiterhin Usp des Fachhandels

    Markt
    Aschinenpark

  • @Edgar: sie stellen eine Verbindung zwischen Herstellungskosten und Ladenpreis her – dies es so nicht gibt. Ist eine Frage der Positionierung. In einem Bericht über „fleischlose“ Salami stand, dass die Herstellung deutlich billiger als die echter Salami sein, da das hohe Erhitzen wegfällt und es auch viel schneller geht. Im Laden ist die natürlich aber NICHT billiger als die „echte“ Billig-Salami.

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