Gorillas, Flink und warum die 30-Minuten-Zustellung das bessere Lieferversprechen wäre

Gorillas, Flink und warum die 30-Minuten-Zustellung das bessere Lieferversprechen wäre

Foto: Supermarktblog
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Bislang richtet sich der Fokus der neuen Sofortlieferdienste für Lebensmittel auf maximale Schnelligkeit. Dabei hat das nicht nur für sie selbst, sondern auch für Kund:innen zahlreiche Nachteile – und könnte für die Start-ups schon bald zum Problem werden.

Partner und Sponsoren:

Nach dem Kampf um freie Lagerstandorte und Kurierfahrer:innen konkurrieren die beiden deutschen Liefer-Start-ups Gorillas und Flink seit kurzem in großen Städten auch um freie Plakatflächen. Erstmals werben die Sofortlieferdienste für Lebensmittel in großem Stil mit klassischen Kampagnen um neue Kundschaft. Das ist beide Male eher mäßig gut gelungen.

Flink hat sich für Parodien auf bekannte Marken-Werbeslogans entschieden, die in knalligem Blau-Pink an Plakatwänden und Litfasssäulen hängen: „Wir haben zwar keine Flügel, liefern trotzdem in 10 Minuten“, steht über einem Smartphone, auf dem einem Dose Red Bull im App-Warenkorb landet. Ein andermal heißt es über einer Ritter-Sport-Tafel: „Quadratisch. Praktisch. Geliefert in 10 Minuten!“

Es handelt sich bei diesem scheinbar farbenblinden Anbieter also offensichtlich um einen Lieferdienst für Schokolade und Energy-Drinks? Sonst wäre beim Entwurf des Motivs ja jemand auf die Idee gekommen, dazu zu schreiben, dass sich über Flink in Windeseile auch ein kompletter Einkauf inklusive Frisch- und Kühlartikeln erledigen ließe, oder?


Gorillas verzichtet bei seinem vollständig in schwarz-weiß gehaltenen Motiv nicht nur auf den Einsatz seines Logos in Rot-Blau, sondern gleich ganz auf den Hinweis der Sofortlieferung. Die müssen Betrachter:innen des Motivs von selbst aus dem Slogan „Faster than you“ und dem Hashtag #Obsessed ableiten. Der Slogan dazu lautet: „Gruß an alle, die morgens um 8h Bio-Gurken aus der Region bestellen.“ Wer auch immer das sein mag, denn: im Zustellgebiet, in dem die von mir gesehenen Plakate hängen, liefert das Start-up bislang gar keine Bio-Gurken, geschweige denn aus der Region. (Bloß konventionelle.)

Schwieriges Kernversprechen

Dieser Werbedilettantismus erinnert stark an die erste große Kampagne des einstigen Hoffnungsträgers Getnow (siehe Supermarktblog), der nicht lange danach in Turbulenzen geriet.

Das dürfte den beiden Neuen angesichts der ungeheuren Summen, die von Investoren eingeworben wurden – und wie Deutsche Startups berichtet: weiter werden – eher nicht passieren.

Sowohl Gorillas als auch Flink können vor lauter Kohle gerade kaum noch E-Bike fahren. Dafür wird entsprechendes Wachstum erwartet. Die Rede ist aktuell (für Gorillas) von durchschnittlichen Warenkörben um die 22 Euro, 15.000 Bestellungen pro Tag, aber auch Verlusten von rund 1,50 Euro pro Bestellung. Und es stellt sich nicht nur die Frage: Wie lange halten die das Tempo durch? Sondern auch: Brauchen Kund:innen den ultraschnellen Service, den ihnen die Start-ups förmlich aufdrängen, überhaupt?

Mal abgesehen davon, dass eine langfristige Rentabilität des Modells bislang noch nicht belegt ist, spricht vieles dafür, dass sich die Unternehmen vor allem an ihrem Kernversprechen verheben: der Lieferung innerhalb von 10 Minuten. Dank der zentral gelegenen Lager funktioniert die zwar vielerorts tatsächlich.

Nachteile der knappen Kalkulation

Die knappe Kalkulation bringt aber auch entscheidende Nachteile mit sich:

  • Immer dann, wenn das 10-Minuten-Versprechen nicht eingehalten werden kann, müssen sich die Anbieter vorab bei ihren Kund:innen entschuldigen – so wie Gorillas zuletzt am vergangenen Freitag, wegen der „extremen Nachfrage“ vor dem Feiertag.
  • Wenn es ohne vorherige Ansage deutlich länger dauert als versprochen, sind Kund:innen im Zweifel enttäuscht.
  • Gleichzeitig führt der enorme Zeitdruck immer wieder dazu, dass falsche Mengen oder manche Artikel gar nicht geliefert werden; dabei würden Kund:innen im Zweifel wahrscheinlich lieber ein paar Minuten länger auf eine vollständige und korrekte Lieferung warten anstatt sich nachher um eine Reklamation kümmern zu müssen.

Zügig, aber vollständig

Eine Ausweitung der Lieferzeit auf – immer noch sehr schnelle – 30 Minuten könnte nicht nur einige dieser Probleme lösen. Sie hätte auch weitere Vorteile:

  • Lagerflächen wären auch an weniger zentral gelegenen Orten anmietbar, um mehr Platz zur Verfügung zu haben und mit dem Lieferbetrieb keine Nachbar:innen zu verärgern (siehe Supermarktblog).
  • Bestellungen von Kund:innen ließen sich – insbesondere zu Stoßzeiten – bündeln, um nicht mehrere Fahrer:innen nacheinander in dieselbe Straße zu schicken. Gleichzeitig ließen sich mit dem gleichen Fahrer:innen-Pool mehr Lieferungen abwickeln.
  • Selbst in den Supermarkt zu gehen, einzukaufen und womöglich Schlange an der Kasse zu stehen, würde immer noch länger dauern, der Aha-Effekt wäre immer noch gegeben. (Vor allem, wenn die Lieferung schneller da ist als in 30 Minuten.)
Foto: Supermarktblog

Diese Möglichkeit verbauen sich Gorillas und Flink derzeit nachhaltig. Nicht nur, weil sich die gegenüber Investoren gepitchte 10-Minuten-Spanne kaum mehr zurücknehmen lassen wird; sondern auch, weil die Teams davon auszugehen scheinen, dass ihnen bei einer Ausweitung der Lieferzeit ein Teil des potenziellen Marktvolumens wegbrechen könnte.

Je mehr, desto Fehler

Das betrifft vor allem Kund:innen, die ihre Bestellung wirklich jetzt sofort haben wollen – weil ihnen eine Zutat zum Kochen oder fürs Frühstück am Wochenende fehlt. Wie groß diese spezielle Zielgruppe der Superungeduldigen wirklich ist, wissen bislang aber allenfalls die Start-ups selbst. Dazu kommt, dass alle, die es mit der Bestellung eilig haben, in der Regel nicht mit allzu großen Warenkörben auschecken dürften. Weil sie ja nicht klassisch „einkaufen“ wollen, sondern dem Impuls folgen, bloß schnell ein paar Zutaten zu ordern.

Dabei müssten Gorillas und Flink eher diejenigen, die einen Teil ihrer regulären Supermarkteinkäufe auf die neuen Dienste verlagern, dort für höhere Summen einkaufen und für Rentabilität sorgen, umwerben.

Einkäufe mit zwanzig Produkten und mehr innerhalb derselben kurzen Zeit zu kommissionieren und zuzustellen wie einen Impulskauf von ein paar Convenience-Artikeln ist allerdings viel eher fehlerbehaftet – und ärgert im Zweifel ausgerechnet diejenigen, die eigentlich die besten Kund:innen sind.

Von Gorillas hieß es zuletzt auf Supermarktblog-Anfrage, das 10-Minuten-Versprechen habe „eine hohe Priorität“.

Wär langsamer auch ok?

Delivery-Hero-Gründer Niklas Östberg, dessen Unternehmen den Begriff „QCommerce“ (Quick Commerce) für die schnelle Zustellung von Produkten des täglichen Bedarfs geprägt hat und diese bereits in zahlreichen Ländern anbietet, hat sich derweil auf Twitter kritisch zur 10-Minuten-Lieferung geäußert:

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Das derzeitige Wettrennen der Anbieter erinnere ihn an den E-Scooter-Hype von vor einem Jahr (der vielerorts bereits der Ernüchterung gewichen ist und zu einer starken Konsolidierung geführt hat). Östberg twitterte:

„The celebration should not be to deliver in 10min as this is very easy if you have funding.“

Außerdem fragte der Delivery-Hero-CEO seine Follower:innen, welches Liefermodell sie bevorzugen würden: eine Sofortzustellung gegen höhere Gebühren (mit denen Anbieter Verluste minimieren könnten) – oder eine immer noch zügige Lieferung innerhalb einer Stunde für einen geringeren Betrag. Die – freilich nicht repräsentative – Mehrheit entschied sich für die entspanntere, aber für sie günstigere Variante (1 Dollar Gebühr für eine Ein-Stunden-Lieferung):

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In Österreich verspricht die Delivery-Hero-Tochter Mjam seit Beginn dieses Jahres die Lieferung von Lebensmitteln aus ihrem eigenen „Mjam Market“ in Wien innerhalb von 30 Minuten (mehr dazu im Supermarktblog). CEO Artur Schreiber erklärte im Supermarktblog-Gespräch, 30 Minuten Lieferzeit gebe dem Unternehmen den Freiraum, „im Umfeld von zwei, drei Kilometern zu liefern“.

Anstatt weiter aufs Tempo zu drücken, scheint Mjam zunächst an der Profilierung übers Sortiment arbeiten zu wollen. Nachdem zunächst vor allem klassische Convenience-Artikel erhältlich waren, verstärkt „Mjam Market“ sein Angebot zunehmend mit Produkten von Unternehmen, die sonst eher nicht im klassischen Supermarkt zu haben sind.

Kooperationen mit Food-Start-ups

Foto/Screenshot [M]: Mjam / Smb

Derzeit gibt es in Wien u.a. Nussmuse, Bio-Dinkel, Trockenfrüchte und Haferdrink vom Berliner Start-up KoRo zu kaufen, das sich eigentlich auf den Vertrieb von Großpackungen für haltbare Lebensmittel konzentriert, aber zunehmend auch handelsübliche Mengenportionen anzubieten scheint. Ebenfalls aus Berlin kommen Superfood-Artikel von The Rainforest Company. Frische Backwaren fehlen nach wie vor, das Obst-und-Gemüse-Angebot bleibt ausbaufähig.

Auch Gorillas und Flink setzen auf kleine und regionale Anbieter, mit deren Produkten sie sich ein Stück weit von den großen Handelsketten abheben. Damit ließe sich auch in der Werbung punkten. Genau wie mir der Tatsache, dass das lästige Anstehen an der Supermarktkasse entfällt. (So macht’s zumindest Ocados Schnelllieferdienst Zoom in London, der seine Kund:innen regelmäßig den „new way to shop“ schmackhaft macht: mit einer Zustellung in „less than 60 mins“ oder in einem festgelegten Zeitfenster am selben Tag.)

Bislang richtet sich der Fokus im Kampf um Kund:innen und Marktanteile bei den neuen Anbietern ausschließlich auf maximale Schnelligkeit. Um Investorengelder einzuzwerben, scheint das eine hervorragende Strategie zu sein – und sie dürfte für Gorillas, Flink & Co. schon ziemlich bald zum Problem werden.

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