Tegut kontingentiert Lieferungen via Prime, Knuspr mit holprigem Start in Rhein-Main

Tegut kontingentiert Lieferungen via Prime, Knuspr mit holprigem Start in Rhein-Main

Foto [M]: Tegut / Knuspr
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Bestellerlaubnis nur alle vier Tage und begrenzte Lieferzeitfenster: Sowohl Tegut als auch Knuspr werden beim Ausbau ihrer Lebensmittel-Lieferdienste in und um Frankfurt am Main von der Nachfrage überrascht – und müssen den Service vorübergehend limitieren.

Partner und Sponsoren:

Während Amazons eigener Lebensmittel-Lieferdienst Fresh in Deutschland weiter auf der Stelle tritt, gibt Lieferpartner Tegut in seiner Stammregion weiter Gas. „Ganz einfach Lebensmittel und Artikel des täglichen Bedarfs online bestellen“ geht seit Anfang Februar auch im Raum Mainz und Wiesbaden. Damit habe man nach Darmstadt, Frankfurt, Kassel, Würzburg, Marburg und Gießen bereits die siebte Region aufgeschaltet, in der man mit Tegut kooperiere, meldeten die Partner kürzlich.

Aber ganz so „einfach“ wie beschrieben läuft das derzeit nicht für alle Kund:innen mit Prime-Mitgliedschaft.

Am ersten Lieferstandort in Südhessen (siehe Supermarktblog) bekommen Nutzer:innen des Lieferdiensts nach ihrer Tegut -Bestellung derzeit mitgeteilt, dass sie für eine erneute Bestellung vorübergehend gesperrt sind.


Die konkrete Nachricht lautet:

„Momentan können Sie alle 4 Tage bestellen. Vielen Dank für Ihr Verständnis. Sie helfen uns dabei mehr Kunden zu bedienen und Sicherheits- und Gesundheitsmaßnahmen einzuhalten. Sie sind am 27 Feb zur Bestellung berechtigt“

Weitere Erläuterungen dazu gibt es nicht. Aber während zahlreiche Lieferdienste ihre Kundschaft mit Mailings und Rabatten umwerben, um sie häufiger bestellen zu lassen, ist die Kontingentierung der Bestellmöglichkeit schon sehr erstaunlich und spricht nicht dafür, dass Amazon und Tegut „das Thema ‚Lebensmittel-Online-Shopping‘ gemeinsam voranbringen“, wie man eigentlich kommuniziert.

Tegut beschränkt Prime-Bestellungen in Südhessen; Screenshot: amazon.de

(Vom erstaunlich uneleganten Umgang mit Kund:innen, denen die Bestell-„Berechtigung“ entzogen wird, mal ganz zu schweigen.)

Von Bestellungen überrannt

Auf Supermarktblog-Anfrage erklärt Tegut, dass die Einschränkung derzeit „nur für das Liefergebiet, das aus der Filiale Weiterstadt beliefert wird“, gelte:

„Die Nachfrage in diesem Gebiet ist aktuell sehr hoch und übersteigt die Kapazitäten. Wir arbeiten daran, die Kapazitäten mit Bedacht zu erhöhen – selbstverständlich unter Einhaltung der Sicherheits- und Gesundheitsmaßnahmen.“

Dabei gehe es vor allem um „Abstandsregeln und Arbeitssicherheit für Fahrer und Picker“. Offensichtlich will man Schlangen vor bzw. in der betreffenden Filiale, wie zu Hochzeiten der Pandemie, vermeiden. (Zumal das abschreckend auf reguläre Kund:innen wirken könnte.)

Wie lange sich Prime-Besteller:innen damit zufrieden geben sollen, in der virtuellen Warteschlange zu stehen, ist unklar. Ein Tegut-Sprecher sagt:

„Wir arbeiten aktuell daran, die Kapazitäten zu erhöhen, um die Kontingentierung aufzuheben. Wann das der Fall sein wird, können wir aktuell nicht verbindlich sagen.“

Tegut hatte schon des öfteren Probleme damit, die Lebensmittel-Lieferung via Prime in vollem Umfang aufrecht zu erhalten, im vergangenen Jahr u.a. nach einem Ausfall von Kühlgeräten und einem groß angelegten Hacker-Angriff auf die Handelskette.

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Die Grenzen der Filialkommissionierung

Dass man jetzt offensichtlich nicht mit der steigenden Nachfrage zurecht kommt, demonstriert einerseits, wie schnell das von Amazon und Tegut gewählte Modell der Kommissionierung aus bestehenden Filialen an seine Grenzen kommt, wenn sich Kund:innen an den Service gewöhnt haben; und andererseits, wie groß das Interesse an einem verlässlichen Lieferservice für Lebensmittel im Raum Rhein-Main sein muss.

Das dürfte auch Neuling Knuspr in die Hände spielen, der nach München gerade seinen zweiten Lieferstandort im Süden Frankfurts eröffnet hat (siehe Supermarktblog). Auch dort überstieg die Nachfrage zu Beginn die verfügbaren Kapazitäten.

Während man sich anfangs noch für eventuelle „Lieferproblemchen“ in der Startphase entschuldigte, folgte kurz darauf in der Knuspr-App die vorübergehende Kapitulation:

„Es tut uns sehr leid, dass vielleicht aufgrund von hoher Nachfrage deine gewünschte Lieferzeit nicht verfügbar ist. Wir arbeiten hart daran, schon bald unsere 3-Stunden-Lieferung einhalten zu können.“

Weniger Lieferslots, aber keine Verspätungen

Auf Supermarktblog-Anfrage heißt es bei Knuspr, dass vorübergehend nicht alle versprochenen Lieferzeitfenster zur Verfügung gestanden hätten, weil es unmittelbar nach dem Start bereits zahlreiche Bestellungen gegeben habe. Derzeit bearbeite man mehrere hundert Bestellungen pro Tag und sorge dafür, die Logistikkapazitäten schnell auszuweiten bzw. zusätzliche Fahrer:innen anzustellen. (In München sind es derzeit fast 3.000 bearbeitete Bestellungen pro Tag.)

Bis dahin kann es zeitweise weiterhin zu Einschränkungen kommen. Dass Kund:innen ihre einmal abgesendete Bestellung zu spät erhielten, komme aber quasi nicht vor, heißt es aus München.

Knuspr meldete Probleme mit der 3-Stunden-Lieferung; Foto [M]: Knuspr

Dennoch stellt sich die Frage, ob es so schlau ist, großspurig die Eroberung des Lebensmittel-Liefergeschäfts für sich zu reklamieren, wenn man schon zum Start in einer neuen Region eines der zentralen Versprechen gleich wieder einkassieren muss, weil man sich mit der Nachfrage verkalkuliert hat.

Dass direkt das ganze Liefergebiet in Rhein-Main für Bestellungen geöffnet wurde, anstatt die Kapazitäten langsam hochzufahren und z.B. wochenweise auf zusätzliche Postleitzahlengebiete auszuweiten, dürfte die Zeitfenster-Problematik noch verschärft haben – insbesondere, wenn Bestellungen weit über (die relativ große) Lieferregion verstreut waren. Knuspr wird sich gut überlegen müssen, ob sich das bei künftigen Neustarts nicht anders handhaben lässt.

Versteckte Regionalkompetenz

Erstaunlich ist auch, dass man zum Rhein-Main-Start seine regionalen Lieferanten, die ja Kernstück des Konzepts sind, im Sortiment nicht stärker herausstellt:

  • Auf der Website wird unter „Unsere regionalen Hersteller“ lediglich auf die Produkte drei regionaler Produzenten verlinkt (Bäckerei Dries, Rheingau Affineur, Metzgerei Lumb), und nur bei einem erklärt, was die Produkte aus der Masse heraushebt. Einige Regionalpartner werden bislang gar nicht gesondert erwähnt.
  • Unter „Entdecke, was uns ausmacht“ spielt Regionalität bislang gar keine Rolle.
  • Auf dem Start-Screen in der Knuspr-App tauchen beide Rubriken bislang überhaupt nicht auf.
  • Und in der Kategorien-Auswahl gibt es zwar Kacheln für „Bio-Produkte“, „Alternative Ernährung“ und „Rette Lebensmittel“ – aber keine für „Regionale Produkte“.

Knuspr signalisiert zwar, in den kommenden Wochen neue „Supplier-Porträts“ freischalten zu wollen; außerdem werde die Website kontinuierlich weiter entwickelt und ergänzt. Wie das künftig aussehen könnte, lässt sichauch schon begutachten: bei den österreichischen Nachbar:innen von Gurkerl, wo der Shop – auch aufgrund des zeitlichen Vorsprungs – einen sehr viel reiferen Eindruck macht.

Erster Eindruck: gut, aber unfertig

Aber unterm Strich hinterlässt Knuspr bei Erstbesteller:innen so leider einen sehr unfertigen Eindruck bzw. den eines verführen Starts, der zu Lasten eines funktionierenden Angebots geht.

Immerhin: Kund:innen, die einen Liefertermin ergattert haben, äußern sich bislang vornehmlich zufrieden über den Knuspr-Service, die Freundlichkeit der Fahrer:innen und die Qualität der Lieferware.

Und sowohl Tegut als auch Knuspr demonstrieren in diesen Tagen ganz gut, welche Marktlücke für Liefer-Lebensmittel bislang offensichtlich in der Metropolregion um Frankfurt am Main klaffte, die in den kommenden Monaten – im Zweifel auch von weiteren Anbietern – gefüllt werden kann.

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