Alnaturas Lieferservice-Premiere in Berlin: Bio-Einkauf aus dem Brummelwagen

Alnaturas Lieferservice-Premiere in Berlin: Bio-Einkauf aus dem Brummelwagen

Foto: Supermarktblog
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Erstmals liefert mit Alnatura eine deutsche Biomarktkette ökologisch erzeugte Lebensmittel selbst an ihre Kund:innen aus. Der Aufschlag ist durchaus gelungen – jedenfalls wenn man sich drauf einstellt, Lebensmittel online wieder wie 2012 einzukaufen.

Partner und Sponsoren:

Noch nicht im selben Jahr, aber „so bald wie möglich“ wolle man mit einem Lieferservice aus den eigenen Filialen starten, verriet Alnatura-Gründer Götz Rehn in einem Interview vom Februar 2018, und ließ sich anschließend doch ein bisschen länger Zeit als versprochen: nämlich viereinhalb Jahre und eine Pandemie. Jetzt aber traut sich Deutschlands zweitgrößte Biomarktkette, die eigenen Produkte online nicht mehr nur über die (inzwischen) zahlreichen Partner an daheimbleibende Bio-Konsument:innen zu verkaufen – sondern auch auf der eigenen Website, gepackt im Markt um die Ecke.

Anfang Juni ist der „Alnatura Super Natur Markt Online“ getaufte Abhol- und Lieferdienst als „Pilotprojekt“ auf shop.alnatura.de gestartet. Und was sich jetzt schon sagen lässt, ist: dass nicht nur bei der Namensfindung eine externe Beratung keine schlechte Idee gewesen wäre.

Dabei sieht auf den ersten Blick alles erstmal solide aus: Geliefert wird testweise, wie hier im Blog gemeldet, in Berlin (seit Anfang des Monats) und Frankfurt am Main (ab Ende Juni). Dafür zuständig sind eigene Mitarbeiter:innen, die die Online-Einkäufe in den Filialen zusammenstellen und anschließend mit auffällig in Alnatura-Optik beklebten und Ökostrom-betriebenen Fahrzeugen (von Addax Motors aus Belgien) ökologisch vertretbar an die Kundschaft ausliefern.


Müp-müp-müp, der Einkauf kommt

Den Technik-Baukasten für den Neuanlauf mit einem eigenen Shop hat Alnatura beim Schweizer Lieferspezialisten Farmy, quasi dem Picnic der Berge, erworben.

Und die Lieferung kommt, wie gerade ausprobiert, im versprochenen Zeitfenster, vollständig mit einem (durchaus großzügigen) Naturalien-Dankeschön für die Erstbestellung – Schokolade, Knusperwaffeln, Konfitüre – per Mini-E-Transporter, der sympathisch brummelnd vor der Zustelladresse einparkt (müp-müp-müp).

Gut gekühlter, vollständiger Bio-Wocheneinkauf, nachhause oder ins Büro geliefert; Foto: Smb

Käse, Joghurt und Würstchen sind gut gekühlt; loses Gemüse wird mit einem kleinen Zusatzbetrag zur „Gewichtsreservierung“ möglichst grammgenau abgewogen und ohne Plastikverpackungsmassaker in dünne Papiertüten gepackt. Genau wie man sich das als Bio-Kund:in wünscht. Bloß der Weg dahin gestaltet sich (für alle Seiten) ein bisschen komplizierter als er eigentlich sein müsste.

Oder, anders formuliert: Alnaturas erster komplett selbst betriebener Lieferservice ist ein ziemlich guter Aufschlag – wenn man drauf eingestellt ist, Lebensmittel online wieder ein bisschen wie 2012 einzukaufen.

Aber erstmal die Fakten: Der Mindestbestellwert liegt bei überschaubaren 29 Euro, zu denen 3,90 Euro Lieferkosten kommen, die ab 59 Euro Warenkorbwert komplett entfallen. Super einfach zu verstehen, und im Vergleich zur Konkurrenz: großartig. (Rewe liefert erst ab 120 Euro Warenwert kostenfrei und darunter zu sehr unterschiedlichen Konditionen, Amazon Fresh ab 85 Euro, und das ja auch nur für Prime-Mitglieder.)

Gebietsschutz für andere Märkte?

Lieferungen erfolgen offiziell in einem „Raudius [sic!] von 12 km um den jeveilige [sic!] Markt“. Und das ist leider nicht nur noch schlampiger Korrektur gelesen als die Texte in diesem Blog – sondern auch schon falsch.

Weil der Radius zumindest um eine der ersten beiden aktiven Lieferfilialen in einer Himmelsrichtung ziemlich abrupt nach gerade einmal 2000 Metern endet – kurz vor der nächsten Alnatura-Filiale nämlich. Nun ließe sich spekulieren, dass es sich dabei um eine Art Gebietsschutz für andere Märkte handelt, die selbst irgendwann ans Liefer- und Abholysystem angeschlossen werden könnten. Im konkreten Fall in Berlin Prenzlauer Berg ist es aber ziemlich dämlich, weil die größere Lieferfiliale die viel, viel kleinere anderthalb Kieze entfernt sehr gut entlasten könnte, anstatt die im Umfeld wohnende Kundschaft mit dem Hinweis vor den Kopf zu stoßen: „Leider ist eine Lieferung zu dieser Adresse noch nicht möglich.“

Die durch die Stadt fahrenden Alnatura-E-Transporter sind klein, aber trotzdem unübersehbar; Foto: Smb

Aber das lässt sich ja (noch) relativ leicht ändern. Ähnlich wie die Auswahl der Lieferzeitfenster, die mit derzeit zwei pro Tag arg überschaubar ist: morgens von 10 bis 13 Uhr, abends von 16 bis 19 Uhr, fertig. (Aber okay für den Start.)

Ein größeres Rätsel ist die Bedienung des Online-Shops an sich.

Riesige Frische-Auswahl aus der Theke

In dem soll ein „umfangreiches Bio-Sortiment“ aus dem Markt erhältlich sein, und zwar: inklusive Frische, aber erst „nach und nach“. Praktisch heißt das, dass schon jetzt z.B. eine ungeheure Auswahl frischer Backwaren aus der jeweils ladeneigenen Backtheke und eine nicht minder hervorragende Auswahl an frischen Käsespezialitäten aus der ladeneigenen Käsetheke erhältlich ist, die für jede Bestellung frisch verpackt wird – was jeden anderen Lieferdienst vor Neid erblassen lassen muss.

Umso unverständlicher ist, warum man sich ausgerechnet beim (stationär ebenfalls nicht unüppigen) Alnatura-Obst- und Gemüsesortiment zum Start eher zurückhält: Bananen, Kartoffeln, Zwiebeln und Birnen – kein Problem. Aber Gelbe Beete, frische Bohnen und Rucola – nee, dafür müssten Sie bitte in den Markt gehen.

„Alnatura Super Natur Markt Online“ kombiniert Abhol- und Lieferservice miteinander; Screenshot: alnatura.de

Manche Produkte sind schlampig eingestellt: Wer die „Bio Erdbeeren 500g“ für 3,73 Euro zum Warenkorb hinzufügt, muss genau hinsehen, weil es zum genannten Preis nämlich nur 250 Gramm gibt.

Wer Bananen braucht, kriegt entweder fünf, zehn – oder null. Aber nicht: zwei. Im Laden lose verkaufte Zwiebeln und Paprika gibt es, aus welchem Grund auch immer, nur in 400-Gramm-Schritten.

Und wer seinen Warenkorb für den späteren Einkauf vorsorglich füllt, sollte damit rechnen, dass alles Frische über Nacht kommentarlos wieder verschwindet (während die Trockenartikel stehen bleiben).

Okay, Kinderkrankheiten. Wenn auch: welche, die sich durch einen ausführlichen Beta-Test vorher hätten vermeiden lassen.

Preise wie im Laden, wackelige Suche

Dafür liegen die Preise im Alnatura-eigenen Online-Shop auf Ladenniveau – ohne die typischen (und zum Teil ziemlich ordentlichen) Aufschläge, wie sie bei Bringmeister, Knuspr (teilweise) und Gorillas üblich sind. Schneller Vergleich: Die Joghurt-Alternative Alnatura Bio Kokos Natur vegan (400 Gramm) kostet bei Bringmeister in Berlin 2,29 Euro, bei Gorillas 2,49 Euro – und im Alnatura Liefer-Shop 1,99 Euro. Wer gerne Alnatura-Produkte kauft, kann das dann auch gleich beim Original-Absender tun anstatt draufzuzahlen.

Ein paar Stolpereien sind allerdings echt ärgerlich dafür, dass Alnatura sich in der Schweiz doch eigentlich ein schlüsselfertiges System für sein Online-Abenteuer eingekauft hat – insbesondere, weil sich Technik-Partner Farmy ja zuletzt erfolgreich laufender Geschäfte in der Heimat rühmte.

Dazu gehört die wackelige Shop-Suche: „Joghurt Reiswaffeln“ waren in der vergangenen Woche für den Einkauf nicht vorhanden, „Joghurt-Reiswaffeln“ mit Bindestreich aber schon. (Inzwischen geht beides.)

Wer Produkte des Herstellers KoRo sucht, kriegt derzeit kein einziges davon angezeigt – obwohl die Artikel über die Kategorien verfügbar sind.

Und es kann natürlich sein, dass es nur mich wahnsinnig macht, wenn beim Klick ins Suchfenster rechts selbiges auf die linke Seite springt, um Schnellergebnisse anzuzeigen – und dann wieder zurück. Gebrauchstauglichkeit geht jedenfalls anders.

Lieferung „voraussichtlich“ wie vereinbart

Ein bisschen absurd wird es nach Abschluss der Bestellung, die sich u.a. per Kreditkarte, PayPal oder Klarna bezahlen lässt: Weil ab diesem Zeitpunkt im eigenen Account nicht mehr nachvollziehbar ist, welche Produkte man eigentlich geordert hat. Die aufgelistete Bestellung in Bearbeitung ist nicht anklickbar, lässt sich lediglich „wiederholen“ oder „stornieren“. Und zwar letzteres bis zum Vorabend um 20 Uhr, womit auch geklärt wäre, wann die Bestellungen für den nächsten Morgen in der Filiale kommissioniert werden: kurz vor oder direkt nach Ladenschluss (bzw. für abends vermutlich in der stationär weniger frequentierten Mittagszeit).

Das heißt: Es kann nachträglich, auch mit Tagen Vorlauf, kein Artikel mehr zu einer abgesendeten Bestellung hinzugefügt oder gelöscht werden. Was inzwischen, glaube ich, zum Standard-Repertoire der kompletten Konkurrenz gehört und gehören sollte.

Am Morgen der Lieferung kommt zwei Stunden vor Beginn des Lieferfensters die Mail-Erinnerung, dass die Zustellung „voraussichtlich“ wie vereinbart erfolgt.

In meinem Fall scheint das System anschließend einen größeren Schluckauf gehabt zu haben, weil während des laufenden Zeitfensters erst die Zusatznachricht „Die Lieferung Ihrer Bestellung verspätet sich“ mit einem Tracking-Code kam, der den Alnatura-E-Transporter am exakt gegenüberliegenden Ende der Stadt in Berlin-Lichterfelde verortete – um das 35 Minuten später zu korrigieren und („Ihre Bestellung ist unterwegs“) eine relativ exakt eingehaltene Zeiteingrenzung zur Lieferung aus dem Markt um die Ecke nachzuschieben:

„Voraussichtlicher Zeitpunkt der Zustellung: 7 Minuten.“

Einen Tracking-Link gibt’s (sehr) kurz vor der Lieferung per E-Mail; Screenshot: alnatura.de

Gut gepackt und gut gekühlt

Wie gesagt: Die Lieferung an sich war top, die Bestellung in Papiertüten gepackt und vollständig, die notwendige Ware gut gekühlt. (Was bestimmt auch dann klappt, wenn zukünftig nicht mehr jedes Mal eine zusätzliche Alnatura-Mitarbeiterin zur Aufsicht mitfährt.)

Unklar ist, wie Alnatura vorgeht, wenn mal ein bestellter Artikel kurzfristig nicht verfügbar ist – Auskunft über Ersatzartikel gibt es auf der Seite keine. In einer E-Mail heißt es lediglich:

„Sofern Artikel derzeit nicht auf Lager sind und wir Ihnen stattdessen ähnliche Ersatzartikel liefern, kann sich dies (…) auf den Gesamtpreis Ihrer Bestellung auswirken.“

Und wenn es doch mal was zu beanstanden gäbe? Der Shop verweist derzeit eiskalt auf das (allgemeine) Kontakt-Formular auf alnatura.de, das man ausfüllen soll. Ein direkter Kontakt per Telefon oder E-Mail ist (noch) nicht vorhanden.

Nichts von alledem ist gravierend oder richtig schlimm.

Es ist aber, im Jahr 2022, angesichts der zunehmenden Lieferkonkurrenz, die immer neue Funktionen und Services aufschaltet, selbstverständlich die Vollständigkeit der bevorstehenden Lieferung bestätigt oder Fehlartikel benennt, per SMS die Ankunftszeit eingrenzt und Reklamationen automatisiert, eine kleine Reise zurück in eine Zeit, in der der Online-Lebensmitteleinkauf noch sehr viel holpriger vonstatten ging. Was, wenn man sich in Darmstadt eingehender mit der Funktionsweise etablierter Lieferdienste befasst hätte, durchaus vermeidbar gewesen wäre.

Abholmöglichkeit ohne Zusatzkosten

Warum kürzlich per Newsletter auch Kund:innen zum „Jetzt Bio bestellen auf alnatura.de“ aufgefordert wurden, die gar nicht in Berlin oder Frankfurt wohnen, um sie einmal grundsätzlich zu enttäuschen, indem man sie das selbst herausfinden lässt, bleibt vermutlich das Geheimnis der Alnatura-Marketing-Abteilung.

Trotzdem: Ein Lieferservice eines großen deutschen Biohändlers war überfällig, ist eine großartige (und zeitgemäße) Ergänzung – und könnte sich, mit weiteren Verbesserungen, als Stärkung der eigenen Unabhängigkeit entwickeln (bzw. für die Kund:innen zu einer nachhaltigen Einkaufserleichterung.)

Zumal Alnatura von Denn’s & Co. so schnell vermutlich keine ähnliche Initiative zu fürchten braucht. (Wohingegen Bio-Lieferanbieter wie Frischepost durchaus Probleme bekommen könnten, siehe Supermarktblog.)

Auf seiner Website kündigt Alnatura an, registrierte Kund:innen darüber zu informieren, wenn neue Märkte für den Dienst aufgeschaltet werden, der regulär durch einen Abholservice ergänzt wird, bei dem sich Online-Bestellungen auch im gewählten Markt selbst abholen lassen. (Und zwar, wenn ich das richtig sehe: bislang ohne Zusatzkosten.) Wieviele Filialen in welchen Städte mittelfristig dazu kommen sollen, ist bislang nicht kommuniziert. Aber vielleicht ist’s auch nicht schlecht, wenn erstmal in Berlin und Frankfurt geübt wird, anstatt die Alnatura-Kundschaft auch andernorts über dieselben vermeidbaren Problemchen stolpern zu lassen.

Es muss ja bis zur Ausweitung diesmal vielleicht nicht wieder viereinhalb Jahre und eine Pandemie dauern.

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1 Kommentar
  • Alnatura sucht ja bereits für weitere Stadtteile Berlins Personal. Nur scheint das Unternehmen die eierlegendewollmilchsau zu suchen. Er oder sie soll die Bestellungen koordinieren, dann kommissionieren, den Wagen bestücken und bis an die Wohnungstür ausliefern. Gleichzeitig soll der oder die Angestellte aber noch als Verkäufer die Fläche bedienen – mit allem was dazu gehört: MHD / Qualitätskontrolle, Ware füllen, bestellen, beraten, verkaufen, kassieren. Und das alles für geringe 13 Euro in der Stunde.

    Da spiele ich mal alte Unke und behaupte, dass das so nicht funktionieren wird.

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