Aus für Mehrwelt: Oetker führt Mehrwegpfand-Versuch nicht fort

Aus für Mehrwelt: Oetker führt Mehrwegpfand-Versuch nicht fort

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Ursprünglich hatte Mehrwelt für das laufende Jahr ehrgeizige Wachstumsziele formuliert, um Kund:innen beim Einkauf Einwegverpackungen sparen zu lassen. Jetzt zieht die Oetker-Gruppe die Reißleine: Der Mehrwegpfand-Test für Grundnahrungsmittel wird eingestellt.

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Möglichst vielen Menschen bei ihrem Händler eine müllfreie Produktalternative zu bieten“: So umschrieben die Gründer:innen des Mehrweg-Start-ups Mehrwelt noch im vergangenen Jahr ihr Ziel, deutsche Supermarkt-Kund:innen Grundnahrungsmittel in Pfandgläsern zu liefern, um möglichst verpackungsfrei einkaufen zu können.

Aus der Ausprobiereinheit Oetker Digital heraus gegründet profitierte das Start-up vom Know-How eines großen Nahrungsmittelherstellers und der zu Dr. Oetker gehörenden Radeberger-Gruppe. Marktstart war im Frühjahr 2020.

Für das laufende Jahr hatte Mehrwelt eigentlich ehrgeizige Ziele formuliert, um mit einem größeren Sortiment und dank eigener Abfüllanlage in immer mehr Supermärkten sowie beim Lieferpartner Flaschenpost zu wachsen.


Daraus wird nun nichts mehr. Wie Gründerin Juliane Wagner gegenüber Supermarktblog.com bestätigt, wird das Geschäft von Mehrwelt nicht fortgeführt.

Wachstum „signifikant erschwert“

Aus der Oetker-Gruppe heißt es in einer offiziellen Stellungnahme:

„Mit der Mehrwelt GmbH hat die Oetker-Gruppe ein Geschäftsmodell getestet, das darauf abzielt, Lebensmittel im Pfandglas zu vertreiben, um Verpackungsabfälle zu reduzieren. Die letzten Monate haben leider gezeigt, dass der strategische Mehrwert nicht ausreichend gegeben ist, um die Investitionen der Oetker-Gruppe zu rechtfertigen. Die aktuelle weltwirtschaftliche Lage, insbesondere die komplizierte Beschaffungssituation und der Einbruch des Biomarktes, erschweren weiteres Wachstum signifikant. Daher hat sich das Unternehmen dazu entschlossen, die Testphase abzuschließen und nicht fortzuführen.“

Damit ist Mehrwelt bereits der zweite Anbieter, der innerhalb weniger Wochen den Betrieb einstellt. Ende Juni hatte bereits „Gerne Ohne“ aus München seinen selbst betriebenen Online-Shop geschlossen, ohne sich bislang näher zu den Gründen zu äußern. Offen ist, ob Gerne Ohne als Herstellermarke weiter geführt wird.

Bei Mehrwelt heißt es derweil, dass die eigenen Produkte sowohl bei den Kund:innen als auch bei den selbstständigen Kaufleuten, die sie in ihren Märkten verkaufen, zuletzt sehr gut angekommen seien. Statt der 56 auf der Mehrwelt-Website ausgewiesenen seien es mittlerweile 70 Märkte, in denen Mehrwelt bislang verkauft wird.

Mehrwelt wollte sich als Alternative zu Einwegverpackung-Marken etablieren; Foto: Smb

Positive Rückmeldungen aus dem Markt

Es sei sehr bedauerlich, dass das Konzept nicht fortgeführt werden könne, aber man habe Verständnis dafür, dass sich Dr. Oetker in der aktuellen Zeit stärker aufs Kerngeschäft fokussieren müsse.

Der Mehrwelt-Abschied lässt nun Raum für andere Marktteilnehmer, um zu testen, wie groß die Bereitschaft der Kund:innen im deutschen Lebensmitteleinzelhandel tatsächlich ist, Produkte des täglichen Bedarfs in Pfandgläsern zu kaufen.

Dazu gehört u.a. der Produzent und Importeur Ecoterra, deretwa mit Edeka und Kaufland kooperiert, um Unverpackt-Stationen in Märkten der beiden Handelsketten zu installieren (siehe Supermarktblog). Als Alternative zu festen Stationen wird aber auch eine Variante getestet zu werden, bei der die Produkte in Mehrwegpfandgläsern ins reguläre Regal kommen – ähnlich wie bei Mehrwelt und Gerne Ohne, aber noch stärker standardisiert.

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In einem von Edeka Minden-Hannover betriebenen Budni-Markt in Berlin sieht das z.B. so aus:

Unter anderem bei Budni stellt Edeka testweise Lebensmittel von Ecoterra im Mehrwegpfandglas ins Regal; Foto: Smb

Auch Kaufland testet das Angebot derzeit in neun deutschen Filialen.

Die Frage ist ohnehin, wie viele unterschiedliche Abfüller es langfristig braucht, um ein Mehrwegpfand-System für Lebensmittel im Markt zu etablieren. Jedenfalls scheint dafür ein längerer Atem notwendig zu sein, als es sich unabhängige Start-ups wie Gerne Ohne und von großen Konzernen unterstützte Wettbewerber wie Mehrwelt gerade leisten können bzw. wollen.

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17 Kommentare
  • Vielleicht wäre eine Kombination aus Unverpackt-Selbstabfüllung und vor Ort verfügbaren leeren Pfandgläsern eine Option, die noch getestet werden könnte.
    Hätte Vorteile der Standardisierung und könnte spontane Einkäufe verpackungsmüllfrei ermöglichen, bei denen man gerade kein Glas von zuhause mitgebracht hat.

    • @Alex: Echt? Dann ist das an mir vorbeigegangen.
      Ich kannte bisher nur die auch hier im Blog beschriebenen Unverpackt-Stationen (für selbst mitgebrachte Behälter oder Einweg-Behälter) und die von Ecoterra bereits befüllten Pfandgläser. Die Kombi Unverpackt+leere Pfandgläser habe ich noch nicht gesehen.

  • Der Ansatz von Oetker war schon totaler Käse. Eigene Pfandgebinde im Markt zu etablieren ist ein Mammutprojekt und passiert mal nicht so schnell, abgesehen von den immensen Investitionen in Glas, Programmierung der Pfandautomaten, etc. Wundert mich, dass die Radeberger-Expertise hier nicht gegriffen hat. Kunden müssen immer und jederzeit die Möglichkeit haben, die Gläser abzugeben. Das geht bei den etablierten Mopro-Gebinden super. Da muss man das Rad nicht neu erfinden.
    Was es braucht, ist ein Abfüller, der immense Skaleneffekte bei der Rohwarenbeschaffung erzielen und die Mehrweg-Logistik sehr effizient betreiben kann. Allein die Logistik bei Mehrweg ist schon ein Minenfeld, da hilft die Nutzung der Poolgebinde ungemein.

  • Warum werden nicht die 400-g-Gläser vom Joghurt verwendet? Die sind etabliert und würden für Gemüse, Obst und Nudeln ganz gut passen.

  • Es ist mir ein Rätsel, warum man nicht bei dem Warensegment ansetzt, das bereits in Gläsern (und Dosen) angeboten wird, nämlich Konserven verschiedener Art. Dort ist Glas als Verpackungsform eingeführt und bietet handfeste und bekannte Vorteile. Das Segment ist sicherlich überschaubar und relativ unsexy, schiene mir aber doch gerade deswegen ein gutes Experimentierfeld. Die Tatsache aber, dass selbst Milch und Milchprodukte im Pfandglas weiterhin eher Nischenprodukte sind – selbst im Biomarkt – sollte aber zur Vorsicht gemahnen.

    • Ich finde das überhaupt nicht rätselhaft, im Gegenteil: um eine reguläre Menge Nudeln oder Crunchy zu kaufen, bräuchte es jedes mal zwei der kleineren Joghurt-Pfandgläser. Das ist wahnsinnig unpraktisch. Die Mehrwelt-Gläser waren schon schick und durchdacht. Und die Händler programmieren ihre Automaten sonst für jede Individualflasche im Getränkesortiment um.

    • @Peer Schader: Da habe ich mich vielleicht missverständlich ausgedrückt. Ich meinte nicht (wie Christoph), dass man diese Glasgrößen für andere Produkte benutzen sollte, sondern dass man überhaupt erst einmal versuchen könnte, die bereits im Glas angebotenen Sortimente auf Mehrweg umzustellen. Das ist, wie gesagt, sicherlich ein Nebenschauplatz, würde aber möglicherweise für die Wirtschaft einen niedrigschwelligen Einstieg bedeuten sowie eine Möglichkeit, die Bereitschaft der Kunden zu einer Erweiterung des Mehrwegprinzips zu testen.

    • Ah ja, mein Fehler, sorry. Probiert ja z.B. Alnatura für Kichererbsen & Co., aber halt mit absurden Preisaufschlägen im Vergleich zu regulären Konserven (wahrscheinlich wegen teurerer Abfüllung).

    • Könnte auch daran liegen, dass Konserven lange lagern und somit die teuren Mehrweggläser lange beim Kunden stehen. Cola hat es da leichter, die stellt niemand für zwei Jahre in Keller.

    • Wir setzen genau an diesem Hebel an, und erarbeiten mit https://circujar.com ein Mehrwegsystem für diejenigen Lebensmittel, die bereits in Gläser abgefüllt werden. Und das ganze als gemanagtes Pool System, den Abfüller:innen quasi so einfach nutzen können wie heute Einwegglas. Wir sehen uns bald in den Regalen 😉

    • @Christoph

      Wenn man kostendeckende Pfandbeträge nähme, wäre so etwas kein Problem. Das wäre doch mal eine klimapolitische Maßnahme mit schlankem Fuß: Die Mehrwegpfandbeträge werden auf kostendeckende, runde Beträge erhöht und das Wirtschaftsministerium trägt den (für einen Bundeshaushalt wohl vernachlässigbaren) Schaden für die Verluste während der Umstellungsphase. Oder man führte direkt ein Glas mit gleichmäßigerer Wandstärke und glatterer Oberfläche ein (denke: Imkerglas mit anderem Verschluss); dann gäbe es auch keine Tauschverluste und der Verbraucher hätte ein ansprechenderes Produkt.

      (Slightly OT: Ich schaue nach Deutschland und sehe so viel Potential, unseren Planeten zu schonen und gleichzeitig den Alltag vieler Menschen zu erleichtern, und dann sehe ich, wie es jedes Mal ausgeht: ÖPNV, Energiewende, Mehrweg, Recycling etc.pp. Dann schaue ich mich in meiner Umgebung um und sehe so viele Menschen, die sich für solche Chancen ein Bein ausrissen, und möchte meinen Kopf nur noch gegen die Wand hauen.)

    • Mehrwelt ging mit 1 Euro Pfandgebühr und ansprechenden glatten Gläsern mit gutem Verschluss schon stark in diese Richtung. (Aber Tiefkühlpizzenverkauf geht halt vor Innovation.)

    • @Christoph: Bei vielen Obst- und Gemüsekonserven gibt es nur eine Produktion pro Jahr (nach der Ernte), so dass diese Ware dann nicht nur potentiell beim Kunden lange lagert, sondern auch schon beim Produzenten.

    • @ Circujar:
      Schöne Gläser. Würde ich glatt so kaufen, wenn es einen Shop gäbe.

      (Die Mehrwelt-Produkte hätte ich mir auch allein schon wegen der Gläser gekauft, wenn ich sie denn irgendwo tatsächlich in einem Regal gesehen hätte.)

    • Gibt noch Restbestände zum vergünstigten Preis in den Flaschenpost-Lebensmittel-Lieferstädten.

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