Zu langsam für TikTok: Warum der deutsche LEH Tempo lernen muss

Zu langsam für TikTok: Warum der deutsche LEH Tempo lernen muss

Foto [M]: Jonathan Hefner/Smb
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Ein Social-Media-Trend, zwei Produkte, leere Regale. Der „Japanese Cheesecake“-Hype auf TikTok macht’s möglich und treibt Kund:innen in die Läden. Doch der Newsfeed wartet nicht auf Quartalspläne. Oksana Lukyanenko erklärt, weshalb Effizienz-Obsession im Lebensmittelhandel nicht mehr alles ist.

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Im deutschen Lebensmittelhandel gilt ein ungeschriebenes Gesetz: Regale müssen verlässlich sein. Jahrzehntelang haben wir Lieferketten optimiert, Prozesse normiert und Listungszyklen perfektioniert. Der deutsche Lebensmittelhandel ist eine Effizienz-Maschine, die weltweit bewundert wird.

Doch Stabilität ist kein Wettbewerbsvorteil mehr, wenn der Wettbewerb Geschwindigkeit heißt. Planung war lange die Kernkompetenz des Handels. Heute entsteht Nachfrage im Algorithmus. In Zeiten von TikTok und Instagram entscheidet der Feed über Aufmerksamkeit, nicht das Blättern im druckfrischen Prospekt am Frühstückstisch.

Wie konkret das ist, zeigt der jüngste „Japanese Cheesecake“-Trend auf TikTok: Zwei Zutaten, ein virales Versprechen, zerbröselte Biscoff-Kekse und griechischer Joghurt. Mehr braucht es nicht, um millionenfach geklickt zu werden.

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Lotus Biscoff und griechischer Joghurt erlebten einen deutlichen Nachfrageschub; in Social-Media-Beträgen berichteten Nutzer:innen wiederholt über lokale Ausverkäufe von griechischem Joghurt, auch wenn flächendeckende UK‑Marktdaten zu Out-of-Stocks und zum genauen Wachstum noch fehlen. In jedem Fall kam der Impuls dazu nicht aus dem Category Management, sondern aus dem Feed.

Abb.: Ideogram für Supermarktblog

Die Statik der 2.000 Artikel

Doch ein durchschnittlicher Discounter verwaltet 1.500 bis 2.000 Produkte mit akribischer Genauigkeit. Nur ein kleiner Teil des Sortiments rotiert schnell oder wird regional angepasst. Während die Lieferketten auf Effizienz getrimmt sind, kann das Sortiment dadurch schnell starr wirken. Wenn ein Produkt auf Social Media zum Trend wird, wartet die Kundschaft nicht auf Quartalspläne, sie will es jetzt.

Cultural Velocity: Geschwindigkeit als Währung

Cultural Velocity ist die Fähigkeit, einen TikTok-Trend schneller ins Regal zu bringen, als er wieder verschwindet. Das klingt nach Marketingsprech. Aber es geht ganz und gar nicht nur um Gimmicks. Es geht schlichtweg um Reaktionsfähigkeit. Wer junge Zielgruppen halten will, muss in der Lage sein, kulturelle Impulse kurzfristig ins Sortiment zu übersetzen, ohne das komplette System umzubauen.

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Die Antwort heißt nicht Chaos. Sie heißt Flexibilität. Flash Assortments sind ein Ansatz: klar definierte Flächen im Markt, die bewusst außerhalb klassischer Listungslogik funktionieren. Zonen für Test, Rotation, Relevanz. Produkte kommen schnell. Und sie gehen wieder.

Warum nicht temporär eine Aktionsfläche schaffen, auf der Biscoff-Kekse und griechischer Joghurt gemeinsam inszeniert werden? Online ließe sich eine Landingpage bündeln, stationär eine einfache Wegeführung vom Kühlregal ins Keksregal. Keine Dauerlistung, aber ein klares Signal: Wir hören zu.

Der logistische Bypass

Das Zentrallager bleibt das Rückgrat. Eigenmarken bleiben Margentreiber. Planung bleibt notwendig. Doch Tempo braucht einen Bypass. Cross-Docking ist dabei kein operatives Detail, sondern ein strategisches Signal. Ware wird vorkommissioniert angeliefert und direkt auf die Fläche gebracht. Das Lager wird Umschlagplatz, nicht Wartezone. Haltezeiten sinken. Reaktionszeiten auch.

Das ist die logistische Antwort auf den Newsfeed: schnell rein, schnell raus. Einige der deutschen Händler haben das bereits perfektioniert. Vielmehr ist es jedoch eine Machtfrage. Und genau hier wird es heikel. Cross-Docking ist kein Prozessdetail. Es verschiebt Zuständigkeiten. Plötzlich entscheidet nicht mehr der etablierte Listungszyklus, sondern der Moment.

Die Frage ist nicht technisch. Sie ist organisatorisch: Wer darf außerhalb des Systems Tempo machen? Und genau das macht Organisationen nervös.

Die Wahrheit ist: Tempo entsteht dort, wo Entscheidungskompetenz bewusst an lokale Category Manager oder Filialteams übertragen wird. Innerhalb klar definierter Aktionsflächen können sie virale Trends wie den Biscoff‑und‑Joghurt-Hype auf TikTok sofort bedienen, ohne das Kernsortiment zu gefährden. Der Konflikt ist klar: Wer diese Entscheidungshoheit abgibt, bricht den traditionellen Listungszyklus auf, verschiebt Verantwortung und verlangt vom zentralen Management Vertrauen. Doch nur so lassen sich Newsfeed-getriebene Impulse punktgenau ins Regal bringen, bevor der Trend wieder vorbei ist.

Ein Weckruf zur Beweglichkeit

Es ist Zeit, die existierenden Listungsrituale als das zu sehen, was sie sind: Bremsklötze für die Kund:innenbindung. Und verstehen Sie mich nicht falsch, die Stärke unserer Eigenmarken und die Präzision unserer Logistik sind das Fundament, auf dem wir stehen. Aber auf diesem Fundament müssen wir eine Architektur bauen, die atmen kann.

Wer junge Zielgruppen nicht kampflos an reine Online-Player verlieren will, muss seine Supply Chain algorithmusfähig machen. Effizienz bleibt Pflicht. Reaktionsgeschwindigkeit wird Kür und Differenzierungsmerkmal.

Ihr Revisionszyklus interessiert die Kund:innen nicht. Deren Feed schon.

Über die Autorin

Oksana Lukyanenko prägte als langjährige Deutschland-Chefin den Aufstieg des Lieferdienstes Wolt und entwickelte das Unternehmen von einer Restaurant-Plattform zum Allround-Anbieter für Lebensmittel und Güter des täglichen Bedarfs. Zuvor war sie unter anderem als VP International Markets bei Delivery Hero tätig und verantwortete als International Expansion Manager die Entwicklung des türkischen Delivery-Pioniers Yemeksepeti. Heute berät sie Tech-Unternehmen strategisch und analysiert für das Supermarktblog aktuelle Entwicklungen im europäischen Lebensmitteleinzelhandel. Kontakt: LinkedIn.

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2 Kommentare
  • Sehr interessanter Beitrag. Was mir noch unverständlich ist, welche der Millionen Social Media Seiten sind so relevant, dass sie beobachtet werden müssen, um Trends mitzubekommen?

    Welche Ladenkette, hat die Kapazität den wichtigsten Social Media Seiten zu folgen? Wie gut sind die Lebensmitteleinzelhändler aufgestellt?

    Es wäre mal interessant zu erfahren, wie gut die großen Vier und die Mitbewerber Online zurecht kommen. Und wie gut der Online-LEH bzw. die Lieferdienste mit solchen Trends zurecht kommt

  • Für mich ist fraglich, ob sich wirklich alles nach diesem aufgekratzen Hyperspeed von social media ausrichten muss und überhaupt lässt! Manche Produkte in der Natur wachsen halt nun mal so langsam wie sie eben wachsen und auch Fertigungsstraßen laufen so schnell wie es ihnen technisch möglich ist. Kein Unternehmen der Welt wird sich eine weitere Fertigungsstraße neben die bisherige stellen wollen, nur weil gerade seit 10 Minuten Joghurt-Keks-Matsche trendet. Denn jeder Hype kann so schnell zu Ende sein wie er gekommen ist und nicht alles hält sich so lange wie die Begeisterung für Dubai-Schokolade. Kein guter Unternehmer wird auf jeden Zug aufspringen, der gerade durch den Bahnhof rauscht, ohne zu wissen wohin und wie lange dieser Zug überhaupt fährt. Von daher halte ich die Diskussion für ein wenig fehlgeleitet. Der LEH kann natürlich social media beobachten und soll darauf natürlich auch reagieren, aber man kann nicht die gleichen Maßstäbe an Natur und Technik anlegen, wie sie in der großen social media bubble gelten, denn der Physik und auch dem vernünftigem Unternehmertun sind Grenzen gesetzt und ob gnadenlose Überproduktion für five minute fame so nachhaltig sind? Da droht doch schon der nächste shitstorm, den es heutzutage doch mit allen Mitteln zu vermeiden gilt, oder nicht?!

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