Die Zukunft von Karstadt liegt (auch) im Keller

Die Zukunft von Karstadt liegt (auch) im Keller

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In Freiburg machen Karstadt und Rewe Center gemeinsame Sache

Wie Sie den meisten Medien entnehmen können, ist die Stimmung bei Karstadt derzeit ganz schön im Keller. Die Spekulationen, dass mehr als ein Viertel aller Häuser geschlossen werden könnten, sind noch nicht vom Tisch; und was der neue Eigentümer René Benko mit den übrigen vorhat, ist ungeklärt.

Wie Sie diesem Blogeintrag entnehmen können, ist aber nicht nur die Stimmung bei Karstadt im Keller. Sondern vielleicht auch die Zukunft.

Genauer gesagt: im Untergeschoss. Dort wohnt in 43 Filialen seit ein paar Jahren die Lebensmittelkette Perfetto, für die sich Karstadt mit einem alten Bekannten zusammengetan hat: Rewe. In der Gesellschaft „Karstadt Feinkost“ hält der große Partner 74,1 Prozent der Anteile und liefert den Platz, der kleine hält den Rest und liefert die Lebensmittel.

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Fast zehn Jahre ist es her, dass in der Wiesbadener Filiale der Warenhauskette der erste Perfetto eröffnete, als „Genuss-Reich“ und „Gourmet-Treff“ mit großer Fischabteilung, Vinothek und lauter Schnickschnack. In den darauffolgenden Jahren wurde das Konzept zum Untergeschoss-Standard vieler Karstadts.

Die Millionenverluste aus den Anfangsjahren scheinen Geschichte zu sein. Im Jahr 2012 wurden 253 Millionen Euro umgesetzt, wie die „Lebensmittelzeitung“ kürzlich berichtete. Und der Deal zwischen den Partnern ist laut LZ bis zum Jahr 2019 verlängert – obwohl die Partner durchaus unterschiedliche Ziele haben: Perfetto würde gerne auch außerhalb der Karstadt-Warenhäuser neue Filialen eröffnen; Rewe hingegen hat kein Interesse, mit sich selbst um den Platz in den Städten zu konkurrieren.

Viel akuter ist jedoch das Problem, dass Perfetto inzwischen so gut zu Karstadt passt wie der die Bezeichnung „Hoffnungsträger“ zum früheren Krisenausdehner Nicolas Berggruen.

„Capital“ schrieb 2007, Perfetto sei angelegt als „Köder, um eine gut betuchte Klientel zu locken, die reichlich Geld für hochpreisige Kleidung, Parfüms oder Accessoires ausgibt“. Das mag noch für ein paar Luxus-Warenhäuser wie das KaDeWe gelten; aber für die meisten Filialen sind diese Zeiten ein für alle mal vorbei. Wer würde in einem Kaufhaus, das inzwischen vor allem mit aufwändigen „Sale“-Aktionen Umsatz macht, künftig noch Garnelenschwänze und Champagner einkaufen?

Was auch aus Karstadt wird: Ein bisschen mehr Bodenständigkeit im Untergeschoss würde der Kette gut tun. Wie das gehen könnte, demonstriert das Unternehmen ja schon seit einem Jahr in seiner Freiburger Filiale, wo die Schweizer Migros bis zur Schließung im Oktober 2013 einen ihrer beiden gefloppten Deutschland-Märkte betrieb.

Bis vor einem Jahr war MIgros noch da, jetzt kümmert sich Rewe um die Innenstadt-Kundschaft

Nach Migros ist dort auf 2500 Quadratmetern ein Rewe Center eingezogen, das sich sehen lassen kann. Die Auswahl reicht freilich nicht an die riesigen Hangars auf der Grünen Wiese heran, für Innenstadt-Verhältnisse ist sie aber hervorragend.

Die Obst- und Gemüse-Abteilung ist mit einem grasgrünen Band umrahmt; die Frischetheken sind riesig; und es gibt eine ansprechende Weinabteilung, in der man sich für einen Newsletter anmelden kann, um über Verkostungstermine informiert zu werden.

Bin ich noch Obst und Gemüse? Im Karstadt-UG erkennen Sie's am grünen Band

Passend zur Lage in der Fußgängerzone hat Rewe auf eine Auswahl an Snack-geeigneten frischen Lebensmittel geachtet. Bei der riesigen Salattheke müsste man sich schon arg anstrengen, um reinzuniesen. An der Kundeninfo gibt’s einen einen Einpackservice, wer’s richtig eilig hat, kann gleich ganze Geschenkkörbe mitnehmen. Und im hinteren Marktteil erwartet die Kunden eine kleine Kaffee-Zelebration.

Welche Bohne darf's denn sein? Im Freiburger Rewe Center wird nicht nur Wein in Szene gesetzt, sondern auch Kaffee

Freundlicherweise hat Migros aber nicht nur seine Mitarbeiter dagelassen (die von Rewe laut „Badischer Zeitung“ alle übernommen wurden), sondern auch seine „Hausbäckerei“. Für Rewe-Kunden, die sonst eher an aufgebackene Trostlosigkeit gewöhnt sind, ist die eine echte Überraschung. Weil die Auswahl an – gar nicht so schlecht aussehenden – Brot und Brötchen stimmt und großer Wert auf süße Alternativen gelegt wird, zum Beispiel die „Torte der Woche“ aus der Kühltheke.

Was Leichtes für zwischendurch? Die "Hausbäckerei" empfiehlt "Tiramisu-Torte" für 9,90 Euro

Auf einem Hinweisschild verspricht Rewe:

„Die Hausbäckerei, das sind ausgebildete Bäcker und Konditoren, die in ihrem Rewe Center Freiburg ofenfrische Backwaren noch richtig von Hand herstellen. Einfach ‚aufbacken‘ kommt hier nicht in Frage.“

"Einfach 'aufbacken' kommt hier nicht in Frage", verspricht Rewe in Freiburg, auch den asiatischen Touristen bei der Backregalbewunderung

Ein schöneres Unterscheidungsmerkmal zu seinen übrigen 14.887 Märkten hätte sich Rewe nicht raussuchen können. Blöd halt, dass alle, denen der Weg nach Freiburg ein bisschen weit ist, davon nichts haben.

"Frisch ans Werk" steht auf Kuchen und Muffins der "Hausbäckerei"

Kurz und gut: Das Rewe Center ist ein echter Gewinn – mindestens für Karstadt, weil sich dort angenehm einkaufen lässt und der Perfetto-Snobismus genauso wenig fehlt wie die ordentlichen Preisaufschläge, die so ein Untergeschoss-Einkauf sonst mit sich bringt. Mag sein, dass Feinkostliebhaber dort weniger auf ihre Kosten kommen – aber das kann dem neuen Karstadt-Chef Stephan Fanderl (der, na sowas, auch mal bei Rewe war) herzlich egal sein, wenn es in Zukunft darum gehen soll, erstmal wieder mehr Leute in die Häuser zu kriegen.

Ein gut ausgestatteter, klassischer Supermarkt wäre dabei eine große Hilfe. Egal, was in den Etagen obendrüber verkauft wird.

(In Freiburg braucht das Rewe Center nicht einmal das komplette Untergeschoss; als ich im Sommer da war, wurde die übrige Fläche gerade umgebaut. Weiß jemand, was da jetzt hingekommen ist?)

In STuttgart hat sich Kaufhof-(und Real)-Eigentümer mit dem Feind zusammengetan, einem Rewe City im UG

Selbst für die Konkurrenz ist das was: Mitten in Stuttgart beherbergt die dortige Kaufhof-Filiale einen City-Markt von Rewe Gehringer („Der Markt in Ihrer Nachbarschaft“), begrüßenswert für Leute, die in der Mittagspause, beim Einkaufsbummel oder nach der Arbeit noch schnell ein paar Besorgungen erledigen wollen. Die Kooperation mag ungewöhnlich sein, weil Kaufhof zu Metro gehört, und Metro mit Real ja (noch) eine eigene Lebensmittelkette besitzt. Weil die aber keine City-Konzepte kann, ist’s bloß konsequent, sich den Mitbewerber ins Haus zu holen, wenn die Kunden was davon haben.

Gut möglich, dass die klassischen Warenhäuser ihre besten Zeiten hinter sich haben. Aber wenn die Eigentümer sich jetzt für die Zukunft rüsten, sollten sie unbedingt überlegen, damit im Keller anzufangen.

Fotos: Supermarktblog

Nachtrag, 23.10.: Ursprünglich stand in diesem Text eine falsche Gewinnangabe. Entschuldigung.

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21 Kommentare
  • Die „Kaffee-Zelebration“ hat Rewe von Migros übernommen, das sah bei denen ganz genauso aus.
    Und in Lörrach, wo Rewe ebenfalls die ehemalige Migros-Filiale betreibt (ebenfalls mit Hausbäckerei) , gibt es sehr deutliche Anleihen an den örtlichen Hieber-Markt, der wenige Wochen zuvor neu saniert eröffnet wurde.
    Als Kundin muss ich sagen: Rewe kann weder Migros noch Hieber das Wasser reichen.

    • Eine „richtige“ Lebensmittelabteilung gibt es meines Wissens nicht. Aber zumindest bei meinem letzten Besuch vor einigen Monaten hatte die Karstadt-Filiale in Darmstadt neben Perpetto im Keller eine Süßwaren-Abteilung im Erdgeschoss. Dort werden dann eher die „Nobelmarken“ angeboten, es gibt eine Theke für Pralinen und Trüffel, Saisonprodukte zu Weihnachten oder Ostern usw.

    • Naja, wie im Text geschrieben gehört Perfetto ja zu Karstadt. Ich verstehe Ihre Frage nicht ganz.

    • Früher hatte z. B. der Karstadt in Münster in der obersten Abteilung eine „normale“ Lebensmittelabteilung. Frage mich nur ob die immer noch da ist. Würde sich in gewisser Weise ja ergänzen.

    • Ist mir dank deren Seite bekannt. Womit aber immer noch nicht (zumindest für mich) klar ist, ob es die alten Lebensmittelabteilungen immer noch gibt. Oder gibt es generell keine Lebensmittelabteilung mehr, wenn sich im Keller ein Perpetto befindet?

    • Ja, wo Perfetto keine Lebensmittelabteilung im ursprünglichen Format. Allerdings muss ich festhalten, daß auch Perfetto nicht gleich Perfetto ist. Im Bad Homburger Karstadt ist Perfetto ein Tempel des Luxus (ob der Klientel dort auch der Renner). Im Mainzer Karstadt ist Perfetto eher die verkleinerte Schmuddelausgabe der einstmals wahrlich über die Stadtgrenzen hinaus bekannten „Hertie Lebensmittelabteilung“.

  • 253 Mio Gewinn?! Na das wäre mit knapp über 40 Filialen ja ein Weltklasse Ergebnis.
    Da hat sich wohl der Fehlerteufel eingeschlichen.

    • Ja, der Teufel hat aus Umsatz Gewinn gemacht, und ich hab’s gerade korrigiert. Puh. Danke!

      (Es wäre aber trotzdem üblich, hier im Blog mit einer gültigen Email-Adresse zu kommentieren; sie wird auch nicht veröffentlicht oder weitergegeben.)

  • Migros hat generell keine alkoholischen Getränke im Sortiment. Deswegen hat Karstadt auf einem separaten Bereich der Verkaufsfläche im Untergeschoss diese Warengruppe selbst verkauft. Rewe hat mit der Übernahme des Marktes aber selbstverständlich alkoholische Getränke integriert. In die nun freigewordene Fläche im Untergeschoss soll eine DM Drogeriemarkt Filiale entstehen. Eröffnung ist lt. Badische Zeitung für Frühling 2015 geplant.

    Interessant ist in diesem Zusammenhang vielleicht, dass DM bisher schon 3 Filialen im Innenstadtbereich von Freiburg hat, die jeweils nicht mehr als 500 Meter auseinander liegen.

    • Ah, das hatte ich vermutet. dm ist ja auch schon ein bisschen Untergeschoss-Standard. Allerdings hat ja auch das Rewe Center eine ganz ordentliche Drogerie-Abteilung, da könnte es schon zu Interessenkonflikten kommen.
      Danke!

    • Solche Koppelstandorte sind ja durchaus üblich und für die Beteiligten wohl eher vorteilhaft. Hier gibts zumindest ein Rewe-Center mit Rossmann (und Aldi) und einen normalen Rewe mit dm (und Penny; jeweils von vornherein als Einheit konzipiert). Es gibt auch Reals mit dm. Am liebsten scheint sich dm aber neben Lidl zu setzen. In guten Lagen hat dm offenbar kein Problem damit, mehrere Filialen fast nebeneinander zu haben. Das gibts in München öfter, und das sind nicht nur Fälle, wo ein Altstandort erhalten worden ist.

      Metro hätte übrigens prinzipiell schon ein Lebensmittel-City-Konzept. Galeria Gourmet betreibt sie meines Wissens selber. Ist halt eher wie Perfetto und wohl nicht überall optimal.

      Die „Sale“-Aktionen von Karstadt seh ich nicht in Konflikt mit der Zielgruppe. Ist ja allenfalls relativ zum Normalpreis billig. Früher hat ein Warenhaus alles von untersten bis zum Luxussegment gleichzeitig angesprochen, und das hat auch funktioniert. Der jetzige Oberpollinger hat ehemals im Untergeschoss Textilien verramscht (u.A. B-Ware und Restposten), und die waren wirklich billig, während die Lebensmittelabtelungen schon immer eher auf gehobeneres Publikum gezielt haben.

  • Wenn sich das REWE-Konzept in Karstadt-Häusern wirklich lohnt dann sollten sich Karstadt und REWE zusammensetzen und darüber beraten so oft wie möglich die PERFETTO-Märkte durch „echte“ REWE-Märkte zu ersetzen. Das wäre schon ein Schritt in eine bessere Zukunft für Karstadt und würde sich ja auch für REWE lohnen denn ein richtiger Supermarkt wird sicher besser angenommen als ein Pseudo-Feinkostladen namens Perfetto, der ein Durcheinander aus kleinem Sortiment mit hohen Preisen aber gleichzeitig ja!-Produkte anbietet. Außerdem kenne ich einige Karstadt-Häuser in deren Umgebung es keinen Innenstadt-Supermarkt gibt, also würde es sich dort erst recht lohnen, z.b. Karstadt im Forum Duisburg (weit entfernt davon nur ein Netto City) oder Lübeck.

  • Das passt hier zwar nicht ganz, aber wo grad von REWE gesprochen wird. Was ist dieses „Nachbarschafts-Dingens“ bei Penny? (www.penny.de/hamburg) Gibt es das nur in Hamburg oder auch in anderen Städten? Die ganzen Schilder von Penny wurden erneuert und nun prangt unter deren Namen die jeweilige Straße. Mehr hat sich aber auch nicht geändert, finde ich.

  • In Bremen im Karstadt befindet sich auch ein Perfetto der bei seinem letzten Umbau mittlerweile das gesamte Untergeschoss einnimmt und auch immer gut besucht aussieht, allerdings ist vor 1 Jahr ungefähr Edeka im Untergeschoss von Galaria Kaufhof eingezogen und dort ist auch schon mal Schlange stehen an den Kassen angesagt, soviel ist dort los, vor allem zur Mittagszeit und ich ziehe den Edeka auch vor, weil dort nicht überhöhte Preise an den Regalen stehen.

  • Hier in Stuttgart scheint es genau andersherum zu sein: Im Karstadt untendrin ist ein Edeka und im „oberen“ Kaufhof ein Rewe. Karstadt scheint hier aber eine endliche Lebensdauer zu haben, und das liegt neben der allgemeinen finanziellen Schieflage des Konzerns wohl auch daran, dass sich die Innenstadt im Würgegriff von mehreren neuen Shopping-Malls befindet.

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