Walmart kann kein Kleinklein

Walmart kann kein Kleinklein

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Vor zwei Jahren wollte Walmart in den USA zahlreiche neue Express-Läden in der Stadt eröffnen. Jetzt kündigt der Konzern an, sie alle wieder zu schließen. Woher kommt der plötzliche Sinneswandel?

Partner und Sponsoren:

Wer nach der Arbeit Lust hat, sich ein formidables Abendessen zu kochen, setzt sich nicht erst ins Auto und fährt an den Rand der Stadt, um dort in einem Supermarkthangar zu verschwinden. Sondern geht in den Laden um die Ecke. Ist halt blöd, wenn diese Läden um die Ecke alle der Konkurrenz gehören, hat der amerikanische Handelskoloss Walmart 2011 gemerkt und angefangen, die ersten Märkte zu eröffnen, die keinen fußballstadiongroßen Parkplatz vor der Tür haben.

Drei Jahre später war „Walmart Express“ ein so großer Erfolg, dass USA-Chef Bill Simon einen ganzen Schwung mehr davon in Aussicht stellte:

„Die Bedürfnisse und Erwartungen der Kunden verändern sich. Sie wollen einkaufen, wann und wie sie wollen, und wir verändern uns, um diesen Erwartungen gerecht zu werden.“

Vor zwei Wochen Woche wiederum hat Walmart-Präsident Doug McMillon indirekt erklärt, dass das Unfug gewesen ist und angekündigt, weltweit 269 Läden zu schließen – darunter alle 102 Walmart-Express-Filialen in den USA.


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Wie es sein kann, dass Walmart in so kurzer Zeit vom Schwärmen ins Zweifeln gekommen ist, hat McMillon nicht dazu gesagt. Bloß dass sich sein Unternehmen künftig wieder auf die riesigen Supercenter konzentrieren wolle, für die Walmart bekannt ist, und weiter Nachbarschaftsläden betreiben wolle.

Wobei die „Walmart Neighborhood Markets“ nicht ganz dem entsprechen, was die meisten Europäer darunter verstehen würden. Während die Express-Filialen mit 1000 bis 1300 Quadratmetern ungefähr so groß waren wie ein moderner Aldi, kommt ein Neighborhood Market locker auf 3700 Quadratmeter – das ist hierzulande schon fast am unteren Rand dessen, mit dem sich Kaufland inzwischen arrangiert (z.B. bald in Berlin).

Und sieht so aus:

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Dafür, dass Walmart seine Express-Läden aufgibt, gibt es mehrere Erklärmöglichkeiten. Die eine ist, dass Kunden sich zunehmend daran gewöhnen, auch frische Lebensmittel online zu bestellen und nachhause liefern zu lassen. Je flexibler die Systeme (wie Amazon Fresh) werden, desto überflüssiger wird der Besuch im Supermarkt um die Ecke.

Zugleich kaufen Kunden, die Wert auf frisches, biologisch angebautes Obst und Gemüse legen, nicht zwangsläufig bei Walmart ein, sondern eher bei der Öko-Konkurrenz.

Die andere Erklärmöglichkeit hat das „Wall Street Journal“ schon 2012 vorweg genommen: Das System Walmart ist schlicht und einfach nicht auf die Belieferung kleiner Innenstadtmärkte ausgelegt. Sondern auf Masse. In den Express-Filialen seien zum Teil dieselben Packungsgrößen angeboten worden wie in den Einkaufshangars am Stadtrand, völlig an den tatsächlichen Bedürfnissen der Kunden vorbei. Der Konzern habe geglaubt, er könne das Einkaufserlebnis aus seinen Supercentern auf Läden übertragen, die nur ein Zehntel der Fläche haben. Das hat nicht geklappt. Genauso wenig wie die Strategie, die kleinen Läden einfach umzubenennen.

Offensichtlich ist der weltgrößte Supermarktkonzern, wie schon bei seinem Reinfall in Deutschland, nicht so gut darin, seine Strategie für Standorte und Märkte zu variieren, die nicht nach denselben Regeln funktionieren wie die Supercenter.

Im neuen Geschäftsjahr sollen außer 50 bis 60 neuen Einkaufshangars 85 bis 95 Neighborhood Markets neu eröffnet werden, erklärt Walmart. Irgendwas muss ja da sein, dass sich in zwei Jahren dann wieder schließen lässt.

Fotos: Walmart

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9 Kommentare
  • Abgesehen von den etwas niedrigeren Preisen weiss ich sowieso nicht, wieso Leute da einkaufen gehen. Trotz riesiger Läden ist die Auswahl eher Bescheiden. Ein – z.B. – Safeway halber Größer bietet ein viel breiteres Lebensmittelsortiment an. (Plus, die Leute, die dort einkaufen, sind nicht so merkwürdig.)

  • In Lateinamerika betreibt Walmart aber (neben den unvermeidlichen Supercentern und den ähnlich großen Sam’s Club-Centern) auch deutlich kleinere, ich sag mal: „Edeka“-große Supermärkte. Für den Durchschnitts-US-Amerikaner ist die deutsche Edeka-Größe aber entweder zu groß oder zu klein. Den Schnellkauf erledigt man im SevenEleven, für den Wocheneinkauf fährt man einmal pro Woche mit PickUp oder SUV zum Supercenter an den Stadtrand.

    • Wobei man bei der Definition von „Größe“ wirklich differenzieren muss: US-Supermärkte haben in der Regel zwar eine deutlich größere Verkaufsfläche, aber auch mehr Abstand zwischen den Regalreihen, und von einzelnen Produkten sind mehr und größere Packungen im Regal (das ist jedenfalls mein Eindruck). Mich würde auch ein Vergleich der Sortimentsgröße interessieren.

    • @Joe

      Ich habe genau den gleichen Eindruck gewonnen. Ein durchschnittlicher Publix Supermarkt (sind fast alle im Süd-Osten der USA) hat angeblich 40.000 SKU (stock keeping units). Ein Supermarkt von Kroger hat weniger, vermutlich so 30.000. Mein nächster Edeka Markt hat auf 3.700m² angeblich über 45.000 Artikel, der Markt ist aber auch ungewöhnlich groß.
      Die Anzahl der SKU ist in amerikanischen Supermärkten in der Tat aufgebläht. Weil es sehr viele Produkte in unglaublich vielen verschiedenen Verpackungsgrößen gibt. Z.B. Schokoriegel von Mars, einfach krass in wie vielen verschiedenen Verpackungsgrößen und Verpackungsarten es das Zeug gibt. Aber vom Geschmack her ist es ja alles das gleiche.
      Anfangs hat man den Eindruck, dass ein amerikanischer Supermarkt deutlich mehr Auswahl hat, einfach weil fast alle Produkte für einen neu und unbekannt sind. Wenn man dann aber z.B. für ein „deutsches“ Frühstück einkauft, dann fällt einem erstmal auf was ein amerikansicher Supermarkt so alles nicht hat bzw. wie beschränkt die Auswahl in einigen Bereichen ist. Z.B. Käse u. Wurst für auf’s Brot, total lächerlich. Marmelade, Joghurt, Schokolade, total wenig Auswahl. Sogar TK-Pizza, da hätte ich gedacht, dass es da in den USA viel mehr Auswahl geben würde, aber das ist garnicht der Fall. Sieht zwar nach viel aus weil es die auch wieder in verschiedenen Packungsgrößen gibt, und teilweise werden diese TK-Schränke auch nur mit einer Sorte gefüllt, aber die Auswahl an TK-Pizzen (verschiedene Sorten) ist kleiner.
      Viele Produkte werden auch über mehrere „Regal-Fächer“ eingefüllt. Z.B. Crest Zahncreme, 5 Packungen nebeneinander, alles die gleiche Sorte. Oder das Waschmittel Tide, das nimmt unglaublich viel Platz im Regal ein weil da so ca. 10 Flaschen nebeneinander stehen.
      In der Obst- u. Gemüseabteilung ist das auch nicht viel anders. Die Abteilung ist von der Fläche her meist sehr groß, aber jede Sorte nimmt auch unglaublich viel Platz ein. Bei uns ist das viel enger gepackt. Das gleiche an der Fleischtheke, alles nebeneinander, jede Sorte bekommt sehr viel Platz, aber die Auswahl an der Fleischtheke ist viel kleiner als bei uns. Sieht auch optisch meiner Meinung nach nicht so schön aus. Ist aber sehr übersichtlich, die Zuordnung von Ware und Preisschild ist in den USA generell viel übersichtlicher. Was mir auch gut gefällt sind die breiten Gänge und das es besonders in der Obst- u. Gemüseabteilung sehr viel mehr Freifläche gibt. Da kann man sehr viel mehr in Ruhe sich die Produkte anschauen. Und fast immer super freundliches Personal. Aber fast alles ist unglaublich teuer.
      Was mich total störte, dass Amerikaner so felsenfest davon überzeugt sind, dass ihre Supermärkte die besten auf der Welt sind und die Auswahl in amerikansichen Supermärkten um ein vielfaches größer sein muss als überall sonst auf der Welt. Das scheinen fast alle Amerikaner zu glauben, zumindest die, die noch nie außerhalb Nord-Amerikas waren. Ich hatte den Eindruck, dass die das in der Highschool so beigebracht bekommen. Amerikaner glauben auch, dass deren Lebensmittel sehr günstig wären. Ich fand fast alle Lebensmittel dort extrem teuer. Selbst wenn ich mit 1 Euro =1,40 USD rechnete. Bananen, Hähnchenfleisch u. Ketchup waren günstiger. Fast alles andere ist teurer. Mehl, Zucker, TK-Pizza, Schokolade, Süßigkeiten, Nudeln, Salat, Gemüse, Äpfel, Nutella, einfach nur krass wie teuer das ist. Selbst typisch amerikanische Sachen wie Cornflakes, krass teuer.

  • Die Größenangaben von Supermärkten in den USA beziehen sich in der Regel auf die Gesamtfläche des Ladengebäudes inkl. Lager u. Sozialräume. Die eigentliche Verkaufsfläche eines Walmart Neighborhood Markets dürfte wohl eher bei ca. 2.500m² liegen. Die ca. 18.000 sq ft eines neueren Aldi Marktes in den USA beziehen sich ebenfalls auf die Außenmaße der Filiale. Die eigentliche Verkaufsfläche dürfte dann bei ca. 1.100m². liegen.

  • Der Gedanke ist in Deutschland zwar verboten, das Ganze könnte aber mit starken Lohnkostensteigerungen zu tun haben – hätte man im Artikel zumindest erwähnen können, auch wenn Frau Nahles das nicht gefallen dürfte.

  • Nachdem ich in den USA beide Arten (Supercenter und Neighbourhood) kennengelernt habe, war ich bei Letzterem ernsthaft über das Sortiment irritiert. Auf mich wirkte das so, dass man das Supercenter eingedampft hat, aber dabei genau die falschen Artikel rausgeschmissen hat. In einem kleinen Laden möchte ich doch eher Alltagsdinge kaufen und nicht Rasenmäher, Grills und Ähnliches.
    Dass das dann nicht funktioniert, war abzusehen.

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