Bei Penny kommt künftig auch Nichtnormgemüse in die Tüte

Bei Penny kommt künftig auch Nichtnormgemüse in die Tüte

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Weil Bauern und Kunden dem Handel seine Normierungswut übel nehmen, verkaufen viele Supermärkte inzwischen auch krumm gewachsenes Gemüse. Discounter Penny geht ab Ende April noch einen Schritt weiter.

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Jetzt ist’s offiziell: Discount-Nachzügler Penny scheint den Verlust der Fototapetenlandschaften in seinen Läden ganz gut weggesteckt zu haben. In der vergangenen Woche überraschte die Konzernmutter Rewe jedenfalls mit der Meldung, dass Penny nach der Neuerfindung erstmals wieder schwarze Zahlen schreibe – ein Jahr früher als ursprünglich geplant.

Allerdings holt die Konkurrenz in rasantem Tempo auf und steckt, wie Lidl, in der Dauermodernisierung. Um nicht sofort wieder ins Hintertreffen zu geraten, strengt sich Penny deshalb sei geraumer Zeit an, bei den Kunden vor allem mit Kreativität zu punkten. Das wirkt, wenn ständig neue Eigenmarken ins Regal kommen, mitunter chaotisch; und manche Initiativen dauern länger als gedacht. (Mehr zur stockenden Umbenennung der Nachbarschaftsläden steht am Ende dieses Beitrags.)

Immerhin hat Penny aber verstanden, dass es eine kontinuierliche Anstrengung braucht, um sich als moderner Discounter zu positionieren – genau das scheint Penny-Geschäftsführer Jan Kunath mut seinem Team gerade ganz gut hinzukriegen (siehe Supermarktblog).


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Mehr Ernte in den Markt

Die neuste Idee kommt am 25. April ins Regal und ist im Discount tatsächlich ein Novum: Obst und Gemüse in Bio-Qualität verkauft Penny künftig mit „Bio-Helden“.

So nennt der Discounter kreativ-verwachsene Karotten, krumme Gurken, Kartoffeln und Äpfel mit Schalenfehlern sowie Tomaten mit kleinen vernarbten Rissen – kurz: Früchte, Knollen und Schattengewächse, die nicht makellos sind, aber genauso gut schmecken wie ihre kerzengeraden Kompagnons. Die Initiative soll Öko-Bauern ermöglichen, einen größeren Anteil ihrer Ernte in die Märkte zu bringen, weil nicht mehr alles perfekt gewachsen sein muss. (Was im Biolandbau schwer ist, weil keine Chemie eingesetzt wird.) Und sie verhindert im besten Fall, dass wertvolle Lebensmittel verschwendet werden, bloß weil sie nicht irgendeiner Quatschnorm entsprechen.

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Foto: Penny

Im Ausland haben die Supermärkte das Thema schon vor längerem für sich entdeckt, zum Beispiel die Schweizer Handelskette Coop mit ihrer „Ünique“-Aktion (siehe Supermarkblog vom September 2013). Morrisons und Tesco haben das Nichtnormgemüse in Großbritannien erst kürzlich ins Angebot aufgenommen; Asda vertreibt sogar eigene Boxen mit den „wonky vegs“. Und in Deutschland hat sich Edeka bereits 2014 mit dem Projekt „Keiner ist perfekt“ vorgewagt.

Weil es aber gar nicht so viel krummes Gemüse gebe, sollte die Aktion nur noch „in Abhängigkeit zur jeweiligen Erntesituation“ bzw. „saisonal und regional“ fortgeführt werden, erklärte ein Edeka-Sprecher im Nachhinein.

Diese Erkenntnis widerspricht den öffentlichen geäußerten Erfahrungen vieler Bauern, die dem Handel seinen Normierungswahn seit Jahren ankreiden; sie widerspricht auch den Erfahrungen, die der britische Anti-Verschwendungs-Kämpfer Hugh Fearley-Whittingstall für seine BBC-Reihe „Hugh’s War on Waste“ im vergangenen Jahr gemacht hat, als er sich vor einem Berg aussortierter Pastinaken fotografieren ließ, die eine (nicht genannten Handelskette) aus Fantasiegründen nicht haben wollte.

Womöglich meinte Edeka aber auch bloß, dass es schwer wäre, permanent genügend „wonky vegs“ zusammenzukriegen, um damit eine eigene Obst-und-Gemüse-Marke zu bestücken, die landesweit angeboten werden kann.

Penny versucht erst gar nicht, die „Bio-Helden“ separat zu vermarkten. Das weniger perfekte Obst und Gemüse ist einfach in den normalen Packungen drin, auf denen entsprechende Hinweise für die Kunden stehen.

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Foto: Penny

„Unsere Botschaft lautet: Die krumme Karotte schmeckt genauso gut wie die gerade“, sagt ein Sprecher. Deshalb habe man sich auch dagegen entschieden, die „Bio-Helden“ billiger anzubieten, weil das eine geringere Qualität suggeriert hätte.

Genauso so verfahren bislang viele Supermarktketten und müssen sich deshalb zurecht vorwerfen lassen, das lustig geformte Obst und Gemüse zwar vor der Resteverwertung zu retten – durch seine Vergünstigung aber auch dazu beizutragen, dass sich bei den Kunden der Eindruck festsetzt, die unterschiedlichen Normen seien gerechtfertigt.

Penny ist vielleicht ein bisschen spät dran, geht dafür aber einen Schritt weiter als die meisten anderen. Das ist gleichzeitig ein praktischer Vertriebstrick, weil die „Bio-Helden“ dann nicht Gefahr laufen, dem Schicksal der Edeka-Initiative zu erliegen. Die Anzahl der Individualkarotten und -kartoffeln in den Verpackungen sei „von der Saison und von den Witterungsverhältnissen abhängig“, heißt es bei Penny. Auf einen Anteil des Nichtnormgemüses will man sich deswegen nicht festlegen. Es könne auch gut sein, dass manchmal gar nichts Krummes in den Packungen enthalten sei.

Sortiert werden muss trotzdem

Die Öko-Bauern, die an Penny liefern, sind deswegen allerdings nicht auf einem Schlag von der bisherigen Sortiererarbeit befreit. „Die Toleranzen für Obst und Gemüse wurden für jede Sorte individuell erweitert und genau festgelegt“, steht in einer Penny-Mitteilung. Das heißt: Macken sind okay – aber nur bis zu einem gewissen Grad.

Die „Bio-Helden“ entsprächen der Handelsklasse II, heißt es auf Supermarktblog-Nachfrage. Das bedeutet: Es wird immer noch nicht alles, was vom Feld kommt, in den Laden gebracht. Sortiert werden muss weiterhin. Nur großzügiger als bisher. „Wir wollen auch mit den ‚Bio-Helden‘ eine gleichbleibende Qualität bieten“, erklärt Penny-Sprecher Andreas Krämer dazu. Kartoffeln, die nicht richtig durchgereift seien, kämen deshalb nicht in die Tüte. Genauso wenig wie Obst, dass zu stark verwachsen sei, und deshalb womöglich schneller schimmeln könnte.

(Zumal sich der Discounter damit schnell dem Vorwurf aussetzen würde, minderwertige Ware zu verkaufen.)

Die Frage ist: Ob die Kunden die „wonky vegs“ im Discount überhaupt akzeptieren. Oder ob am Ende doch die antrainierte Gewohnheit durchschlägt, es dem Gemüse krumm zu nehmen, wenn es uns nicht perfekt aus der Verpackung anglänzt.


Apropos: krumm nehmen. Mit seiner Nachbarschaftsladen-Aktion hat Penny im vergangenen Herbst einen kleinen Marketing-Hit gelandet. Die Discountkette forderte ihre Kunden dazu auf, über individualisierte Namen für „ihre“ Filiale abzustimmen und versprach eine Umbenennung (siehe Supermarktblog-Drama).

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Die erfolgte vielerorts jedoch bloß auf eilig aufgehängten Plakaten, die längst wieder verschwunden sind. Und ist jetzt allenfalls noch auf dem Kassenzettel sichtbar.

Supermarktblog-Leser Karl Klammer fragte neulich in den Kommentaren:

„Passiert mit dieser großartigen Namenswahl bei Penny eigentlich noch was? (…) Versucht man das Ganze vielleicht einfach vergessen zu machen?“

Auf Nachfrage verspricht Penny: ja, da passiert noch was. Die Umrüstung sei aufwändig, solle aber jetzt „mit Hochdruck“ starten. Ihren eigenen Namen haben bislang bereits die Hamburger Märkte (wo die Nachbarschaftsaktion vorher getestet wurde) und ein paar in Köln auf den Schildern stehen. Jetzt kommen auch die andere dran. „Wir streben es an, das dieses Jahr hinzubekommen“, heißt es bei Penny vorsichtig.

Fotos: Penny; Supermarktblog

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9 Kommentare
    • Da steht zwar HKL2 drauf, aber wenn ich hier die lokalen Gemüseangebote vergleiche, ist Aldi immer mit an der Spitze (egal ob HKL 2 oder nicht)

  • Auch wenn ich nicht glaube, dass die Aktion Penny in der Wahrnehmung siginifikant verbessert (zumindest subjektiv hat Penny noch einen ziemlich großen Abstand zu Aldi und Lidl; alle Penny-Läden die ich kenne wirken immer irgendwie rummelig), finde ich die grundsätzliche Idee sehr unterstützenswert. Einzig die fehlende Preisdifferenzierung wird den Kunden wohl schwer vermittelbar sein (und ist wohl eher im Streben nach Gewinnmaximierung seitens Penny begründet und nicht darin, die „wonky vegs“ nicht als minderwertig zu verkaufen).

  • Netter Marketing-Trick. Bio wird so gut wie immer als Handelsklasse II auf den Markt gebracht. I ist nur eventuell bei einzelnen Gemüsesorten häufiger (wüsste spontan aber nicht, bei welchen), oder es ist halt besonders streng sortierte Ware, die ganz bestimmt nicht zu Discounter-Preisen verkauft wird.

    Wenn Penny darüber hinaus individuelle Regeln festgelegt hat, können diese ja nur strenger sein als H. II an sich. Damit sortiert Penny weiterhin strenger aus als jeder Bio-Laden.

  • Der Penny-Markt in Duisburg-Neudorf (Nord) hat seinen Namen geändert, aber nur auf aufgeklebten Logos an den Türen und sonst nirgendwo. Er heißt kreativerweise Penny Sternbuschweg. Weil es der Penny im Sternbuschweg ist…

  • Jetzt zieht offenbar auch Netto (ohne Hund) nach. Auf Seite 2 des Prospektes (für Hannover) werden „nicht perfekte“ Tafeläpfel und Karotten angepriesen. Allerdings im Gegensatz zu Penny zu niedrigeren Peisen als üblich, wenn ich das richtig sehe. Karotten zum Kilopreis von 0,69 Euro (das ist meines Wissens sonst der Preis für 500 Gramm) und Äpfel zum Kilopreis von 0,75 Euro. Mal sehen, ob das ein einmaliger Testballon oder eine dauerhafte Sache ist. Und ob es im Laden noch weitere „nicht perfekte“ Artikel gibt.

  • Zum Thema Umbenennung: Hab neulich einen Penny gesehen, wo der Name auf dem roten Logo-Quadrat unter dem Penny-Schriftzug angebracht war. Also, als Dauerlösung und nicht provisorisch.

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