Mega-Fusion in Großbritannien: Sainsbury’s übernimmt Asda – und Größe ersetzt Strategie?

Mega-Fusion in Großbritannien: Sainsbury’s übernimmt Asda – und Größe ersetzt Strategie?

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Sainsbury’s hat angekündigt, seinen bisherigen Rivalen Asda zu übernehmen. Die Briten wollen die Discounter auf Abstand halten – aber auch Amazon dürfte an der Fusion nicht ganz unschuldig sein.

Partner und Sponsoren:

An diesem Dienstag ist Tesco zum ersten Mal mit der Gewissheit aufgewacht, bald nicht mehr der größte Händler im Vereinigten Königreich zu sein. Übers Wochenende hat Wettbewerber Sainsbury’s angekündigt, Asda übernehmen zu wollen, die britische Tochter von Walmart und nach Sainsbury’s Nummer drei im Markt. 7,3 Milliarden Pfund (8,2 Milliarden Euro) lässt sich die Handelskette den Deal kosten, 2,98 Milliarden Pfund davon in bar, den Rest in Anteilen. Walmart ist künftig größter Shareholder von Sainsbury’s .

Das ist ein mittelgroßer Schock.

Auch weil die Ausmaße der Fusion gewaltig sind. Das neue Sainsbury’s käme auf einen Jahresumsatz von 51 Milliarden Pfund (58 Milliarden Euro) und könnte seinen Marktanteil in Großbritannien auf einen Schlag verdoppeln, von heute 15,8 Prozent auf 31,4 Prozent (nach Zahlen von Kantar Worldpanel). Tesco kommt auf 27,6 Prozent; der „Guardian“ hat eine gute Übersicht dazu.


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Am Montag erklärte Sainsbury’s, beide Marken sollten erhalten bleiben. Ladenschließungen seien nach der Übernahme keine geplant. Zunächst muss allerdings die britische Competition and Markets Authority (CMA) zustimmen, und nach derzeitigem Stand dürfte das nicht ohne Auflagen passieren. Womöglich müsste Sainsbury’s/Asda dafür einen Teil seiner insgesamt 2.800 Läden verkaufen. (Der „Grocer“ zitiert einen Experten, der 8 bis 15 Prozent für realistisch hält.)

Walmart will sich nicht verkämpfen

Auf den ersten Blick ergibt die Übernahme durchaus Sinn: Zum einen unterscheiden sich die Kundengruppen der beiden Supermarktketten deutlich voneinander. Während Sainsbury’s ein Klientel mit höherer Ausgabebereitschaft anspricht, zielt Asda sehr viel stärker auf Kunden, die vorrangig preisbewusst einkaufen. Darüber hinaus ist Asda stärker im Norden des Landes präsent, wo das Sainsbury’s-Filialnetz über Lücken verfügt. Sainsbury’s geht zudem davon aus, durch die Fusion 500 Millionen Pfund an Synergien geltend machen zu können – indem Doppelstrukturen abgebaut werden und die Einkaufsmacht des Konzerns gestärkt wird. Kunden sollen davon durch Preisreduktionen profitieren.

Der Deal kann als Reaktion auf mehrere Entwicklungen gelesen werden: Zum einen ist die Fusion eine Befreiungsschlag gegenüber dem langjährigen Wettbewerber Tesco, der über Jahre hinweg (und trotz zahlreicher Krisen) uneinholbar schien und sich im vergangenen Jahr auch noch den britischen Großhändler Booker einverleibte.

Zum anderen rüstet sich Sainsbury’s damit gegen die deutschen Discounter Aldi und Lidl, die in den vergangenen Jahren massiv Marktanteile dazu gewonnen haben. (Was auch bei der Genehmigung der Fusion durch die Wettbewerbsbehörde helfen könnte.)

Auch Amazon dürfte nicht ganz unschuldig an der geplanten Verschmelzung der bisherigen Rivalen sein. Weniger, weil der Konzern mit Whole Foods und Amazon Fresh längst auch im britischen Lebensmitteleinzelhandel mitmischt. (Die Marktanteile dürften bislang überschaubar sein.) Sondern vor allem, weil das forcierte Engagement von Amazon im Lebensmitteleinzelhandel Walmart klar gemacht hat, dass die Verteidigung der Umsätze im Heimatmarkt absolute Priorität haben muss.

Welches Konzept kann Asda retten?

Anders gesagt: Für Walmart ist das Weiterreichen von Asda an Sainsbury’s eine willkommene Möglichkeit, aus dem operativen Geschäft in Großbritannien auszusteigen – und dem Markt gleichzeitig als Sainsbury’s-Gesellschafter bzw. „strategischer Partner“ erhalten zu bleiben.

Sainsbury’s verspricht sich durch die Allianz mit den Amerikanern vor allem Zugriff auf deren Ressourcen in Einkauf und Technologie:

„The Combination will (…) [d]eliver benefits to the Combined Business through a close relationship with Walmart, both as a strategic partner and long-term shareholder, allowing the business to share knowledge and technology developments between Walmart, Sainsbury’s and Asda“

Was die strategische Neuausrichtung angeht, wird Sainsbury’s zum derzeitigen Zeitpunkt nicht sehr viel genauer. Dabei dürfte genau das einer der Knackpunkte der Übernahme sein, bei der (abgesehen von der behördlichen Genehmigung) zahlreiche Fragen offen sind.

Selbst wenn es gelingt, die Preise in den Läden zu senken, ist das noch keine Antwort auf die Probleme, die vor allem Asda mit in die Supermarkt-Ehe bringt. Über viele Jahre hatte sich die Walmart-Tochter als günstig(st)e Alternative im britischen Lebensmitteleinzelhandel positioniert – bis Aldi und Lidl den Kunden vor Augen führten, dass der Spielraum für Ersparnisse noch sehr viel größer ist als gedacht. Im Laufe der vergangenen Jahre hat Asda sein bisheriges Alleinstellungsmerkmal gemopst bekommen und ist dadurch ein Stück weit überflüssig geworden.

Echte Discount-Kompetenz fehlt

Daran etwas zu ändern, wird ein harter Brocken Arbeit. Und geht womöglich nur, wenn Sainsbury’s seinen Neuerwerb noch sehr viel konsequenter zum Discounter umbaut wird, der sich direkt mit Aldi und Lidl messen kann.

Die Frage ist bloß, wer das hinkriegen soll. Nach derzeitigem Stand bleibt die bisherige Asda-Geschäftsführung, deren Preissenkungsstrategie bislang wenig ausrichten konnte, an Bord. Und Sainsbury’s selbst ist ohne jegliche Erfahrung im Discount-Geschäft. Zuletzt mühten sich die Briten, entsprechende Kompetenz über eine Allianz mit der dänischen Discountkette Netto (mit Hund) einzukaufen und gemeinsame Filialen zu planen. Nach gerade einmal 16 Eröffnungen war das Experiment im Juli vor zwei Jahren wieder für beendet erklärt worden.

Die jetzige Großfusion ist wohl vor allem ein Zeichen dafür, wie planlos die etablierten Handelsketten auf Anbieter reagieren, die den Markt mit besonderen Spezialisierungen unter Druck setzen: einer konzeptionellen wie die Discounter, und einer technologiebasierten wie Amazon. Maximale Größe scheint den etablierten Ketten in dieser Situation der beste Schutzpanzer zu sein, um die unvermeidliche Transformation möglichst unbeschadet zu überstehen.

In Deutschland wird der Markt bereits im Wesentlichen von nur vier großen Handelsketten beherrscht: Edeka, Rewe, Lidl/Kaufland und Aldi. Der Discount hat traditionell einen sehr viel größeren Anteil, den Supermärkten blieb dafür über viele Jahre Zeit, sich damit zu arrangieren (und eigene Discount-Strategien zu entwickeln, um die Auswirkungen abzufedern).

So ein Glück für Amazon

Gleichzeitig ist die Ignoranz gegenüber zukünftigen Marktentwicklungen noch sehr viel massiver ausgeprägt als in Großbritannien. Mit vereinten Kräften glaubt man bei Edeka immer noch, dass das Internet keine besonders große Rolle für den Lebensmitteleinkauf spielen wird und die meisten Kunden weiter brav in die aufgebrezelten Läden kommen; die Schwarz-Gruppe investiert derzeit lieber in den Ausbau ihrer Auslandgeschäfte als die Konzepte im Heimatmarkt zukunftssicher zu machen.

Das ist angesichts des – sagen wir: eher konservativen Einkaufsverhalten vieler Deutscher nachvollziehbar; es lässt aber auch reichlich Spielraum für neue Angreifer.

Eines allerdings haben die Märkte in Deutschland und Großbritannien gemeinsam: Die Luft für kleinere Händler wird immer dünner. Ob und wie sich Morrisons und Waitrose gegen aggressive Discounter auf der einen Seite und riesige Handelskonzerne, die zwei Drittel des Markts für sich beanspruchen, auf der anderen durchsetzen können, ist unklar. Am Ende könnte Amazon davon profitieren, weil bei den verbliebenen Wettbewerbern die Bereitschaft steigt, sich einer von den Amerikanern angeführten Supermarkt-Allianz anzuschließen, um nicht unterzugehen

Zwei große Handelsketten pro Land, die Discounter und Amazon als Gegengewicht – womöglich sieht genau so die Zukunft im europäischen Lebensmitteleinzelhandel aus.


Alle Texte über Trends und Entwicklungen im britischen Lebensmittelmarkt im Supermarktblog.

Fotos: Supermarktblog"

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5 Kommentare
  • Danke für die schöne Zusammenfassung. Vermutlich wird das schlechtere Online-Angebot von Asda bald abgeschaltet nach der Fusion. In wenigen Jahren wird der Discount bald 15% haben in UK und Online mehr als 10% – mehr als Marktkonsolidierung ist den Verantwortlichen vorerst wohl nicht eingefallen.

  • Wird interessant sein, zu sehen, ob und wie stark Walmart wirklich an ASDA beteiligt bleibt – sollte Walmart nun auch ASDA und damit den britischen Markt verlieren, wäre das nach der völlig verkorksten Deutschland-Episode ein weiterer Beleg, wie schwer sich Walmart auf Auslandsmärkten außerhalb Nordamerikas tut.

  • wobei sie in D einfach flächen gekauft und neu angefangen haben und bei asda vor bald 20 jahren in ein bestehendes unternehmen eingestiegen sind. das spräche daher aus meiner sicht nicht zwingend für ein sich-schwer-tun im ausland per se.

    • Nein, sorry, das stützt Ihre These überhaupt nicht. Zwei grundsätzlich andere Ursachen mit ähnlichem Effekt. Sehe ich ähnlich wie Tim.

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