City-Supermärkte (1): Spar enjoy in Wien – der Snackshop-gewordene Eigenmarken-Wolpertinger

City-Supermärkte (1): Spar enjoy in Wien – der Snackshop-gewordene Eigenmarken-Wolpertinger

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In der Wiener Innenstadt hat Spar einen viel zu kleinen Supermarkt zur Anlaufstelle für Eigenmarken-Snacks umgebaut – und sammelt damit konsequent Erfahrungen über die Kaufgewohnheiten von Unterwegsessern.

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Einmal im Jahr, zur Immobilienmesse Expo Real im Oktober, pressemitteilen deutsche Handelskette um die Wette, wer der anpassungsfähigste Supermarkt bzw. Discounter im ganzen Land ist, wenn es darum geht, moderne Nahversorgungskonzepte in der Stadt umzusetzen.

Die Konzerne wissen, dass die Zeiten vorbei sind, in denen sie die immer gleichen hässlichen Zweckbauten auf Freiflächen fallen lassen können – und flexibel sein müssen, um auch kleinere Standorte zu belegen, an denen Kunden nicht mit dem SUV zum Einkaufen kommen. Innovativ sind viele der stolz präsentierten Alternativlösungen deshalb aber noch lange nicht.

Dabei gibt es tatsächlich Supermärkte, die mitten in der Stadt von ihren bisherigen Konzepten abweichen und Neues ausprobieren. Aus Überzeugung, aus Not – oder einfach aus Versehen. Eine Auswahl schauen wir uns in den kommenden Wochen in der Reihe „City-Supermärkte“ an.


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Als Spar im vergangenen Jahr am Wiener Parkring einen nagelneuen Nahversorgermarkt in einer ehemaligen Bank eröffnete, hatte die österreichische Handelskette zwei Möglichkeiten: Den bisherigen viel kleineren Laden um die Ecke dichtmachen und den guten Standort in der Fußgängerzone aufgeben? Oder doch wieder das ganze alte Supermarktzeug reinstopfen, für das vorher schon zu wenig Platz war?

Das Unternehmen hat sich sich für eine dritte Lösung entschieden – und auf winzigen 50 Quadratmetern kurzerhand seine Sofortessen-Eigenmarke „Spar Enjoy“ zum Ladenkonzept umfunktioniert. Als Selbstbedienungsmarkt für Sandwiches, Salate, Aufwärmessen, Getränke und Süßes.

Wie eine übergroße Jausenbox

Von außen erinnert der erste – und bislang einzige – reine Spar-enjoy-Markt wegen seiner anthrazitfarbenen Wandverkleidung ein bisschen an eine übergroße Jausenbox. Und funktioniert drinnen ja auch genau so: Lunch aussuchen, bezahlen, pfiat di.

Anders als Rewe to go, das bereits zur Ersteröffnung in Köln vor fast acht Jahren den Charme eines Tankstellenshops versprühte (zu dem das Konzept inzwischen ja auch geworden ist), sieht die Spar-Variante eher aus als sei Pret A Manger mit Tesco Express zusammengestoßen. Das liegt auch daran, dass das Sortiment fast ausschließlich aus Spar-Eigenmarken-Produkten besteht, von denen ein ganzer Schwung das Versprechen auf der Verpackung trägt:

„FRISCH im Markt zubereitet.“

(Was soviel heißt wie: Auf den paar Quadratmetern schmieren die Mitarbeiter im hinteren Marktbereich auch noch Semmeln.)

Das geht sich nur deshalb aus, weil der komplette Markt zu einem einzigen Regal geworden ist. An der linken Seite protzt die Kühlung mit Wraps, Klappbroten, Salatvariationen, Joghurtdrinks und vorgeschnittenem Obst …

… sanft angelehnt an die Reinkarnation der Heißen Theke „Hot to go“, die (mäßig appetitlich aussehendes) Garnelencurry, Spinatcanneloni bzw. „erzhaftes eisfleisch“ (tikettendrucker aputt) in schwarzen Plastikschalen präsentiert.

In die Stirnseite des Markts hat sich ein riesiger Brötchenknast mit Aufbackwaren hineingefaltet; daneben warten abgepackte Wurst und Käse auf den gemeinen Selbstbeleger. Wer einen To-Go-Kaffee möchte, schiebt sich hinter den Süßwarenaufsteller in die Ecke vor die schmale Kaffeemaschine.

Rechts ist der Laden wieder ganz Kühlregal, diesmal für Kaltgeränke, die im (sommerlichen) Normalbetrieb gar nicht so schnell eingeräumt werden können, wie sie anschließend wieder weggekauft werden.

In der Mitte des Markts steht – um keinen Quadratmeter Verkaufsfläche zu verschenken – ein Inselblock, der gleichzeitig Kühltheke, Regal und SB-Kasse ist: auf der einen Seite gefüllt mit Sushi, Mischsalaten und Dips; auf der anderen mit vorportionierten Kuchenstücken und Donuts; in der Nachbaretage wohnen Snacks und Nüsschen.

Die übrige Regalseite belegen zwei SB-Kassen des Herstellers NCR, die ohne umständliche Wiegekontrolle auskommen, sondern bloß aus Touchscreen und Scanner bestehen und ausschließlich unbares Bezahlen verlangen – was von zahlreichen Kunden in Zweifel gezogen zu werden scheint. Über dem Ausgabeschlitz für den Kassenbon mahnt deshalb ein Klebehinweis:

„Bitte nichts einwerfen.“

Eine reguläre Kasse mit Bedienung, für die eigentlich gar kein Platz bleibt, ist seitlich vor die Kaltgetränke geschoben, weil den Touristen das SB-Bezahlen mehrheitlich doch noch eher fremd ist.

Frisches Obst gibt’s nur in winziger Menge im schmalen Schaufensterregal: zehn Bananen, drei Ananas, ein Netz Orangen usw. Ein einziger Obstsalatzubereiter dürfte hier augenblicklich für alarmierende Regallücken sorgen.

Auf der Spar-Marktseite steht klipp und klar:

„Bankomat: Nein
Parkplätze: 0“

Das passt zur eindrücklichen Botschaft des Snackshop-gewordenen Eigenmarken-Wolpertingers (bzw. Raurakls), der seiner Kundschaft konsequent signalisiert, dass sie hier falsch ist, wenn Sie Lebensmittel für zuhause einkaufen will – dafür aber herzlich willkommen, falls eine Alternative zu den überteuerten Schnellnudeln von Jamie’s Italian nebenan gesucht wird. So konsequent auf Direktversorgung trimmen sonst die wenigsten Handelsketten ihre City-Läden – nicht mal in Großbritannien, dem Mutterland der Minisupermärkte.

Unterwegsesser besser verstehen

Mag sein, dass Spar in der Wiener Wollzeile bloß aus der Not eine Tugend gemacht hat. Immerhin mangelt es den Österreichern aber nicht an Experimentierbereitschaft. Dass viele Ideen sich nicht durch augenblickliche Serienreife hervortun (siehe Supermarktblog), ist da fast nebensächlich: weil Spar auch mit einem einzigen enjoy-Markt die Bedürfnisse von Unterwegsessern in der Stadt jeden Tag ein bisschen besser einzuschätzen lernt.

Und dieses Wissen im Kampf um Draußenesser sehr gut gebrauchen kann, um sich gegen Bäckereien, Sandwichketten und Lieferdienste zu positionieren.

Jedenfalls so lange bis die in Deutschland gerade mächtig an Fahrt aufnehmende Diskussion über die Reduktion unnötiger Plastikverpackungen im Supermarkt ins Nachbarland schwappt – und die Tage des kleinen Spar enjoy dann gezählt sein dürften. Weil es wirklich nur sehr, sehr wenige Demo-Teilnehmer braucht, um die paar Meter Ladenfront eines Markts zu blockieren, der alles, wirklich alles in Plastik verschalt, und seien es bloß zwei Jauseneier mit Salz und Pfeffer.

Fotos: Supermarktblog"

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