Besser-Bio im Discounter: Aldi und die Verlockung von „Zurück zum Ursprung“

Besser-Bio im Discounter: Aldi und die Verlockung von „Zurück zum Ursprung“

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In Österreich ist Hofer mit seiner Besser-Bio-Eigenmarke ein Riesenerfolg gelungen. Der wäre Aldi auch hierzulande recht. Tatsächlich spricht einiges dafür, dass „Zurück zum Ursprung“ nach Deutschland geholt werden könnte.

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Alle paar Wochen schickt der österreichische Diskonter Hofer den Abonnent:innen seines Bio-Newsletters eine Einladung zur Bevorratung. „Ab Samstag bei Hofer: Bio-Produkte auffüllen & Neues entdecken!“, steht dann im E-Mail-Betreff. Und darunter, dass es „wieder an der Zeit“ sei, sich mit all dem zu versorgen, was es sonst nicht regulär zu kaufen gibt: Bio-Goldhirse, Bio-Maisgriess und Bio-Rollgerste, schwarzer Bio-Amaranth, Bio-Hanf- oder Leinöl, Bio-Bohnenraritäten wie die Borlotto-Cranberry-Bohne oder die Bio-Käferbohne Bonela, zu finden an den „Aktionsplätzen abseits des Standardsortiments“, und natürlich: „nur solange der Vorrat reicht“.

Wo sonst Gartenartikel, Bettwäsche und haufenweise Tand auf den Erwerb warten, steht dann vorübergehend eine Auswahl bunt verpackter Lebensmittel, wie sie der zu Standardisierung neigende Landwirtschaftsbetrieb eigentlich längst verschluckt haben müsste. Und ausgerechnet der Discount hält dagegen?

„Zurück zum Ursprung“ heißt die 2006 vom österreichischen Bio-Pionier Werner Lampert für Hofer entwickelte Bio-Eigenmarke, die hohe Herstellungsstandards verspricht, wie sie Kund:innen lange bloß aus dem Biomarkt gewohnt waren. Manche Produkte gibt es durchgängig zu kaufen, andere nur in Aktion. Im Kern geht es aber immer um zwei Versprechen: Regionalität und Rückverfolgbarkeit.

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Sämtliche Zurück-zum-Ursprung-Produkte stammen aus biologischer Landwirtschaft in Österreich; auch die eingesetzten Futtermittel müssen diesen strengen Kriterien entsprechen. Bei Rindern, Schafen und Ziegen komme mehr als die Hälfte der Futtermittel direkt vom eigenen Betrieb, erklärt Hofer. Damit wolle man sich „innerhalb der regionalen Wertschöpfungskette“ bewegen, „zur heimischen Lebensmittelversorgung sowie zur Unabhängigkeit der inländischen Nahrungskette“ beitragen und was fürs Klima tun.

Wo kommt die Schafmilch her?

Für Rückverfolgbarkeit sorgt der Diskonter, indem sich über die aufgedruckte Chargennummer jedes Produkts online die Produzent:innen ermitteln lassen. Zum Beispiel „Hahn im Glück“-Bio-Freilandeier (10 Stk.) vom Bio-Bauernhof der Familie Lunzer, der in Gols in zweiter Generation bewirtschaftet wird, rund 40 Hektar umfasst, und auf dem auch Traubenproduktion und Ackerbau betrieben wird (Bildergalerie inklusive).

Oder die Kürbisse aus dem Bio-Kürbiskernöl, geliefert vom „Dung Johann“ und dem „Korneck Franz“ in Seyring sowie dem „Lösch Franz“ in Pillichsdorf (inklusive exakter Straßenangabe des Hofs).

Wer wissen will, wo die Bio-Schafsmilch für die Zurück-zum-Ursprung-Produkte herkommt, kann sich auf YouTube ein kurzes Videoporträt der Familie von Markus und Sandra Ecker mit ihren Kindern und den Schafen auf ihrem Hof im Traunviertel ansehen und zuhören, wie Markus Ecker von seiner täglichen Arbeit und dem „Kreislauf des Lebens“ berichtet.

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Zu den weiteren Grundwerten der Marke gehören Umweltschutz, Gentechnikfreiheit, Tierschutz & Tierhaltung sowie Fairness gegenüber Bäuerinnen und Bauern. Und man muss vielleicht noch mal dazu sagen, dass Hofer sonst ein sehr klassischer Diskonter ist, der österreichische Ableger von Aldi Süd. Aber halt auch furchtbar stolz auf sein „Bio, das weitergeht“ – viel weiter als die Vorgaben der EU-Öko-Verordnung, die festlegt, welche Produkte überhaupt als „Bio“ bezeichnet werden dürfen.

Zurück zum Ursprung macht ungefähr alles richtig, was man sich als Konsument:in von einer vertrauensvollen Bio-Marke wünscht, und das bedeutet im Zweifel auch: Bescheid zu sagen, wenn ein gewohntes Produkt plötzlich mal nicht verfügbar ist. Im vergangenen Jahr informierte das Handelsunternehmen seine Kund:innen:

„Es ist aktuell zwar Obst und Gemüse Hochsaison, aber leider ohne Zurück zum Ursprung Marillen. Denn für diese ist heuer kein gutes Jahr.“

Dieses Jahr keine Marillen

Weil Marillen- bzw. Aprikosenbäume Frühblüher sind, seien sie auch besonders anfällig für Frostschäden. Diesmal habe der Spätfrost die heimischen Bio-Obsthöfe „leider mit voller Wucht getroffen“. Die Blüten seien abgefroren, die Bäume trugen „nur wenige bis keine Früchte“. „Das ist natürlich unglaublich schade, kann in den Lagen der österreichischen Obstbauregionen aber leider vorkommen.“ Deshalb blieben die Früchte in diesem Jahr „leider aus“.

Manche Zurück-zum-Ursprung-Produkte sind Teil des Hofer-Standardsortiments, andere gibt es nur in Aktion; Foto: Supermarktblog

Meistens gibt’s für Zurück-zum-Ursprung-Stammkäufer:innen aber gute Nachrichten. Vor wenigen Monaten wurden die Verpackungen aller Pasta-Produkte auf Papierbeutel aus nachhaltiger und FSC-zertifizierter Forstwirtschaft umgestellt. Die „Eggbox“ besteht komplett aus Wellpappe und Karton, „nahezu vollständig aus Recyclingfasern“. Und schon seit längerem werden die Plastikschraubverschlüsse der Milchpackungen weggelassen, um sie wieder aufzureißen wie früher. Dadurch wurde der Plastikeinsatz „fast halbiert“. Wieso nicht gleich Pfandflaschen? Getränkekartons seien „deutlich leichter“, was Emissionen beim Transport spare und weniger Energie in der Herstellung brauche.

Pasta wird standardmäßig im Papierbeutel verkauft; Foto: Supermarktblog

Und dann gibt’s seit vergangenem Jahr noch das „Pionierprojekt Bruderwohl“: Während ein Großteil des deutschen Lebensmittelhandels weiter damit beschäftigt ist, das Schreddern männlicher Küken endlich abzuschaffen, verkauft Zurück zum Ursprung schon seit 2015 Eier mit der Garantie, auch Hähne leben zu lassen – und überträgt das Prinzip der Aufzucht männlicher Jungtiere nun auf Kälber, Ziegenkitze und Lämmer, die als Nutztiere artgerecht heranwachsen sollen. Entsprechende Bio-Fleischspezialitäten aus dem Projekt sind später ebenfalls bei Hofer erhältlich.

Klar hätte auch der sich sonst stets selbstbeweihräuchernde Naturkostfachhandel mit seinen Eigenmarken zuerst auf viele dieser Verbesserungen kommen können; ist er aber nicht.

Ein „sehr harter“ Anfang

Dabei lief es auch für Zurück zum Ursprung nicht von Anfang an rund: 2006 hatte das Besser-Bio aus dem Diskonter in Österreich einen „sehr harten“ Beginn, erinnerte sich der damalige Hofer-Chef vor einigen Jahren. Inzwischen gilt die Marke jedoch als großer Erfolg, zumal auch in Österreich die Nachfrage nach Bio-Produkten während der Corona-Krise stark angestiegen ist. Gleichwohl lässt Hofer seiner Kundschaft die Wahl und bietet unter der zweiten Bio-Eigenmarke „Natur aktiv“ Produkte, die nicht den strengen Kriterien der Schwestermarke entsprechen müssen und ganzjährig verfügbar sein können.

Laut einer GfK-Untersuchung macht Bio bereits 11,8 Prozent des Hofer-Gesamtsortiments aus, der „höchste Bio-Anteil im gesamten [österreichischen] Lebensmittelhandel“, wie die Handelskette stolz betont. Und der amtierende Hofer-Generaldirektor Horst Leitner erklärte dem Fachmagazin „Cash“ kürzlich:

„Wir machen bereits zehn Prozent unseres Umsatzes mit Bio-Produkten. Das ist auch international sensationell.“

Vor allem aber müsste diese Erfolgsgeschichte Vorbildfunktion für die deutsche Discount-Mutter haben. Bio-Produkte machen bei Aldi Süd nach eigenen Angaben bislang 7,7 Prozent des Umsatzes mit Lebensmittel-Eigenmarken aus, bei Aldi Nord sind es 5,7 Prozent (Werte von 2019). Aufgrund der Menge der verkauften Bio-Produkte sieht sich der Discounter sogar als Bio-Marktführer.

Unter den beiden Marken „Gut Bio“ und „Schneekoppe“ werden bislang allerdings lediglich Produkte verkauft die nach EU-Bio-Kriterien hergestellt wurden (siehe Supermarktblog). Von den Zurück-zum-Ursprung-Standards ist das weit entfernt. Und wird langsam zum Problem, weil nahezu alle Wettbewerber inzwischen mit Anbauverbänden zusammenarbeiten, um ihren Kund:innen besseres Bio zu bieten, teilweise – wie Lidl – auch als Eigenmarke.

Es spricht einiges dafür, dass das nicht mehr lange so bleibt und Aldi auch in Deutschland dem Besser-Bio-Trend folgt.

Wann startet Aldi mit Besser-Bio?

Nachdem die Marke „ZURÜCK ZUM URSPRUNG“ von Aldi Süd bereits seit 2010 registriert und der Markenschutz im vergangenen Jahr verlängert wurde, ist vor zwei Wochen auch die Prüffrist für die Schreibweise „Zurück zum Ursprung“ zum Eintrag ins Markenregister angelaufen. Dies ließe sich als Hinweis darauf lesen, dass Aldi hierzulande ebenfalls auf den Markennamen setzen will, anstatt z.B. Schneekoppe komplett an sich zu ziehen und weiterzuentwickeln (siehe Supermarktblog).

Die Redaktion des Fachmagazins „BioHandel“ hatte bereist vor einigen Monaten darüber berichtet, dass Aldi eine höherwertige Bio-Eigenmarke plane und zitierte einen anonymen „Vertreter der österreichischen Bio-Branche“ mit den Worten, dass darüber inzwischen „offen geredet“ werde. Dazu erklärte Jan Niessen, Professor für strategische Marktbearbeitung in der Bio-Branche an der Technischen Hochschule Nürnberg: „Bei den Bestandslieferanten zwitschert es schon von den Dächern, dass da was kommen könnte.“

Das Zwitschern will Aldi freilich nicht bestätigen, auf Supermarktblog-Anfrage erklärt eine Aldi-Süd-Sprecherin, dass man „über das Jahr verteilt mehr als 350 Bio-Artikel aus nahezu allen Warenbereichen als Test-, Saison-, Aktions- oder Standardartikel“ anbiete. Seit Januar versorge man mit der neuen Eigenmarke Mamia Bio zudem Familien mit Baby-Nahrung und Lebensmitteln für Kleinkinder in Bio-Qualität.

„Auch in Zukunft ist es unser Ziel, eine breitere Bio-Produktauswahl zu einem konstant günstigen ALDI Preis anzubieten.“

Auf eine Antwort zur Frage, inwiefern Zurück zum Ursprung als Ergänzung dazu kommen könnte, will man sich in Mülheim aber nicht einlassen:

„Wir bitten um Verständnis, dass wir keine Angaben zur strategischen Ausrichtung unseres Sortiments oder Detailplanungen machen.“

Langfristiges Engagement benötigt

Zugleich hat „BioHandel“ weitere Indizien dafür gesammelt, die für eine erweiterte Bio-Strategie bei Aldi in Deutschland sprechen. Zurück-zum-Ursprung-Erfinder Werner Lampert hat dem Fachmagazin etwa bestätigt, mit seinem Beratungsunternehmen auch hierzulande mit Handelsketten im Gespräch zu sein – ohne einen konkreten Partner zu nennen. Er wolle seinen „Traum von der biologischen Landwirtschaft auch in Deutschland umsetzen“ und am liebsten mit dem Anbauverband Naturland kooperieren. Dort gab man sich bislang allerdings skeptisch gegenüber Kooperationen mit Discountern.

In jedem Fall glaubt Lampert, dass man ein Konzept wie Zurück zum Ursprung auch in Deutschland „schon gestern [hätte] machen können“. Die Voraussetzung dafür ist allerdings: ein langfristiges Engagement des Händlers. So hat Hofer mit österreichischen Bäuerinnen und Bauern langfristige Abnahme- und Preisgarantien vereinbart, damit diese die an sie gestellten Erfordernisse auch erfüllen können.

Dazu müsste sich Aldi auch in Deutschland bekennen, und gleichzeitig „Aufbauarbeit“ leisten, ist Lampert im Gespräch mit „BioHandel“ überzeugt: „Man muss die Bauern dafür interessieren und faszinieren, diesen Weg mit einem mitzugehen. Das bleibt einem nirgendwo erspart.“ Denn während in Österreich bereits 25 Prozent der landwirtschaftlich genutzten Fläche ökologisch bewirtschaftet werden, sind es in Deutschland gerade mal rund zehn. Um großflächig besseres Bio anzubieten, müsste Aldi also dafür sorgen, dass Landwirt:innen ihre Höfe auf eine ökologische Bewirtschaftung umstellen.

(Der sehr lesenswerte „BioHandel“-Text steht hier, das Interview mit Werner Lampert an dieser Stelle – beide Artikel sind mit Abo lesbar.)

Ein ziemlicher Werbebock

Dazu braucht es Zeit. Und Durchhaltevermögen, um die (neue) Marke in den Läden zu etablieren, damit sie von der Kundschaft auch angenommen wird. Vermutlich war die Zeit dafür nie günstiger als jetzt, da Corona den Bio-Boom nochmal verstärkt hat – einerseits.

Andererseits müsste Aldi bei einem solchen Schritt auch in der Kommunikation sehr überlegt vorgehen, um glaubwürdig zu wirken. Schließlich bestand die bisherige Strategie vor allem daraus, der Kundschaft zu erklären, dass sie wahrscheinlich verhungern wird, wenn sie das teure Bio einkauft, das überall sonst angeboten wird und dass Aldi die einzige Alternative sei, um überhaupt mit Bio satt zu werden. Glauben Sie nicht? Okay, kleine Erinnerung:

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„Du bist’n toller Koch, hast nur Bio und nachhaltige Sachen eingekauft, deine ganze Kohle verbraten. Aber ob deine Freunde davon satt werden? Besser gleich zu Aldi! Teuer kannste dir spar’n. Entdecke unsere große Biovielfalt“,

heißt es in dem Spot, der 2019 im Fernsehen lief. Und für die Aldi-Bio-Basismarke „Gut Bio“, die analog zu Hofers „Natur aktiv“ das ganze Jahr über EU-Bio-Qualität versprechen kann, mag das ja auch gelten.

Foto: Supermarktblog

Trotzdem hat man sich damit in Mülheim und Essen einen ganz schönen Werbebock geschossen, von dem man nur hoffen kann, dass er sich unbemerkt in eine hübsche Fleischspezialität verarbeiten lässt, um demnächst irgendwann glaubhaft das Gegenteil zu erklären: nämlich, dass Bio manchmal auch ein bisschen was kosten muss, wenn man dafür hochwertige, regionale, faire und nachverfolgbare Produkte auf dem Teller haben will. Dass das funktionieren kann, wenn man einen langen Atem beweist, hat die österreichische Schwester demonstriert – und sich damit einen massiven Image-Vorteil erarbeitet. Dass sich auch deutsche Kund:innen dafür interessieren könnten, dürfte angesichts des Bio-Wachstums vom Vorjahr (siehe Supermarktblog) unstrittig sein.

Aldi muss zeigen, ob man als Igel im deutschen Handel mit Besser-Bio-Lebensmitteln die vielen Hasen noch überrunden kann. Um demnächst auch hierzulande regelmäßig Einladungen zur Bio-Bevorratung an Stammkäuferinnen zu versenden.

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5 Kommentare
  • Sehr geehrte Damen und Herren, Herr Verfasser des Supermarktblog’s – schon mal was von der basic Bruderkükeninitiative gehört? Oder vielen Anderen, die dem von Ihnen so diskreditierten bio Fachhandel ins Leben gerufen wurden? Ich würde für zukünftige Artikel dieser Art eine bessere Recherche empfehlen!

    • Werte Frau Gilg, ja – hab ich. Und ich stelle auch nicht in Abrede, dass sich der Fachhandel engagiert. Womöglich habe ich auch etwas übersehen, deshalb: Können Sie mir sagen, auf welche anderen männlichen Jungtiere Basic seine Bruderkükeninitiative bislang übertragen hat? Und welche der genannten Innovationen für Eigenmarken Basic vor ZZU umgesetzt hat? Papierverpackungen für Pasta? Milch ohne Plastikverschluss?

    • „Ich würde für zukünftige Artikel dieser Art eine bessere Recherche empfehlen!“

      Warum so herablassend und arrogant?

      @Peer: Vielen Dank für diesen Artikel! Ich hatte mich auch schon gefragt, warum Aldi (Süd) das seit Jahren bestehende Vorbild in Österreich nicht schon früher aufgegriffen hat und Lidl mit der Naturland-Offensive an sich hat vorbeiziehen lassen.

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