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Wenn Clemens Bauer die Zukunft des von ihm geführten E-Food-Geschäfts bei Rewe erläutern will, dann macht er das – überraschenderweise nicht in Köln. Obwohl das Handelsunternehmen, dessen Geschäftsleitung Bauer seit 2023 angehört, diese scheinbare Zukunft doch vor acht Jahren genau dort eröffnet hatte. Als Logistikzentrum auf 17.000 Quadratmetern. Vollautomatisiert. Von der begleitenden Presse „Effizienzmaschine“ genannt.
An diesem Dienstag im Juli 2026 steht Bauer stattdessen im Fulfillment Center (FFC) Düsseldorf, das eigentlich in Neuss liegt, aber seit inzwischen vier Jahren Kund:innen auf beiden Seiten des Rheins mit ihren Bestelleinkäufen versorgt. Links ist gerade Rheinkirmes. Rechts Landesgartenschau.
Und im Lager, wegen der Sommerferien in NRW, die gerade erst losgegangen sind, ist: wenig los.
Von der Zwischen-Etage, wo die Team- und Besprechungsräume liegen, lässt sich mit einem Blick wie von einem riesigen Balkon die Struktur des Standorts bereits erahnen: lange Regalreihen fürs Trockensortiment, separate Kühlhäuser für verschiedene Temperaturzonen und davor die Ladezone, in der fertig gepackte Einkäufe auf Rollwagen in Holzschienen darauf warten, in die Fahrzeuge verladen zu werden.

Einkäufe picken im „Sprint“
Alles etwas übersichtlicher (und flexibler) als beim vollautomatisierten Kölner Prestigeprojekt Scarlet One von 2018. Aber Bauer ist als Director REWE E-Commerce – sehr wahrscheinlich nicht nur aus lokaler Verbundenheit – überzeugt, dass das für die Zukunft des E-Food-Geschäfts der Handelsgruppe genau das Richtige ist.
„Wir haben verschiedene Abfahrtzeitpunkte und Picking-Sprints. Das Team bekommt eine konkrete Aufgabe – ‚300 Bestellungen, die müssen in zwei Stunden gepickt werden‘ – und läuft dann los“,
erklärt er die eingeübten Abläufe im FFC. Das habe „einen Rieseneffekt auf die Leistungsfähigkeit“ des Teams, weil es mehr Spaß mache, ein konkretes Ziel zu haben (und zu erreichen), als stur Bestellungen abzuarbeiten.
„Diesen Effekt hatten wir am Anfang gar nicht auf dem Schirm. Aber es ist logisch: Wenn du siehst, was du leistest, macht das mehr Spaß.“
Nur stressig werden darf es nicht. Auch nicht dann, wenn das FFC unter Volllast arbeitet. Bauers Grundsatz zum operativen Betrieb:
„Wenn du in ein Lager kommst und es ist hektisch, dann ist irgendwas falsch.“
Ein Ökosystem für E-Food
Das gilt vermutlich eins zu eins auch fürs ganze von ihm verantwortete E-Food-Geschäft der Kölner Handelsgruppe. Die bereits vor 14 Jahren mit einem eigenen Lieferservice in den Markt eingestiegen ist, an den damals kaum jemand so recht glauben wollte. Zahlreiche Konkurrenten sind seitdem dazugekommen – und auch wieder gegangen. Bauer beteuert jedoch:
„In Deutschland gibt es keinen Grund, aus dem Liefergeschäft auszusteigen. Dieses Jahr werden wir sehr erfolgreich sein und operativ die schwarze Null in den Griff bekommen.“
In Österreich hat sich Rewe International bekanntlich anders entschieden und den eigenständigen Lieferservice ihrer Tochter Billa vor wenigen Monaten vollständig eingestellt.
Im Heimatmarkt arbeiten die Kölner:innen derweil daran, ein ganzes Ökosystem um das E-Food-Geschäft herum zu etablieren, um Kund:innen eine Rundum-Versorgung zu ermöglichen. Die beiden zentralen Säulen dafür sind Lieferservice und Abholservice, die – soweit möglich – zusammengedacht werden. Weil man in Köln überzeugt davon ist, dass sie zusammen gehören.



Der Abholservice als Umsatzhebel
Während Konkurrent Picnic in der Wirtschaftspresse (Abo-Text) offensiv die Marktführung im Liefergeschäft für sich beansprucht (zumindest für die Gebiete, in denen man selbst aktiv ist), gibt man sich bei Rewe betont zurückhaltend: Bauer kommentiert das nicht.
In Köln konzentriert man sich lieber auf sich. Und auf die Idee, dass E-Food keine Wette ist, die sich über einen einzigen Kanal entscheiden wird. Auch nicht über den, für den man in Köln mal ein vollautomatisiertes Lager gebaut hat.
Man schaue „nie auf den Lieferservice allein“, sagt Bauer. Aus Rewe-Sicht wollten Kund:innen unterschiedliche Services in Anspruch nehmen:
„Wenn ein Kunde nur den stationären Supermarkt nutzt, macht er ein bestimmtes Umsatzvolumen mit uns. Fängt er an, den Lieferservice zu nutzen, sind es gut 50 Prozent mehr. Beim Abholservice sind es 130 Prozent. Wer alle Kanäle nutzt, macht theoretisch zweieinhalb Mal so viel Umsatz wie einer, der nur im Markt einkauft.“

Nicht der Lieferservice (über den in der Branche vor allem gesprochen wird), sondern der Abholservice ist demnach der größere Umsatzhebel – bei deutlich niedrigeren Kosten. Das erklärt, warum Rewe sich nicht auf einen Vergleich einlassen will, der nur gelieferte Einkäufe zählt.
20 Prozent Wachstum pro Jahr

Mit der Nennung konkreter Umsatzzahlen hält sich Rewe ebenfalls zurück. 2025 prognostizierte das EHI in seiner Liste der „Top-100-B2C-Onlineshops“ etwa 920 Millionen Euro für rewe.de. Bauer lässt auch das unkommentiert, widerspricht aber genauso wenig vehement – und erklärt stattdessen:
„Das E-Food-Geschäft der Rewe wächst sehr stark weiter, rund 20 Prozent pro Jahr.“
Kein Wunder: In Deutschland liegt der Online-Anteil verkaufter Lebensmittel immer noch bei rund 4 Prozent, in anderen europäischen Ländern teilweise schon bei 10 bis 15 Prozent. „Liegt das an der Supermarktdichte?“, fragt Bauer im Supermarktblog-Gespräch.
„Bestimmt. Vielleicht liegt es aber auch an uns, und wir haben es noch nicht geschafft, die richtigen Angebote zu machen.“
Vieles sei lange auf Home Delivery konzentriert gewesen.
„Aber da geht noch deutlich mehr. Deshalb schauen wir uns jeden Kanal an – und versuchen, den Kunden mit unserem Ansatz zu umarmen.“
Drive&Go soll Abhol-Ergänzung werden
Die jüngste Umarmung ist (zusätzlich zum Test der Schnelllieferung aus regulären Märkten, siehe Supermarktblog) eine weitere Spielart des Abholservices, den Rewe inzwischen konsequent auf über 2.200 deutsche Filialen ausgerollt hat. Das Prinzip: online ordern, selbst zur Wunschzeit abholen (siehe Supermarktblog).
In zwei Testmärkten brauchen die Kund:innen dank „Drive&Go“ nun nicht mal mehr aus dem Auto auszusteigen, mit dem sie am Markt vorfahren: Der Bestelleinkauf wird ihnen dann automatisch rausgebracht und in den Kofferraum gepackt. In Frankreich ist das Modell weitverbreitet. Und wie funktioniert der Test hier? Bauer erklärt:
„In einem Drive-Markt war vorher bereits ein regulärer Abholservice, der sich gut entwickelt hat. Jetzt haben wir Wachstumsraten bis zu 50 Prozent. Das ist wirklich fantastisch. Und das Modell ist vom Start weg profitabel, weil man es aus der bestehenden Struktur bedienen kann.“
Darauf, dass es weitere Drive-Standorte geben wird, will er sich noch nicht festlegen. Derzeit läuft nach wie vor der Pilotbetrieb. Jetzt gehe es darum, zu testen, ob das Prinzip „auch in zehn oder 20“ Märkten funktioniere. Und welches Sortiment relevant ist, welche Schwierigkeiten auftauchen, wie die bauliche Umsetzung klappt.
Im Shop gesucht? Ins Sortiment genommen!
Insgesamt bezeichnet Bauer die Wachstumsraten im Abholgeschäft als „sehr stark“. Vor allem aber ist das der Teil, den ein Wettbewerber wie Picnic strukturell nicht so leicht nachbauen kann – und dessen Partner Edeka über eine große Zahl selbstständiger Kaufleute mit unterschiedlichen Interessen koordinieren müsste.
Rewe hat auch Kaufleute, betreibt daneben aber ein großes Regiegeschäft: Konzepte lassen sich zentral entwickeln, in eigenen Märkten testen – und anschließend flächendeckend ausrollen.
Gleichzeitig ist man in Köln schlau genug, auch den Lieferservice stetig weiterzuentwickeln und für die Zukunft aufzustellen.
Denn der Kanal hat in vielerlei Hinsicht prägenden Einfluss auf das Geschäft der Handelsgruppe, nicht nur für die Steigerung des Umsatzes pro Kund:in. Sondern auch fürs Category Management. Regelmäßig nutzt Rewe den Online-Shop als Impulsgeber fürs gesamte Sortiment – etwa, indem man Begriffe auswertet, mit denen Kund:innen im Shop nach Bio-Produkten suchen – auch wenn es sie noch gar nicht gibt.
Veganer Quark und blaue Riesengarnelen
Bei Artikeln wie veganem Quark, die häufig nachgefragt würden, bemühe man sich um eine Listung im Liefergeschäft, erklärte Matthias Sinn, Head of Category Development & Organic Cooperations bei Rewe, auf der BioFach 2026.
Das ist bloß konsequent:
„Der Bio-Anteil im Lieferservice liegt bei über 20 Prozent – über alle Kategorien hinweg, inklusive Getränke. Bei Hackfleisch sind wir über 50 Prozent“,
sagt E-Food-Chef Bauer. Dazu kommt: Gerade bei Frischfleisch gebe es „viele spezifische, auch regionale Lieferanten mit Produkten in Haltungsstufe 3, Fairtrade, Bio“. In einigen Warengruppen liege der Regional-Anteil bei 15 bis 20 Prozent.

Bauer ist überzeugt:
„Im Lieferservice kannst du wunderbar Dinge ausprobieren, weil die Listung so einfach ist. Ein Artikel mehr oder weniger ist kein Problem.“
So wie die Blauen Riesengarnelen von GambaZamba, die seit kurzem bestellbar sind. Oder Schnittblumen, die im FFC direkt aus der Kühlung kommen, um in der Vase daheim möglichst lange hübsch zu bleiben.

Oder das frisch gebackene Brot der Bochumer Bio-Bäckerei Backbord, das am Ende „ultrafrisch“ in die (Mehrweg-)Liefertasche gelegt wird. (Weswegen man sich am Standort gegen eine eigene Aufbackstation entschieden hat.)
Das Wichtigste ist aber: Wenn ein neuer Artikel im Shop gut ankommt, wird er danach vielleicht auch ins reguläre Supermarktregal genommen.
Wie inspiriert man Kund:innen online?
Gleichzeitig stellt der Kanal den Händler auch vor Herausforderungen. Im Supermarkt könne man einfach durch die Gänge laufen und sich inspirieren lassen, um Neues auszuprobieren. Online habe man zuletzt die Kategorie „Neu für dich“ ausprobiert, die Empfehlungen auf Basis von Einkaufsdaten personalisiert ausspielte.
„Leider stieß das noch nicht auf solches Interesse, wie wir es uns gewünscht hätten.“
Aber man arbeite weiter daran, die Inspirationsflächen im Shop zu verbessern, sagt Bauer – und:
„In Kürze wollen wir einen KI-Assistenten installieren, der viel sensitiver mit Kunden-Anfragen umgeht, als es bisher möglich war – zum Beispiel, wenn nach Naturkosmetik oder proteinreichen Snacks gesucht wird. Das gibt wirklich gute Resultate, ohne dass man sich noch um Filtereinstellungen kümmern muss.“
Sortimentsdimensionen wie beim britischen E-Food-Spezialisten Ocado (mit bis zu 50.000 Produkten) kann er sich für den Rewe Lieferservice derzeit aber nicht vorstellen: In Düsseldorf liegt die Zahl der verfügbaren Artikel derzeit bei rund 15.000. In den Regalen ist ausreichend Platz, um das Angebot noch zu erweitern – zum Beispiel um Lebkuchen und Spekulatius, die bald wieder Saison haben.
Aber es bleibt eine schwierige Abwägung: Einerseits steigt die Wahrscheinlichkeit, dass Kund:innen wiederbestellen, je mehr Produkte angeboten werden – weil vielleicht diese eine Soße im Sortiment ist, die alle in der Familie gerne essen.
Andererseits wächst so auch das Risiko für Abschriften, wenn selten gekaufte Artikel liegenbleiben.
Same Day ist wichtig – als Option
Bauer gibt sich überzeugt: Für viele Kund:innen sei nicht nur die Sortimentstiefe entscheidend. Sondern auch der Preis und die Verlässlichkeit der Lieferung. Deshalb verspricht Rewe 4.000 „discount-günstige“ Artikel, auch im Lieferservice. Und hat in den vergangenen Jahren daran gearbeitet, schneller zu werden. Bauer sagt:
„Wir investieren inzwischen stark in Same Day. Früher haben wir lange gewartet und viel konsolidiert, um die beste Tour zu finden. Das hat uns aber furchtbar langsam gemacht.“
Mittlerweile biete man bis zu 70 Prozent der deutschen Kund:innen einen Same-Day-Slot an.
„Und das klappt auch gut – insbesondere hier in Düsseldorf. Wenn Kunden in der App bestellen und ihren Einkauf noch am selben Tag erhalten, dann ist das Treiber Nummer eins für Wiederbestellungen.“
Klar ist aber auch: Nicht jeder will am gleichen Tag beliefert werden. Die Buchungsquote für die Same-Day-Slots liegt Bauer zufolge bei etwa 20 bis 30 Prozent – die Verfügbarkeit des Services ist also wichtiger als seine absolute Nutzung.
„Aber wir sind überzeugt davon, dass man Angebote für alle Lebenssituationen schaffen muss. Manchmal wollen Kunden, die ihren Einkauf sonst immer am Mittwochmorgen zwischen 8 und 10 in Empfang nehmen, weil sie dann ohnehin zu Hause sind, noch schnell Grillfleisch für denselben Tag bestellen, weil sie Gäste haben. Wir wollen ihnen beides ermöglichen.“
Und dann ist da ja auch noch das verflixte Thema „Ersatzartikel“, mit dem Rewe die Lieferservice-Kund:innen lange geärgert hat – auch dann noch, als Wettbewerber längst in der Lage waren, die Verfügbarkeit der bestellten Artikel sicher zu gewährleisten.
Bauer beteuert, man sei da „in den vergangenen zwölf Monaten deutlich besser geworden“.
„Heute hier in Düsseldorf liegen wir bei einer Out-of-Stock-Quote von 0,4 Prozent. Viele Artikel werden mittlerweile mit KI geplant.“
Wann kommen die Roboter?
Bleibt die Frage: Warum läuft die Kommissionierung hier im FFC Düsseldorf eigentlich immer noch so – traditionell? Kein Roboter hier – weit und breit!
Tatsächlich sind sämtliche Stationen weiterhin mit Mitarbeitenden besetzt, die eine gewöhnliche Mittagspause jederzeit dem Ölwechsel vorziehen. Das beginnt rechts am Wareneingang, wo ein Kollege die auf Sauberkeit geprüften Mehrwegtaschen in die Rollwagen spannt, in die als nächstes die Bestellungen einsortiert werden. Und zwar: von Hand, wenn die Picker:innen durch die langen Regalreihen laufen. Oder wenn Kühl- und Frischware aus den unterschiedlichen Temperaturzonen in die Taschen mit dem Trockeneis im Deckel hinzugefügt werden, um penibel genau die Kühlkette einzuhalten.
Zwischendurch, bei den sogenannten „Schnelldrehern“ hingegen, arbeiten Mensch und Maschine bereits sichtbar Hand in Hand. Die schon teilweise gefüllten Einkaufsboxen rollen dort übers Band an immer neue Stationen. Dort sind Mitarbeitende für vier bis sechs Meter Sortiment zuständig, jeweils 50 oder 100 Artikel, und packen sie dazu – sauber, ohne zu quetschen.
Farbcodes helfen bei der Orientierung. Auf Knopfdruck rollt die Box weiter zur nächsten Station. Das geht, sobald man sich eingespielt hat, rasend schnell.


Rewe plant flexibel für die Zukunft
Aber war Rewe mit seiner High-Tech-Eröffnung nicht schon mal einen Schritt weiter? Bauer sagt:
„Ich bin mittlerweile vorsichtig, was Vollautomatisierung angeht. Unser Lager in Köln – Scarlet One – ist ein tolles Modell und entwickelt sich auch super, wir liegen derzeit strukturell bei 80 Prozent Auslastung, operativ bei 95 Prozent.“
Aktuell präferiere man allerdings FFCs mit Strukturen wie hier für Düsseldorf. Das hat plausible Gründe:
„Wir sind in den teilautomatisierten Systemen mittlerweile so schnell geworden, dass wir den Vorteil mit Vollautomatisierung schon fast eingeholt haben. Der Vorteil ist jedenfalls nicht so groß, dass er das Investment rechtfertigt.“
Und man kann leichter nachjustieren. Bei Migros in der Türkei kommen jetzt schon autonome Vehikel zum Einsatz, die den Picker:innen selbstständig hinterherfahren können. Auch auf die Entwicklungen im Markt für humanoide Roboter blickt man von Köln aus gespannt.
All das will man sich offenhalten. Und das geht vermutlich leichter mit mittelgroßen Lagerflächen, die zudem günstiger zu bauen sein dürften – und nicht permanent Technik-Teams zur Wartung vor Ort haben müssen. Bauer formuliert es lieber etwas bildhafter:
„Das High-Tech-Lager in Köln ist quasi unsere 747, die steht da, und wenn sie nicht voll ist, verdienen wir kein Geld. Düsseldorf ist eher eine Airbus A320 Neo – die lässt sich auch mal flexibler einsetzen.“
Manchmal sagt die Kundschaft: danke, nein
Am Ende schützt aber auch ein möglichst klarer Kurs nicht davor, dass man sich mal verfliegt. Niemand weiß das besser als Rewe – das im Laufe der Jahre im E-Food-Geschäft vieles ausprobiert und wieder verworfen hat.
Abholstationen und Abholpunkte zum Beispiel. Mit denen wollte der Händler seinen Kund:innen mehr Freiheit bieten, stellte gekühlte Boxen u.a. an Tankstellen neben stark befahrenen Straßen auf, mit riesigem Hinweis: „Hier Ihren Einkauf abholen“. Oder Mini-Kioske mit Abholtresen in Wohngebieten, damit Besteller:innen direkt nach der Arbeit keine Umwege laufen mussten (siehe Supermarktblog). Bauer sagt:
„Aber der Kunde hat es nicht angenommen. Manchmal ist die Zeit einfach noch nicht reif dafür. Vielleicht probieren wir es in Zukunft nochmal. Aktuell hat der Abholservice für uns Priorität.“




Vieles ausprobiert, wenig behalten
Und dann sind da ja die zahlreichen Innovationsprojekte – mit autonomen Fahrzeugen, Drohnen und selbstfahrenden Robotern (worüber hier im Blog bereits kritisch berichtet wurde). Übers Teststadium hinaus gekommen ist bislang – nichts davon. Bauer gibt sich eher zurückhaltend, wenn man ihn darauf anspricht, ob das alles bloß PR-Getöse sei.
Zu den Erfahrungen mit dem Lieferbot-Test in Hamburg sagt er bloß, dass das Experiment aus Rewe-Sicht „technisch sehr gut funktioniert [hat], auch die Kundenakzeptanz war da“.
„Aber die Integration in unsere App wäre noch zu aufwendig gewesen. Und es gibt nach wie vor Hürden bei der Lizenzierung. Dennoch war es ein wichtiger Test für die Legalisierungsperspektive in Hamburg, das als Stadt sehr stark vorangeht.“

Kommt das nochmal? Unklar. Auch der Test mit „hochautonomer“ Fahrzeuglieferung in Bochum, den man mit dem Technologiepartner Loxo gestartet hat, hört sich nicht so an, als würde er gleich morgen in den Regelbetrieb überführt.
Die aus Sicht von Bauer spannende Frage ist dabei eher: Lohnt sich der Einsatz fürs Endkund:innengeschäft – oder eher als Intercompany-Logistik zwischen zwei Lagerstandorten?
„Vielleicht fährt das Loxo-Fahrzeug den regionalen Händler ab und sammelt Waren ein. Oder es fährt viermal am Tag zwischen einem Lager und einem Drive-Standort – und ich brauche dort nur noch einen oder zwei Mitarbeiter, die den Kunden die Sachen in den Kofferraum laden.“
Frische Optik für die Flotte
Aber das passt ja zur generellen Tendenz, die Zukunft des E-Food-Geschäfts bei Rewe nicht in großen Umwälzungen zu denken, sondern – so wie in den vergangenen Jahren – in vielen kleinen Schritten.
Den Umstieg von Papier- auf Mehrwegtüten feiert Bauer als Erfolg: In der Summe sei die Lösung CO₂-positiver – aber das hängt auch davon ab, wie die Kund:innen vor der Rückgabe und Wiederverwendung damit umgehen. (Stark verunreinigte oder geruchsbelastete Taschen werden recycelt, um neue daraus herzustellen.)

Gerade wird an der Umstellung der Lieferfahrzeug-Flotte gearbeitet, die nach und nach elektrifiziert werden soll. Dafür hat sich Rewe entschieden, künftig E-Sprinter von Mercedes auf die Straße zu bringen. Der erste Standort – im Berliner Norden – ist bereits komplett auf E-Mobilität umgestellt. Bis 2029/2030 sollen alle anderen folgen.
Dank Sonderzulassung wegen schwerer Batterien ist auch das zuladbare Gewicht auf den Touren kein Problem mehr. Die von einem Hersteller speziell für Rewe-Bedürfnisse entwickelten Kofferaufbauten bekommen in diesem Zuge ein neues Design, das auch wegen der knalligen Farben sehr viel frischer und klarer wirkt als alle bisherigen Generationen.
Zusteller:innen als „Markenbotschafter“
Und: In den neuen Kofferaufbauten muss der Fahrer nicht mehr aussteigen, einmal ums Fahrzeug herumlaufen und die Tür öffnen. Er kann direkt vom Führerhaus in die Box – wie bei Paketdienstleistern.
„Das hat technische Herausforderungen, weil wir teilweise mit Trockeneis arbeiten und deshalb regelmäßig entlüften müssen. Aber es ist schneller und sicherer im Stadtverkehr.“
Abgesehen davon bleiben zahlreiche Herausforderungen – etwa, dass zeitweise nicht ausreichend Fahrer:innen auf dem Arbeitsmarkt verfügbar sind. Oder Behörden sich in manchen Städten mit der Ausgabe von Fahrerkarten (die Chipkarte für den digitalen Tachografen) arg viel Zeit lassen.

Dabei sind die Zusteller:innen Bauer zufolge „im besten Sinne Markenbotschafter“, die Lebensmittel für die ganze Familie nachhause bringen. „Da sind der Eindruck und das gute Gefühl ganz entscheidend.“ Deshalb werden die Zustellfahrzeuge auch regelmäßig gereinigt, um ordentlich auszusehen (Bauer: „die beste Werbemaßnahme, die wir haben, ist Autos waschen“).
Auf unterschiedlichen Strecken unterwegs
Am Ende ist Rewes aktuelle Strategie vor allem eine Wette darauf, dass sich das E-Food-Geschäft in Deutschland nicht als reines Liefergeschäft, sondern als Mehrkanal-Markt entwickelt. Weswegen es ratsam ist, weiter auszuprobieren – ohne sich vorzeitig zu stark festzulegen.
Getrieben ist das nicht von der Frage: Wer liefert am meisten? Sondern: Wer bekommt den größten Anteil dessen, was Kund:innen jetzt und in Zukunft insgesamt für Lebensmittel ausgeben – egal, ob zugestellt, abgeholt oder im Laden. Oder um bei Bauers Flugzeug-Vergleich von vorhin zu bleiben: Rewe kann dank der Flexibilitäten, die man sich offenhält, Strecken bedienen, die ganz unterschiedlich profitabel sind – und auch dann Kurs halten, wenn sich eine davon mal nicht sofort als rentabel erweist.
Obwohl zur Wahrheit natürlich auch gehört, dass sich der Markt am Ende an einer deutlich einfacheren Frage entscheiden könnte – nämlich: Wer hat diese eine Soße im Sortiment, die alle in der Familie gerne essen?
Und zwar am besten: überall dort, wo sie gerade gebraucht wird.
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