Goodbye Deutschland, Gemüse? “Rewe Regional” und die Konsequenzen

Goodbye Deutschland, Gemüse? “Rewe Regional” und die Konsequenzen

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[Haben Sie schon den ersten Text zu regionalen Lebensmitteln im Supermarkt gelesen?]

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Mal angenommen, wir kaufen alle nur noch Obst und Gemüse aus der Region im Supermarkt: Wäre das nicht hervorragend für die hiesige Landwirtschaft? Oder, anders gefragt: Könnten die Supermärkte dann nicht weniger Obst und Gemüse aus dem Ausland importieren?

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Leider: nein. Also, sie könnten schon, aber die Wahrscheinlichkeit ist erstmal gering, dass plötzlich weniger Tomaten aus den Niederlanden im Regal landen oder keine Paprika mehr aus Spanien. Denn die werden weiter für den Massenmarkt gebraucht. Julian Voss, Professor für Agribusiness-Management in Göttingen, erklärt:

„Regionale Lebensmittel sind für die Handelskonzerne eine Sortimentsergänzung, mit der gezielt eine Käuferschicht angesprochen wird, die auch eine entsprechende Zahlungsbereitschaft mitbringt. Ich bezweifle, dass der Handel Obst und Gemüse, das bisher aus dem Ausland kommt, substituiert. Weil einfach viele Verbraucher beim Kauf auf den Preis achten – und dabei Regionalität vernachlässigen. Zudem sind auch Erdbeeren zu Weihnachten gefragt, und die können schlichtweg nicht aus Deutschland kommen.“

Die Supermärkte kämpfen untereinander deshalb vor allem um die Kunden, für die auch andere Kriterien als der preis ausschlaggebend sind, zum Beispiel Bio-Qualität, Bequemlichkeit (geschnittenes Obst, Fertigsalate) oder eben Regionalität.

Am schönsten ist die „Sortimentsergänzung“ derzeit bei Rewe zu sehen. Vor einigen Wochen hat der Konzern eine neue Eigenmarke in seine Läden gebracht – was inzwischen alle paar Wochen der Fall ist. Seitdem lassen sich in der Obst- und Gemüseabteilung zum Beispiel Tomaten, Salate und Brokkoli kaufen, die als „Rewe Regional“ gekennzeichnet sind, einem sympathischen Schreibschriftlogo mit Herzchen drunter.

Für die Werbung hat Rewe ganz tief in die Trickkiste mit den Wohlfühlformulierungen gegriffen:

„Freuen Sie sich auf Produkte, wie es sie nur bei Ihnen gibt – frisch hergestellt und gerade geerntet. Mit Rewe Regional treffen Sie deshalb immer eine gute Wahl – und tun dabei noch etwas Gutes für Ihre Region. Ganz einfach so beim Einkaufen.“

Im Gegensatz zur Edeka-Regionalmarke „Unsere Heimat – echt & gut“ gibt es „Rewe Regional“ deutschlandweit zu kaufen. Als „Region“ hat Rewe offensichtlich das Bundesland, in dem verkauft wird, und die umliegenden Bundesländer definiert, und schreibt das auch groß auf die Verpackungen auf die Packungen: „Romana-Salatherzen aus Nordrhein-Westfalen“. Die Sortimentsvielfalt hält sich bisher je nach Region in Grenzen. In Berlin sind beim Testeinkauf gerade einmal drei „Rewe Regional“-Produkte verfügbar, in seiner Pressemitteilung kündigt Rewe „je nach Saison 10 bis 20 Artikel im Obst- und Gemüsebereich“ an.

[Nachtrag vom 31. August] Rewe zufolge ist der Anteil des regionalen Obst und Gemüses mit Einführung der Marke gestiegen. In Berlin und Brandenburg sei man derzeit noch dabei, die Lieferstrukturen aufzubauen und zu erweitern. In Hessen können in dieser Woche bereits zwölf „Rewe Regional“-Produkte gekauft werden: Sellerie, Salate, Eisbergsalat, Radieschen, Kohlrabi, Porree, Speisekartoffeln, Rotkohl, Weißkohl und Zucchini (alle aus Hessen). „Wieviel Prozent des von Rewe verkauften Obst und Gemüses regional bezogen ist, können wir in diesem frühen ‚Aufbaustadium‘ noch nicht sagen“, heißt es in der Kölner Zentrale.

Für kleinere Erzeuger ist das tatsächlich eine Chance. Manche bestätigen, dass der regionaltrend ihnen hilft, die Kapazitäten zu erhöhen. „Durch die Regionalvermarktung ihrer Produkte können viele Landwirte oftmals eine höhere Wertschöpfung erzielen als wenn sie Standard-Massenware produzieren, die beispielsweise im Discounter landet. Das ist einer der positiven Effekte“, erklärt auch Voss.

Für größere Obst- und Gemüseproduzenten, die sich auf die bisherigen Bedürfnisse der Supermarktketten eingestellt haben, wird die Regionalität allerdings zum Bumerang.

Ein Unternehmen, das Rewe bisher deutschlandweit mit Gemüse beliefert hat, schickt seine Produkte jetzt in der „Rewe Regional“-Verpackung vorrangig in die Märkte, die in der definierten „Region“ um die Hauptanbaugebiete liegen. Das Problem ist: Für die meisten anderen Märkte in Deutschland ist die Ernte nicht mehr regional genug, um als „Rewe Regional“ verkauft zu werden. „Natürlich nimmt uns ein Handelsunternehmen die Produkte auch ab, wenn sie nicht als ‚regional‘ gelabelt werden können“, heißt es beim Erzeuger. „Aber der Händler wird sich in erster Linie um weitere regionale Zulieferer bemühen. Das heißt: die Konkurrenzsituation hat sich stark verändert.“

Am Beispiel der Großproduzenten von Obst und Gemüse zeigt sich sehr schön, was der „Megatrend“ Regionalität für absurde Konsequenzen haben kann: Die Supermärkte reagieren auf die Bedürfnisse ihrer Kunden, stellen ihre Einkaufsstrategien um, deshalb gehen die Bestellmengen bei großen Erzeugern zurück – und plötzlich gibt es einen Ernteüberschuss. Was nun? Ganz einfach:

„Wir müssen uns andere Abnahmemöglichkeiten suchen, sprechen mit Partnern aus der Industrie, um dort für Fertigsalate zuliefern zu können, und schauen uns nach Absatzmärkten in anderen Ländern um“, heißt es bei dem Lieferanten.

Nochmal ganz langsam: Weil wir möglichst regional einkaufen wollen, könnte ein großer Teil des in Deutschland produzierten Obst und Gemüses künftig im Ausland landen.

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Die Regionalität hat noch ein paar weitere Tücken:

1. Laut Bundesverband der Erzeugerorganisationen liegt der Selbstversorgungsgrad mit Obst und Gemüse in Deutschland (ohne Bananen, Zitrusfrüchte usw.) derzeit bei ca. zwei Dritteln. Das lässt sich aber nicht beliebig steigern, weil den Produzenten die Witterung einen Strich durch die Rechnung macht und die Produktion „unter Glas“, also im Treibhaus, durch Heizkosten im Winter enorm steigt.

2. Einige Lebensmittel sind gar nicht überall regional herstellbar. Selbst ein einfacher Brokkoli ist wählerisch und braucht, um in gewohnter Qualität wachsen zu können, einen schweren Boden. Der ist nicht überall in Deutschland zu finden.

3. Die Supermärkte verlangen von den Erzeugern eine genaue Dokumentation ihrer Produktion, von der Pflanzung bis zur Ernte. Ein Unternehmer erklärt: „Dazu sind umfangreiche Tests des jeweiligen Wasserhaushalts im Boden, der Schädlingsentwicklung in den verschiedenen Wachstumsstadien und der Pflanzenernährung notwendig. Zur Ernte kommen dann die Laborproben hinzu. […] Da kommen wir bei einer kleinteiligen Produktion natürlich sehr schnell an Kostengrenzen.“

4. Wenn kleine regionale Betriebe wegen der steigenden Nachfrage mehr produzieren wollen, müssen sie wachsen. Je stärker ein Betrieb wächst, desto weniger entspricht er aber unserer Vorstellung vom kleinen Bauern, für den wir bereit sind, beim Einkaufen mehr Geld auszugeben. Mit unserer Nachfrage machen wir uns also unser Idealbild kaputt.

„Manchmal ist es eben ganz leicht, gemeinsam Gutes zu tun“, behauptet Rewe in seiner Werbung für die „Rewe Regional“-Produkte. Aber gerade beim Einkauf regionaler Lebensmittel im Supermarkt scheint momentan eher das Gegenteil zuzutreffen.

Screenshots: Supermarktblog

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