Zwischen Grillhaxe und Starbucks: Rewes schwer verdaulicher Gastro-Schlingerkurs

Zwischen Grillhaxe und Starbucks: Rewes schwer verdaulicher Gastro-Schlingerkurs

Inhalt:

Seit Jahren will der Rewe-Chef seine Supermärkte zu „Erlebniswelten“ mit Gastronomie machen, hat bislang aber wenig Erfolg damit. Die Kooperation mit Starbucks ist zumindest ein kleiner Schritt voran.

Partner und Sponsoren:

Alain Caparros war ein bisschen empört, als ihn der „Focus“ kürzlich im Interview fragte, warum so viele Lebensmittelhändler nicht mehr von Kunden reden, „sondern nur noch von ‚Gästen'“, und entgegnete:

„Ich war der Erste, der das gesagt hat!“

Der Rewe-Vorstandsvorsitzende ist überzeugt: Märkte müssten zu „Erlebniswelten“ werden, „in denen die Menschen (…) gerne zu Gast sind“ – „zum Beispiel dank toller Warenpräsentation, ausgefallenem Sortiment und einer guten Gastronomie“. Der Zweite, der das gesagt hat, war übrigens Caparros’ designierter Nachfolger Lionel Souque, als er 2013 ankündigte, „Supermärkte in hochfrequentierten Lagen verstärkt zu sozialen Treffpunkten zu machen“.

Es hilft bloß nicht viel, wenn Rewe für sich reklamiert, diese glorreiche Erkenntnis zuerst gehabt zu haben – und auch Jahre danach noch keine richtig gute Idee hat, wie sich das angemessen umsetzen ließe.


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Zumindest in gastronomischer Hinsicht sind die Rewe-Versuche bislang nämlich spektakulär schief gegangen. „Made by Rewe“ ist als Versehen abgehakt, bei „Oh Angie!“ kam statt der angekündigten Expansion der Rückbau (siehe Supermarktblog). Glücklicherweise ist da noch die Kooperation mit der Teuerkaffeekette Starbucks. Im Oktober 2015 gaben die beiden Unternehmen bekannt, künftig Starbucks-Filialen in Rewe-Supermärkten eröffnen zu wollen. Passiert ist danach: erstmal gar nichts.

Mehr Platz für Milchaufschäumer

Das mag daran gelegen haben, dass Starbucks urplötzlich andere Prioritäten hatte. Zum Beispiel den Verkauf sämtlicher deutschen Kaffeeläden an das polnische Unternehmen AmRest, das seit April des vergangenen Jahres für die Filialen verantwortlich ist.

Erst im Oktober 2016, also ein Jahr nach der Ankündigung, zog Starbucks erstmals in einen Münchner Rewe-Markt ein, und zwar „auf vergleichsweise geringer Fläche“, wie die „Allgemeine Hotel- und Gastronomie-Zeitung“ schrieb.

Auf den ersten Blick fällt die Kaffee-Kooperation in der Berliner Ackerhalle großzügiger aus. Rewe hat das historische Gebäude (und den Markt darin) gerade aufwändig modernisiert, um sich auf der kompletten Fläche breit zu machen und eine Starbucks-Theke in den Eingangsbereich zu zimmern. (Anstatt z.B. ein neues „Oh Angie!“, das perfekt dorthin gepasst hätte.)

Spektakulär ist das nicht: Die Starbucks-Filiale sieht aus, wie eine Starbucks-Filiale halt so aussieht, nur dass ein paar Meter daneben rote Einkaufswagen ineinander geschoben werden.

Zumindest sieht’s besser aus als die grottigen Plätze, die Starbucks im Ausland bei seinen Supermarkt-Einzügen akzeptiert. In einer Londoner Sainsbury’s-Filiale hatte die Kette zum Beispiel nichts dagegen, sich vollverglast im sonst völlig leeren Parkhaus-Erdgeschoss niederzulassen. Schöner kann man ja kaum Kaffeepause machen!

Für Rewe könnte ein derart genügsamer Partner ein Glücksfall sein. Weil es den Kölner Sozialtreffpunkt-Fans die Chance gibt, endlich mal so richtig in die gastronomischen Gänge zu kommen, ohne sich alles selbst ausdenken und dann wieder dichtmachen zu müssen.

Wie sehr sich Rewes Innenstadtfilialen tatsächlich eignen, um dort Kaffeeketten-Dependancen unterzubringen, steht freilich auf einer völlig anderen Serviette: Irgendwo müssen die Quadratmeter für die Milchaufschäumerei ja herkommen. Vermutlich wird das Unternehmen nur sehr ungern kostbare Verkaufsfläche in der City dafür abgeben. Am ehesten dürften Märkte in Frage kommen, die neu eröffnen oder sich – wie im Falle der Ackerhalle, wo eine Reihe kleiner Läden Platz machen musste – deutlich erweitern lassen.

Bockwurst, Krustenbraten, Grillhaxe

In Berlin entpuppt sich die zuvor angedeutete Großzügigkeit jedoch als Täuschung, denn der Sitzbereich des Partners umfasst exakt: sechs Barstühle an einer schmalen Theke.

Das Sitzquadrat direkt daneben gehört nämlich zum Markt und liegt vermutlich nicht in der Verantwortung des Partners. Was den Kunden, die dort ihren Kaffee trinken natürlich schnuppe sein kann. So lange sie bereit sind, sich den Platz dort mit den haxenvertilgenden Mittagessern zu teilen, die Rewe gegenüber zufrieden stellen möchte.

Ein bisschen Gastro wollen die Kölner im historischen Berliner Ambiente nämlich auch selbst leisten. Das neue „Deli am Markt“ ist direkt mit dem Brötchenknast um die Ecke zusammengewachsen, sieht schick gefliest aus …

… und bietet mitten im hippen Mitte die biederste Supermarkt-Hausmannskost, die man sich vorstellen kann: Bockwurst, Schinkenknacker, Leberkäs, Spaghetti Bolognese, Krustenbraten, Grillhaxe. All das natürlich aus metallenen Warmhaltbottichen zu Niedrigpreisen.

Einen billigen Fleisch-Imbiss „Deli“ zu nennen scheint im Jahr 2017 das Beste zu sein, das Rewe für seine versprochene Supermarkt-„Erlebniswelt“ eingefallen ist. Da sieht man’s mal wieder: Es hilft oft gar nicht, der Erste zu sein, der was Schlaues gesagt hat. Wenn man dann nix Vernünftiges auf die Reihe kriegt.

Vielleicht ist es aber auch bloß das Eingeständnis, das mit dem Gäste-Empfang lieber denen zu überlassen, die es halbwegs beherrschen. Falls demnächst jemand danach fragt: Sie wissen ja, wer der Erste war, der das gesagt hat!


Mit Dank an @rd19779 für den Hinweis! Gibt’s In Ihrem Rewe auch schon Starbucks? Dann verraten Sie’s mir doch bitte in den Kommentaren.

Fotos: Supermarktblog

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6 Kommentare
  • Auf jeden Fall interessant! Aber ist Starbucks jetzt wirklich noch „Gastronomie“ im Sinne eines mehr oder weniger sinnvollen Essensangebots oder doch nur ein (etwas mächtigerer und teurerer) Ketten-Cafè-Partner, wie es ihn als „Bäcker“ getarnt schon in vielen Rewes im Rand-/Eingangs-/Kassenbereich gibt? *rhetorischfrag

  • Hi,
    im Fankfurter Grünhof-Center (sehr großer Rewe mit Ladenstraße) gibt es seit Weihnachten 2016 eine vollwertige, große Starbucks-Filiale mit eigenem Sitzbereich und passend zur Jahreszeit Sonnenschirmen und Sitzmöglichkeiten im Außenbereich.
    Auf einer Werbetafel proklamieren sie für sich selbst, die erste Starbucks-Filiale in einem Rewe zu sein.
    Gruß, Yannic

    • War gestern nochmal da. Die Werbetafel wurde korrigiert und verlautet nur noch „1. Starbucks Rewe-Store in Frankfurt“
      Gruß,
      Yannic

  • Wir sind seit Jahren Kunden im REWE in der Ackerstr., weil Kaisers eine Filiale aus unserer Nachbarschaft wegverlegt hat und die andere vor sich hin ranzt und nicht unbedingt Kaufanreize bietet.
    Unser Fazit vom Umbau:
    1. Endlich sind die stiefmütterlich behandelten und in die dunkle Ecke verbannten Bäcker- und Fleischer-Buden weg, von denen ohnehin nur die Hälfte vermietet war.
    2. Der Markt ist modern umgestaltet und hat endlich das alte Kaufhallen-Flair verloren.
    3. Starbucks interessiert zumindest mich nicht. Es gibt genug guten Kaffee in der Umgebung. Der Stand ist meistens leer.
    4. Der Fleisch-Imbiss ist vom Angebot her 60er Jahre und qualitativ schon eine Woche nach Eröffnung unterirdisch. Das Einzige, was halbwegs eßbar ist, sind Leberkässemmeln. Die Brathähnchen sind trocken und sehen aus wie nach einem Massaker, Pulled Pork als Zugeständnis an den Berliner Streetfood-Hype mag ich garnicht kosten, weil da ein unansehnliches Fleischkraut rumliegt. Die Angestellten, die dort arbeiten, scheinen wenig Ahnung von der Zubereitung des Angebotes zu haben.
    Schade. Drei Häuser weiter, bei Tommys Burger Joint wartet man mitunter eine halbe Stunde im Stehen auf einen qulitativ hochwertigen Burger, gegenüber bei Ketles Grill ist die Bratwurst eine Delikatesse. Da wäre der Ansatzpunkt gewesen. Die Leute, die in der Ackerstraße essen und kaufen wollen, achten auf Qualität und wollen dafür auch zahlen.

  • Im Kölner Vorzeige-REWE Opernpassagen (von den Richraths), gibt es bereits seit der Eröffnung ein recht großes Gastroangebot im Vorkassenbereich. Ein Teil davon wird von den Richraths selbst betrieben und verkauft ein ähnliches Angebot wie der hier aufgeführte Deli. Außerdem gibt es noch den bekannten Sushi Shop in Shop und ein Italienisches „Restaurant“ mit wirklich gutem Essen. Trotz ungemütlicher Vorkassenplatzierung ist dort eigentlich immer etwas los.

    Außerdem gibt es in immer mehr Familiengeführten Märkten nun auch eine größere Auswahl an der heißen Theke. Hier in Sindorf gibt es neben Hähnchen, Frikadellen, Leberkäse und Schnitzeln nun jeden Tag noch etwas „richtiges“. Suppe, Currywurst, Burger, Reibekuchen. Ebenfalls sehr erfolgreich und relativ günstig. Vielleicht sollte man sich in der Zentrale einmal öfters anschauen, was die privaten Betreiber für kreative und gute Ideen haben.

  • Was für mich auch nicht zusammen passt:
    Auf der einen Seite für Nachhaltigkeit und Umweltschutz stehen wollen (Initiative „Tierwohl“, Abschaffung der Plastiktüte, „REWE Regional“) und auf der anderen die Märke mit Billigfleisch-Imbissen oder immer neuen Sushi Stationen ausrüsten.

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