Wochenrückblick: DHLs Frische-Kapitulation, Rewes Plastikfasten, Tescos Schrumpfkur

Wochenrückblick: DHLs Frische-Kapitulation, Rewes Plastikfasten, Tescos Schrumpfkur

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Was gibt’s Neues im Lebensmitteleinzelhandel? Die Nachrichten der zurückliegenden Tage im Überblick.

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Was gibt’s Neues im Lebensmitteleinzelhandel?
Die Nachrichten der zurückliegenden Tage im Überblick.


DHL: kein Bock mehr auf frische Lebensmittel

Die Supermarktblog-Meldung, dass Amazon seine Fresh-Bestellungen in Berlin, Hamburg und München nicht mehr mit dem bisherigen Partner DHL, sondern in Eigenregie zustellt, hat in den vergangenen Tagen größere Kreise gezogen und ist über dpa u.a. auch bei Spiegel Online, „Manager Magazin“ und Wiwo.de gelandet. Gegenüber der Nachrichtenagentur konnte sich DHL (anders als bei meiner Anfrage) auch zu der konkreten Aussage durchringen,

„dass wir entschieden haben, die Zusammenarbeit mit Amazon Fresh im Bereich der Zustellung frischer Lebensmittel bis auf Weiteres nicht mehr fortzuführen.“

Die „Lebensmittel Zeitung“ hat derweil den Supermarktblog-Hinweis aufgegriffen, dass Amazon Fresh wohl nicht der einzige Kunde ist, dem DHL die frischen Lebensmittel im Lager stehen lässt.

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Von kleineren Online-Shop-Betreibern hat sich die „LZ“ sagen lassen (Abo), dass DHL „Preiserhöhungen von bis zu 100 Prozent“ für die Lieferung frischer Lebensmittel in Aussicht gestellt oder „gleich die sukzessive Einstellung der Kurierfahrten für frische Lebensmittel angekündigt“ habe. Die Konsequenz: Zahlreiche Anbieter, die DHL in den vergangenen Jahren für seinen FoodDelivery-Service angeworben hat, müssen sich neue (in der Regel regionale Lieferpartner) suchen, um ihre Angebote aufrecht erhalten zu können. Das spielt großen Händlern in die Hände, die darauf dank eigener Logistik nicht angewiesen sind. Und wirft den Markt, den DHL selbst wesentlich mitentwickeln wollte, massiv zurück.

Die DHL-Einschätzung, das Lebensmittel-Liefergeschäft bleibe „weit hinter den Erwartungen zurück“, wird damit quasi zur sich selbst erfüllenden Prophezeiung. Und das Unternehmen sägt sich eine der Kernkompetenzen ab, die man für die Zukunft gut hätte gebrauchen können – während im Hauptgeschäft, der Lieferung schnöder Pakete, bislang kaum Verbesserungen wahrnehmbar sind. Im Gegenteil.

Die eigentliche Botschaft, die DHL mit seinem strategischen Rückwärtsgang an seine Geschäftskund:innen aussendet, ist aber: Verlasst euch besser nicht auf uns – vielleicht überlegen wir uns morgen alles nochmal ganz anders. Was für ein Armutszeugnis.


Plastikfasten bei Rewe & Co.

Keine Woche vergeht derzeit, ohne dass die deutschen Handelskonzerne für ihre Bemühungen gelobt werden wollen, unnötige Plastikverpackungen in ihren Sortimenten zu reduzieren oder gleich ganz abzuschaffen. Die plötzliche Hauruck-Mentalität ist zweifellos lobenswert – und nervt gleichzeitig, weil inzwischen jede Selbstverständlichkeit zur Pressemeldung aufgeblasen wird.

Gerade meldete Netto (ohne Hund), dass man künftig bei „ausgewählten Joghurt- bzw. Puddingartikeln seines Eigenmarkensortiments“ auf „Stülpdeckel“ verzichten wolle. Toll! (Wieso ist das nicht schon längst passiert?)

Aldi will ausschließlich Wattestäbchen ohne Plastikschaft und mit Papierdeckel verkaufen. Herzlichen Glückwunsch! (Aber braucht’s dazu ernsthaft eine eigene Infografik?)

Und Rewe wird gleich ganz radikal: Nicht nur sämtliche in den Läden verkauften Gurken sollen in Zukunft ohne Plastikhülle auskommen. Sondern auch die Kund:innen. Einwegknotenbeutel, auf deren Metallspender bereits die Frage „Benötigst du diesen Plastikbeutel wirklich?“ klebt, wurden in Märkten teilweise komplett entfernt und mit dem Hinweis versehen:

„Wir fasten Plastik, fasten Sie mit! Heute verzichten wir auf die Plastik-Beutel[,] die Sie hier üblicherweise finden.“

Als Alternative werden die vor einigen Monaten eingeführten Mehrweg-Frischenetze empfohlen. Das könnte eine vorbildliche Aktion sein – wenn sich die fürs Plastikfasten zuständigen Mitarbeiter:innen im Laden vorher ein paar Gedanken mehr darüber gemacht hätten, wo es wirklich sinnvoll ist, die Schilder anzubringen. Nämlich eher nicht zwischen Obst und Gemüse, das rundherum komplett in Plastik verschalt ist und sich hervorragend als Beweismaterial eigenet, um der Handelskette per Social-Media-Post Doppelmoral vorzuwerfen.

Dass man den Handelsketten Zeit geben muss, ihre Prozesse umzustellen (oder sich neue zu überlegen), steht außer Frage. Aber angesichts der offensiven Werbung für die eigene Nachhaltigkeitsbegeisterung wird sich Rewe schon die Frage gefallen lassen müssen, warum andere Lebensmittelhändler in ihren Obst- und Gemüse-Theken mit dem Plastikverzicht schon so viel weiter zu sein scheinen.

So sah das z.B. bei Feneberg im Süden der Republik in der vergangenen Woche aus:

Viele Bio-Supermärkte können das schon lange und haben – wie Alnatura – inzwischen Plastikknotenbeutel komplett abgeschafft.

Und auch Lidl demonstriert inzwischen eindrücklich, wie es selbst im auf Effizienz getrimmten Discount möglich ist, Plastikverpackungen für Frischware wegzulassen – nicht bloß bei Bio. Selbst Cocktail-Tomaten können Lidl-Kund:innen hier in Berlin seit mehreren Wochen lose kaufen, lange vor der Einführung eigener Mehrwegnetze kommende Woche (zum absoluten Kampfpreis von 49 Cent für zwei; und bislang ohne Tara-Ausgleich an der Kasse für Fremdmehrwegbeutel.)

Tesco, Nummer 1 im britischen Lebensmitteleinzelhandel, will ebenfalls gemeinsam mit Herstellern nach Lösungen suchen – und droht vorsorglich schon mal denen, die nicht spuren wollen und ihre Produkte weiter in zuviel Plastik hüllen: nämlich damit, sie nicht mehr zu verkaufen. Tesco-CEO Dave Lewis im „Guardian“:

„[I]f it’s excessive or inappropriate, we reserve the right not to list the product.“


… und sonst:

Nach dem Supermarktblog-Bericht über Pennys Selbstscan-Test in Köln und Marburg haben einige Nutzer den neuen Service „Penny Go“ ausprobiert und kommen zu zwiegespaltenenen Ergebnissen: funktioniert so mittel bzw. funktioniert ganz gut. Die zentrale Erkenntnis: Wer nach dem Scannen nicht nochmal Schlange stehen will, muss seinen Einkauf an der separaten Zahlstation abschließen – und nicht an der regulären Kasse, wo’s sonst zu Verzögerungen und Doppelscans kommt.

Nachdem sich die Expansion zuletzt eher auf kleinere Städte konzentrierte, hat Lieferdienst-Newcomer Picnic gerade angekündigt, als nächstes in Duisburg landen zu wollen.

Ein bisschen zu freundlich, aber sehr ausführlich erklärt Vox.com, mit welcher Taktik der schwedische Haferdrink-Hersteller Oatly zum Supermarkt-Kassenschlager geworden ist: indem er um Supermärkte erstmal einen Bogen gemacht hat.

Nochmal Tesco: Die Briten verkaufen acht ihrer Hypermarkets in Polen und verkleinern die Verkaufsflächen der übrigen deutlich. Damit wolle man den sich ändernden Gewohnheiten der Kund:innen gerecht werden, die immer stärker in Richtung des übersichtlicheren Discounts tendieren. Das kennt Tesco aus dem Heimatmarkt: In Großbritannien meldeten die Marktforscher von Kantar gerade den nächsten Marktanteilsrekord für Lidl: 5,9 Prozent. Bereits jedes siebte Pfund, das die Briten für Lebensmittel ausgeben, landet in den Kassen eines der beiden deutschen Discounter (Aldi bzw. Lidl). Verlierer ist vor allem Asda. Auch Waitrose hat’s schwer gegen die Konkurrenz und verkaufte kürzlich bereits drei seiner Filialen an Lidl.

Und weil kürzlich an dieser Stelle bereits vom Fachkräftemangel im Handel die Rede war: Netto (ohne Hund) unternimmt was dagegen! Mit einer frechen Kampagne, die die Discountkette gegenüber potenziellen Mitarbeitern als flexibel und modern positionieren soll. Wobei: Wie genau Netto (ohne Hund) die annoncierten „Aufstiegschancen“ für „Aushilfen“ und „Reinigungskräfte auf geringfügiger Basis“ definiert, müsste vielleicht nochmal konkretisiert werden.


Frische Blogtexte – schon gelesen?

Fotos: Supermarktblog

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4 Kommentare
  • Die Werbekampagne von Netto gibt es schon seit über einem Jahr und nachdem wie du es richtig erkannt hast überall Personal gesucht wird ist das mit den Aufstiegschancen tatsächlich so: Der Marktleiter hier hatte auch als Aushilfe begonnen, wurde dann schnell zur Teilzeitkraft hochgestuft und schließlich erst Stellvertretung und dann ML. Seit einigen Monaten nun sogar mit IHK-Ausbilderschein. Und diesen Werdegang kenne ich aus mehreren Filialen.

    • Innerhalb des Netto-(ohne Hund)-Universums erklärt sich das bestimmt auch von selbst. Über Plakate, die „Aufstieg“ versprechen, aber „geringfügige Basis“ annoncieren, leider nicht. (Finde ich.)

  • Liebe Aldi-Infografik-Designer: Weiß auf beige ist (insbesondere beim Kleingedruckten) total scheiße zu lesen. Nehmt doch lieber dunkelgrau oder so.

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